Autor/in: Rainer Frühsammer

Touren- Besuchs- und Zeitrhythmus

Touren- Besuchs- und Zeitrhythmus

Patientenbeschreibung Nr. 1 Frau R.

Frau R., 71 Jahre, lebt gemeinsam mit ihrem Ehemann in einer 3 Zimmerwohnung im Stadtteil Neuostheim. Die Wohnung ist sehr dunkel, dazu noch mit dunklen Tapeten und Eichemöbel ausgestattet.
Das Ehepaar harmonisiert sehr gut zusammen. Herr R. ist noch berufstätig und Frau R. kümmert sich um die Arbeiten im Haus und Küche.
Frau R. leidet seit dem Frühjahr 2001an Ulcus cruris an beiden Unterschenkel. Nachdem ein Ulcus abgeheilt war, entstand gleich darauf ein weiterer.
Die Patientin beschreibt die Wunde als Schmerzfrei, nur hin und wieder ein leichtes jucken.

Wundanamnese 03.07.02 11.30 Uhr.
Der Ulcus cruris am rechten Unterschenkel, unterhalb des Knöchels, (siehe Foto Nr.1) hat eine Größe von ca. 6×4 cm. und eine Tiefe von 8 – 10 mm.. Die Wunde richt sehr, der Geruch ähnelt verfaultem Fleisch und nässt.
Der Ulcus cruris am linken Unterschenkel (siehe Foto Nr.2) hat eine Größe von ca. 2×1 cm und hat eine Tiefe von 1 mm.. Diese Wunde richt und nässt nicht.

Weitere Symptome:
Müdigkeit im linken Bein nach Belastung
Bew. fühlt sich seit Ulcuserkrankung Schlapp und Schwach.
Bewohnerin nimmt Marcumar ein.

Ärztl. Behandlungsverordnung:
Montag – Mittwoch – Freitag Verbandswechsel
Auf die Wunde kommt Cutinova cavity (Fa. Beiersdorf) diese wird mit einer Kompresse abgepolstert und verbunden.
Anschließend das Bein mit einem Kompressionsverband gewickelt.

Ungewöhnlich fand ich, dass die Wunde nicht gereinigt wird. Vom Heim weiß ich, dass Bewohner mit Ulcus cruris täglich ein Beinbad mit Kaliumlösung zur Wundreinigung erhielten und erst dann wurde der Wundverband angelegt. Ich habe mich mit Schwester Waltraud aus dem Heim in Verbindung gesetzt und sie um Rat gefragt. Sie bestätigte meine Theorie. Darauf hin habe ich mit meiner Mentorin der Sozialstation gesprochen und mit ihr den Arzt angerufen und ihm die momentane Wundbeschreibung und meine Erfahrungen aus dem Heim mitzuteilen. Der Arzt war kompromissbereit, verschrieb Kaliumpermanganat und verordnete vor dem Verbandswechsel, der nach wie vor nur 3x wöchentlich gemacht werden soll, ein Beinbad von ca. 10 min.
Darauf hin wurde die Patientin informiert, dass beim Arzt ein Rezept abzuholen ist.

05.07.02 11.00 Uhr
Frau R. hat heute erstmals ein Fußbad gemacht und bis zu unserem Kommen die Wunde offen gelassen und die Füße hochgelagert.
Sie fühlt sich wohl und das Fußbad empfand sie als sehr angenehm und wohltuend.
Die Wunde richt nicht mehr. Neuen Wundverband angelegt.
Frau R empfohlen, vor dem nächsten Verbandswechsel am kommenden Montag das Fußbad zu wiederholen.

08.07.02 11.15 Uhr
Heute hat Frau R zum wiederholten mal das Fußbad gemacht. Die Wunde richt nicht mehr. Sichtliche Veränderungen sind noch keine feststellbar. Patientin fühlt sich jedoch besser und hat das Gefühl, dass die Fußbäder eine Verbesserung der Wundheilung darstellen. Morgen hat sie einen Termin beim Arzt.

10.07.02 12.00 Uhr

Der Arzt ist mit der Wundheilung zufrieden. Die Behandlung soll wie bisher weitergeführt werden.

15.07.02 12.00 Uhr
Pat. hat Schmerzen am Fuß. Sie fragt ob sie Schmerztabletten einnehmen darf. Ich habe sie an ihren Arzt verwiesen, dieses mit ihm abzusprechen. Meine Mentorin erzählte mir später, dass bei Marcumar-patienten meist keine Schmerzmittel verschrieben werden, da bei eventuell auftretende Magenblutungen der Patient verbluten kann.

