Autor/in: Rainer Frühsammer

Einsatz Ambulante Pflege Seite 2

Patientenbeschreibung Nr. 4
Herr S.

Herr S. ist ein 93 jähriger Herr. Er lebt alleine in seiner Villa in der Oststadt. Er ist eine angesehnen und bekannte Persönlichkeit in Mannheim. Beruflich war er als Zigarettenfabrikant tätig und hat diese vor Jahren seinem Sohn zu 50% überschrieben. Er selbst führt noch immer die Geschäfte von seinem Wohnzimmer aus mit.
Herr S. ist bis auf körperliche Bewegungseinschränkungen fit und aktiv. Seinen gesellschaftlichen Verpflichtungen kommt er nach.

Die Aufgaben der Sozialstation beschränken sich auf 3 mal wöchentliches Duschen.

Zur hauswirtschaftlichen Unterstützung hat er eine junge Frau, Monika, eingestellt, die ihn vom Frühstück an bis zum Abend zur Verfügung steht. Ihre Aufgaben bestehen darin, ihn zu verköstigen, seine Aktivitäten zu unterstützen und ihn zu begleiten. Sie hat ein sehr enges und vertrauensvolles Verhältnis zu ihm. Bei Entscheidungen wird sie voll miteingebunden.
Zur Säuberung der Wohnung steht weiteres Personal zur Verfügung.

Herr S. besuchte ich zum erstem mal am 26. Juli. Im Vorfeld wurde er von einem Zivildienstleistenden geduscht.
Monika hat mich in der Halle empfangen. Bereits bei der Begrüßung merkte ich, dass sie sehr abweisend und kühl reagierte. Ich war auf das schlimmste gefasst. Sie führte mich zu Herr S. der noch im Bett lag. Noch nie habe ich soviel Prunk um mich herum gesehen, was mich nervös machte.
Monika zeigte mit das angrenzende Bad. Dieses Handtuch für die Füße, dieses für die Beine, dieses für die Haare, dieses fürs Gesicht und und und.. Diese Duschgel für die Füße, dieses fürs Gesicht, dieses für den Rücken und und und… Diese Salbe…..,
Hier ist das Hemd, eine Unterhose, eine Bambershöschen, diese Socken,…. Was sie mir in den 5 Minuten erzählt hat, hätte ich mir um Himmelswillen nie merken können.
Es ging um Herr S., der immer noch im Bett lag und das über sich ergehen lassen musste. Ich spürte, dass es ihm sehr unangenehm war, wie sie so die Anweisungen gegeben hat.
Ich sprach Herr S. direkt an: „Ich glaube wir kommen ganz gut zurecht miteinander. Sagen Sie mir wie Sie es gerne hätten und ich werde mich auf Sie einstellen“. Das Herr S. gefallen, dass er mit einbezogen wurde.
Ich half ihm aus dem Bett und begleitete ihn zur Toilette und anschließend in die Dusche.
Noch nie hatte ich vorher das Gefühl, dass das erlernte schulische Duschen nicht nur eine hygienische Bedeutung hat sondern eine Methode der Entspannung und des Wohlbefinden bedeutet. Herr S. genoss es erst langsam die Beine, dann die Arme, Bauch und Rücken von unten nach oben abgeduscht zu bekommen. Eine befreundete Friseurin zeigte mir vor Wochen ein paar Handgriffe und Handlungen beim Haare waschen und frisieren. Ich wendete diese an. Herr S. war begeistert und lobte mich sehr, was mich natürlich freute.

Ich fragte ihn während der Pflege immer wieder ob alles in Ordnung ist und erklärte ihm, warum ich das auf diese Art und Weise mache. Mein Ziel war es, ihm meine Kompetenz zu zeigen.
Auf seine Ansprüche ging ich ein. Er wollte zum Beispiel, dass der Duschstuhl heiß abgeduscht wird, bevor er sich darauf setzt um in aufzuwärmen. Das kann ich natürlich nachvollziehen. Beim Waschen der Zehen wollte er den Fuß auf einen gewärmtem Waschlappen stellen. Diese Wünsche erfülle ich gerne wenn das das Wohlbefinden und die Zufriedenheit des Menschens bedeutet.
Bis her war er es gewohnt, dass jede Pflegemaßnahme voll und ganz durch den Pfleger übernommen wird. Für mich galt es in erster Linie seine Ressourcen zu nützen und ihn zur aktive Mithilfe anzuregen.

Als ich ihn fertig geduscht hatte, wollte er, noch nass, aus der Dusche raus und zum abtrocknen auf eine Sitzbank setzen. Bis er aus der Dusche draußen war und sich gesetzt hatte vergingen mehrere Minuten. Das hat mir nicht gefallen, da er zu lange nass war. Zum Glück war es ein heißer Tag.

