2.3. Wahrnehmungsstörungen 
2.3.1. Halluzinationen 
Halluzinationen sind Sinnestäuschungen oder Trugwahrnehmungen und
gehören zum Oberbegriff der Wahrnehmungsstörungen. Es sind
Wahrnehmungen ohne einen entsprechenden Sinnesreiz von außen, es
wird also etwas gesehen, gerochen, gehört, geschmeckt oder gespürt,
was real und objektiv gar nicht da ist.
Halluzinationen sind einfach da sie überwältigen den Betroffenen
einfach, so daß er ihnen hilflos ausgeliefert ist. Die akustischen
Sinnestäuschungen, die Stimmen kommen bei den Schizophrenien am
meisten vor. Sie drängen sich plötzlich in den Gedankengang
hinein.
Das gleiche gilt für alle Trugwahrnehmungen. Der Kranke kann ihnen
nicht entkommen.
Ich frage mich nun, ob er daran glaubt, was er sieht, hört, schmeckt,
usw.
» Fallbeispiel:
Bei Frau Sch. verläuft die Erkrankung phasenhaft. Zwischen den einzelnen
Krankheitphasen, die allerdings dicht hintereinander folgen, kann man
sich mit Frau Sch. ganz normal unterhalten. Ich befragte sie also, ob
sie ihre Trugwahrnehmungen selbst für real hält. Sie meinte,
daß dies völlig unterschiedlich sei - von absolut gewiß über
relativ bis zu völlig unsicher oder gar selber eine Sinnestäuschung
vermutend.
2.3.1.1. Akustische Sinnestäuschungen 
Akustische Sinnestäuschungen gehören zu den wichtigsten und
beweisenden Symptomen einer Schizophrenie. Dabei dominieren meist Stimmen
einer oder mehrer Personen, bekannte oder unbekannte, männlich,
weiblich, Erwachsenen - oder Kinderstimmen. Sie können laut, leise,
deutlich, verwaschen, von nah oder fern, aus der Umgebung, der Wand,
dem Nachbarhaus, einer Antenne, oder aus dem eigenen Leib, dem Magen,
dem Kopf, aus dem Ohr oder dem Gehirn, usw. wahrgenommen werden. Gewöhnlich
sind es nur einzelne Worte oder kurze Sätze, manchmal Sekunden oder
Minuten, manchmal länger andauernd. Meist handelt es sich um Stimmen,
die den Kranken beim Namen rufen, kritisieren, beschimpfen, bedrohen,
warnen, aber auch ermuntern, loben, in der Regel sich einfach über
den Betroffenen unterhalten, sein Tun und Lassen kommentieren.
Sie können ihm auch Befehle erteilen, was man dann imperative Halluzinationen
nennt. Auf jeden Fall sprechen die Stimmen gerne über gefühlsbetonte
und damit meist über unangenehme Angelegenheiten, aber auch über
völlig gleichgültige Dinge. In den jeweiligen Gedankengang
passen sie - wie schon erwähnt - nicht hinein, sondern unterbrechen
ihn, wie wenn eine wirkliche Person hinzutritt und sich in Gedanken oder
ein Gespräch mit einmischt.
Je nach Inhalt werden diese Halluzinationen als unterhaltender Zeitvertreib
empfunden, wobei man manchen Kranken auch einmal - scheinbar grundlos
- in sich hineinlächeln sehen kann. Oder sie sind lästig bis
quälend, was zum Zurückschimpfen, zum Schreien oder Toben führen
kann. Schizophrene, die Selbstgespräche führen, sind meist
im Zwiegespräch mit ihren Stimmen.
Fallbeispiel:
Frau W. ist 79 Jahre und ihre Lieblingsbeschäftigung ist im Tagesraum "Mensch ärgere
Dich nicht" zu spielen. Dabei duldet sie allerdings keine Mitspieler,
sondern sie spielt allein. Die "anderen" - für den Beobachter
unsichtbaren Mitspieler - würden ihr immer sagen, wann sie am Zuge
wären und wohin ihr Spielstein gesetzt werden muß. Frau W.
führt dies dann stellvertretend aus. Manchmal hört man sie
auch laut schimpfen und beim Befragen erfahre ich dann von ihr, daß sich
einer getraut hätte zu mogeln.
In vielen Fällen stumpfen die Erkrankten ab und werden gleichgültig,
was ihre Stimmen anbelangt.
Weitere akustische Halluzinationen sind das Gedankenlautwerden oder das
Gedankenecho. Dabei werden nur die eigenen Gedanken als Stimmen hörbar.
In meiner Praxis konnte ich diese Art allerdings noch nicht beobachten.
2.3.1.2. Optische Sinnestäuschungen 
Die optischen Halluzinationen werden zwar gerne für spektakuläre
Erzählungen genutzt, aber sie haben lange nicht den charateristischen
Stellenwert der akustischen Sinnestäuschungen. Sie kommen etwa in
einem Drittel der Fälle vor und sind nicht so szenenhaft wie beispielsweise
im Rahmen einer Vergiftung mit Drogen wie Haschisch oder LSD. Häufig
sind es nur sogenannte Photeme. Das sind Blitze, Funken, Flecken, geometrische
Figuren, oder ein undifferenzierter Licht - oder Farbschein.
In seltenen Fällen gibt es natürlich auch die Veränderung
des Gegenüber an Gesicht, Händen, in der Kleidung, usw. Aber
dies nur selten und es sind dann vor allem Wahrnehmungsveränderungen.
Auf jeden Fall führt es zu Panik und Angst beim Kranken und zu Reaktionen,
die ahnungslose Außenstehende nicht verstehen können.
2.3.1.3. Olfaktorische und Gustatorische Sinnestäuschungen 
Diese Halluzinationen kommen bei der Schizophrenie relativ selten vor
- etwa nur in jedem 10. Fall. Für den Betroffenen ist diese Form
der Halluzination besonders unangenehm. Sie riechen Benzin, Schwefel,
Teer, Rauch, Gas, Verbranntes oder einfach undefinierbar Gift, Aas, Fäulnisgeruch,
Verwesung, Leichengeruch. Angenehme Gerüche kommen zwar vor, sind
aber die Ausnahme. Die Geruchsbelästigung kommt scheinbar aus bestimmten
Richtungen oder Objekten wie aus Löchern, Ritzen, Töpfen, Geräten,
usw.
Ähnliches gilt für die Geschmackshalluzinationen - auch sie sind meist
unangenehmer Art: bitter, salzig, übersüßt, sauer, schwefelig,
nach Seife oder Reinigungsmitteln. Das ist auf Dauer natürlich eine gewaltige
Belastung und kann nicht ohne Reaktion des Betroffenen bleiben.
