Autor/in: Faber

Soziale Gerontologie Seite 3

3.1. Sinneskanäle/Wahrnehmungsdimensionen

  1. Optische Wahrnehmung, sehen
  2. Hören, akkustische Wahrnehmung
  3. Gleichgewichtssinn
  4. Geruch
  5. Geschmack
  6. Tiefenwahrnehmiung/propriozeptive Wahrnehmung (Muskelspannung, Gelenkstellungen u.a.)
  7. Schmerzempfinden
  8. Temperaturwahrnehmung
  9. Tastsinn

Im Alltag sind wir sehr auf das Sehen und Hören programmiert. Als weitere Sinne werden häufig, Geruch, Geschmack und Tastsinn genannt.
Die anderen Sinne, insbesondere der Gleichgewichtssinn und die Tiefenwahrnehmung kommen dagegen kaum vor. Vielleicht deshalb, weil die Wahrnehmungen und Steuerungen über diese Sinne meist unbewußt ablaufen.
Dass wir ein Gleichgewichtsorgan haben, wird dann deutlich, wenn das Gleichgewicht gestört ist (im Alter, durch Krankheit, durch Drogen) oder es in bestimmten Bereichen eingeübt wird (Fahrrad fahren lernen, Balancieren).
Ebenso ist es mit der Tiefenwahrnehmung, die u.a.  den Muskeldruck, die Muskelanspannung registriert und regulieren hilft. Dass es so etwas gibt, fällt erst auf, wenn es nicht mehr funktioniert.
Bei kleinen Kindern sind die Leistungen dieser beiden Sinneskanäle oft noch nicht automatisiert; müssen noch geübt werden. Dies gilt natürlich auch für die anderen Wahrnehmungskanäle.
Auch scheint bei kleinen Kindern der Tastsinn als ein sogenannter Nahsinn von großer Bedeutung. Ein Sinnesbereich, der möglicherweise im Alter wieder an Bedeutung gewinnt, wenn Sehen und Hören eingeschränkt sind. Hier ist es wichtig andere Kanäle wie Berührung zu nutzen. Auch Sterbende können über Berührung häufig noch erreicht werden.
Die Wahrnehmung über die einzelnen Sinneskanäle ist bereits komplex genug. Komplizierter wird es, die verschiedenen Informationen aus den verschiedenen Wahrnehmungen zu kombinieren und zu integrieren. Eine Leistung, die meist automatisch abläuft. Hier kann es im Alter oder bei Krankheit ebenfalls zu Problemen kommen.
3.2. Wahrnehmungsbedürfnis
Wir sind auf äußere Reize, Wahrnehmungen angewiesen. Fehlen diese, so verkümmern wir. Man beginnt mit sich selbst zu reden, zu schaukeln, verändert sich. Es kommt zu Hospitalismus und Selbststimulationen. Fehlende Wahrnehmungen werden durch Vermutungen ersetzt.
Menschen, die aufgrund von Schwerhörigkeit nur einen Teil von Gesprächen mitbekommen, ersetzen die fehlenden Bruchstücke durch eigene Interpretationen. Sie werden mißtrauisch.

3.3. Übersteigerte Wahrnehmungen
Im folgenden möchte ich ein Beispiel für die Situationsabhängigkeit von Wahrnehmungen  beschreiben.
Stellen Sie sich vor, Sie gehen in der Dämmerung durch einen Park. Geräusche wie das Knacken eines Zweiges oder das Rauschen der Blätter werden verstärkt wahrgenommen und Äste und Bäume können menschliche Gestalt annehmen. Es kommt zu Furcht und weitere Wahrnehmungen werden möglicherweise in Richtung‚ Gefahr’ interpretiert:
‚da ist jemand hinter mir her‘; ‚Achtung, Vorsicht‘
3.4. Wahnvorstellungen
Ob der Übergang von übersteigerter Wahrnehmung zu Wahnvorstellungen eher schleichend passiert oder ob es sich hierbei um eine völlig neue Qualität handelt, ist umstritten.
Die Ähnlichkeiten scheinen mir offensichtlich:
Wahnvorstellungen sind Vorstellungen oder Wahrnehmungen, die keine Entsprechung in der Realität haben. Es kann nicht mehr unterschieden werden zwischen wirklich und unwirklich; zwischen innen und außen
Beispiele: Verfolgungswahn, Stimmen hören, Eifersuchtswahn…….
Wahnvorstellungen treten auch unter dem Einfluß von Drogen, bei körperlichen Abbauprozessen, Alkoholismus oder in extremen Streßsituationen auf.
3.5. Veränderung der Wahrnehmungsfähigkeit im Alter
Lehrbuch S.111/112
Altersweitsichtigkeit
Starerkrankungen
Schwerhörigkeit
Unterscheidung Vordergrund und Hintergrundsgeräuschen
Nachlassen von Geschmacks und Geruchssinn
Haut und Körpersinne bleiben intakt.
3.6. Soziale Wahrnehmungen
Wie wir uns und andere wahrnehmen ist durch viele Faktoren bestimmt. Wir sehen uns und unsere Umwelt durch eine bestimmte Brille, die rosa oder schwarz getönt sein mag. Je nach Erfahrungen, Stimmungen, Interessen..
Dabei scheint es kaum möglich, diese Brille abzusetzen und zu einer ‚objektiven‘ Wahrnehmung zu gelangen. Wir sollten aber unsere Wahrnehmungen überprüfen.
Der erste Eindruck
scheint sehr wichtig zu sein. Er bestimmt in hohem Maße, wie wir andere Menschen wahrnehmen und wie wir sie auch zukünftig sehen werden. Menschen neigen dazu, Bilder, die sie sich von der Welt machen, zu bestätigen.
Wahrnehmungsfehler

