Autor/in:

Die Schizophrenien Seite 2

2.3. Wahrnehmungsstörungen

2.3.1. Halluzinationen

Halluzinationen sind Sinnestäuschungen oder Trugwahrnehmungen und gehören zum Oberbegriff der Wahrnehmungsstörungen. Es sind Wahrnehmungen ohne einen entsprechenden Sinnesreiz von außen, es wird also etwas gesehen, gerochen, gehört, geschmeckt oder gespürt, was real und objektiv gar nicht da ist.
Halluzinationen sind einfach, da sie überwältigen den Betroffenen einfach, sodass er ihnen hilflos ausgeliefert ist. Die akustischen Sinnestäuschungen, die Stimmen, kommen bei den Schizophrenien am meisten vor. Sie drängen sich plötzlich in den Gedankengang hinein.

Das Gleiche gilt für alle Trugwahrnehmungen. Der Kranke kann ihnen nicht entkommen.
Ich frage mich nun, ob er daran glaubt, was er sieht, hört, schmeckt usw.

› Fallbeispiel:

Bei Frau Sch. verläuft die Erkrankung phasenhaft. Zwischen den einzelnen Krankheitsphasen, die allerdings dicht hintereinander folgen, kann man sich mit Frau Sch. ganz normal unterhalten. Ich befragte sie also, ob sie ihre Trugwahrnehmungen selbst für real hält. Sie meinte, dass dies völlig unterschiedlich sei – von absolut gewiss über relativ bis zu völlig unsicher oder gar selber eine Sinnestäuschung vermutend.


2.3.1.1. Akustische Sinnestäuschungen

Akustische Sinnestäuschungen gehören zu den wichtigsten und beweisenden Symptomen einer Schizophrenie. Dabei dominieren meist Stimmen einer oder mehrere Personen, bekannte oder unbekannte, männlich, weiblich, Erwachsenen – oder Kinderstimmen. Sie können laut, leise, deutlich, verwaschen, von nah oder fern, aus der Umgebung, der Wand, dem Nachbarhaus, einer Antenne, oder aus dem eigenen Leib, dem Magen, dem Kopf, aus dem Ohr oder dem Gehirn einmischt usw. wahrgenommen werden. Gewöhnlich sind es nur einzelne Worte oder kurze Sätze, manchmal Sekunden oder Minuten, manchmal länger andauernd.

Meist handelt es sich um Stimmen, die den Kranken beim Namen rufen, kritisieren, beschimpfen, bedrohen, warnen, aber auch ermuntern, loben, in der Regel sich einfach über den Betroffenen unterhalten, sein Tun und Lassen kommentieren.

Sie können ihm auch Befehle erteilen, was man dann imperative Halluzinationen nennt. Auf jeden Fall sprechen die Stimmen gerne über gefühlsbetonte und damit meist über unangenehme Angelegenheiten, aber auch über völlig gleichgültige Dinge. In den jeweiligen Gedankengang passen sie – wie schon erwähnt – nicht hinein, sondern unterbrechen ihn, wie wenn eine wirkliche Person hinzutritt und sich in Gedanken oder ein Gespräch einmischt.

Je nach Inhalt werden diese Halluzinationen als unterhaltender Zeitvertreib empfunden, wobei man manchen Kranken auch einmal – scheinbar grundlos – in sich hineinlächeln sehen kann. Oder sie sind lästig bis quälend, was zum Zurück schimpfen, zum Schreien oder Toben führen kann. Schizophrene, die Selbstgespräche führen, sind meist im Zwiegespräch mit ihren Stimmen.

Fallbeispiel:
Frau W. ist 79 Jahre und ihre Lieblingsbeschäftigung ist im Tagesraum „Mensch ärgere Dich nicht“ zu spielen. Dabei duldet sie allerdings keine Mitspieler, sondern sie spielt allein. Die „anderen“ – für den Beobachter unsichtbaren Mitspieler – würden ihr immer sagen, wann sie am Zuge wären und wohin ihr Spielstein gesetzt werden muss. Frau W. führt dies dann stellvertretend aus. Manchmal hört man sie auch laut schimpfen und beim Befragen erfahre ich dann von ihr, dass sich einer getraut hätte zu mogeln.

In vielen Fällen stumpfen die Erkrankten ab und werden gleichgültig, was ihre Stimmen anbelangt.
Weitere akustische Halluzinationen sind das Gedanken lautwerden oder das Gedankenecho. Dabei werden nur die eigenen Gedanken als Stimmen hörbar. In meiner Praxis konnte ich diese Art allerdings noch nicht beobachten.