2.3.1.4. Leibliche Halluzinationen 
Leibliche Beeinflussungserlebnisse sind ebenfalls ausgesprochen quälende
Symptome, die man zudem kaum so schildern kann, wie sie der Betroffene
erlebt. Sie treffen fast jeden zweiten schizophren Erkrankten.
Ein Gesunder Mensch kann sie sich einfach nicht richtig vorstellen. Dabei
fühlen sich die Kranken im oder am Körper beispielsweise berührt,
angeblasen, elektrisiert, bestrahlt, magnetisiert, durch Ultraschall
oder Laserstrahlen angepeilt, durch Suggestion oder Hypnose beeinflußt,
verändert, geschwächt, manipuliert oder gar zerstört.
Innerhalb dieser leiblichen Halluzinationen kann man noch unterscheiden
in sogenannte taktile Trugwahrnehmungen des Tastsinnes und haptischen
Sinnestäuschungen an der Körperoberfläche. Die Erkrankten
fühlen sich als willenloses Opfer ohne eigene Einfluß - und
Widerstandsmöglichkeit.
Desweiteren existieren auch noch Leibgefühlsstörungen - sogenannte
Zoenästhesien. Diese Krankheitszeichen sind eigenartig, sonderbar
und bizarr - kurz gesagt schwer faßbar. Man versteht darunter eigenartige
Leibgefühle, die allerdings nicht als "von außen gemacht" wahrgenommen
werden, sondern eher als körpereigene Störung wahrgenommen
werden. Geklagt wird beispielsweise über Taubheits-, Steifigkeits-
und Fremdheitsempfinden, aber auch über das völlige Fehlen
von Organen oder Händen und Füßen. Auch können es
Schmerzempfindungen in jeder Art von Schmerzen sein.
Etwas nachvollziehbarer scheinen für mich Elektrisierung oder Temperaturbeeinflussung
wie Hitzewallungen und Kälteschauer, Atemnot- und Erstickungsgefühle,
Vergrößerung oder Verkleinerung von Extremitäten, usw.
2.3.2. Wahrnehmungsveränderungen 
Sie kommen bei etwa einem Drittel aller schizophren Erkrankten vor, manchmal
schon zu Beginn des Leidens. Hier dominiert dann auch der optische Bereich.
Bei den Wahrnehmungsveränderungen wird im Gegensatz zu den Halluzinationen
die reale Umwelt zwar erkannt, aber entweder in ihrer Intensität
oder in ihrem Erscheinungsbild verändert wahrgenommen. Die Dauer
solcher Phänomene kann Sekunden aber auch Wochen dauern.
2.3.2.1. Quantitative Wahrnehmungsveränderungen 
Dabei handelt es sich in der Regel um Über - oder Unterempfindlichkeit
gegenüber Sinneseindrücken. Sie sind allerdings kein typisches
Merkmal schizophrener Psychosen und können in Ausnahmesituationen
auch bei gesunden Menschen vorkommen.
2.3.2.2. Qualitative Wahrnehmungsstörungen 
Das Sehen kann sich abnorm verändern im Sinne von Verschwommen -
oder Trübsehen, ungewöhnlichen Farben oder auch alles grau
in grau und sogar ganze Sehausfälle.
Oder die ganze Umgebung kommt gefährlich nah, Menschen werden riesig
groß oder ungewöhnlich klein, die Dimensionen verzerren sich,
etwas verdoppelt sich, wird schräg, schief oder gerät in sonderbare
Scheinbewegungen.
Entfernungen lassen sich nicht mehr abschätzen, Konturen lösen
sich auf.
Da sind Gesichter entstellt, verzerrt, verschoben; Augen, Nase, Haarfarbe
verändern sich - und das alles kann sich in Sekundenschnelle abspielen.
Erschreckend ist auch, wenn bestimmte optische Eindrücke abnorm
lange haften bleiben, obwohl das Objekt schon längst verschwunden
ist. Ein Beispiel ist das "Spiegelphänomen":
Hier sehen manche Erkrankten immer wieder in den Spiegel und prüfen
ihr Gesicht. Warum? Das Gesicht hat sich verändert: Augen, Haare,
Gesichtszüge oder - unfaßbar - das ganze Gesicht ist leer
- nicht mehr vorhanden. Hier kann man dann auch verstehen, warum manche
schizophren Erkrankten durch verzweifeltes Überschminken versuchen,
ihrem Gesicht wieder Augenbrauen und Lippen zu geben.
2.4. Der Wahn 
Der Wahn ist eine krankhaft entstandene Fehlbeurteilung der Wirklichkeit.
An dieser Fehlbeurteilung wird mit felsenfester Überzeugung festgehalten,
auch wenn sie im Widerspruch zur objektiven Realität, zur eigenen
Erfahrung zum Urteil gesunder Mitmenschen steht. Das charakteristische
des Wahnes ist vor allem die unerschütterliche Überzeugung
ohne ausreichende bzw. ohne überhaupt eine Begründung.
Als einen weiteren Faktor habe ich die ICH - Bezogenheit zufälliger
oder gleichgültiger Vorgänge erlebt. Ich meine damit, zufällige
und alltägliche Vorkommnisse aus der Umwelt, gleichgültige
Handlungen, harmlose Worte, Bemerkungen oder sonstige Beobachtungen werden
für besonders bedeutungsvoll gehalten und sofort auf die eigene
Person bezogen.
Die Wahnstimmung tritt häufig als erste auf: "Es liegt was
in der Luft." Sie steht am Anfang einer schizophrenen Episode oder
eines Rückfalles.
Wahnwahrnehmungen sind keine Trugwahrnehmungen wie Halluzinationen. Aber
die Wahrnehmungen werden falsch interpretiert und enthalten eine andere,
nur für den Kranken real erscheinende Bedeutung.
Ein Wahneinfall ist eine plötzlich auftauchende wahnhafte Überzeugung,
ja eine Wahngewißheit - eine Erleuchtung, eine Eingebung.
» Fallbeispiel:
In den Schlafzimmern der Wohngruppe sind Spiegel angebracht, deren Kanten
- wie es bei geschnittenen und geschliffenen Glaskanten üblich ist
- grünlich schimmern. Plötzlich ist sich Herr R. ganz sicher:
die Spiegel an den Wänden enthalten Phosphor, genau wie die Leuchtziffern
seines Weckers. Durch dieses Phosphor ist den " alten roten Kommunisten",
die im Untergrund lauern, möglich, alles auf einem Bildschirm zu
beobachten. Aber mit ihm nicht! Er habe die Sache von vorn herein durchschaut...
