Autor/in: Frank

Angst Störungen
ICD – Klassifikation

F40 phobische Störungen
40.0 Agoraphobie
40.01 mit Panikstörungen
40.1 soziale Phobie
40.2 spezifische (isolierte) Phobie
40.8 andere
40.9 nicht näher bezeichnete

› F41 andere Angststörungen
41.0 Panikstörungen
41.1 generalisierte Angststörung
41.2 Angst u. Depressionen gemischt
41.3 andere gemischte Angststörungen
41.8 andere näher bezeichnete
41.9 nicht näher bezeichnete


› Prävalenz
(mittlere Lebenszeitprävalenzen)

insgesamt: 15 %
spezifische Phobien: 10 %
Agoraphobie: 5 %
soziale Phobien: 2,5 %
Panikstörung: 2 %
generalisierte Angststörung: ca.5 %

› Alter
Kindheit bis 40. Lebensjahr

spezifische Phobie Kindheit (Modellverhalten = „übernommenes“ Verhalten)
soziale Phobie frühe Jugend (Minderwertigkeitskomplexe)
Panikstörungen +
generalisierte Angststörung 20. – 30. Lebensjahr
(Ursachen: Stress, Leistungsdruck,
Konkurrenzdenken, Scheitern Erlebnisse)

Geschlecht

Frauen: Männer = 2:1
Soziale Phobie = 1:1 (gleiche Anspruchshaltung am Sozialverhalten,
Pubertät – Reife)
(Soziale Phobie entsteht im Laufe der Entwicklung)
Agoraphobie = 80 – 90 % Frauenanteil

› Risikofaktoren

weibliches Geschlecht
Familienstand: > bei getrennt lebenden, geschiedenen, verwitweten
Personen < bei verheirateten und ledigen Personen

› Komorbidität

Depressive Beschwerden (30 – 40 %)
Körperlich funktionelle Beschwerden
Missbrauch u. Abhängigkeit von Substanzen (25 – 50 %)
Persönlichkeitsstörungen (selbst unsichere, ängstliche Persönlichkeit, abhängige Persönlichkeit)
(je nach Studie zwischen 30 u. 80 % Komorbidität)

Die Mehrzahl der komorbiden Depressionen ist als sekundär zur Angststörung zu sehen.

› Verlauf

Spontan verlauf ausgesprochen ungünstig
Spontane Rückbildungen bei ca. 20 %
Durchaus Verlauf Schwankungen mit symptomarmen Intervallen von Monaten bis Jahren,
jedoch überwiegend (40 – 45 %) chronisch,
persistierender Verlauf.

› Psychosoziale Folgen der Angststörungen (allgemein)

Hohe Inanspruchnahme des medizinischen Systems (insbesondere
durch Chronizität) (ambulanten Therapie, Krankenhaus – Aufenthalte, Medikamente)
Hohe Zahl von Fehldiagnosen und Fehlbehandlungen
Hohe berufliche Ausfallzeiten und sozialwirtschaftlichen Kosten (Sozialhilfe, Erwerbsunfähigkeit)
Vorzeitige Berentungen

› Einbuße von Lebensqualität (Isolation)
Einbrüche des Selbstwerterlebens (u. a. durch Einschränkung der allgemeinen Lebensführung und Vermeidungsverhalten)
Negative Einflüsse auf familiäre u. soziale Beziehungen (Familien können auseinanderbrechen
→ krankheitsbedingt)
Hohe Komorbidität und Suizidalität

VT = Verhaltenstherapie existiert seit Beginn der 60 Jahre

Symptomatik der Angststörungen

› Symptome:

(4 – Ebenen – Modell der Angstreaktion bei Agoraphobie u. Panikstörung)

Angst → gefühlsmäßig: Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein, Furcht,
Resignation

Angst → gedanklich:

Ich bekomme einen Herzinfarkt.
Ich falle in Ohnmacht.
Ich verliere die Kontrolle.
Ich mache vor anderen eine Szene.
Ich bekomme einen Anfall.

Angst → körperlich / physiologisch
Herzrasen, Schwitzen, Atemnot,
Zittern, weiche Knie

Angst → verhaltensbezogen
Flüchten, Hilfe suchen, Vermeiden,
Medikamente nehmen, Alkohol trinken

› Agoraphobie
= situativ gebundene Angst
z. B. öffentliche Situationen, Menschenmenge, Kaufhäuser,
Spaziergänge, öffentliche Plätze, Benutzung von Verkehrsmitteln, ganz
bestimmte Verkehrsmittel (Seilbahn, Schiff, Flugzeug), Autofahren auf Autobahnen

Charakteristisch: Erwartungsangst
(insbesondere im Vorfeld geplanter, unvermeidbarer u. vorbereiteter Begegnung
mit der Situation)
Oft: Angst vor der erwarteten Panikattacke

Ausgeprägte Vermeidung angstauslösender Situationen
Teils auch kognitive Vermeidungsstrategien (Ablenkung über Zählen,
minutiöses Rechnen oder gedankliche Rückversicherungen, z. B. jederzeit
aus der „Gefahrenzone“ fliehen zu können)

› Soziale Phobie
Kernmerkmal: übermäßige Angst vor zwischenmenschlichen Situationen
z. B. Wenn sich der Patient im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und Bewertung
anderer erlebt: Reden halten, im Restaurant essen, Trinken in Gegenwart anderer, Unterschreiben in Anwesenheit bis hin zu jeglicher Situation mit Sozialkontakten.

