Autor/in: Aart Rietdjk

Qualitätsmanagement Handbuch Seite 9

Hinweis:

  • Aus chronisch verwirrten Menschen können durch keine noch so ausgefeilte Therapie junge, dynamische Menschen werden, sehen wir uns als „Wegbegleiter“ durch diesen individuellen Wegabschnitt
  • Toleranz gegenüber abweichendem Verhalten sind ein wichtiger Bestandteil in der gerontopsychiatrischen Begleitung
  • Grundsatz „sich wohl fühlen“ geht vom Menschen selbst aus, nicht nur aus der Beobachtung von außen
  • Chronisch verwirrte Menschen sind überdurchschnittlich sensibel für ihre Umgebung und ihren Umgang
  • Alzheimer erkrankte Menschen erleben ihren Zustand sehr bewusst, sie sind ratlos, hilflos und oft verzweifelt

Qualitätssicherung:

  • Standard dient als Leitfaden, Orientierungshilfe und Maßstab, der die humanistische und ganzheitliche Pflege unterstützt, gewährleistet, fördert und absichert. Vermeidung von Pauschalisierungstendenzen in der Geragogik (Seniorenführung)

Pflegediagnosen IV / 1.2

Veränderte Denkprozesse, Chronische Verwirrtheit

Definition:

  • Veränderte Denkprozesse: Eine Unterbrechung von wahrnehmungsabhängigen Aktivitäten in Bezug auf die, für das kalendarische Alter zu erwartenden, Leistungen. Die Art der Veränderung ist sehr vielseitig und muss individuell genauer definiert werden

Chronische Verwirrtheit:

  • Eine irreversible, schon lange bestehende und / oder fortschreitende Verschlechterung des Intellekts und Persönlichkeitsveränderung, gekennzeichnet durch die verminderte Fähigkeit, Umgebungsreize zu interpretieren sowie eine verminderte Fähigkeit intellektuelle Denkprozesse auszuführen, angezeigt durch Gedächtnisstörungen, Orientierungsstörungen und Verhaltensstörungen

Kennzeichen:

Veränderte Denkprozesse:

  • Beeinträchtigte Wahrnehmung, Urteilsfähigkeit, Entscheidung
  • Beeinträchtigte Aufmerksamkeitsspanne, leicht ablenkbar
  • Beeinträchtigte Fähigkeit Vorstellungen zu erfassen (zu konzeptualisieren)
  • Beeinträchtigte Fähigkeit Vorstellungen zu sortieren (Verstand, Reflektion)
  • Beeinträchtigtes Erinnerungsvermögen
  • Erhöhter Selbstbezug, Egozentrik
  • Erhöhte / verminderte Wachheit des Bewusstseins

Chronische Verwirrtheit:

  • Anzeichen einer organischen Verschlechterung des Zustandes
  • Veränderte Interpretation / Reaktion auf Umgebungsreize
  • Fortschreitende / lang anhaltende, kognitive Beeinträchtigung
  • Beeinträchtigtes Sozialverhalten
  • Störungen des Langzeit und / oder Kurzzeitgedächtnisses
  • Persönlichkeitsveränderung

Ätiologische oder beeinflussbare Faktoren:

Veränderte Denkprozesse:

  • Sensorische Überforderung – Komplexität der Umgebung

Chronische Verwirrtheit:

  • Alzheimer-Demenz
  • Korsakoff-Syndrom
  • Multiinfarkt-Demenz
  • Apoplexie
  • Schädel-Hirn-Trauma

Risikogruppen:

  • Abwehrgeschwächte Kunden
  • Kunden mit oben genannten Grunderkrankungen und / oder Einschränkungen
  • Ältere Kunden
  • Psychisch kranke Kunden
  • Alkohol und medikamentenabhängige Kunden

Evaluation erfolgt:

  • Bei jeder Veränderung und lt. Pflegeplan

Individuelle Besonderheiten:

Standard IV / 2 Gerontologie

Stressverhalten / Wut

Problem:

  • Kunde ist wütend, sucht den Angriff, verbal oder auch mit Gegenständen oder Material

Symptomatik:

  • Lautes Schreien
  • Lieblose, unfreundliche Äußerungen
  • Unzufriedenheit mit allen durchgeführten Leistungen
  • „Um sich Schlagen“
  • „Gegenstände werfen“
  • Materialien bewusst zerstören
  • Angriff gegenüber Personen

Ziel:

  • Genaue Situationsabschätzung, wann Fremd- oder Selbstgefährdung vorliegt – Eingriff durch Pflegepersonen nur dann
  • Vorurteile abbauen, Konflikte respektvoll und verständlich austragen
  • Vermittlung der Bereitschaft zu einer partnerschaftlichen Beziehung mit der Akzeptanz von Schwächen und Stärken
  • Verhaltensgründe aufdecken und diskutieren

Hilfestellungen:

  • Gründe ermitteln, wann tritt Wutausbruch auf?, in welcher Verbindung steht er?
  • Möglichkeiten zum Rückzug für den Kunden / Bewohner anbieten Ruhe ermöglichen
  • Respekt und Anerkennung zeigen – Kunden fühlen sich aufgrund körperlicher und geistiger Einschränkungen oft minderwertig
  • Verständnis für die Situation der betroffenen Person / Station einfordern, Situationswirkung dem Kunden beschreiben; auf Verständnis hoffen
  • Ablenkung von der „Wut auslösenden“ Situation – Zeit nehmen – frische Luft – Spaziergang
  • Gefühle beider Seiten versuchen ehrlich anzusprechen
  • Psychopharmaka Einsatz wenn nötig – Wichtig:“ Die Dosis macht das Ding zum Gift!“
  • Medikamente müssen zielgerecht gewählt werden, neurologisches Konsil
  • Beschäftigungstherapie nach individuellen Maßstäben, ohne Überforderung
  • Stärkung des Selbstwertgefühls durch eigenverantwortlich übertragene Tätigkeiten (z.B. „ich glaube sie könnten die Blumenpflege 2 x wöchentlich. in unserer Tagesstätte übernehmen“.)
  • Mut machen, Rückschritte liegen oft an zu hoch gesteckten Zielen!
  • Musiktherapie Snoezelen-Räume Entspannungsübungen
  • Gefühl für das Verständnis und Vertrauen steigern es ist jemand da, wenn sie jemand brauchen und das möchten

Hinweis:

  • Wut ist oft die Projektion eigener Defizite
  • Angriff ist die Reaktion auf Angst, Unsicherheit, Stress
  • Misstrauen, Umgangston, Umgebungsgestaltung, Wut, Tonfall, Zeitdruck etc. haben Einfluss auf die Reaktionen des Kunden
  • Beziehungsprobleme zwischen Kunden und Pflegeperson sollten offen diskutiert und behoben werden
  • Durch Wut zeigen sich Selbststärke, Selbstbestimmung, Integrität – wurden diese nicht genügend berücksichtigt?

Qualitätssicherung:

  • Standard dient als Leitfaden, Orientierungshilfe und Maßstab, der die humanistische und ganzheitliche Pflege unterstützt, gewährleistet und fördert. Vermeidung von Pauschalisierungs­tendenzen in der Geragogik (Seniorenführung)

Standard IV / 3

Gerontologie

Umgang mit unruhigen, verwirrten Kunden / Weglauftendenz (Tagespflege)

Problem:

  • Aufgelöstheit, unruhiges Hin und Herlaufen, Angst, Wunsch nach Zuwendung, nicht benennbare Bedürfnisse (Harn- / Stuhldrang, Durst, Hunger, Schmerzen), Weglauftendenz

Symptomatik:

  • Hin und Herlaufen, teilweise auch nachts Ruhelosigkeit
  • Weglaufen – Reaktion auf negativen Stress – wie Angriff und Resignation
  • Suchender, ängstlicher Blick
  • Verunsicherung – auf Fragen wie: „Wo wollen Sie denn schon wieder hin?“
  • Flucht – vor der Angst
  • Tachykardie Kurzatmigkeit

Hilfestellungen:

  • Vertrauensbrücken bauen, über Gefühle und Angst sprechen
  • Angst ernst nehmen, Ruhe ausstrahlen – Angstquellen aufzeigen Offenheit zum Gespräch zeigen – Ruhepole vereinbaren (z.B. jeden Nachmittag im Musikzimmer, wenn sie möchten)
  • Biographieerstellung ist sehr hilfreich und ermöglicht Pflegepersonen Zusammenhänge zu erkennen und ihr Handeln danach auszurichten
  • Berührung – Berührung zeigt Freundschaft, Vertrauen, Entgegenkommen
  • Hintergründe und Gefühle ansprechen oft wirkt Kunden erleichtert, wenn er reden kann
  • Keine Fixierung – Beobachtung – bei Gangunsicherheiten zusätzliche Gefahrenquellen, wie Stolperfallen, Treppenschutzgitter etc. beheben
  • Genaue Planung erstellen, Angehörige, Therapeuten mit einbeziehen
  • Wenn die Gefahr besteht, dass die Unruhe größer als die Kreislaufbelastbarkeit ist, nach ärztlicher Verordnung Psychopharmaka in leichter Dosierung verabreichen – genaueste Evaluation und Dokumentation über Wirkungspunkt, -dauer etc