Folglich montiert Herr R. alle Spiegel in der Wohngruppe ab und gibt
diese samt seinem Wecker zu mir in das Dienstzimmer mit der Aufforderung,
dies alles solle baldigst entsorgt werden. Auch schildert er mir in allen
Einzelheiten seine Theorie über die Überwachungstechnik in
den Spiegeln und in seinem Wecker. Er ist fest davon überzeugt und
ich kann das Gespräch auch nicht auf ein anderes Thema lenken. Herr
R. geht auf nichts anderes ein, seine Gedankengänge sind wie blockiert.
Bei den Wahngedanken ist das gesamte Erleben inhaltlich völlig vom
Wahn eingenommen. Der Kranke grübelt und sinniert nur noch dem Wahn
nach und sucht ständig nach Erklärungen, Verknüpfungen
und Schlußfolgerungen.
Bei den Wahnerinnerungen wird ein Ereignis oder eine Situation in der
Vergangenheit rückwirkend wahnhaft umgedeutet. Jetzt weiß man
plötzlich, was dieses oder jenes bedeutet hat, jetzt ist alles klar.
Von einer Wahnarbeit spricht man dann, wenn der Wahn durch weitere Einfälle,
durch Sinnestäuschungen, die "das ganze bestätigen",
durch die Wahnwahrnehmungen und sonstige Begründungen, Beweise,
Ableitungen und Verknüpfungen regelrecht ausgebaut und am Schluß zu
einem Wahnsystem ausgebaut wird. Jedes ist hier mit jedem verwoben. Am
Schluß fügt sich alles nahtlos zusammen und bestätigt
die Wahngewißheit. Das ganze ist zu einem mehr oder weniger geschlossenen
Wahnsystem geworden.
» Fallbeispiel:
Herr R. ist der einzigste übriggebliebene Abkömmling des russischen
Zaren Alexander. Herr R. ist nicht sein wirklicher Name, sondern nur
ein Deckname als Schutz vor den "roten Kommunisten". Er ist
auch nicht erst 27 Jahre, wie es in seinem Ausweiß steht, sondern
weit über 100, fast an die 200 Jahre. Seine Vorfahren haben den
Planeten erschaffen, das Geld und die Raumfahrt erfunden, sowie auch
alle sonstigen Erfindungen gemacht. Daher gehört alles Geld der
Welt ihm und er mußte es vorsichtshalber auf vielen Banken verteilt
anlegen - damit es ihm die "Kommunisten" nicht abnehmen können.
Früher war er ein berühmter Herzchirurg und führte Herztransplantationen
durch - vom Eichhörnchen zur Katze, von der Katze zum Menschen.
Im 2. Weltkrieg war er Pilot und hat viele Auszeichnungen bekommen. Das
Fachkrankenhaus Großschweidnitz samt den umliegenden Grundstücken
gehört ihm. Folglich braucht er sich auch nicht an die Heimordnung
zu halten, schließlich kann er auf seinem Grund und Boden machen,
was er wolle. Auch ich habe ihm keine Anweisungen zu geben. Kaspar Hauser
war sein Bruder und dieser ist samt dem Bernsteinzimmer verbrannt. Diese
Szene zeichnete mir Herr R. ganz spontan auf ein Blatt Papier - und dies
sogar recht eindrucksvoll!
Zu den häufigsten Erscheinungsformen des Wahnes gehören beispielsweise
der Beeinträchtigungswahn, der Verfolgungswahn, der Untergangswahn,
der Abstammungswahn, der Krankheitswahn, der Größenwahn, der
Reichtumswahn, der Querulantenwahn, der Bedrohungswahn, der hypochondrische
Wahn mit krankhafter Selbstbeobachtung oder der nihilistische Wahn.
2.5. ICH - Störungen
Die Störungen des Ich - Erlebens , auch als schizophrene Ich - Störungen
bezeichnet, gehören zu den wichtigsten diagnostischen Hinweisen
für Schizophrenie.
Das für die Schizophrenien charakteristische Phänomen ist das
Gefühl im Denken, Handeln und Fühlen von Außenkräften
beeinflußt und gesteuert zu werden.
Und das ist auch das Kennzeichnende der Ich - Störungen: Die eigenen
innerseelischen Abläufe werden vom Kranken so erlebt, als ob sie
von außen und von anderen gemacht , gelenkt und beeinflußt
würden. "Alles, was sich in meiner Seele abspielt, gehört
dadurch nicht mehr zu mir selbst. Die Verbundenheit zu mir, zu meinem
Ich ist verloren. Die Grenze zwischen Ich und Umwelt ist durchlässig
geworden, so daß man hinein - und hinausspazieren kann, ich bin öffentliches
Freiwild geworden." - Ich denke so verzweifelt empfindet ein Betroffener
seine Situation. Kurz gesagt, ein Schizophrener kann sich als "gläserner
Mensch im seelischen Bereich" empfinden, er ist zum Spielball, zur
Marionette anderer geworden.
Damit im Zusammenhang stehen dann auch die Symptome Willensbeeinflussung
- der Wille wird gelenkt, ein fremder Wille eingegeben..., der Gedankenentzug,
Gedankenausbreitung, Gedankeneingebung.
Nun unterteilt man die Ich - Störungen wiederum in verschiedene
Untergruppen, die ich an dieser Stelle nur einmal nennen möchte:
Da sind die Störungen der Vitalität - der Kranke versucht verzweifelt
die Frage zu klären, ob er nun schon tot oder noch lebendig ist.
Die Störungen der Aktivität beinhalten, daß der Kranke
sein Denken, Handeln, sein Erleben von außen beeinflußt erlebt.
Im Extremfall ist der Kranke geistig und körperlich völlig
blockiert und verfällt in einen Stupor.
Störungen der Konsistenz bedeuten, der Kranke fühlt sich zerrissen,
gespalten, zerfallen, ist also kein einheitliches Ganzes mehr.
Störungen der Demarkation bedeutet, daß der Kranke seine Grenzen
mehr empfindet und sich der Umwelt schutzlos ausgesetzt fühlt.
Störungen der Identität des Ich - der kranke meint, nicht mehr
er selbst, sondern eine andere Person zu sein oder auch nur plötzlich
ein anderes Gesicht, eine andere Nase oder nicht mehr Mann, sondern plötzlich
Frau zu sein.
2.6. Affektstörungen 
2.6.1. Depressionen 
Depressive Zustände gehören fast regelhaft zu einer schizophrenen
Psychose - man spricht von zwei Dritteln bis zu drei Vierteln aller schizophren
Erkrankten. Besonders im Vorfeld einer Schizophrenie oder bei einem Rückfall
sind Depressionen besonders ausgeprägt. Es gibt aber auch den Zustand,
bei dem sich schizophrene und depressive oder manische Symptome gleichzeitig
oder kurz hintereinander bemerkbar machen.
