Autor/in: Dirk Höffken

Phänomen Aggression Seite 2

3.3 Lerntheoretische Ansätze

Lerntheoretische Ansätze zur Erklärung der Entstehung von Aggression richten ihre Aufmerksamkeit auf die Umweltbedingungen, die zur Aufrechterhaltung und Verstärkung von aggressivem Verhalten führen können. Im Gegensatz zu einem angeborenen Aggressionstrieb, der von psychoanalytischer oder ethologischer Seite (z. B. Freud & Lorenz) als Ursache von Aggression formuliert wird, betrachten Lerntheoretiker aggressives Verhalten wie jedes andere Verhalten als erlernt und damit auch als veränderbar. Es bestehen verschiedene lerntheoretische Prinzipien, die das Erlernen und Aufrechterhalten aggressiven Verhaltens erklären.

Klassisches Konditionieren
Beim klassischen Konditionieren tritt ein neutraler Reiz zusammen mit einem erregenden Reiz auf. Die Wirkung des erregenden Reizes kann in Folge durch den neutralen Reiz allein ausgelöst werden. Das wohl bekannteste Experiment zur klassischen Konditionierung stammt von I. Pavlow, welches nach folgendem Schema ablief:


› Ein Hund bekam Futter in das Maul – Ergebnis war, dass als Reaktion ein Speichelfluss in Gang gesetzt wurde.
› Parallel zur Futtergabe wurde ein Glockenzeichen gegeben. Das Ergebnis war natürlich wieder Speichelfluss beim Hund.
› Jetzt wurde, nachdem der 2. Versuch mehrmals durchgeführt worden war, nur das Glockenzeichen gegeben. Der Hund hatte wiederum Speichelfluss, obwohl er früher bei dem Ton keine Speichelflussreaktion gezeigt hatte.

In den Pflegeberufen besitzt dieses Modell praktische Bedeutung. Denn manche Pflegekraft reagiert auf den Ton der Rufanlage, bei dem es sich im Prinzip um einen neutralen Reiz handelt, mit Aggression. Es ist wohl mehr als eine Vermutung, dass die oft sinnlose Betätigung der Rufanlage durch den Patienten (Bewohner) die Pflegekräfte „klassisch konditioniert“ hat und sie in der Folge häufig mit Aggression auf diesen Reiz reagieren. Obwohl ihnen das Anliegen des Patienten (Bewohner) noch nicht bekannt ist.

Operantes Konditionieren
Beim operanten Konditionieren wird der Lerneffekt oder besser die Verhaltensverstärkung da-durch erreicht, dass ein zufällig auftretendes Verhalten belohnt und da durch in seiner Auftretenshäufigkeit gesteigert wird.

Auch hier ist ein Bezug zur Pflege herstellbar. Behandelt man einen Bewohner (Patienten) unfreundlich und zeigt diesem gegenüber Abneigung, wird er in der Zukunft weniger von der betreffenden Pflegekraft verlangen. Das negative Verhalten wird somit belohnt.

Lernen am Modell (Imitationslernen)
Nach Bandura (1973) kann aggressives Verhalten durch Beobachtung eines Modells gelernt werden. In einer bekannten Untersuchung zum Modelllernen konnte nachgewiesen werden, dass Kinder weniger aggressives Verhalten zeigen, wenn sie in einem Film ein Modell gesehen hatten, das für sein aggressives Verhalten bestraft wurde (Bandura, Ross & Ross, 1963). Für diesen Prozess des Modelllernens sind einige kognitive Prozesse erforderlich (Bandura, 1973).

Zum einen ist es notwendig, dass der Beobachter aufmerksam ist. Die Aufmerksamkeit ist hoch, wenn sich das Modell ansprechend verhält oder aber einen hohen Status hat. Überdies muss das Modell im Gedächtnis behalten werden. Um das Verhalten motorisch reproduzieren zu können, müssen die motorischen Fertigkeiten zur Ausübung des Verhaltens (zumindest teilweise) vorhanden sein. Neben den kognitiven Prozessen ist der motivationale Prozess entscheidend, der zur eigenen Ausführung oder Unterlassung des Verhaltens führt. Die Handlungsmotivation wird vom funktionalen Wert des Verhaltens, also dem positiven Anreiz der Handlung, beeinflusst.

Die praktische Relevanz dieses Modells ist offensichtlich. Zeigt z. B. eine Pflegekraft in der Gegenwart einer Schülerin gegenüber einem Bewohner (Patienten) aggressives Verhalten und wird dieses belohnt, z. B. dadurch, dass der Bewohner (Patient) sich in Zukunft dem Willen der Pflegekraft unterordnet und damit einfacher zu „Handhaben“ ist, wird sich die Schülerin dieses Verhalten auch Aneignen.