Typische Symptome: Herzrasen, Schwitzen, Errötung, Kurzatmigkeit,
Harn- u. Stuhldrang, kippt plötzlich um, vermeidet öffentliche Treffen

Patienten sind besonders empfindlich gegenüber Kritik, negativer Bewertung oder Zurückweisung, haben hohe Defizite in sozial kompetenten Verhalten, starke Selbstkritik; sie
antizipieren hohe Beobachtung und Abwertung durch den Interaktions- oder Gesprächspartner

antizipieren = Verhaltens beeinflussende Vorwegnahme von Handlungsfolgen

› Spezifische Phobie
Kernmerkmal: deutliche Flucht vor einem bestimmten Objekt
z. B. Vögel, Insekten, Spinnen, große Höhen, Tunnel, Donner, Flugreisen,
kleine geschlossene Räume, Injektionen

Die Symptome sind an die gefürchtete Situation oder die Gedanken an diese beschränkt

Betroffen: z. B. Managertyp (nach außen meistens stark, dominant, selbstbewusst erscheinend, innerliche Ängste → Flugangst)

› Panikstörung
Kernmerkmal: wiederholt auftretende Panikattacken in unspezifischen Situationen oder unter unspezifischen Umständen (wichtig: nicht durch Vermeidungsverhalten zu kontrollieren)

Abrupter Beginn
Dauer zwischen wenigen Minuten und 2 Stunden (Mittelwert: 30 min.) Patienten schildern oft lebensbedrohliche Anfälle Teils langes symptomfreies Intervall;
ausgeprägte Erwartungsangst
Extremes Gefühl unmittelbarer vitaler Bedrohung (häufige Notarztkontakte)

Symptome: Schweißigkeit, Starre, Steifigkeit, „Herzattacke“, Ohnmachtsanfälle, Desorientiertheit

Generalisierte Angststörung (GAS) (lang anhaltende, ausgeweitet Angst)
Kernmerkmal: starkes und anhaltendes Erleben von Angst und Sorgen
Nicht an spezifische Situationen gebunden, keine panikartigen Anfälle;
die ganze Welt erscheint bedrohlich.
„Was wäre wenn …“
ausgeprägtes Grübeln, permanente psychische Anspannung,
Unkontrollierbarkeit der Sorgen u. Gedanken.

Charakteristisch: hohe motorische Anspannung
erhöhte Vigilanz (Wachsamkeit)
vegetative Übererregtheit
„Angsthase“ (hypernervös, lauernd, angespannt)
(große Ähnlichkeit zur Dysthymia u. zur ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung)

Ich kann bei Chronifizierung in eine paranoide Störung übergehen!

› Pathogenese der Angststörung

Verursachende Bedingungen:
Erhöhte Vulnerabilität (z. B. genetische Faktoren für allgemein erhöhte Ängstlichkeit
oder verringerte Fähigkeit zur Habituation).
„biological preparedness“ für bestimmte Angststimuli
Lern – u. Erziehungseinflüsse (overprotektion, angst induzierender Erziehungsstil,
instabile familiäre Verhältnisse, Modell – Lernen, stellvertretendes Lernen)
Persönlichkeitsfaktoren (ängstlich – vermeidend, dependent)

– hormonelle Störungen (Schilddrüsenüber-/Unterfunktion)
– Störungen im Serotoninstoffwechsel (im Stammhirn – limbisches System)

› auslösende Faktoren:
traumatische Lernerfahrungen mit Angststimuli (klassisches Konditionieren)
akute u. chronische Überforderung / Stress
körperliche Erkrankungen (z. B. hormonelle Schwankungen) Herzerkrankungen
Konflikt-, Entscheidungs-, Ambivalenz Situationen, Trennungserlebnisse
Drogeneinflüsse (Koffein, Nikotin, Cannabis, stimulierende Drogen)

› aufrechterhaltende Faktoren:
Vermeidungsverhalten
ungünstiger Umgang mit Angstreaktionen (Selbstbeobachtung, Erwartungsängste,
kognitive Verzerrungen)
Entmutigung durch fehlende Angstkontrolle
interaktionelle Funktionen (Gewinn von Aufmerksamkeit, Krankheitsstatus)
Eigendynamik der (chronischen) Symptomatik

Freund 1926: (2. Angsttheorie; Traumata im Mittelpunkt neben konstitutionellen, biologischen Gründen)

„Die Angst ist die ursprüngliche Reaktion auf die Hilflosigkeit im Trauma,
die dann später in der Gefahrensituation als Hilfssignal produziert wird.“

„Die Angst ist einerseits Erwartung des Traumas, andererseits eine gemilderte
Wiederholung desselben“

Therapie von Angststörungen (Skizze)
Psychotherapeutische Basisbehandlung („clinical Management“)
Entwicklung einer vertrauensvollen Beziehung
Aufklärung
Psychoedukation
Entscheidung über die bestmögliche Behandlung mit dem
Patienten zusammen treffen; Ermutigung u. Motivationsförderung

u. a. stationäre Verhaltenstherapie (VT) u. Expositionsmaßnahmen.

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