Die Hautpflege hat er wiederum sichtlich genossen. Ich stimulierte seinen Kreislauf. Seine Zehen wollte er einzeln mit Bebanten Heilsalbe einmassiert haben.

Nach dem Anziehen begleitete ich ihn zum Frühstücksraum, wo ein herrschaftliches Frühstück, an einem Stil- und Gourmetgerechten Tisch auf ihn wartete.

Er erzählte Monika, wie gut ich ihn gepflegt hätte und wie groß die Unterschiede innerhalb der Pflege sein können.

Ich verabschiedete mich bei beiden per Handschlag und machte die Zeit für kommenden Montag aus.

55 Minuten war ich bei Herr S.

29. Juli 2002 7.45 Uhr
Monika war sehr freundlich. Sie erzählte mir, dass Herr S. das ganze Wochenende von mir gesprochen hat und jedem erzählt hat wie gut es ihm ging. Das erfüllte mich mit Freude. Herr S. lag noch im Bett hat aber schon gewartet bis ich komme.
Die Pflege führte ich durch wie beim letzten mal, jedoch überzeugte ich ihn, den Oberkörper und die Haare noch in der Dusche trocken zu machen um eine Erkältung vorzubeugen. Das war für ihn kein Problem, im Gegenteil.
Nach der Pflege begleitete ich ihn wieder zum Frühstücksraum. Er hatte Monika angewiesen für mich eine Erfrischung im Wohnzimmer einzudecken.
Auf einem silbernen Tablett lag eine Banane, daneben eine 3 zackige Obstgabel. In einem Kelchglas war Tee zubereite. Ich habe nichts gegessen, weil ich wirklich nicht wusste, wie ich eine Banane mit Gabel essen soll.

31. Juli. 2002 7.50 Uhr
Monika hat für Herr S. eine geschlossene Einlagenhöschen hergerichtet. Herr S. ist nicht inkontinent, hin und wieder treten ein paar Tröpfchen Urin aus. Da diese Höschen sehr warm sind und die Haut in der Leistengegend etwas gerötet war, habe ich ihm empfohlen eine normale Unterhose zu tragen. Ich habe ihm erklärt, dass es für seinen Fall, kleinere Einlagen gibt die bequem zu tragen sind. Ich habe ihm versprochen am Freitag welche mitzubringen.
Als Erfrischung waren heute getrocknete Pflaumen und Tee hergerichtet.

02. August 2002 7.50 Uhr
Einlagen habe ich mitgebracht und Herr S. vorgestellt. Ich habe ihm gezeigt wie die Einlage benutzt wird und ihn dann selbst das Einlegen ausführen lassen.
Beim Waschen und Eincremen der Zehen hat er heute Schmerzen. Die Zehenspitzen haben Druckstellen. Es kommt davon, dass sie nach unten zeigen, obwohl sie beweglich sind und keine Kontrakturen aufweisen. Er meint, dass daran seine Mutter schuld ist, denn sie hätte ihn immer in zu kleine Schuhe gezwängt.
Von einer anderen Patientin kenne ich eine Zehenunterlage, welche die Zehne in einer physiologischen Haltung stellt. Ich habe ihn vorgeschlagen solche Einlage für ihn zu besorgen. Im Sanitätshaus am Marktplatz habe ich welche gefunden. Preis 8,50 €.

05. August 2002 7.45 Uhr
Bew. kommt mit den Einlagen, Tena Lady, zurecht und findet es angenehmer diese zu tragen.
Monika ist für 3 Wochen in Urlaub und eine Vertretung, ehemalige Hauswirtschaftlerin die seine verstorbene Frau gepflegt hat, versorgt Herr S. solange.
Sie hatte zweierlei Strümpfe hergerichtet, was mir bei anziehen aufgefallen war. Eigentlich kein Problem. Herr S. sagte mir in welcher Kommode ich neue holen kann. Herr S. hat ihr dann freundlich gesagt, dass die Strümpfe verwechselt waren, damit sie die richtigen zusammenlegt. Dann sie fährt in einem frechen, bestimmenden und lauten Ton an. Ich wollte mich nicht einmischen. Herr S. hat selbst versucht die Angelegenheit zu klären, ihr gesagt, dass es kein Vorwurf sei, aber sie wurde immer frecher. „Ich kann sofort wieder gehen, ich muss nicht hier sein, ich bin nur wegen ihnen da. Ich bat sie die Diskussion zu beenden. „Herr S. weis ihre Arbeit sehr zu schätzen, er sagte mir während dem Duschen mir wie viel Aufopferung sie Frau S. gepflegt haben und dass sie eine gute Seele des Hauses immer noch sind. Sie wurde zwar ruhig, aber ich merkte dass gespannte Energie war. Mir tat Herr S. leid, dass ich ihn in dieser Situation alleine lassen musste.
Heute habe ich ihm zum ersten mal die Zehenunterlage angezogen. Habe ihn darauf hingewiesen, dass wenn er einen Druck verspüren sollte, diese auszuziehen soll.