22.07.02 12.00 Uhr
Ulcus am rechten Bein bildet eine weiße Schicht. Hin und wieder verspürt sie ein Jucken in der Wunde. Der Arzt diagnostiziert eine Wundheilung.
Der Ulcus am linken Bein schmerzt nach wie vor. Eine Veränderung der Wunde ist nicht zu erkennen.

28.07.02 12.10 Uhr
Pat. ist psychisch angeschlagen. Sie äußerte lieber bald zu sterben, als weiterhin mit der Erkrankung zu leben. Sie hat nachts starke Schmerzen. Auch der Quicktest den sie morgens machen lassen musste hatte kein gutes Ergebnis. Wert 15.
Alles das zusammen drückt ihr auf die Psyche.

02.08.02 11.50 Uhr
Patientin geht am Dienstag zu ihrem Hausarzt. Sie will mit Ihm über die seit Tagen auftretenden nächtlichen Schmerzen reden. Habe ihr empfohlen, bei der Hautklinik vorstellig zu werden. Viele Patienten haben mir in den letzten Wochen erzählt, dass diese Ärzte heilende Therapien kennen und einsetzten.

14.08.02 11.55 Uhr
Der Ulcus am rechten Bein hat eine weiße Granulatschicht gebildet. Der Arzt hat der Pat. erklärt, dass dies ein wichtiger Folgeschritt der Heilung ist. Die Wunde ist etwas herausgewachsen und hat noch eine Tiefe von ca. 8 – 10 mm. Der Wundrand ist verhärtet und schmerzt hauptsächlich Nachts.
Der Ulcus am linken Bein hat sich nicht verändert.

Der Arzt ist von seiner verordneten Therapie überzeugt. Ich habe Frau R. Unterlagen über die Verwendung von Nu-Gel mitgegeben, aber es sieht keine Veranlassung die Behandlungsmethode umzustellen.

21.08.02 12.10 Uhr
die Wunde hat sich seit letzter Woche nicht verändert. Habe mich von Pat. verabschiedet und mich bedankt, dass ich die Behandlung begleiten durchführen durfte.

Patientenbeschreibung Nr. 2
Herr W.

Herrn W. kenne ich aus dem Richard Böttger Heim. Anfang Mai hat er das Heim verlassen und ist in seine 2-Zimmer Wohnung in die Schwetzingervorstadt zurückgezogen. Herr W. ist 63 Jahre alt.
Er hat mir erzählt, dass er vor 18 Monaten von einem Auto angefahren wurde, und dabei am Gesäß schwere Verletzungen erlitt. Seine Gehfähigkeit ist seitdem eingeschränkt. Anfangs konnte er nicht mehr selbständig gehen und war auf den Rollstuhl angewiesen. Durch KG-Anwendungen hat er das Laufen wieder erlernt, ist jedoch auf Rollator oder Gehstock angewiesen.
An Beiden Gesäßbacken sind offene Wunden mit einem Durchmesser von ca. 7 – 8 cm. (siehe Foto)

Foto 1 (rechts)Foto 2 (links)
Hier Steht ein Foto
Hier Steht ein Foto

Laut ärztlicher Verordnung müssen diese Wunden täglich versorgt werden.

Wunde werden mit Ringerlösung gespült.
Ein Kompressionskissen wird mit Kochsalzlösung getränkt und nach dem die Wunde mit Betaisodonasalbe behandelt wurde so steril wie möglich darauf gelegt. Mit einer Kompresse abgedeckt und abgeklebt.

Den Pat. habe ich nur 4 mal besucht. Beim ersten Besuch beobachtete und assistierte ich die Behandlung. Bei den weiteren Besuchen führte ich die Behandlung unter Beobachtung und Assistenz meiner Mentorin aus. Diese Wundbehandlung war für mich eine Herausforderung. Es hat mir Spass gemacht diese zur Zufriedenheit des Pat. und meiner Mentorin durchzuführen. Leider wurde Herr W. auf eine andere Tour verlegt.


Patientenbeschreibung Nr. 3
Frau H.