  1. Erster Eindruck
  2. Halo-Effekt                       eine auffällige Eigenschaft wird als typisch für die gesamte                                           Person angesehen. Jemandem, den ich als positiv, freundlich                                             erlebe; ordne ich insgesamt positive Eigenschaften zu. Negatives                                              wird leicht übersehen. Umgekehrt wird jemand, den man als un-                                    sympathisch erlebt, insgesamt als negativ beschrieben.
  3. Logischer Fehler                Es werden Zusammenhänge zwischen verschiedenen                                             Eigenschaften hergestellt, die nicht zwangsläufig so sein                                                           müssen:                                                                                                                            Wer nicht aufräumt ist unzuverlässig.‘                                                                    ‚Wer lügt der stiehlt‘                                                                                                        ‚wer klug ist, wird Erfolg haben.
  4. Bild Fehler             Man nimmt jemanden nicht so wahr, wie er ist, sondern die                                         Wahrnehmung richtet sich nach dem Bild, das man sich von                                             jemandem macht
  5. Rollenfehler                       Eine Person wird nach einer Rolle beurteilt, die sie inne hat.                                         Der Chef oder die Chefin mag als unnahbar und streng gelten;                                      der Buchhalter als besonders akkurat, der Psychologe als                                                            besonders einfühlsam. Möglicherweise sind diese Personen in                                          ihrem Privatleben aber sehr anders.
  6. Milde Effekt/
    Sympathiefehler                 Sympathische Menschen werden positiver beurteilt.

Umgekehrt werden unsympathische Menschen insgesamt negativer beurteilt

  1. Projektion                         Eigene Gefühle und Wünsche werden anderen zugeschrieben                                      (vgl. Psychoanalyse, Abwehrmechanismen)

Die beschriebenen Wahrnehmungsfehler überlappen sich teilweise. Einige sind in  Ihrem Lehrbuch auf S.15 und 16 beschrieben.
3.7. (Vor)urteile und Einstellungen:
Unsere Einstellungen und Urteile beruhen auf eigener Erfahrung und erworbenen Wissen. Da wir nicht die Möglichkeit besitzen uns in der Welt allein aufgrund eigener Erfahrungen zurechtzufinden, müssen wir uns auch auf die Erfahrungen anderer verlassen  (Eltern, Lehrer, Freunde, Medien u.a.) Diese sind nicht immer zuverlässig und wenig objektiv. Das gleiche gilt auch für unsere eigenen Wahrnehmungen und Erfahrungen, die immer nur einen Ausschnitt möglicher Erfahrungen darstellen können.
Aufgrund eigener Erfahrungen und Erfahrungen anderer, die wir übernehmen, gelangen wir nun zu Einstellungen (gegenüber den alten Menschen, der Jugend oder der Familie, bestimmten Personen). Wir bilden uns ein Urteil, das häufig ein Vorurteil sein mag.
Diese dienen dazu uns die Welt zu vereinfachen. Aber manchmal sind sie uns im Weg, wenn wir nicht mehr offen für neue Erfahrungen sein können.
Wer alte Leute als hilflos und unbeweglich ansieht, wird nicht sehen können, dass viele im Alter sich weiter entwickeln, Neues lernen. Und Ihnen dann auch keine Lernfelder mehr anbieten. Selbst Angst vor dem Alter entwickeln, sorgsam auf Anzeichen des Abbaus achten.
(vgl. Lehrbuch S.14/15)