2.6.1. Weitere Gemütsstörungen 
Beobachten konnte ich in der Praxis viele Gemütszustände. Zum
einen immer wieder das Gefühl der Ratlosigkeit, der Verlorenheit.
Es wechseln Zustände von Ohnmächtigkeit und Überheblichkeit
von Haß und Freundlichkeit von Glück und Verzweiflung ständig
ab, meist übergangslos und fast immer ohne ersichtlichen Grund.
Eine weitere wichtige Gemütsstörung ist auch die Angst. Meist
ist es die Furcht vor etwas Unfaßbarem, etwas Gegenstandlosem,
Bedrohlichem.
Fallbeispiel:
Frau B. liegt seit fast 14 Tagen im Bett und ist nicht zu motivieren
wieder mit am normalen Leben in der Wohngruppe teilzunehmen. Sie verläßt
das Bett maximal für einen Toilettenbesuch, aber auch das nicht
immer. Das Essen und Trinken muß ich ihr immer wieder ans Bett
bringen, damit sie überhaupt etwas zu sich nimmt. Ich frage sie,
was mit ihr los sei. Eine riesenhafte schwarze Katze würde sie schon
seit tagen verfolgen und sie würde immer größer. Die
Katze wolle ihr das Leben rauben und die Angst vor diesem Tier lähmt
in ihr jegliche Aktivitäten. Auch in ihrem Gesichtsausdruck kann
ich die Angst förmlich lesen, ihre Augen starren entsetzt ins Leere.
Weitere Affektstörungen sind auch noch die Gefühlsverarmung
und die Gefühlsverkehrung. Bei letzterer kommt es statt der normalen
oder zumindest der erwarteten Gefühlsreaktion, zu einer unpassenden
oder gar entgegengesetzten Gefühlsreaktion.
Die Gefühlsverarmung konnte ich sehr gut bei den früheren Langzeitpatienten
und jetzigen Heimbewohnern beobachten. Zwischenmenschliche Beziehungen
spielen fast keine Rolle, Sympathiegefühle, Mitleid, Freude, Nächstenliebe
sind erloschen und es existiert eine gefühlsmäßige Verflachung.
2.7. Autismus 
Der Autismus ist die krankhafte Selbstbezogenheit, ein Rückzug aus
dem Leben in der Gemeinschaft, eine Abkehr von der Umwelt und die Lösung
aller zwischenmenschlichen Bindungen. Am Ende droht die Vereinsamung.
Als Begleiterscheinung der Schizophrenien konnte ich auch den Autismus
im engen Zusammenhang der Gefühlsverarmung bei vielen Heimbewohnern
beobachten. Zwar waren die Störungen nicht so erheblich, wie etwa
beim frühkindlichen Autismus, aber die Ansätze waren vorhanden.
So etwa wurden Veränderungen im Wohnbereich nur sehr schwer akzeptiert
und oft auch gänzlich abgelehnt.
2.8. Störungen des Denkens 
Dabei unterscheidet man zwischen inhaltlichen und formalen Denkstörungen.
Inhaltliche Denkstörungen sind Störungen des Inhaltes, also
was krankhaft gedacht wird. Dazu zählt vor allem der Wahn, den ich
schon erwähnt habe.
Formale Denkstörungen sind Störungen der Form, also wie etwas
gedacht wird. Sie lassen sich vor allem auf Grund des Sprachverhaltens
erkennen und beschreiben. Dazu zählen Gedankenabbrechen (plötzliches
Abbrechen des Denkvorganges trotz klarem Bewußtseins) , Denkzerfahrenheit,
Denkhemmung, Ideenflucht und auch Umständlichkeit des Denkens, weiterhin
Gedankeneingebungen, Gedankenecho.
2.9. Nachtrag 
Alle diese hier aufgezählten Störungen, die man im Krankheitsbild
Schizophrenie beobachten kann und denen ich versucht habe, selbst erlebte
Fallbeispiele zuzuordnen, bedingen einander immer wieder und beeinflussen
sich gegenseitig. Alles ergibt ein komplexes Ganzes. Nicht alle Störungen
müssen bei jedem Kranken vorkommen und nicht alle Symptome habe
ich hier vollständig und ausführlich abgehandelt. Dafür
aber habe ich die, welche ich am deutlichsten und am meisten beobachten
konnte, ausführlicher erwähnt. Ich denke, wenn ich mit den
kranken Menschen arbeiten soll, dann ist es in erster Linie wichtig,
ihr Verhalten - welches eben durch o.g. Symptome stark beeinflußt
bzw. gezeichnet ist - verstehen zu können. Dadurch werden schizophren
Erkrankte wenigsten etwas berechenbarer.
3. Behandlung schizophrener Psychosen 
Grundsätzlich unterscheidet man bei der Behandlung von Schizophrenien
zwischen biologischen Behandlungsmethoden und psychotherapeuthischen
Behandlungsmethoden. Die biologischen Behandlungsmethoden werden nochmals
in medikamentös und nichtmedikamentös unterteilt.
» Psychotherapien
Die Sozial - und Psychotherapie sollte an erster Stelle stehen. Nur diese
Therapieform garantieren , daß die Betroffenen ihre Fähigkeiten,
Gefühle, Denk - und Verhaltensmuster wiedererlangen. Die Psychotherapie
gibt es in verschiedenen Arten: die individuelle Psychotherapie, die
Familientherapie, die Gruppen - und Milieutherapie, und die Verhaltens
- und Lerntherapie.
Innerhalb der individuellen Therapie gibt es nun wieder verschiedene
Schulen wie etwa: die Freud - Schule, Jung und seine Schule, M. Klein
und ihre Schule und die interpersonale Schule. Auch mehrere Autoren wie
Schultz - Hencke oder Rosen haben ihre eigenen Methoden entwickelt.
» Medikamentöse Therapien
Das erste Neuroleptikum Chlorpromazin wurde 1950 in Frankreich synthetisiert.
In der Folge wurde eine Vielzahl weiterer Neuroleptika entwickelt. Ihr
Einsatz wird gegenwärtig als das Mittel der Wahl bei schizophrenen
Erkrankungen angesehen. Der Vorteil: die akute für den Erkrankten
und die Mitmenschen oft quälende und beunruhigende Symptomatik kann
heute mit diesen Medikamenten relativ rasch gelindert und häufig
auch "normalisiert" werden. Stationäre Aufnahmen können
nun kürzer gestaltet werden, als bisher.