2.3.1.2. Optische Sinnestäuschungen

Die optischen Halluzinationen werden zwar gerne für spektakuläre Erzählungen genutzt, aber sie haben lange nicht den charakteristischen Stellenwert der akustischen Sinnestäuschungen. Sie kommen etwa in einem Drittel der Fälle vor und sind nicht so szenenhaft wie beispielsweise im Rahmen einer Vergiftung mit Drogen wie Haschisch oder LSD. Häufig sind es nur sogenannte Photeme. Das sind Blitze, Funken, Flecken, geometrische Figuren, oder ein undifferenzierter Licht – oder Farbschein.

In seltenen Fällen gibt es natürlich auch die Veränderung des Gegenübers an Gesicht, Händen, in der Kleidung usw. Aber dies nur selten und es sind dann vor allem Wahrnehmungsveränderungen.
Auf jeden Fall führt es zu Panik und Angst beim Kranken und zu Reaktionen, die ahnungslose Außenstehende nicht verstehen können.

2.3.1.3. Olfaktorische und Gustatorische Sinnestäuschungen

Diese Halluzinationen kommen bei der Schizophrenie relativ selten vor – etwa nur in jedem 10. Fall. Für den Betroffenen ist diese Form der Halluzination besonders unangenehm. Sie riechen Benzin, Schwefel, Teer, Rauch, Gas, verbranntes oder einfach undefinierbar Gift, Aas, Fäulnisgeruch, Verwesung, Leichengeruch. Angenehme Gerüche kommen zwar vor, sind aber die Ausnahme. Die Geruchsbelästigung kommt scheinbar aus bestimmten Richtungen oder Objekten wie aus Löchern, Ritzen, Töpfen, Geräten usw.

Ähnliches gilt für die Geschmackshalluzinationen – auch sie sind meist unangenehmer Art: bitter, salzig, übergosst, sauer, schwefelig, nach Seife oder Reinigungsmitteln. Das ist auf Dauer natürlich eine gewaltige Belastung und kann nicht ohne Reaktion des Betroffenen bleiben.

2.3.1.4. Leibliche Halluzinationen

Leibliche Beeinflussungserlebnisse sind ebenfalls ausgesprochen quälende Symptome, die man zudem kaum so schildern kann, wie sie der Betroffene erlebt. Sie treffen fast jeden zweiten schizophren Erkrankten.
Ein gesunder Mensch kann sie sich einfach nicht richtig vorstellen. Dabei fühlen sich die Kranken im oder am Körper beispielsweise berührt, angeblasen, elektrisiert, bestrahlt, magnetisiert, durch Ultraschall oder Laserstrahlen angepeilt, durch Suggestion oder Hypnose beeinflusst, verändert, geschwächt, manipuliert oder gar zerstört.

Innerhalb dieser leiblichen Halluzinationen kann man noch unterscheiden in sogenannte taktile Trugwahrnehmungen des Tastsinnes und haptischen Sinnestäuschungen an der Körperoberfläche. Die Erkrankten fühlen sich als willenloses Opfer ohne eigene Einfluss – und Widerstandsmöglichkeit.

Des Weiteren existieren auch noch Leibgefühlsstörungen – sogenannte Zoenästhesien. Diese Krankheitszeichen sind eigenartig, sonderbar und bizarr – kurz gesagt schwer fassbar. Man versteht darunter eigenartige Leibgefühle, die allerdings nicht als „von außen gemacht“ wahrgenommen werden, sondern eher als körpereigene Störung wahrgenommen werden. Geklagt wird beispielsweise über Taubheit, Steifigkeits- und Fremdheitsempfinden, aber auch über das völlige Fehlen von Organen oder Händen und Füßen. Auch können es Schmerzempfindungen in jeder Art von Schmerzen sein.

Etwas nachvollziehbarer scheinen für mich Elektrisierung oder Temperaturbeeinflussung wie Hitzewallungen und Kälteschauer, Atemnot- und Erstickungsgefühle, Vergrößerung oder Verkleinerung von Extremitäten usw.

2.3.2. Wahrnehmungsveränderungen

Sie kommen bei etwa einem Drittel aller schizophren Erkrankten vor, manchmal schon zu Beginn des Leidens. Hier dominiert dann auch der optische Bereich. Bei den Wahrnehmungsveränderungen wird im Gegensatz zu den Halluzinationen die reale Umwelt zwar erkannt, aber entweder in ihrer Intensität oder in ihrem Erscheinungsbild verändert wahrgenommen. Die Dauer solcher Phänomene kann Sekunden, aber auch Wochen dauern.

2.3.2.1. Quantitative Wahrnehmungsveränderungen

Dabei handelt es sich in der Regel um über – oder Unterempfindlichkeit gegenüber Sinneseindrücken. Sie sind allerdings kein typisches Merkmal schizophrener Psychosen und können in Ausnahmesituationen auch bei gesunden Menschen vorkommen.