3.8. Wahrnehmung alter Menschen in unserer Gesellschaft
(Lehrbuch S. 16 –20)
Das Bild des älteren Menschen ist hiernach ein eher Negatives. Das Bild des Alterns ist geprägt durch:

  1. Körperlichen Abbau
  2. Sozialem Rückzug
  3. Nachlassenden Fähigkeiten
  4. Hilfsbedürftigkeit

Und für einen Teil der alten Menschen trifft dieses Bild auch zu. Gerade in der Altenpflege begegnet man eben älteren Menschen, die Hilfe benötigen. Die anderen tauchen nicht auf.
Ein anderes ‚positives‘ Stereotyp beschreibt ältere Menschen als

  1. Weise
  2. Mobil
  3. Offen für Neues
  4. Das Leben genießend

Beide stellen Ausschnitte der Lebenswirklichkeiten dar. Wichtig ist, die Variabilität von Altern wahrzunehmen.
Je nachdem wie wir alte Menschen wahrnehmen, werden wir ihnen begegnen. Wer alte Menschen als hilflos und ruhebedürftig einstuft, wird Altersheime an den Stadtrand verlegen.
Wer die Auffassung vertritt, dass alte Menschen möglichst lange am öffentlichen Leben teilnehmen können und sollen, der wird sie in der Stadt ansiedeln, Ausflüge und Bildungsveranstaltungen organisieren.
Selbst und Fremdbild alter Menschen
Alte Menschen empfinden sich häufig nicht als alt. Dies hängt natürlich sehr von der eigenen Gesundheit und Mobilität ab.
Ältere Menschen halten sich durchaus für

  1. noch nicht alt
    für aktiv und interessiert
    haben noch Pläne

Geraten Selbst und Fremdbild in Widerspruch, kann es schwierig werden, das eigene Bild aufrechtzuerhalten und die verschiedenen Sichtweisen in Einklang zu bringen.
(Lehrbuch S. 20-22)
Und Wahrnehmung der Jugend durch alte Menschen.
Auch dieses Bild ist von Vorurteilen und Stereotypien geprägt. Die ‚heutige Jugend‘ wird häufig als anders und eher als negativ beschrieben. Wir waren früher ganz anders. Dies hätten wir nicht gewagt. Die Jugend hat keinen Respekt mehr.
Das Bild ist aber keineswegs eindeutig.
Es hängt nicht zuletzt von den eigenen Erfahrungen mit Jugendlichen ab. Auch können das Gesamtbild und die Meinung über die eigenen Enkel sehr differieren.
4. Entwicklung
Zwischen Gerontopsychologie und der Entwicklungspsychologie besteht folgender Zusammenhang. Gerontopsychologie beschäftigt sich mit Fragen der Psyche alter Menschen. Hierzu gehören naturgemäß auch Entwicklungen/Veränderungen im Alter. Und Fragen der Entwicklung und Veränderung sind Fragen der Entwicklungspsychologie.
Lange Zeit hat die Entwicklungspsychologie das Alter als Thema ignoriert. Gegenstand der Entwicklungspsychologie waren die Entwicklungen im Kindes und Jugendalter. Mit dem Erwachsensein schien Entwicklung kein Thema mehr zu sein. Die Entwicklung schien abgeschlossen. Erwachsene waren das fertige Produkt einer abgeschlossenen Entwicklung.
Und selbst dies war gegenüber vergangenen Jahrhunderten ein Fortschritt, in denen Kinder als kleine Erwachsene angesehen wurden und eine Trennung von Erwachsenenwelt und Kindheit nicht vorgenommen wurde.
Individuelle Entwicklung beginnt mit der Zeugung und endet mit dem Tod. Sie ist keinesfalls mit dem Erwachsenenalter abgeschlossen. Wir verändern und entwickeln uns ständig. Ob zum Positiven oder Negativen bleibt offen.
Auch stellt sich die Frage, was Entwicklung im Erwachsenenalter bedeutet?
Kommt es hier zu weiteren Entwicklungsfortschritten oder doch eher, zumindestens ab einem bestimmten Alter (Frage ab wann), zu einem Abbau, zu Rückschritten.
Eine Frage, die uns im Laufe des Kurses wieder begegnen wird.

Entwicklung bedeutet Veränderung

und

Leben bedeutet Entwicklung – Stillstand bedeutet Tod

Wir Menschen sind nicht von Anfang an fertig, sondern sozusagen noch im Rohbau. Der Spruch ‚dumm geboren und nichts dazu gelernt‘ hat psychologisch gesehen so keinen Sinn. Aber er verweist durchaus auf zwei wichtige Aspekte von Entwicklung, mit denen wir uns auseinandersetzen werden.