Der Begriff Neuroleptikum wurde geprägt, weil man bald feststellte,
daß diese Medikamente charakteristische motorische Nebenwirkungen
hervorriefen. Neuere Entwicklungen von Neuroleptika verringern diese
motorischen Nebenwirkungen mehr und mehr. Die Medikamente stellen noch
keine ideale Behandlungsmethode dar. Sie wirken vor allem bei akuten
produktiv - psychotischen Stadien und auch dort nicht bei allen Patienten.
Bei chronischen Residualzuständen - die vor allem bei den ehemaligen
Dauerpatienten vorkommen, ist ihre Wirksamkeit weniger ausgeprägt.
Grundsätzlich haben die Neuroleptika eine normalisierende Wirkung
auf Störungen der Psychomotorik (Überaktivität, Erregung,
Katatonie), der Affektivität, des Denkens, sowie auf Verstimmungszustände,
auf Wahnsymptome und Sinnestäuschungen und wohl auch auf Autismus.
Diese Wirkung ist spezifisch. Weiterhin haben sie eine sedierende, d.h.
eine dämpfende, schlafanstoßende Wirkung. Diese Wirkung ist
unspezifisch, abhängig von der Dosis und kann erwünscht oder
unerwünscht sein.
Ganz sicher unerwünscht sind die Nebenwirkungen. Sie haben Einfluß z.B.
auf die Motorik: es gibt verlangsamte Bewegungen, eine nicht unterdrückbare
motorische Unruhe, Spasmen und Haltungsanomalien. Weitere Nebenwirkungen
können sein: Blick - und Lidkrämpfe, Zungen - und Schlundkrämpfe,
die mit Schluck - und Sprachstörungen verbunden sein können.
Nichtmedikamentöse Therapien
Die einzigste auch heute noch breiter angewandte nicht - medikamentöse
biologische Behandlungsmethode stellt die sogenannte Elektrokrampfbehandlung
(EKT) dar. Die Durchführung der EKT ist nur möglich, wenn der
Betreffende sein Einverständnis gibt. Auch sind internistische Voruntersuchungen
notwendig. Um die Behandlung möglichst schonend durchzuführen,
wird sie meist unter einer Kurznarkose vorgenommen.
Darüber hinaus gab es nicht weitere Methoden, die aber heute keine
Bedeutung in der Behandlung mehr haben. Genannt seien die Insulinkomatherapie,
chemische Krampfbehandlungen, Psychochirurgische Eingriffe. Auch fand
ich einen Bericht über eine getreide - und milchfreie Diät
als Therapie, mit der auch einige Erfolge erziehlt wurden.
4. Betreuung, Möglichkeiten der Rehabilitation und
Umgang mit schizophrenen Heimbewohnern 
Chronisch psychisch Kranke wurden bis Anfang der 90er Jahre in den neuen
Bundesländern meist als Dauerpatienten auf Pflegestationen in Großkliniken
und Fachkrankenhäusern geführt. Ein Beispiel dafür ist
das Sächsische Krankenhaus für Psychiatrie und Neurologie in
Großschweidnitz (SKH). Erst nach der politischen Wende begann auch
hier der westdeutsche Standard zu greifen und die bis dato geführten
Dauerpatienten wurden zu Heimbewohnern. Die Stationen mit dem Zusatz "Pflegeheim" wurden
ausgegliedert und zu einem mehr oder weniger eigenständigen Heimbereich,
der wiederum in einzelne Wohngruppen aufgegliedert ist.
4.1. Der Hospitalismus 
Die langjährige Unterbringung als Dauerpatienten hatte den Hospitalismus
der ohnehin schon psychisch kranken Menschen zur Folge. Darunter versteht
man eine Milieuschädigung der Patienten durch den Verlust des Außenkontaktes,
den Verlust oder das Verlernen normaler Arbeitsgewohnheiten und das Verlernen
von selbständigem, aktivem sozialen Verhalten durch die Anpassung
an das Krankenhausmilieu. Der Patient hat keine Rechte und Pflichten
mehr, er zieht sich nicht mehr sorgfältig an und beschäftigt
sich nicht mehr. Dadurch fühlt er sich nutzlos und minderwertig.
Er merkt, daß er weniger Schwierigkeiten bekommt, wenn er sich
unterordnet und das tut, was ihm gesagt wird. Er sitzt meist stumm da
und bleibt für sich. Je länger er in der "Anstalt" lebt,
um so mehr Angst hat er vor einem Leben "draußen".
4.2. Die Problematik im Wohnbereich 
In diesem Zustand befinden sich nun also die schizophrenen Heimbewohner.
Das große Ziel ist wie in allen anderen Einrichtungen die Normalisierung.
Und die Normalisierung ist für mich nicht nur ein Ziel, sondern
auch ein Prinzip bei der täglichen Arbeit mit den Heimbewohnern.
Zum Zwecke der Normalisierung müssen natürlich die Folgen der
Hospitalisierung überwunden bzw. beseitigt werden.
Das ist ein langer Prozeß, im SKH Großschweidnitz nimmt man
ungefähr 15 bis 20 Jahre dafür an.
» Aber die Enthospitalisierung von psychisch Kranken beginnt
im Detail wie folgendes Fallbeispiel zeigen soll:
Wir als Team sind bestrebt, alle Heimbewohner in die anfallende hauswirtschaftliche
Arbeit mit einzubeziehen. Herr G. ist einer von denen, die Arbeit in
der Wohngruppe strikt ablehnen. Ich fragte ihn, warum er sich denn so
gegen die Mithilfe sperrt. Er sagte mir, er würde seine Rechte genau
kennen, schließlich sei er ein kranker Mensch und solange am Gebäude
ein Schild mit der Aufschrift "Pflegeheim" angebracht ist,
brauche er keinen Finger krumm zu machen.
Dies ist nur eines von vielen Beispielen dieser Problematik. Der Umgang
in den neugeschaffenen Heimbereichen ist ein ganz anderer als der auf
einer Pflegestation.
Die ganze Atmosphäre ist liberaler und wohnlicher geworden.
Einige Heinbewohner sehen nur ihre Rechte, kommen aber ihren Pflichten
in keiner Weise nach.
Doch was hat dies alles mit dem Krankheitsbild Schizophrenie zu tun?
Nun, es zeigt, daß schizophrene Heimbewohner keinesfalls mit geistig
Behinderten gleichzusetzen sind. Allenfalls ist ihre Intelligenz vermindert
durch fehlende Förderung und Angebote in der Vergangenheit. Und
es zeigt auch deutlich die Folgen des Hospitalismus. Früher wurden
die Patienten rund um die Uhr bedient und sie sehen nun nicht ein, warum
sie nun selbst mithelfen sollen.