Regel:

  • Mindert das Mittel das Problem – ist es richtig indiziert. Sind die Nebenwirkungen größer als die Problemminderung – ist es contraindiziert!
  • Anerkennung und Wertschätzung immer wieder aussprechen; Lebenssinn bieten
  • Erinnerungsbrücken – durch immer wiederkehrende Handlungen, Lieder, bestimmte Berührungen, Rituale
  • Bei großer Weglauftendenz Adresse am Kunden kenntlich machen (in Bekleidung, Tasche, Kette etc.)

Qualitätssicherung:

Standard dient als Leitfaden, Orientierungshilfe und Maßstab, der die humanistische und ganzheitliche Pflege unterstützt, gewährleistet und fördert. Vermeidung von Pauschalisierungstendenzen in der Geragogik

Der Leitfaden vermindert durch die Ergründung von Ursachen und Auswirkungen den hochpotenten Einsatz von Neuroleptika in der Geriatrie


Individuelle Besonderheiten:

Standard IV / 4

Gerontologie

Umgang mit resignierten. traurigen. teilnahmslosen Kunden

Problem:

  • Tendenz zum Rückzug, Resignation, Traurigkeit

Symptomatik:

  • Inaktivität (nicht einmal der Versuch etwas zu tun)
  • Weinen
  • Keinerlei Bedürfnisäußerungen

Gegenteil:

  • Bestimmte wiederkehrende Bedürfnisse werden regelrecht „umstritten“
  • Selbstmitleid, Rückzug von allen Aktivitätsangeboten
  • Heimweh
  • „pflegeleicht“ – lassen alles „über sich ergehen“
  • Resignation vor der Erkenntnis bestimmter Defizite („ich kann mich sowieso nicht erinnern“ / „Warum soll ich mich noch anstrengen?“)

Ziel:

  • Isolation durchbrechen
  • Aktivität steigern, unterstützen
  • Lebensgefühle und Lebensqualitäten erwecken

Hilfestellungen:

  • Motivation vermitteln
  • Kunden in ihrem Tun stärken und bestätigen
  • Gesellschaft zu anderen Kunden fördern und unterstützen
  • Zur Beteiligung an Veranstaltungen, Beschäftigungsangeboten anregen, konkret hierzu auffordern
  • Negativauswirkungen bei Teilnahmslosigkeit aufzeigen, Möglichkeiten zur Entgegenwirkung aufzeigen
  • Nörgeleien ignorieren und immer wieder Kunden zur Tätigkeit auffordern
  • Körperliche Nähe bieten., wenn sie erwünscht wird
  • Förderung der Eigenständigkeit und Kompetenz
  • Angehörigenarbeit fördern
  • Tränen signalisieren Hoffnung auf Hilfestellungen Hilfe anbieten
  • „Eigene Lebensgeschichte“ erzählen lassen, zuhören – akzeptieren – aber auch Wege zum „Weiterleben“ und miteinander Leben aufzeigen
  • Wahrnehmungsfindung zur derzeitigen Situation schaffen und unterstützen

Hinweis:

  • Erkrankungen, wie Apoplex, Parkinson etc. berücksichtigen
  • Misstrauen, Umgangston, Umgebungsgestaltung, Wut, Tonfall, Zeitdruck etc. haben Einfluss auf die Reaktionen des Kunden
  • Beziehungsprobleme zwischen Kunden und Pflegeperson sollten offen diskutiert und behoben werden

Qualitätssicherung:

Standard dient als Leitfaden, Orientierungshilfe und Maßstab, der die humanistische und ganzheitliche Pflege unterstützt, gewährleistet und fördert. Vermeidung von Pauschalisierungstendenzen in der Geragogik (Seniorenführung)

Individuelle Besonderheiten:

Pflegediagnose IV / 3

Hoffnungslosigkeit

Definition: Eine subjektive Wahrnehmung, bei dem eine Person für sich begrenzte oder keine Alternativen sieht, bzw. ihr keine Alternativen oder persönliche Auswahlentscheidungen zur Verfügung stehen und sie von sich aus unfähig ist, Energien zur Aktivität zu entwickeln