Anlage und Umwelt als zwei Faktoren der menschlichen Entwicklung – sowie

Vorgeburtliche und nachgeburtliche Entwicklung

Beide Unterteilungen sind dabei keineswegs identisch!

4.1. Anlage und Umwelt
Die Frage nach der Rolle von Anlage und Umwelt hat in der Vergangenheit häufig zu Auseinandersetzungen geführt.
Je nach Beantwortung der Frage, was denn wichtiger sei, kommt man zu unterschiedlichen pädagogischen und politischen Schlußfolgerungen.
Erklärt man beispielsweise unterschiedliche Intelligenz oder unterschiedliche Leistungsfähigkeit generell überwiegend durch Vererbung, so wäre die Aufgabe der Pädagogik und Politik in Richtung Differenzierung/Selektion/Unterscheidung zu suchen. Man würde dann das Geld, das für Bildung zur Verfügung steht für Diagnostik und Förderung der Begabten ausgeben.
Geht man dagegen davon aus, dass die Entwicklung von Intelligenz oder Leistungsfähigkeit viel mit Förderung und Umwelt zu tun hat, wird man das Geld in pädagogische Förderprogramme investieren und nicht in Auswahltests.
Ein amerikanischer Psychologe (Skinner) hat in diesem Zusammenhang gesagt, dass das Gehirn eines neugeborenen Kindes einer leeren Tafel gleiche und quasi durch Förderung und gezieltes Lernen gefüllt werde. Es sei so möglich aus jedem Kind einen angestrebten Erwachsenen zu formen.
Eine Auffassung, die so sicherlich nicht zutrifft, die aber auf die Bildbarkeit des Menschen und die Einflußmöglichkeiten der Umwelt hinweist.
Andere Psychologen haben behauptet, dass die Anlagen für die weitere Entwicklung entscheidend seien.
Entwicklung wäre dann die Ausreifung, Ausformung bestehender und weitgehend in den Genen festgelegter Anlagen. Die Umwelt stellt lediglich die notwendigen Rahmenbedingungen zur Verfügung.
Heute nimmt man an, dass beide Faktoren ‚Anlage und Umwelt‘ bei der Entwicklung eine bedeutende Rolle spielen.
Bei Bereichen wie Längenwachstum spielt das Erbe eine größere bei anderen Bereichen eine geringere Rolle.
Dabei geht man davon aus, dass sich beide Bereiche nicht einfach auf addieren. Nach dem Motto zu 20 Prozent angeboren und zu achtzig Prozent erworben. So einfach ist es nicht.
Vielmehr bewirken beide Faktoren in einem komplizierten Zusammenspiel die Entwicklung des Menschen. Dabei legen die Anlagen den Rahmen fest innerhalb dessen menschliche Entwicklung möglich ist. So kann ein gezieltes Training die Schnelligkeit des Menschen verbessern. Aber wir werden nie so schnell laufen können wie eine Gazelle (es sei denn man kann eines Tages das Erbgut entsprechend ändern). Und auch angeborene Unterschiede in der Leistungsfähigkeit in bestimmten Bereichen werden sich durch Training und Übung nicht beliebig vermindern, angleichen lassen.

Innerhalb des durch die Vererbung vorgegebenen Rahmens können Umwelteinflüsse die Entwicklung beeinflussen und gestalten.
Unter Umwelteinflüssen sind dabei zu verstehen:

  1. ‚dingliche‘ Umwelt (Ernährung, Umweltverschmutzungen, Arbeitsbedingungen…)
  2. soziale Umwelt (Familie, soziale Schicht….)/Sozialisation.
  3. Kultur
  4. Erziehung/Pädagogik (Familie, Kindergarten, Schule)

Diese Einflüsse erkläre mögliche Variabilitäten innerhalb vorgegebener genetischer Bedingungen.
Ob jemand musikalisch ist, hängt mit seiner genetischen Ausstattung ebenso zusammen wie mit einem möglichst frühzeitigen Training.
Welcher Anteil durch welche Faktoren erklärt wird, ist schwer zu bestimmen. Dabei ist Anlage nicht identisch mit angeboren und Umwelt nicht identisch mit nach der Geburt.