07. August 2002 7.45 Uhr
Herr S. hat die Zeheneinlage gut getan. Er verspürt keine Druckschmerzen mehr.

09. August 2002 7.50 Uhr
Herr S. spricht mich mit Namen an. Er wiederholt öfters, dass er mit meiner Pflege sehr zufrieden ist und mich bewundert, dass ich ihn mit soviel Liebe versorge. Er hat mir eine Flache Wein herrichten lassen. Er hat darauf bestanden, dass ich sie mitnehme. Aber ich verzichte prinzipiell auf Geschenke. Ich mache meinen Beruf aus eigener Überzeugung und möchte jeden Menschen gleich behandeln, egal wie vermögend einer ist oder ob er Gehschenke geben kann oder nicht. Das habe ich im Heim bei allen Angehörigen und Bewohner, sowie jetzt in der Sozialstation, erklärt und so gehalten. Ich finde es gefährlich, denn wenn jemand auf Incentives anspricht, wird er immer vorrangig die Patienten oder Bewohner aus Berechenbarkeit bevorzugt behandeln.

12. August 2002 7.40 Uhr
Herr S. hat mir erzählt, dass er sich mehrmals in der Woche bei „Grün-Weiss“ zum Schachspielen trifft. Gestern hätte er sich nicht auf das Spiel konzentrieren können. Er wollte wissen ob er nun sein Gedächtnis verliert. Ich antwortete ihm, dass jede Konzentration auch Tagesformabhängig ist und auch wir Jungen darunter hin und wieder betroffen sind. Er fragte mich was ich dagegen bei mir tue. Ich nehme eine entspannendes Bad mit einem ätherischen Pfefferminzöl oder wasche mich damit. Ich erzählte ihm davon, dass ich eine Bewohnerin im Heim mehrere Wochen täglich mit Pfefferminzöl gewaschen habe. Ihr hat es gut getan und eine sichtbare Veränderung herbeigeführt.
Er hat mich gebeten, ihm so ein Öl zu besorgen.


14. August 2002 7.50 Uhr
heute habe ich Herr S. erstmals eine kleine Hautpartie mit Pfefferminzöl behandelt um die Verträglichkeit zu testen. Er hat den Duft für ein bisschen stechend, aber für sehr angenehm empfunden. Sollte es keine Hautirritationen geben, werde ich ihm am Freitag damit duschen.

16. August 2002 7.45 Uhr
Herr S. hatte keine Hautirritationen. Er sagte sogar, dass sein Bad sehr frisch gerochen hätte. Er bat mich, heute das Öl einzusetzen. Später hat er seiner Hauswirtschafterin von diesem Erlebnis erzählt. Er nannte das Duschen wirklich ein Erlebnis. So etwas erfüllt mich mit Freude.

23. August 2002 7.45 Uhr
Herr S. fühlt sich sehr wohl. Er glaubt fest daran, dass ihm das Pfefferminzöl gut tut.
Ich habe ihm erst heute gesagt, dass es mein letzter Besuch ist und mein Praktikumeinsatz mit dem heutigen Tag endet. Dies habe ich gemacht, damit er nicht wieder mit einem Geschenk auffährt. Herr S. war sichtlich bestützt. Er wollte in der Sozialstation anrufen und dafür sorgen, dass ich weiterhin zu ihm kommen kann. Ich habe ihm erklärt, dass ich im Rahmen meiner Ausbildung diesen Einsatz absolvierte und nun wieder im Heim tätig sein werde. Er bot mir an, dass ich ihn in meiner Freizeit versorge und er mich dafür bezahlen will. Dies habe ich abgelehnt und darauf hingewiesen, dass ich das nicht darf und auch nicht möchte.