2.3.2.2. Qualitative Wahrnehmungsstörungen

Das Sehen kann sich abnorm verändern im Sinne von Verschwommen – oder Trüb sehen, ungewöhnlichen Farben oder auch alles grau in grau und sogar ganze Sehausfälle.
Oder die ganze Umgebung kommt gefährlich nah, Menschen werden riesig groß oder ungewöhnlich klein, die Dimensionen verzerren sich, etwas verdoppelt sich, wird schräg, schief oder gerät in sonderbare Scheinbewegungen.
Entfernungen lassen sich nicht mehr abschätzen, Konturen lösen sich auf.
Da sind Gesichter entstellt, verzerrt, verschoben; Augen, Nase, Haarfarbe verändern sich – und das alles kann sich in Sekundenschnelle abspielen.

Erschreckend ist auch, wenn bestimmte optische Eindrücke abnorm lange haften bleiben, obwohl das Objekt schon längst verschwunden ist. Ein Beispiel ist das „Spiegelphänomen“:
Hier sehen manche Erkrankten immer wieder in den Spiegel und prüfen ihr Gesicht. Warum? Das Gesicht hat sich verändert: Augen, Haare, Gesichtszüge oder – unfassbar – das ganze Gesicht ist leer – nicht mehr vorhanden. Hier kann man dann auch verstehen, warum manche schizophren Erkrankten durch verzweifeltes Überschminken versuchen, ihrem Gesicht wieder Augenbrauen und Lippen zu geben.

2.4. Der Wahn

Der Wahn ist eine krankhaft entstandene Fehlbeurteilung der Wirklichkeit. An dieser Fehlbeurteilung wird mit felsenfester Überzeugung festgehalten, auch wenn sie im Widerspruch zur objektiven Realität, zur eigenen Erfahrung, zum Urteil gesunder Mitmenschen steht. Das charakteristische des Wahns ist vor allem die unerschütterliche Überzeugung ohne ausreichende bzw. ohne überhaupt eine Begründung.
Als einen weiteren Faktor habe ich die ICH – Bezogenheit zufälliger oder gleichgültiger Vorgänge erlebt. Ich meine damit, zufällige und alltägliche Vorkommnisse aus der Umwelt, gleichgültige Handlungen, harmlose Worte, Bemerkungen oder sonstige Beobachtungen werden für besonders bedeutungsvoll gehalten und sofort auf die eigene Person bezogen.

Die Wahnstimmung tritt häufig als Erste auf: „Es liegt was in der Luft.“ Sie steht am Anfang einer schizophrenen Episode oder eines Rückfalles.
Wahnwahrnehmungen sind keine Trugwahrnehmungen wie Halluzinationen. Aber die Wahrnehmungen werden missinterpretiert und enthalten eine andere, nur für den Kranken real erscheinende Bedeutung.
Ein Wahneinfall ist eine plötzlich auftauchende wahnhafte Überzeugung, ja eine Wahngewissheit – eine Erleuchtung, eine Eingebung.

Fallbeispiel:

In den Schlafzimmern der Wohngruppe sind Spiegel angebracht, deren Kanten – wie es bei geschnittenen und geschliffenen Glaskanten üblich ist – grünlich schimmern. Plötzlich ist sich Herr R. ganz sicher: die Spiegel an den Wänden enthalten Phosphor, genau wie die Leuchtziffern seines Weckers. Durch diesen Phosphor ist den „alten roten Kommunisten“, die im Untergrund lauern, möglich, alles auf einem Bildschirm zu beobachten. Aber mit ihm nicht! Er habe die Sache von vornherein durchschaut … Folglich montiert Herr R. alle Spiegel in der Wohngruppe ab und gibt diese samt seinem Wecker zu mir in das Dienstzimmer, mit der Aufforderung, dies alles solle baldigst entsorgt werden.

Auch schildert er mir in allen Einzelheiten seine Theorie über die Überwachungstechnik in den Spiegeln und in seinem Wecker. Er ist fest davon überzeugt und ich kann das Gespräch auch nicht auf ein anderes Thema lenken. Herr R. geht auf nichts anderes ein, seine Gedankengänge sind wie blockiert.
Bei den Wahngedanken ist das gesamte Erleben inhaltlich völlig vom Wahn eingenommen. Der Kranke grübelt und sinniert nur noch dem Wahn nach und sucht ständig nach Erklärungen, Verknüpfungen und Schlussfolgerungen.

Weitere Quellen zu den die Schizophrenien
die Schizophrenien

Schizophrenie
Schizophrenie 2

Diesen Beitrag teilen auf...

Twitter Facebook