Zu dem kommen noch - jetzt spezifisch bei den schizophren psychisch Erkrankten
- die Eigenheiten, die durch ihre Krankheit bedingt sind. Konkret ist
dies meist der Wahn, oder ganze Wahnsysteme.
In einem o.g.. Fallbeispiel erwähnte ich bereits Herrn R.
Er ist der festen Überzeugung, daß er der einzigste wahre
Nachfahre des Zaren Alexander ist. Zudem sind die Immobilien des SKH
sein Eigentum. Warum sollte er also arbeiten? Er hat ja seine Bediensteten
- in diesem Fall das Personal und einige der Mitheimbewohner. Wenn jemand
es wagt, seine Versionen der Wirklichkeit anzuzweifeln, reagiert er mit
ungeheuerer Aggessivität und verfällt in einen Erregungszustand.
Dies bemerken natürlich auch die anderen Heimbewohner und fragen
sich - nicht ganz unberechtigt - : wenn Herr R. nichts macht, warum sollen
wir dann im Wohnbereich etwas tun?
Bei den Themen Freizeit und Kultur bemühen sich alle Mitarbeiter
des Heimbereiches ein breites Spektrum an Angeboten zu erstellen. Die
Resonanz bei den psychisch kranken Heimbewohnern ist im Vergleich zu
den geistig Behinderten sehr gering. Dies scheint mir weniger eine Auswirkung
der Hospitalisierung zu sein, sondern eher des Autismus, der ja ein Symptom
der Schizophrenien - besonders der chronisch verlaufenden - ist.
Erwähnen möchte ich auch den Punkt Veränderungen im Wohnbereich.
Um eine wohnlichere Atmosphäre zu schaffen, wurde schon viel getan:
die Tagesräume wurden mit Schrankwänden, ansprechenden Couchgarnituren,
Fernsehgeräten, Beleuchtungen und Grünpflanzen gemütlich
eingerichtet. Aus den Schlafsälen wurden Ein - und Zweibett -, maximal
Dreibettzimmer. Mit den Heimbewohnern haben wir z.B. Wandschmuck für
die individuelle Gestaltung angefertigt.
Meine Beobachtung ist es aber, daß die alten, recht trostlosen
Lebensbedingungen auf recht wenig Ablehnung gestoßen sind. Ja,
sie waren für die Heimbewohner sogar vertrauter und bei einigen
beliebter.
» Fallbeispiel:
Ich bin mit zwei Heimbewohnern beim Aufstellen des Weihnachtsschmuckes.
Frau W. betritt den Tagesraum und ich frage sie, ob sie vielleicht Lust
hätte, uns zu helfen. Daraufhin bringt Frau W. recht erregt ihr
Mißfallen unserer Aktion zum Ausdruck: früher hätte es
so einen Zirkus nicht gegeben, dies ist schließlich eine Anstalt
und da darf es nicht so eine Weihnachtsdekoration geben. Auch Fernsehgeräte
hätten in einer Anstalt nichts zu suchen...
Ich denke, wir können nicht so einfach unser Empfinden einer schönen
Wohnumwelt auf die schizophren erkrankten Heimbewohner übertragen.
Vielmehr müssen wir uns fragen, wie beeinflußt die schizophrene
Störung das Geschmackserleben der Heimbewohner - z.B. bezüglich
ihrer Wohnumwelt. So müssen wir als Betreuer also versuchen, bestimmte
Dinge auch mit den Augen der Heimbewohner zu sehen. Andererseits ist
die Normalisierung ja das große und einzig richtige Ziel.
Die Konsequenz darauf sollte also sein, unsere normalen Vorstellungen
und die Ansichten der Heimbewohner - sofern diese geäußert
werden - unter einen Hut zu bekommen. Doch dazu bedarf es einem Miteinander
von Betreuungspersonal und Heimbewohnern. Das ist allerdings manchmal
schwierig. Meine Beobachtung ist, daß zwischen Heimbewohnern -
besonders den schizophren psychisch Kranken - und dem Betreuungspersonal
noch immer eine Schranke gibt - als wären es zwei Welten. Dies ist
sicher noch eine Nachwirkung des typischen Anstaltslebens als Dauerpatienten.
Für geistig Behinderte gilt dies weniger, da sie eh distanzloser
und offener sind.
So ist also die gegenwärtige Situation im Wohnbereich mit schizophrenen
und geistig behinderten Heimbewohnern. Die Enthospitalisierung ist noch
im Aufbruch und es ist ein langer Weg bis zu deren Erfolg.
4.3. Der Umgang mit Schizophrenen 
Der schizophren Erkrankte erlebt seine Wirklichkeit. Der Wohnbereich,
die anderen Heimbewohner, das Betreuungspersonal, die Angehörigen
werden dagegen oft unwichtig.
Ein Patentrezept für den Umgang mit Schizophrenen gibt es wohl nicht.
Jede Situation und jeder Heimbewohner sind ja auch anders.
Kritische Einwände gegen die vorgebrachten Wahnideen oder gar den
Versuch, dem Kranken den Wahn ausreden oder ihn durch Gegenbeweise von
der Realität überzeugen zu wollen, halte ich für zwecklos
und unklug. Dadurch verärgert man sein Gegenüber nur und kann
schnell einen Erregungszustand heraufbeschwören. Charakteristisch
für den Wahn ist ja gerade, daß er weder durch Argumente noch
durch Beweise aufgelöst werden kann.
Andererseits ist es auch nicht richtig, allen Wahngedanken des Schizophrenen
zuzustimmen. Oftmals sind diese Kranken sehr mißtrauisch und manche
haben sogar eine Art 7. Sinn durch ihre übersteigerte Wahrnehmung.
Er würde allmählich merken, daß ich ihm nicht glaube.
Im Kontakt und im Umgang mit Schizophrenen muß ich zumindest akzeptieren,
daß die Wahnvorstellungen für den Betroffenen real sind. Über
die Unwirklichkeit des Wahnes muß ich mich also zunächst einmal
hinwegsetzen können.
Dennoch muß ich auch durchblicken lasen, daß ich selbst die
Wahnvorstellungen nicht teile. Ansonsten kommt es zum "Mitspielen";
wenn ich die Wahnüberzeugung noch bestätige, dann trage ich
zu seiner Verfestigung bei.
Als erstes Ziel um den Wahnkranken muß sein, einen vertrauensvollen
Kontakt aufzubauen. Dies ist die Basis für die weitere Betreuung.
Das schließt ein, daß ich mich als Betreuer auch für
die (Wahn)Ängste des Kranken interessiere. Oftmals unterscheiden
psychisch Kranke ihre Umwelt in gut und böse.
