Autor/in: Kleiner Geier

Das Helfersyndrom

Du spazierst durch einen ziemlich einsamen Wald und hörst an einem unbekannten Ort lautes Hilfegeschrei. Du siehst, dass eine Frau ziemlich verletzt in einer 3 Meter tiefen Grube liegt. Du denkst – Um Gottes willen, die arme Frau, springst rein und leistest Erste Hilfe, tröstest und sprichst ihr Mut zu. Und nun? Vor lauter Mitleid hast Du nicht daran gedacht, dass es Dir jetzt ebenso dreckig geht wie der Frau. Du sitzt nämlich fest, kommst selbst nicht raus und musst selbst um Hilfe schreien, bis Dich jemand hört. Wenn sich alle so verhalten würden, sitzen irgendwann zehn Leute in der Grube und schreien um Hilfe.

›Einleitung:

  • wurde Mitte der Siebzigerjahre von Wolfgang Schmidbauer beschrieben
  • 1941 in München geboren; ist Diplompsychologe und Dr. phil.; arbeitet als Schriftsteller und Psychoanalytiker in München
  • basiert auf dem Persönlichkeitsmodell von Sigmund Freud
  • tritt nicht nur bei Pflegenden auf, sondern auch bei Seelsorgern, Ärzten, Lehrern und Sozialarbeitern auf
  • noch nicht alle Ursachen sind erforscht
  • ob Helfersyndrom vom Betroffenen als Krankheit angesehen wird, hängt von physischen und psychischen Befinden und der Schwere der Ausprägung ab


›Thesen von Wolfgang Schmidbauer:

Der Helfer versucht seine eigenen Schwächen und Probleme dadurch zu relativieren, indem er sich mit Menschen beschäftigt, denen es noch schlechter geht.
Der Helfer ist nicht ernsthaft daran interessiert, dass seine Hilfe fruchtet, da er sonst die Möglichkeit verliert, seine Probleme zu relativieren.

›Die Merkmale des Helfersyndrom-Helfers:

  • H. sind kontaktscheu, schwach, ängstlich und hilfsbedürftig – was sie allerdings verleugnen
  • scheinbare Stärke und Sicherheit bekommt der Helfer von Schwächeren, die sich an ihn wenden
  • H. helfen manchmal gegen den Willen einer Person
  • sie können Hilfe von außen nicht annehmen – sie denken, sie sind die Einzigen, die sich und anderen helfen können
  • sie helfen bis zur völligen Selbstaufgabe
  • eigenes ICH wird völlig ignoriert
  • Viele Menschen „flüchten“ sich in helfende Berufe, um sich selbst ihre Abhängigkeit von Anderen nicht eingestehen zu müssen.
  • Pflegedienstleitungen sind stärker vom Helfersyndrom betroffen als andere Pflegepersonen
  • Partnerschaftliche Beziehungen der H. scheitern an Angst vor wirklicher Nähe
  • Der Helfer bekommt von dem Hilfe suchenden Dankbarkeit. Anderen zu helfen, wird dadurch für den Helfer zur Sucht, zu einer Art Droge.
  • H. kann Wünsche nur indirekt äußern (z. B. durch Sucht, Suizid o. psychosomatische Krankheiten, um Zuwendung und Hilfe zu erlangen)
  • in der Persönlichkeitsentwicklung des Helfers liegen massive Störungen vor
  • helfen hat oft wenig mit Interesse am anderen Menschen zu tun, sondern mit Interesse an sich selbst
  • Frauen mit Helfersyndrom wirken oft unweiblich (nüchtern, willensstark, wenig gefühlsbezogen)
  • Männer mit Helfersyndrom wirken dagegen unmännlich (weich, passiv, in sexueller Hinsicht abwartend)
  • Folgen können Depressionen, Drogenmissbrauch, psychosomatische Leiden, Erholungsunfähigkeit, Herzinfarkt, Burnout und Suizid sein

›Die Konfliktbereiche des Helfers:

  • Diese Konfliktbereiche lassen erahnend aß Störungen in Persönlichkeitsentwicklung eines Helfers massive Auswirkungen auf Klienten, Berufskollegen und auf sein privates Leben haben können

1. Das abgelehnte Kind.

  • Oft werden Kinder schon daraufhin erzogen das Helfersyndrom zu entwickeln
  • wenn Eltern zu ihren Kindern sagen: „Mami hat solche Kopfschmerzen, weil Du böse warst.“ oder „Du hast mein Leben zerstört, wenn Du nicht da wärst, dann ginge es mir viel besser.“
  • Dadurch entsteht im Kind Hass
  • da es von Eltern abhängig ist, lernt es gehorsam und freundlich zu sein
  • je öfter sich solche Szenen wiederholen, desto mehr wird sich Kind für Wohlergehen der Eltern verantwortlich fühlen
  • das setzt sich im Unterbewusstsein fest: „Ich bin schuld, wenn es anderen schlecht geht.“

2. Die Identifizierung mit dem elterlichen Über-Ich.

  • Kind identifiziert sich an den elterlichen Idealen
  • Selbstbewusstsein ist dadurch nicht sonderlich ausgeprägt
  • emotionales und spontanes Verhalten wird oft nicht mehr gezeigt

3. Die verborgene narzisstische (Narzissmus = in sich selbst verliebt sein) Bedürftigkeit.

  • Helfer möchte für sein Verhalten geliebt werden, gelingt nur sehr oberflächlich
  • wenn Streben nach Liebe ohne großen Erfolg bleibt, bleiben Bedürfnisse im Verborgenen

4. Vermeidung von Beziehungen zu nicht hilfsbedürftigen.

  • Beziehungen zu nicht Hilfsbedürftigen werden oft als lästig und störend empfunden
  • H. suchen sich meist schwächeren und hilfsbedürftigen Lebenspartner
  • Gegenseitigkeit und Intimität werden gemieden

5. Indirekte Aggression gegen nicht Hilfsbedürftige.

  • Es entwickelt sich eine Abwehrspannung gegenüber sozialen Beziehungen, diese äußern sich meist in indirekt vorgetragener Aggression
  • Aggressionen werden nicht offen gezeigt

Im Internet hat jemand, der vom Helfersyndrom betroffen war, geschrieben: „In meiner eigenen Therapie, die ich irgendwann machen musste, war folgender Satz einer der wichtigsten für mich, um aus meinem eigenen Helfer komplex auszusteigen. „Mir geht’s gut, auch wenn’s Dir schlecht geht!“ Das besagt nicht, dass andere Menschen egal sind, sondern, dass es nicht meine Schuld ist, wenn ein anderer entschließt sich, als Opfer zu fühlen. Dieser Satz bedeutet auch – ich lasse mich nicht mit in den Sumpf ziehen und bleibe trotzdem präsent.“

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