Kennzeichen:

Verbale Äußerungen:

  • „Ich fühle mich leer und verbraucht.“
  • „Hier ist Endstation.“
  • „Keinen interessiert, was mit mir wird.“
  • „Ich hab viel im Leben durchgemacht und jetzt ….?

oder ähnliches

  • Mangel an Zielen, keine Zukunftsperspektiven
  • Keine, bzw. mangelnde Beteiligung an der Pflege – passives „Ertragen“ der Pflege
  • Keine oder stark reduzierte Gefühlsäußerungen nach außen
  • Traurige oder „leidende“ Gesichtszüge
  • Reaktion auf Kommunikation durch „Zusammenzucken“
  • Vermehrter Schlafrückzug ins Bett –
  • Äußere Reize werden kaum wahrgenommen
  • Geschlossene Augen
  • „Lasst mich in Ruhe“ Syndrom
  • Sich abwenden vom Gesprächspartner
  • Wenig Appetit
  • Sprachliche Äußerungen werden minimiert oder schließlich ganz eingestellt
  • Ausdruck der Wahrnehmung, keine Alternativen mehr zu haben
  • „Sich dem Schicksal ergeben“
  • Bewusste Ablehnung von Beschäftigungsangeboten – schafft auf längere Sicht Isolierung
  • Glaubenskonflikte („nicht mal der da oben hat Mitleid mit mir“)

Risikogruppen:

  • Kunden mit schweren chronischen Grunderkrankungen, ohne Akzeptanz oder Anpassung an diese
  • Kunden mit veränderten Lebenssituationen (Erkrankung / Tod des Lebenspartners, Einzug ins Heim etc.)
  • Kunden mit erheblichen körperlichen und / oder geistigen Einschränkungen
  • Personen mit Aktivitätsintoleranz
  • Personen, die versagende oder sich verschlechternde physiologische Bedingungen erleben
  • Personen mit lang anhaltenden psychischen Belastungen / Stress

Qualitätssicherung:

Der Prozess bis zur Entstehung der Pflegediagnose Hoffnungslosigkeit, bis zum Einsatz pflegerischer Hilfestellung, ist oft schleichend, nicht offensichtlich. Biographieerhebung, Gesprächsführung, Beobachtung und Dokumentation sind hier wichtige Instrumente zur Erfassung von Defiziten. Dies ermöglicht den Pflegepersonen rechtzeitiges Handeln

Individuelle Besonderheiten:

Standard IV / 5

Gerontologie

Distanzierung

Problem:

  • Fehl- bzw. Nichteinschätzung der momentanen Situation
  • Oder: Ablehnung gegenüber jeglicher Abhängigkeit und / oder Krankheit

Symptomatik:

  • Fehlende Krankheitseinsicht
  • Keine realistische, tatsächliche Situationseinschätzung
  • Verleugnung des Hilfebedarfs – fühlen sich bedrängt und geärgert
  • Absolute Uneinsichtigkeit bei Aufklärung
  • Vergangenheitsorientierte Lebenseinschätzung
  • Ausführung absolut unsinniger Handlungen
  • Selbstgefährdungsgefahr
  • Gefahr der Fremdgefährdung

Ziel:

  • Individuelles Eingehen auf die jeweilige Situation; Vertrauensbasis aufbauen
  • Akzeptanz des Pflegepersonals als Begleiter erreichen
  • Schutz vor Eigen- und Fremdgefährdung

Hilfestellungen:

  • Aufklärung über momentane Situation – Spiegelbild – gemeinsame Lösungen suchen
  • Informationen geben, z.B. aktuelle Tag und Monat und Jahresangabe, Zeitung vorlesen etc
  • Vertrauen gewinnen, keine Aufzählung von Defiziten, Gedächtnislücken etc., sondern klare Momentangaben über die jeweilige Situation
  • Mut vermitteln – gemeinsam schaffen wir es –
  • Gefahrenquellen beseitigen, Freiräume schaffen
  • Fühlt der Kunde sich durch das Pflegepersonal und seine Verhaltensweisen verärgert, mit Geduld und Einfühlungsvermögen zur Realität hinführen
  • Hält Kunden an seiner Sicht fest nicht um jeden Preis überzeugen Ruhephasen einräumen, auf ein anderes Thema ablenken
  • Gegenwart und Vergangenheit gegenüberstellen, Vergleiche aufzeigen, Zeit zum Nachdenken geben, Ruhe einräumen
  • Nicht als die „Besserwisser Person“ wirken – wenn das Gespräch stockt besser nachgeben und zu einem anderen Zeitpunkt das Gespräch neu aufnehmen
  • Fähigkeiten dem Kunden klar machen und aufzeigen, nicht auf Defizite konzentrieren, bzw. davon ablenken
  • Unsinnig erscheinende Tätigkeiten unter Aufsicht ausführen lassen, Probleme mit dem Kunden erkennen, erläutern und besprechen – Lösungen aufweisen