  1.      Vorgeburtliche und nachgeburtliche Einflüsse

Wie bereits erwähnt ist vorgeburtlich nicht mit vererbt und nachgeburtlich nicht mit Umwelt gleichzusetzen.
Bereits vor der Geburt wirken Umwelteinflüsse auf das Kind ein:

  1. Ernährung der Mutter
  2. Versorgung im Mutterleib
  3. Vergiftungen (Nikotin, Alkohol, Toxoplasmose….)
  4. Gewalt

Zu weiteren Belastungen und Risiken kommt es während der Geburt. Geburt scheint ein insgesamt traumatisches Erlebnis zu sein, das manche Psychologen als Ursprung menschlicher Ängste ansehen.
Risiken sind Sauerstoffmangel und physische Schädigungen durch die Enge des Geburtskanals. In jedem Fall kann die Geburt als Übergang in eine völlig neue, fremde Welt verstanden werden. Nur wenig ist für das Kind genauso wie vor der Geburt.
Neu sind:

  1. laute Geräusche
  2. Helligkeit
  3. Schwerkraft
  4. Temperatur und Schmerzempfindungen
  5. Hunger, Durst

Viele Anlagefaktoren werden erst nach der Geburt sichtbar. Sie sind reifungsmässig vorgeprägt. (Längenwachstum, Einsetzen der Pubertät, Zeitpunkt des Laufens, Spracherwerb).
Unter Reifung versteht man einen von der Umwelt nur bedingt abhängigen Entwicklungsprozeß anlagebedingter Fähigkeiten und Fertigkeiten. Allerdings gibt es auch hier einen Einfluß der Lebensumwelt.
Beispiele:
Laufen:
Es gibt einen Zeitpunkt von dem man annimmt, dass die meisten Kinder in diesem Alter auch ohne große Übung laufen lernen. Dies wäre bei 18 Monaten. Darauf gekommen ist man durch interkulturelle Vergleiche. Manche Völker wickeln ihre Babys und Kleinkinder sehr lange fest ein, so dass diese kaum Möglichkeiten zum Bewegungstraining haben. Dennoch laufen die Kinder mit 18 Monaten. In unserem Kulturraum besteht dagegen mehr Gelegenheit zum Üben. In manchen Familien wird Laufen sogar gezielt trainiert. So kommt es zu einer Vorverlegung des Zeitpunktes an dem die meisten Kinder laufen (zwischen 12 und 15 Monaten)
Dabei existieren genetische Unterschiede zwischen verschiedenen Kindern. Die einen laufen früher, die anderen später. Und dies ist durch Üben nur begrenzt veränderbar.
Körperbau:
Beim Körperbau gibt es eine starke genetische Komponente. Modifizierend wirken hier zusätzliche Faktoren wie Ernährung, körperliche Arbeit, Krankheiten.
Hierzu eine weitere Entwicklungsdefinition:
Nach William Stern gilt:

Seelische Entwicklung ist nicht ein bloßes Hervortreten angeborener Eigenschaften, aber auch nicht ein bloßes Empfangen äußerer Einwirkungen, sondern das Ergebnis des Zusammenspiels innerer Angelegenheiten und äußerer Entwicklungsbedingungen‘

Dabei dürfte gelten, dass die körperliche Entwicklung des Menschen stärker durch Anlagefaktoren geprägt ist als die psychische Entwicklung. Sprich Intelligenz, Charakter, Emotionen oder Verhalten.
Allerdings finden sich bei den Charaktereigenschaften, Verhalten oft ähnliche Verhaltensweisen oder Eigenschaften wie bei Eltern oder Großeltern. Hier stellt sich die Frage nach genetischer oder sozialer Vererbung.
Genetische Vererbung wäre die Vererbung über Gene. Soziale Vererbung wäre die Übernahme durch Lernen, Nachahmung. Und damit im strengen Sinne nicht der Vererbung, sondern den Umwelteinflüssen zuzurechnen.
Nochmals: Erbe und Umwelt greifen eng ineinander. Sind die physiologischen und biologischen Grundlagen, Voraussetzungen nicht gegeben, nutzt die beste Förderung nichts.

  1. Ein sechs Monate altes Kind wird nicht laufen lernen
  2. ein Blinder nicht sehen lernen
  3. ein Alzheimer Patient seine Merkfähigkeit nicht wieder erlangen.

Erwischt man dagegen einen biologisch günstigen Zeitpunkt, so wird relativ wenig Übung viel bewirken. Man spricht hier von sensiblen Phasen.

  1. So werden Kleinkinder bei einigen Völkern fest einbandagiert und lernen mit 18 Monaten laufen.
  2. Kinder lernen eine zweite Sprache, wenn sie damit aufwachsen fast automatisch. Im Grundschulalter noch relativ leicht, im späteren Erwachsenenalter recht mühsam.
  3. Spitzensportler oder Artisten müssen recht früh anfangen zu trainieren, wenn sie im Jugendalter oder frühen Erwachsenenalter zur Weltspitze gehören wollen.