3.4 Soziobiologische Ansätze

Soziobiologische Ansätze zur Erklärung der Genese aggressiven Verhaltens erfreuen sich zu-nehmender Beliebtheit. Dies reflektiert sich darin, dass neben soziobiologischen Erklärungen in jüngster Zeit vermehrt evolutionspsychologische Erklärungen menschlichen Verhaltens Aufmerksamkeit finden. Hinter diesen Ansätzen steht wie bei den frühen psychoanalytischen Erklärungsansätzen die Idee eines angeborenen Aggressionstriebs (respektive Gens), die interessanterweise in der psychoanalytischen Tradition aufgegeben wurde.

4 Lösungsansätze

4.1 Vermeiden der Auslöser

Die erste Schlussfolgerung aus der Frustrations – Aggression – Hypothese war der Vorschlag, dass man Frustrationen (besser: aversive Ereignisse) vermeiden oder zumindest reduzieren soll. Auch wenn diese Hypothese nach ihrer Veröffentlichung relativiert wurde, ist dieser Lösungsansatz mit Sicherheit noch gültig.

So wäre es in der Pflege z. B. sicher möglich, eine Pflegekraft und einen Patienten (Bewohner), die ständig miteinander streiten, durch geeignete Maßnahmen zu trennen. Auch sollte man bei einem einzelnen Schüler, der auf Hilfe suchende Patienten (Bewohner) oft mit aggressivem Verhalten reagiert, eventuell darüber nachdenken, ob dieser Beruf für ihn geeignet ist.

4.2 Bewertung der Auslöser ändern

Das Verhalten einer Person hängt grundsätzlich nicht von der objektiven Situation ab, sondern wie die Situation subjektiv bewertet wird (s. oben). Die Bemerkung eines Bewohners (Patienten) „Das Bett ist seit Tagen nicht frisch bezogen worden“ wird die Pflegekraft nur dann als Angriff auffassen, wenn sie den Satz auf die eigene Person bezieht. Interpretiert es sie aber als Zeichen des schlechten Zustandes des Patienten (Bewohners) wird sie gelassen darauf reagieren können.

Kognitive Prozesse schwächen also die Auslöser für aggressives Verhalten. Der Grundgedanke dieser Theorie liegt in der Neuinterpretationen und Neubewertungen. Generell geht es nicht um Bagatellisieren, Abschwächen oder Verharmlosen durch andere, sondern darum, dass der Verärgerte von allein zu einer Nebenbewertung der Situation gelangt. Einige Therapien basieren auf der Grundidee, dass Gefühle durch ständige und gewohnheitsmäßige irrationale Überzeugungen entstehen, die dann eine überschießende, nicht situationsadäquate Aktion zur Folge haben.

Ein inneres Selbstgespräch könnte dabei helfen, diese gewohnheitsmäßigen und irrationalen Ansichten abzubauen. Aber allein die gezielte Selbstbeobachtung und -beeinflussung kann beachtliche Erfolge bringen, da sie zu einem gelassenen Umgang mit Ärger Situationen führt.

4.3 Die Hemmung der Aggression fördern

In der Praxis ist der Aufbau von Hemmungen ein notwendiger und sinnvoller Beitrag zur Aggressionsbewältigung. Aggressionshemmung meint, die Situationen, in denen eine Aggression-Tendenz vorliegt, die Handlung jedoch nicht ausgeführt wird. Ob Hemmungen überhaupt auftreten, hängt einerseits von der Situation ab, andererseits auch von den jeweiligen personalen Merkmalen. Hemmungen aus Angst vor Bestrafung sind wohl am häufigsten anzutreffen.
Beispiel: Krankenpfleger x wird gegen den an Demenz erkrankten Patienten Y eher aggressives Verhalten zeigen, als gegen den orientierten Patienten Z.

Das Risiko der „Bestrafung“ ist bei Y eben wesentlich geringer.
Diese Form der Aggressionsvermeidung ist im Allgemeinen nicht zu empfehlen. Sie sollte ausschließlich zur akuten Gewaltprävention eingesetzt werden. Wenn Personen ihre Aggressionen nur aus Angst vor Bestrafung unterdrücken, stauen sich Frustration und Ärger auf, was vielfältige Folgen nach sich ziehen kann (s. o.). Leider wird die Hemmung durch Angst vor Bestrafung auch heute noch von vielen Führungskräften als Mittel der Wahl auf lange Sicht angewendet.