Auch beim Betreuungspersonal gibt es Personen, die eher als "böse" oder
mehr als "gut" vom Kranken wahrgenommen werden. Diese Trennung
ist sicherlich unbewußt und krankheitsbedingt, aber die "guten" Personen
haben eine bessere Chance, an den Schizophrenen heranzukommen. Um diesen
einmal gewonnen Zugang zum Kranken nicht zu gefährden, müssen
sie auf alle Handlungen verzichten, die vom Kranken negativ gedeutet
werden könnten. Tuschelnde Bemerkungen zum Beispiel können
sehr leicht das Mißtrauen wecken. Vertrauen und Zugang gewinnen
kann man sicher auf recht unterschiedlichen Wegen.
Bei Herrn R. aus den vorangegangenen Fallbeispielen habe ich versucht,
dies über seine Interessen und Hobbys zu schaffen. Nun sind diese
bei Herrn R. bisher leider nur auf Musik hören begrenzt. Ich habe
versucht mich mit ihm über Musik die er hört zu unterhalten,
hab ihm auch CD's von mir zum Anhören mitgebracht. Leider waren
diese Unterhaltungen nie so recht tiefgründig. Irgendwie kam Herr
R. immer wieder in sein Wahnsystem zurück. Auch habe ich versucht,
ihn bei vertretbaren Wünschen zu unterstützen. So hab ich ihn
auch nach Dienstschluß mit dem Auto nach Löbau zu seiner Schwester
ins Sozialheim mitgenommen. Ich denke, in letzter Zeit habe ich durchaus
eine verhältnismäßig gute Beziehung zu Herrn R. aufbauen
können. das reichte jedoch noch nicht aus, um ihn zur täglichen
Teilnahme an der Arbeitstherapie zu bewegen.
» Fallbeispiel:
Auf meine Frage, warum Herr R. nicht arbeiten gehe, sagt er mir, daß er
ja genügens Millionen DM, Dollar und Rubel in Besitz habe. Daher
denke er nicht daran, für 70,- DM im Monat zu arbeiten, da bliebe
er doch lieber bis mittags im Bett. Ich versuchte also auf seinen Reichtum
und die damit verbundenen Gefahren einzugehen. Wer er also wirklich reich
sein wäre, dann sollte er das lieber nicht überall herum erzählen,
sondern dies lieber geheimhalten. Zur besseren "Tarnung" empfahl
ich ihm, genau wie alle anderen auch mit zur Arbeitstherapie zu gehen.
So würde er gar nicht auffallen. So erreichte ich zwar, daß er
mit an der Arbeit teilnahm, aber nicht lange. Die von ihm verrichtete
Arbeit empfand er bald als unstandesgemäß.
Wichtig ist auch, den schizophren Erkrankten die Realität näher
zubringen, ein bißchen erlebbar zu machen. Das ist vor allem bei
einer längeren Heimunterbringung wichtig. Zum Beispiel kann ich
den Kranken mehr in die Realität schildern, wenn ich in ein Gespräch
den Fernsehfilm von gestern abend, den Garten zu Hause, das Auto, die
Familie mit einbeziehe.
Gespräche über sachliche Themen, also Themen , die wenig oder
nichts mit seinen Gefühlen zu tun haben, können für den
Schizophrenen hilfreich sein.
Als Betreuer muß man vor allem mit dem übersteigerten Mißtrauen
fertig werden können und auch mit den eventuellen Anschuldigungen
und Drohungen, verbalen und sogar körperlichen Angriffen. Dies darf
man einfach nicht persönlich nehmen und dem Schizophrenen nichts
nachtragen.
4.4. Behinderung und Förderansätze 
Im allgemeinen ist die Krankheitseinsicht aller psychisch Kranken gleich
Null. Dies konnte ich auch im Heimbereich erleben. Auffallend ist, daß grundsätzlich
alle anderen Bewohner als krank erkannt werden, nur derjenige selbst
ist nicht krank. Er fragt sich daher auch, was die anderen denn hier
sollen, die gehörten doch ganz woanders hin...
Eine Behinderung ist auch bei Schizophrenen unbestreitbar vorhanden.
Ich möchte es aber lieber ein Handicap nennen, denn das wirkt auf
den Kranken nicht so absolut und nicht so unabdingbar. Die Einschränkungen
liegen zwar auch teilweise auf dem kognitiven Gebiet, aber das ist kein
Intelligenzabbau, wie z.B. bei einer Demenz, sondern die Folge der schon
o.g. Denkstörungen. man spricht auch von einer sogenannten kognitiven
Dysfunktion. Die ist weiterhin verursacht von Aufmerksamkeitsstörungen,
der fehlenden Entschlußfähigkeit, der eingeschränkten
Fähigkeit Probleme lösen zu können und von der veränderten
Wahrnehmungsschärfe.
Es existiert ebenfalls eine Dysfunktion der Affektivität wie keine
Reaktion auf etwas, oder eine andere Reaktion, wie erwartet.
Die Kranken können oft nicht ermuntert werden, etwas zu tun. Auch
die motorischen Leistungen sind verändert, bzw. eingeschränkt,
was teilweise auch eine Nebenwirkung der Neuroleptika ist.
Wo bestehen nun konkret die Handicaps der Schiziophrenen? An erster Stelle
wohl in den sozialen Beziehungen. Richtige Freundschaften oder gar Partnerbeziehungen
konnte ich bei Schizophrenen bislang nicht beobachten. Zusammengehörigkeitsgefühl
und Gruppenfähigkeit sind eher Fremdwörter unter den Heimbewohnern.
Die Arbeitsaktivität ist sehr eingeschränkt. Die Folge ist
Erwerbslosigkeit, für die Heimbewohner kommt nur eine Tätigkeit
in geschützten Werkstätten in Betracht. Die Arbeitsleistungen
sind dann entweder sehr gut, oder der Kranke ist gar nicht in der Lage,
etwas zu tun.
Damit verbunden ist natürlich auch die gestörte Freizeitaktivität.
Freizeit kann nicht sinnvoll genutzt werden, es fehlen die Interessen
und vor allem der Antrieb.
Förderansätze solche Menschen zu einem normaleren Leben zu
führen, sind zum Beispiel folgende:
Die Aktivitäten des täglichen Lebens sollten geregelt ablaufen.
Oft konnte ich einen gestörten Schlaf - Wach - Rhythmus beobachten.
Einschlafen können manche erst spät abends, teilweise erst
in den frühen Morgenstunden. Das Aufstehen verschiebt sich somit
auf die Mittagszeit bzw. den Nachmittag. Das regelmäßige Wecken
zu einem normalen Zeitpunkt ist die Grundlage für einen geregelten
Tagesablauf. Aber so ein Tagesablauf muß auch gestaltet werden.