Qualitätssicherung:

Standard dient als Leitfaden, Orientierungshilfe und Maßstab, der die humanistische und ganzheitliche Pflege unterstützt, gewährleistet und fördert. Vermeidung von Pauschalisierungstendenzen. Der Umgang mit schwierigen Situationen wird konkretisiert, besprochen und dokumentiert

Standard IV / 6

Gerontologie

Rückzug ins kindliche Verhalten

Problem:

  • Kindliches Verhalten, welches inaktives Verhalten fördert
  • Evtl. Strategie, aufgrund innerer Ängste, Angst vor dem Umfeld, Angst vor Sanktionen jeder Art;
  • Gefahr für Pflegepersonen: Verniedlichung dieser „pflegeleichten“ älteren Menschen, fehlendes Wahrnehmen von Selbstwert, Persönlichkeit, Identität und Integrität dieser Menschen

Symptomatik:

  • Für alle (Pflegepersonen, Angehörige, Besucher) die „nette alte Omi mit der rosa Häkeljacke, die manchmal den Aufzug nicht findet“, drollig!
  • Stehen sehr gerne im Mittelpunkt und genießen die Rolle der immer lieben, verständnisvollen, verwöhnten Omi
  • Sie ziehen ihren Nutzen aus der Situation – mit ihnen hat nicht nur jeder Mitleid, sondern verbringt gerne zusätzliche, eigentlich nicht benötigte Zeit, da sie ja so leicht zufrieden zu stellen sind
  • Ausstattung mit Kinderbüchern, Kinderspielzeug runden sie das Bild „alte Menschen werden wie kleine Kinder“ ab
  • Sie verweigern nichts, äußern keine „Sonderwünsche“, sind flexibel zum Pflegeablauf, haben Geduld (schließlich hat die arme Schwester viel zu tun, vor allem mit dem bösen Hr. Meier)

Gefahr:

  • In sehr kurzer Zeit verlieren diese Kunden jegliche Ressourcen zur selbstständigen unabhängigen und eigenverantwortlichen Lebensführung
  • Regression wird gefördert, keine Weiterentwicklung möglich
  • Die Persönlichkeit wird nicht mehr berücksichtigt, da es sie kaum noch gibt
  • Selbstwertgefühl und Identität sinken bis zur Entstehung schwerwiegender seelischer Probleme

Hilfestellungen:

  • Keine Förderung des kindlichen Verhaltens
  • Prinzipielles „Siezen“ von Kunden, beugt zu engen, verbindlichen Bindungen vor
  • Toleranz des älteren Menschen, als eigenständigen, erwachsenen Menschen
  • Förderung seiner Individualität
  • Selbstwertgefühl steigern, Ressourcen aus allen Bereichen für die Pflege nutzen
  • Mut geben, Sicherheit vermitteln, aufweisen, dass es nicht für alle Dinge die „totale Akzeptanz“ geben muss; Lösungswege aus der Situation überlegen – Aufgaben zuteilen, Kunden wieder an das „Leben“ heranführen
  • Bewusstseinsstärkung, dass Pflegeleistungen nur sinnvoll sind, wenn sie von beiden Seiten hinterfragt und überprüft werden
  • Hilfestellung und Betreuungsausmaß im Pflegeplan genau festlegen, da die Tendenz der Kunden an ihrer Rolle festzuhalten sicher groß ist

Qualitätssicherung:

Ermöglicht die Chance auf Weiterentwicklung, Erkennung von Selbstwert, Identität, Integrität und Persönlichkeit des älteren Menschen

Vermeidung zur Entstehung eines passiven, defizitbehafteten Menschenbildes

Strukturstandard V / 2

„Biographisches Gespräch“

Allgemein zu beachten:

  • Lebenserfahrungen sind das Gut eines Menschen, der sie gemacht hat
  • Er kann sie offenbaren, teilen oder für sich behalten
  • Geprägt sind diese individuellen Erfahrungen durch ganz unterschiedliche Erfahrungen, Lebensabschnitte, Zeiten und Vorgänge
  • Die Einmaligkeit einer Erfahrung trägt zu der Einzigartigkeit und Besonderheit dessen bei, der sie gemacht hat. Erfahrungen bieten einen Schatz, der Autorität verleiht