4.4 Aggressionsvermeidung durch Hilfe

Die neueren soziologischen und erziehungswissenschaftliche Ansätze bieten ebenfalls Ansätze zur Aggressionsvermeidung. Ein kaum zu realisierender, aber wichtiger Vorschlag soll hier kurz vorgestellt werden.
Die Ursache von Frustration, Ärger und der eventuell darauffolgenden Aggression kann, muss aber nicht zwangsläufig im direkten Arbeitsumfeld zu finden sein. Die Individualisierungstheorie geht u. a. davon aus, dass in solchen Fällen das Beraten und Helfen bei Problemen zur Aggressionsverminderung beitragen kann.
Beispiel: Die 18 – jährige Krankenpflegeschülerin J stammt aus einem zerrütteten Elternhaus und besitzt auch sonst keinen sozialen Rückhalt.

Sie musste zu Beginn der Ausbildung ihren Wohnort wechseln, hat aber bisher keine vernünftige Unterkunft gefunden. Zusätzlich ist sie verschuldet. J reagiert auf Patienten (Bewohner) oft aggressiv und macht viele Fehler. Hinzu kommt, dass sie den im Unterricht behandelten Stoff nur unzureichend beherrscht.



Der Vorschlag, in solchen und ähnlichen Fällen Hilfe anzubieten und gegebenenfalls auch zu leisten, wird bei einigen Lesern vermutlich auf eine gewisse Reserviertheit stoßen. Dem ist sicher zustimmen. Zumal eine berufliche Grundausbildung der Vermittlung fachlichen Wissens und nicht der Vermittlung sogenannter Kernkompetenzen und schon gar nicht der Lebenshilfe dient. Allerdings bleibt zu beachten, dass aufgrund der sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen in Zukunft die Anzahl der „Problemfälle“ in der Ausbildung, aber auch im Kollegenkreis zunehmen wird. Es dürfte daher schwierig sein gegen Aggression und Gewalt vorzugehen, ohne dem „Gewalttäter“ eine adäquate Lösung aufzuzeigen, sich den ständigen Frustrationserlebnissen zu entziehen.

4.5 Lernen alternativer Handlungsweisen

Lerntheoretiker betrachten aggressives Verhalten wie jedes andere Verhalten als erlernt und damit auch als veränderbar. Die verschiedenen lerntheoretische Prinzipien, die das Erlernen und Aufrechterhalten aggressiven Verhaltens erklären, wurden bereits erläutert (s. o.). Von den vielfältigen Möglichkeiten zur Aggressionsvermeidung, die sich hieraus ergeben, sollen, zwei kurz vorgestellt werden.
Klassische Verhaltensmodifikation
Die klassische Verhaltensmodifikation beruht im Falle der Aggressionsminderung primär auf dem Lernen am Erfolg.

Vorgehen:
› Positives Verhalten belohnen
› Negatives Verhalten Ignorieren respektive leicht Bestrafen
› Vormachen des erwünschten Verhaltens

Diese Methode der Verhaltensmodifikation ist auch im Bereich der Pflege einsetzbar. Insbesondere im Bereich der Praxisanleitung kann diese Methode effektiv und sinnvoll angewendet werden. Möglich wäre hier unter anderem die „Belohnung“ und „Bestrafung“ über die abschließende Beurteilung des Schülers. Entscheidend ist allerdings, dass die Bewertung für den Schüler nachvollziehbar und verständlich ist. Auch sollte die Beurteilung des Verhaltens keinen Einfluss auf die fachliche Bewertung besitzen. Werden diese Punkte, wie heute allgemein üblich, vermischt, wird ein „aggressiver Schüler“ erneut frustriert und seine ohnehin schon vorhandene Aggressivität wird verstärkt.
Aufzeigen adäquater Strategien

Aggression ist eine mögliche Form des Konfliktverhaltens. Da es sich um eine relativ primitive Art der Konfliktlösung handelt, ist sie auch allen Menschen zugänglich. Viele Personen, die häufig zu Aggression neigen, besitzen keine anderen (komplexeren) Handlungsalternativen in Konfliktsituationen. Ihnen bleibt also nur „Angriff“ oder „Flucht“. Folglich ist das bewusste Aufzeigen und Einüben von Handlungsalternativen ein unentbehrlicher Schritt zur Aggressionsminderung.