Werden Anlagen in den sensiblen Phasen nicht gefördert, so verkümmern diese:

  1. Wahrnehmung von Ecken und Kanten bei Menschen, die nur mit runden Formen groß geworden sind.
  2. Spracherwerb (Kaspar Hauser, Wolfskindern)
  1.      Zwillingsforschung:

Eine Methode mit der man versucht hat, die Anteile von Vererbung und Umwelteinflüssen zu überprüfen, ist die Zwillingsforschung. Hier hat man eineiige Zwillinge, zweieiige Zwillinge und Geschwister bezüglich der Ähnlichkeit bestimmter Eigenschaften, Fähigkeiten verglichen.
Eineiige Zwillinge haben ein identisches Erbgut. Man geht deshalb davon aus, dass Unterschiede zwischen diesen überwiegend durch Umwelt. Übereinstimmungen stark durch Vererbung bedingt sind.
Zweieiige Zwillinge haben bezüglich des Erbgutes die gleiche Übereinstimmung wie andere Geschwister, wachsen aber in einer ähnlicheren Umwelt auf.
Geschwister haben unterschiedliches Erbgut und eine unterschiedliche Umwelt als zweieiige Zwillinge.
Vereinfacht gesagt ging man davon aus(wie oben schon erwähnt), dass eine erhöhte Ähnlichkeit bei eineiigen Zwillingen im Unterschied zu den Kontrollgruppen auf einen stärkeren Vererbungszusammenhang verweist. Man hat weiterhin versucht, dies über statistische Methoden auch auszurechnen. Die Methodik ist umstritten.

  •      Schaubild zu Entwicklungseinflüsse

Grafik

  1. Grundfragen der Entwicklungspsychologie

In Anlehnung an die Ziele der Psychologie generell lassen sich folgende Grundfragen der Entwicklungspsychologie formulieren:

  1. Was verändert sich?
  2. Wie sind die Veränderungen zu beschreiben?
  3. Wodurch kommen die Veränderungen zustande?
  4. Wie können Veränderungen beeinflußt werden?
  1. Zusammenspiel verschiedener Entwicklungsschritte (nach Flavell)

Spätere Entwicklungsschritte bauen auf früheren Entwicklungsstufen auf. Dies scheint naheliegend und unmittelbar einleuchtend.
Um Addieren zu können, muss ich die Zahlen können. Das eigene Erziehungsverhalten ist von den früheren Erziehungserfahrungen abhängig.
Dabei können frühere und spätere Entwicklungsschritte aber durchaus verschieden miteinander verknüpft werden. Dazu drei Beispiele

Addition:
Früheres wird durch Neues ergänzt, ohne dass das frühere verändert wird. Es kommt zu einer einfachen Wissenserweiterung. Ein Beispiel hierfür ist das obigen Beispiel aus dem Bereich des Rechnens. Oder wenn ich weiß, dass Pflege zu Hause oder im Heim möglich ist, so ist es möglich, dass dieses Wissen durch spezifisches Wissen über Abläufe im Heim oder zu Hause ergänzt wird.
Substitution (ersetzen)
Früheres Wissen wird durch neues Wissen ersetzt. Glaubte man als Kind an den Weihnachtsmann, weiß man als Erwachsener, dass Geschenke durch Eltern oder andere Erwachsene gekauft werden.
Modifikation (verändern, differenzieren)
Früheres wird durch späteres verändert, modifiziert. So kann eine Vorstellung, dass im Alter im wesentlichen Abbau und Rückzug stattfindet dadurch modifiziert werden, dass man weiß: dies ist eine mögliche Facette des Alterns, aber auch andere Prozesse wie lebenslanges Lernen und gesellschaftliche Teilnahme sind bis ins hohe Alter möglich.

  1. Weitere Prinzipien; Modelle von Entwicklungen

1. Wachstum

Von Wachstum zu reden macht am ehesten bei körperlichen Entwicklungen Sinn. Es erscheint dagegen fraglich, dieses Modell auf seelische Bereiche zu übertragen.
Dennoch wurde dies für die Intelligenzentwicklung versucht.
Die Entwicklung von Intelligenz ist jedoch nicht allein in Form einer allgemeinen Zunahme oder eventuell auch Abnahme zu beschreiben. Die Entwicklung von Intelligenz ist erheblich komplexer wie wir später sehen werden.
Beispiel für die Darstellung einer (Wachstums) Kurve der Intelligenzentwicklung