Neue Erfahrungen

  • Varikosis
  • z.n. TEP-Knie
  • ausgeprägte periphere Ödeme
  • Varikosos bds.
  • Macularödem
  • Kompressionsverbände in Ärenform anlegen
  • s.c. – Injektionen zu spritzen
  • Wundverbände anzulegen
  • Anus Präter
  • Wundbehandlung einer Unterschenkelamputation
  • Reinigung und Einkleben einer Kehlkopfprothese
  • Verschiedene Methoden beim Anziehen von Kompressionsstrümpfe
  • Richten von Medikamenten
  • Neue Medikamente
  • Durogesic TTS – Pflaster

Resümee

Am liebsten hätte ich noch mehr Patienten in meinem Bericht aufgeführt. Ich weiß, dass die Vorgabe 2 Patienten zu beschreiben ist. Ich fand jedoch die beschriebenen Patienten so interessant um mein Bild über die Unterschiedlichkeit des Einsatzes zu verdeutlichen. Täglich nach Dienstende habe ich an dem Bericht gearbeitet, so konnte ich sehr Praxisnah dokumentieren und das Erstellen ist mir leichter gefallen.

Bereits im Bericht habe ich meine Gefühle, Erfahrungen und Meinungen geschrieben. Auch darüber ob ich später im Heim oder in einer Sozialstation arbeiten werde. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die lange Zeit vorausplanen. Eher lasse ich mich, vielleicht auch manchmal zu sehr, von meinen Gefühlen und Emotionen leiten. Aber eins weiß ich genau: Ich erlerne den Beruf nicht nur für mich sondern für die Menschen die mir anvertraut werden und sich auf mich verlassen müssen. Was wäre ein Leben im Pflegeheim, wenn sich jeder Pfleger/in nach deren Ausbildung einen leichten Weg einschlagen würde.
Ein leichterer Weg wäre sicherlich die Arbeit in einer Sozialstation.

Ich denke eher, dass ich mich weiterhin im Heim engagieren werde und versuchen werde eine Position zu erreichen um selbst Entscheidungen treffen zu können.

Vor einem halben Jahr habe ich angefangen ein Buch zu schreiben. Ich habe viel recherchiert, aber nach meinen Recherchen nicht weiter gemacht. Der Titel des Buches soll heißen: „ Im Namen des Volkes – Sie sind alt-!“ Über den Inhalt des Buches möchte ich noch nichts schreiben, aber wenn Sie wollen kann ich Ihnen persönlich davon berichten, was ich gerne tun würde um Ihre Meinung dazu zu hören.
Durch den Einsatz in der Sozialstation sind mir soviel Unregelmäßigkeiten von Seiten der Angehörigen, Politik, Kranken- und Pflegekassen aufgefallen, dass ich nun wieder aktiv daran arbeite.

Beispiel:
Die PDL musste Anfang des Jahres eine Pflegevisite vornehmen. Eine Tochter betreut ihre Mutter. Diese lag seit mehreren Wochen in einem total abgedunkelten Zimmer. Die Rollläden wurden nie hochgezogen. Die Frau ertränkt in ihrem eigenen Urin. Erst gegen 13.00 Uhr kommt jemand in Ihr Zimmer um ihr ein Frühstück zu bringen. Die Tochter wohnt in der selben Wohnung und geht nicht arbeiten. Bei einer Gerichtsverhandlung wurde der Tochter nicht einmal die Betreuung abgenommen. Das einzigste war, dass kein Pflegegeld mehr bezahlt wird. Was soll das? Geht es um einen Menschen der dringend Hilfe braucht oder um Geld das eingespart werden kann?

Ich bin dankbar über den Einsatz in der Sozialstation. Ich wurde in einer Sache sensibilisiert die ich für mich als Wichtig ansehe Abhilfe zu schaffen.
Ich konnte im medizinischen und behandlungspflegerischen Bereich viel neues und interessantes dazulernen.
Meine Befürchtungen vor dem Einsatz sind nicht eingetroffen.
Die Sozialstation hat sich sehr viel Mühe gegeben, mich fair und pflichtbewusst zu behandeln. Eine Station die ihrer Aufgabe gegenüber Schüler gerecht wird und selbst bestrebt ist Nachfolger auszubilden.

Was mir nicht gefallen hat. Die ganzen Angestellten reden von Windeln und Bambers, auch gegenüber den Patienten und in der Dokumentation. Ich hatte das Thema bei einer Teambesprechung angeschnitten und darauf hingewiesen, dass dieser Ausdruck einen psychischen Druck auf Patienten ausüben kann. Sie zeigten zwar ein lächelndes Verständnis, aber geändert hat sich nichts.

Man trifft immer wieder auf Pflegende, gleich ob Professionell oder Angehörige, die den Menschen als Sache sehen und auch so behandeln. Ich finde, dass das in der häuslichen Pflege noch ausgeprägter ist als bei der Stationären. Diese Art von Behandlung strahlt keinerlei Würde und Achtung gegenüber den Bedürftigen aus. Diktieren, Delegieren und Kommandieren sind deren Ungangsmethoden und meist glauben Diese, dass sie die besten Angehörigen und Pflegende sind.

Mannheim, 23. August 02


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