Die Forschung bietet hier vielfältige Methoden zum Konfliktmanagement und zur Konflikt-Handhabung. Dabei ist zu bedenken, dass Konflikte nicht grundsätzlich schlecht und zu vermeiden sind. Sie werden immer dort auftreten, wo Menschen zusammenleben und gemeinsam Ziele erreichen wollen oder müssen. Konflikte bieten also auch Chancen! Beispielsweise zur konstruktiven Weiterentwicklung einer Beziehung oder beim gemeinsamen Finden einer optimalen Lösung.

5 Schlussbemerkung

Aggression und Gewalt sind in der professionellen Pflege schon seit einiger Zeit kein Tabuthema mehr. Das Erkennen des Problems ist sicher ein wichtiger Schritt zur Prävention. Eine Erkenntnis ist aber nur dann von Nutzen, wenn ihr sinnvolle Taten folgen. Die Möglichkeiten zur Aggressionsvermeidung sind vielfältig. Einige davon könnten ohne größere Probleme und vor allem ohne zusätzliche Kosten praktisch umgesetzt werden. Mit Gewinn für alle Seiten.

Leider muss aber bei genauerem Betrachten festgestellt werden, dass der Erkenntnis keine Taten gefolgt sind. Die Sanktionierung aggressivem Verhaltens, als meist schlechteste Lösung, gegenüber Patienten (Bewohnern) und Kollegen wird nur unzureichend betrieben. Noch viel weniger Initiative zeigen die Verantwortlichen bei komplexen Strategien, ihre Maßnahmen erschöpfen sich größtenteils auf eintägige Fortbildungen. Auch in der Aus- und Weiterbildung wird die Thematik nur unzureichend behandelt. Im Bereich des unteren Managements (Stationsleitung, Wohnbereichsleitung) sucht man nach Kenntnissen zum Thema Aggression, oft Vergebens.

Aber auch Praxisanleiter (Mentoren) haben hier oft nur wenig zu bieten. Letzteres ist umso bedauerlicher, da gerade der pflegerische Nachwuchs mit neuen Erkenntnissen zur Aggressions- und Gewaltprävention im eigenen Berufsstand einen enormen Beitrag leisten könnte. Das in der Schule zum Thema erlernte kann sich aber nur dann Festigen, wenn es praktisch Geübt wird, was nur allzu selten der Fall sein dürfte. Die mit der praktischen Schüleranleitung beauftragten Personen entziehen sich damit nicht nur einem Teil ihrer Verantwortung, sondern berauben sich auch selbst wichtiger pädagogischer Erfahrungen, die ihnen mit Sicherheit noch nützlich sein könnten.

An dieser Stelle muss ich mir allerdings auch mal an die „eigene Nase“ fassen, den, auch wenn mir die Thematik theoretisch vertraut ist, wende ich mich ihr in der praktischen Ausbildung kaum zu. Zum Schluss sei noch mal angemerkt, dass in dieser Arbeit nur ein kleiner Teil der Aggressionsforschung dargestellt werden konnte. So existieren z. B. noch weitere Theorien zur Aggressions-Entstehung, sowie viele Modelle zur Aggressionsvermeidung.

Zu bedenken ist auch, dass viele andere Aspekte (Motivation, Kommunikation, Konflikt genese und –Bewältigung etc.) eine Rolle spielen. Es liegt an jedem Einzelnen, sich näher mit der Thematik zu beschäftigen. Das nachfolgende Literaturverzeichnis bietet dazu einige Hinweise.

6 Literaturverzeichnis

Davitz, J. R. (1969). The Language of emotion. New York: Academic Press.
Dollard, Doob, Miller, Mowrer, Sears; Frustration und Aggression, Deutsche Bearbeitung von Wolfgang Dammschneider, Weinheim 1972, Verlag Julius Beltz, 4. Auflage, Titel des Originals: „Frustration and Aggression“, 14. Auflage 1967

Nolting, Hans-Peter; „Lernfall Aggression“, Hamburg 2000, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, 19. Auflage
Schulte – Markwort, M. J.: Gewalt ist Geil, Georg Thieme Verlag, 1994
Hinweis: Teile dieser Arbeit sind zwei fremden Seminararbeiten entnommen und wurden für die zu behandelnde Thematik (an manchen Stellen) modifiziert. Auf die (korrekte) Quellenangabe wurde aus Zeitgründen verzichtet.

Weitere Quellen zum Phänomen Aggression
Das Phänomen Aggression

Wutausbrüche: So gehen Sie mit Aggression in der Pflege um
Wenn Patienten aggressiv werden
Gewalt und Aggression in der Pflege

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