Diese Darstellung ist dem Lehrbuch für Entwicklungspsychologie von Trautner entnommen.
Dabei kristallisieren sich zwei Kritikpunkte heraus:
Die Entwicklung der Intelligenz endet hier bei 21 Jahren. Danach wäre das Maximum erreicht. Eine traurige Vorstellung.
Sie berücksichtigt nicht die Komplexheit von Intelligenz. Intelligenz stellt sich bei einem zweijährigen anders dar als bei einem 30 jährigen oder einem achtzigjährigen.
2. Reifung
Der Begriff ‚Reifung‘ stammt ebenfalls aus dem Bereich der Biologie.
Gemeint sind Entwicklungsvorgänge, die überwiegend von endogenen Faktoren (Vererbung) abhängig sind und nur wenig von äußeren Bedingungen beeinflußt werden. Erfahrungen, Lernen und Üben spielt hierbei eine untergeordnete Rolle.
Ein Beispiel hierfür wäre das Laufen oder der Erwerb der Sprache in einem bestimmten Alterskorridor, bei Vorliegen einer entwicklungsgerechten Umgebung. Das heißt, dass das Laufen auch ohne besondere Übung im Alter zwischen ca. 12 bis 18 Monaten auftreten wird. Die ersten Worte mit ca. einem Jahr; vorausgesetzt ein Sprachmodell ist vorhanden. Und es liegen keine Behinderungen vor.
3. Differenzierung
Gemeint ist hiermit, dass Fähigkeiten mit zunehmender Entwicklung ausdifferenziert werden. Dem groben Greifen des Kleinkindes folgt ein zunehmend sichereres Greifen. Der Bewegung des gesamten Armes, die Bewegung einzelner Finger. Der Unterscheidung von Behagen und Unbehagen die gefühlsmäßige Aufsplitterung in Freude, Ärger, Zorn, Mißtrauen, Hunger usw.

4. Generalisierung
Kinder lernen, die Fähigkeiten, die sie in einer bestimmten Situation erworben haben, auf andere ähnliche Situationen zu übertragen.
Das gleiche gilt für Begriffe. Das Wort ‚wau wau‘ wurde beispielsweise zuerst nur für einen Hund benutzt, später auch für andere.

5. Lernen
Ein wichtiger Teilaspekt der Umwelt als einer der beiden Hauptfaktoren von Entwicklung ist.
Lernen.
Zugleich ist die Lernfähigkeit jedes einzelnen Menschen auch genetisch mit bedingt. Informationen hierzu finden Sie auch im Lehrbuch `Psychologisches Grundwissen für Altenpflegeberufe´ in dem Abschnitt: 3.2.
Lernen ist eine zentrale Kategorie des Erwerbs von Wissen, Erfahrungen, Fertigkeiten und Fähigkeiten. Lernen in diesem Sinne geht über die Verwendung des Lernbegriffs im Alltag hinaus.

In der Alltagssprache versteht man unter Lernen ‚das Erreichen eines Leistungsfortschrittes aufgrund gezielten Übens.

Beispiele wären Vokabellernen, Jonglieren, Fahrrad fahren, Rechnen, Kochen…
Der Lernbegriff in der Psychologie ist weiter gefaßt.
Hierzu werden zwei Definitionen angeführt:

Lernen in diesem Sinne meint den Erwerb von Handlungs-, Gefühls- und Denkgewohnheiten, die uns eine Anpassung an die jeweilige Umweltgegebenheiten ermöglichen (Wirsing, Psychologisches Grundwissen für Altenpflegeberufe)

Eine Definition, die die drei wesentlichen Bereiche der psychologischen Entwicklung
Handeln
Denken
Fühlen
aufgreift und in diesem Sinne umfassend ist. Allerdings ist hierzu kritisch anzumerken, dass Lernen nicht immer zu einer besseren Anpassung an die Umwelt führt.
Man kann sich Verhaltensweisen, Reaktionen angewöhnen (lernen), die das zurecht finden in der Umwelt erschweren. Beispiele wären Ängste, vorschnelles aggressives reagieren oder Rückzug. Diese Verhaltensweisen sind im Leben eher mit Problemen verbunden. Sie wurden aber meist in einer spezifischen Situation gelernt, in der sie sinnvoll waren. Das Problem besteht dann in einer fehlenden Korrektur oder in einer zu weiten Generalisierung.
Eine zweite Definition lautet:

Lernen umfaßt mehr oder weniger überdauernde Verhaltensänderungen aufgrund von Erfahrung, Übung oder Beobachtung, unabhängig davon, ob diese Veränderungen mit einem Leistungszuwachs verbunden sind oder absichtlich herbeigeführt wurden. (Trautner: Lehrbuch der Entwicklungspsychologie)

Diese Definition ist umfassender in dem sie Lernen nicht an einen Leistungszuwachs koppelt und auch unabsichtliches, beiläufiges Lernen umfaßt. Andererseits ist sie enger, da sie sich auf das Verhalten begrenzt. Eine Einschränkung, die kaum zulässig erscheint. Schließlich kann Lernen sich auch auf andere Bereiche beziehen. So kann man in bestimmten Situationen, in denen man schlechte Erfahrungen gemacht hat, Ängste entwickeln (Prüfungen, freie Rede…). Oder man kann Einstellungen, Denkweisen von anderen übernehmen (wie Schule ist blöd oder Lesen ist langweilig…)
Ein eigener Definitionsversuch könnte daher lauten.