Gesprächsführung:

  • nicht jeder Gesprächsversuch löst direkt Erinnerungen aus – man muss oft geduldig sein und viele Versuche machen
  • der verwirrte Mensch braucht Zeit zum Reagieren!
  • ruhige Atmosphäre schaffen – der Betroffene soll sich auf ein Gespräch einlassen können, ohne sich gestört oder gedrängt zu fühlen
  • „W-Fragen“ (wann, wer, wo, was, warum) sind schwierig, da sie eine konkrete Antwort einfordern und so mit Defiziten konfrontieren können. Besser sind offene Fragen: „Erzählen Sie, wo waren sie in der Schule ?“ oder konkrete Aussagen „umschiffen“: „Sie sind doch auch in Differdingen zur Schule gegangen?“
  • Gesprächsführung mit verwirrten alten Menschen erfordert viel Übung – es gelingt nicht immer gleich am Anfang, sich auf einen schwierigen Gesprächspartner einzulassen. Mit der Zeit kann man seine Sensibilität schulen und auch verwirrte Äußerungen besser verstehen
  • zeitlichen Rahmen beachten – maximal pro Gespräch 20 – 30 Minuten

Wie komme ich an Inhalte:

  • Gewohnheiten herausfinden
  • Prägende Ereignisse, Erfahrungen herausfinden
  • Konkrete Anknüpfungspunkte nutzen:
  • Fotos . Handarbeiten
  • Urkunden . jahreszeitliche Reize
  • Feste . Musik, Lieder

Anreize müssen genutzt werden durch:

  • zeigen
  • ansprechen
  • erfahrbar machen

Unsere Beobachtungen sind subjektiv, weil wir:

  • bestimmte Idealvorstellungen haben
  • den Menschen, den wir beobachten, mehr oder weniger gut kennen
  • ein bestimmtes Selbstbild haben
  • uns in einer bestimmten Stimmung befinden
  • viel oder wenig Erfahrungen im Beobachten haben

Eine gute Beobachtung setzt voraus:

  • regelmäßig und auf verschiedene Weise zu beobachten
  • so objektiv wie möglich zu beobachten
  • so unauffällig wie möglich zu beobachten
  • so genau wie möglich zu beobachten

Vorgehensweise:

Man kann mit dem Ausfüllen des biographischen Erhebungsbogens beim Erstgespräch mit den Angehörigen oder kurz nach der Aufnahme beginnen und fehlende Angaben im Lauf der Zeit ergänzen

Wichtig:

Nicht die Atmosphäre eines „Verhörs“ – kein „Abfragen“!

Auch verwirrten Menschen kann man, zumindest im Ansatz erklären, warum man so viel über sie wissen will (z.B. damit man die Gewohnheiten kennt, sie besser kennen lernt…)

Weigerungen, über bestimmte Dinge Auskunft zu geben, müssen akzeptiert werden!

Getrennte Erhebung der biographischen Informationen mit Kunden und Angehörigen – Angehörige greifen oft korrigierend in das Gespräch ein!

Strukturstandard V / 3

Teamsitzungen

Grundsätzliches zur Teamsitzung:

Der Umfang der Teamsitzung orientiert sich:

  • an der Pflegeintensität der einzelnen Kunden
  • am Informationsstand der einzelnen Mitarbeiter
  • an festgelegten Evaluationspunkten, lt. Pflegeplanung
  • an akuten Ereignissen, Neuaufnahmen etc

Durchführung der Teamsitzung mit Übergabe:

  • gleichrangige Behandlung von pflegerelevanten und medizinischen Informationen
  • alle Kunden werden namentlich erwähnt
  • wertende Informationen / Beurteilungen sind zu vermeiden
  • sachliche, kurze, präzise Formulierung
  • Informationen – stationsübergreifend werden weitergegeben

Zeitliche Struktur:

Übergabezeit insgesamt:

  • Allgemeine Bekanntmachungen ca. 15-30 Minuten
  • Je Pflegegruppe ca. 15-30 Minuten

Inhaltliche Struktur:

  • allgemeine Informationen durch Pflegedienstleitung
  • Neuaufnahmen – kurze Zustandsbeschreibung – durch Pflegedienstleitung

Jeder Kunde im einzelnen, wie folgt:

  • pflegerelevante Informationen – Pflegediagnosti,


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