Die Motivation steht immer wieder im Vordergrund, da meistens der Antrieb
und die Eigeninitiative nicht ausreichen, um den Tagesablauf zu bewältigen.
Die Mithilfe bei hauswirtschaftlichen Tätigkeiten bringt eine sinnvolle,
realitätsbezogene Beschäftigung. Die Uhr und der Kalender gehören
zum alltäglichen Leben - auch in einer Wohngruppe mit schizophren
Erkrankten. Auch eine Tageszeitung schaft vor allem eine Verbindung zur
Realität - sie verbindet mit dem Zeitgeschehen.
Die Heimbewohner sollten auch in die Lage versetzt werden, die Zeit strukturieren
zu können. Einen Höhepunkt wie ein Fest, einen Ausflug zu schaffen
bedeutet immer etwas, worauf man sich freuen kann. Man hat ein Ziel,
etwas Besonderes, ein Erlebnis wird sich vom Alltag abheben. Dazu finde
ich einen Wochenplan und einen Monatsplan günstig. Jeder weiß dann,
was wann auf ihn zukommt.
Ein Wechsel von Arbeit und Freizeit wäre günstig. Wenn der
Heimbewohner jeden Tag den Wohnbereich verläßt, um zur Arbeit
zu gehen, wenn er dort etwas nützliches tun kann und Geld verdient
und nach getaner Arbeit wieder in die Wohngruppe, dann hat er schon nicht
mehr ausschließlich die Rolle des abhängigen chronisch Kranken.
Er hat dann auch Rechte und Pflichten eines Arbeitenden.
Für die Freizeitgestaltung müssen natürlich Angebote von
den Betreuern gemacht werden. Sie sollten vorhanden sein, aber niemand
darf zur Beschäftigung gezwungen werden, manchmal ist es ja auch
gerade die Ruhe, die wichtig ist.
Für ein besseres Sozialverhalten steht vor allem der Sinn der Wohngruppe
im Vordergrund. Beschäftigungen, Ausflüge, Kinobesuche, Spaziergänge
usw. würde ich in einer Gruppe veranstalten. Zuerst noch in kleineren
Gruppen, diese dann zusammennehmen bis dann bei z.B. einem Fest alle
Mitglieder der Wohngruppe versammelt sind.
Mitsprache - und Mitbestimmungsrecht sind durch den Hospitalismus stark
eingeschränkt worden. Auch diese Dinge müssen erst wieder erlernt
und geübt werden. Das Wohngruppengespräch bei dem alle Heimbewohner
und das Betreuungspersonal zusammensitzen, kann Mißverständnisse
und Probleme aus der Welt schaffen und Ideen der Bewohner verwirklichen
helfen.
Die Mahlzeiten nehmen alle zusammen ein. Hier kann dann das Sozialverhalten
gefördert werden, wenn ich als Betreuer vor allem auf den Umgang
miteinander, normale Tischsitten und gegenseitiges Helfen achte.
Das äußere Erscheinungsbild des Heimbewohners kann ich ebenfalls
beeinflussen. Gut macht sich ein großer Spiegel, in dem sich der
Heimbewohner gut sehen kann. Hat man eine gute Beziehung zum Kranken,
kann man sich mit ihm gemeinsam davorstellen und schauen, was man an
Frisur, Bart, Kosmetik, Schmuck, Schuhen und Kleidung noch besser machen
könnte. Daß Hemd oder Socken gewaschen werden müßten,
daß der Heimbewohner sich selber waschen muß, kann dabei
besprochen werden.
Schließlich ist es einer der wichtigsten Punkte auch die Kontakte
zu den Angehörigen zu erhalten. Und das ist ein Förderprozeß für
den kranken Heimbewohner und die Angehörigen. Der schizophren Erkrankte
sieht seiner Bindung zur Familie als gelöst, hat auch kaum Interesse
an einer näheren Beziehung. Trotzdem würde es ihm gut tun,
etwas auch mal mit "den Seinen" zu erleben und manchmal äußert
er auch das Verlangen danach. Die Angehörigen ihrerseits haben sich
teilweise schon von dem Kranken, der oft als das schwarze Schaf betrachtet
wird, losgesagt. Als Betreuender bin ich nun in der Rolle des Vermittlers
zwischen beiden Seiten und beide unter einen Hut zu bekommen empfand
ich manchmal als bedeutend schwieriger, wie den Umgang mit schizophrenen
Heimbewohnern selbst, die zudem als "schwer führbar" gelten.
5. Abschließende Gedanken 
Es ist nicht einfach Schizophrene zu verstehen, mit ihnen umzugehen,
sie auch noch zu fördern, also ihre Fähigkeiten nicht nur zu
erhalten, sondern auch noch neue hinzukommen zu lassen.
Was man braucht ist natürlich das Wissen um die rätselhaften
Vorgänge, die sich innerhalb der Krankheit abspielen. Mit dem Erarbeiten
dieser Facharbeit ist mir erst richtig bewußt geworden, wie vielseitig
dieses Thema ist und wieviele Dinge ineinandergreifen und sich gegenseitig
beeinflussen.
Was man weiterhin braucht, sind Ziele. Die Folgen des Hospitalismus und
die Auswirkungen der Krankheit sind recht groß. Ziele lassen sich
daher schnell finden. Solche, die nicht überfordern und nicht unterfordern,
die praxisnah und realistisch sind.
Was man ganz dringend braucht, ist ein Team, das geschlossen handelt,
Absprachen einhält, das auch Vorschläge und Ideen einbringt
und die Kranken gerecht behandelt.
Was man außerdem noch braucht, sind Fachdienste, die kooperativ
sind und vor allem, die verfügbar sind...
Was ich als Betreuender beim Umgang mit schizophrenen Menschen selber
brauche, sind Verständnis, das Wissen um die Krankheit, den Ehrgeiz,
die Heimbewohner etwas voranzubringen, Hilfsbereitschaft, Einfühlungsvermögen
aber auch Durchsetzungsvermögen, keine Angst, die Fähigkeit
Ruhe zu bewahren und sehr viel Geduld.
Quellenverzeichnis:
Psychiatrie der Gegenwart Bd. 4 "Schizophrenien"
(P. Baumann, G. Benedetti, P. Berner, P. Hartwich u.a.)
Forum der Psychiatrie "Schizophrene Dauerpatienten"
(W. Hartmann)
Psychiatrische Altenpflege
(Martin Trebert)
Psychiatrische Krankenpflege
(M. Rave-Schwank; C. Winter-v. Lersner)
Schizophrenie - Erkennen und Verstehen in Fragen und Antworten
(Prof. Dr. Volker Faust)
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