Lernen ist die Veränderung von Verhalten, Gefühlen, Einstellungen und Denken aufgrund von Erfahrungen, seien diese bewußt und absichtlich oder unbewußt und beiläufig.

Lernen ist somit bewußtes und absichtliches Lernen im Kurs durch zu hören, fragen, lesen, mit arbeiten..,
aber auch beiläufiges Lernen wie,
wenn ich gelangweilt in die Gegend schaue, werde ich vom ‚Lehrer‘ aufgerufen
oder wenn ich unsicher wirke, hilft mir jemand
oder wenn ich unsicher wirke, werde ich nicht für ernst genommen.
Die Reihe ließe sich beliebig fort führen.

5.1. Signallernen (klassisches Konditionieren)
Hiermit ist folgendes gemeint.
Ausgangssituation: Eine bestimmte Situation ist mit einer bestimmten Reaktion verbunden.
So löst möglicherweise das Betreten einer Schule den Impuls aus, diese möglichst bald wieder zu verlassen, man fühlt sich unwohl, bekommt Beklemmungen, spürt, dass sich der Magen zusammenzieht. (natürlich wären auch die genau gegenteiligen Reaktionen denkbar).
Dabei wäre Schule die Situation oder Reiz,
das Unwohlfühlen mit den verschieden Begleiterscheinungen die Reaktion.
Ein Reiz (Auslöser) führt zu einer Reaktion (Verhalten, Gefühl, Gedanken)
Wird nun in der Schule ein bestimmtes Reinigungsmittel mit einem spezifischen Geruch benutzt, so kann dieser Geruch fest mit Schule verknüpft werden.
Begegnet einem dieser Geruch in einem anderen Zusammenhang, zum Beispiel beim Betreten eines anderen Gebäudes, so kann dieser Geruch, die gleichen Gefühle auslösen wie das Betreten einer Schule.
Das heißt die Reaktion, die ursprünglich an eine bestimmte Situation einen bestimmten Reiz gebunden war, wird auf eine andere Situation, einen anderen Reiz übertragen. Von der Schule auf den Geruch des Reinigungsmittels.
Ein erster Reiz (Auslöser) wird mit einem neuen Reiz (Auslöser) verknüpft, der nun die gleiche Reaktion auslöst.
Hierzu gibt es ein sehr bekanntes Experiment. Dieses Experiment wurde von dem russischen Physiologen Pawlow durchgeführt.
Beim Anblick von Futter beginnen Hunde (und nicht nur Hunde) mit einem vermehrten Speichelfluß zu reagieren. Ertönt nun gleichzeitig eine Glocke, so wird die Reaktion ‚Speichelfluß‘ vom Reiz ‚Futter‘ auf den Reiz ‚Glocke‘ übertragen und schließlich reagiert das Tier beim Hören einer Glocke mit einem vermehrten Speichelfluß, ohne dass Futter gegeben wird.
Dies funktioniert natürlich nicht bei einer einmaligen Kopplung. Diese muss vielfach wiederholt werden. Die Kopplung muss zu Beginn möglichst jedesmal und unmittelbar erfolgen.
Diese gelernte Reaktion kann auch wieder verlernt (gelöscht) werden, wenn die Glocke zukünftig nur noch allein ertönt, ohne dass es jemals wieder zur Kopplung mit Futter kommt.
Es genügt jedoch, wenn nur ab und zu diese Kopplung wieder auftritt, um die Reaktion stabil zu halten.
Der ursprüngliche Auslöser wird dabei als unkonditionierter Reiz, die ursprüngliche Reaktion als unkonditionierte Reaktion bezeichnet.
Der neue (mit dem ersten Auslöser verbundene) Reiz als konditionierter Reiz, die entsprechende Reaktion als konditionierte Reaktion (die weitgehend der unkonditionierten Reaktion entspricht).
Häufig spielen solche Mechanismen eine Rolle bei der Entwicklung von psychosomatischen Erkrankungen. Somatische Reaktion, wie Herzklopfen, Verspannungen, Magenschmerzen können von einer Situation auf andere ähnliche übertragen werden.

Weiter lesen auf Seite 4…


Seiten: 1 2 3 4 5

Diesen Beitrag teilen auf...

Twitter Facebook Google+