Frau H. lebt gemeinsam mit ihrem Ehemann in einer exklusiven 5-Zimmerwohnung am Neckarufer in Neuostheim. Das Zweifamilienhaus ist Eigentum. Im Erdgeschoss wohnt ihr Sohn, der als Arzt in Hockenheim eine eigene Praxis unterhält.
Frau H. ist 92 Jahre alt.
Sie ist an Alzheimer erkrankt, befindet sich im 1. Stadium und kann sich nicht mehr selbst waschen oder duschen. Der Ehemann versorgt sich zwar noch selbst, jedoch mit großen Einschränkungen. Zweimal wöchentlich kommt eine Haushaltshilfe die versucht die Unordnung die Herrschaften machen einigermaßen wieder aufzuräumen.
Herr und Frau H. haben die Tendenz ihre Kleiderschränke auszuräumen und die Kleidung in der ganzen Wohnung zu verteilen. Es kommt nicht selten vor, dass man Unterhosen im Kühlfach findet.
Beide sind sehr freundliche, liebenswerte und höfliche Persönlichkeiten. Bei meiner Vorstellung haben sie mich mit ihrem Enkel Sebastian verwechselt, dem ich wohl stark ähnlich sehe. Ich habe die Verwechslung aufgeklärt und mich vorgestellt was sie verstanden haben, jedoch sahen sie in mir lieber ihren Enkel.

Frau H. ist Urininkontinent, akzeptiert aber keinerlei Einlagen.
Sie wird täglich geduscht und angezogen.
Bis man die Kleidung und Handtücher zur Durchführung der Maßnahme zusammengefunden hat, verbringt man oft 10 min.

03. Juli 2002
heute war ich erstmals alleine bei Frau H. Als ich hereinkam wurde ich recht herzlich begrüßt. „Na Sebastian schön dass Sie wieder kommen.“ Ich dachte mir es so zu akzeptieren, denn wenn er „Sie“ zu mir sagt, weiß er auch wer ich bin. Als ich dann die Maßnahme an Frau H. durchgeführt hatte und sie in die Küche begleitete, saß die Schwiegertochter, die Mutter von Sebastian, da. Ich merkte, dass ihr etwas nicht gefällt und versuchte nach einer freundlichen Begrüßung von mir, ein Gespräch anzufangen um ihre Stimmungslage besser einschätzen zu können. Was liegt näher als ein Kompliment über die schöne gepflegte Gartenanlage zu machen. Sie antwortete darauf:
„Ich wusste gar nicht, dass Männer auf der Sozialstation arbeiten!“
„Ist das für Sie ein Problem, wenn ja werde ich dies mit der PDL besprechen und wir werden die Einteilung verändern.“ Antwortete ich überfreundlich darauf. Herr H. griff ins Gespräch ein: “Er ist so nett und freundlich und sieht unserem Sebastian ähnlich. Sie dürfen weiterhin kommen.
Frau H. jun. schaute mich an und meinte, dass ich viel Ähnlichkeit mit Sebastian hätte und wenn es ihre Schwiegereltern so wünschen können Sie gerne weiterhin kommen.

04. Juli 2002
Familie H. erwarteten mich schon. Vor der Türe stand ein Paket für sie, was ich ihnen mit hochbrachte. Sie bedankten sich bestimmt 20 mal, dass ich es mitgebracht habe.
Als ich wieder ging, traf ich im Hof die Schwiegertochter. Sie war sehr freundlich und hat erzählt. Ich merkte, dass sie mich als Pfleger akzeptiert.

05. Juli 2002
nach langem Suchen konnte ich nirgends eine Unterhose für Frau H. finden. Ich wollte ihr aus hygienischen Gründen keine Gebrauchte anziehen, aber gar keine anziehen wollte ich erst recht nicht. Es blieb mir nichts anderes, als eine frische Unterhose ihres Mannes zu nehmen, die ich mit eine Tena-Lady ausgepolstert habe. Ich klärte Frau H. auf und sie war damit einverstanden. Diese Maßnahme habe ich dokumentiert und meiner Mentorin erzählt. Sie war mit der Handlung einverstanden.

08. Juli 2002
der Kontakt zu den Eheleuten hat sich stark gefestigt. Sie hatten mich übers Wochenende vermisst.
Die Schwiegertochter berichtete mir, dass Frau H. hat die Tena Lady am Freitag in der Hose lies. Es ist für mich ein Ziel, Frau H. zum Tragen für eine Einlage zu motivieren, damit Sie uneingeschränkt am Leben teilnehmen kann.

10 Juli 2001
Frau H. lässt die Tena nicht in der Hose. Sie ist daher sehr stark eingenässt. Sie nässt auch jede Nacht ins Bett ein und bleibt bis in der Früh darin liegen. Habe vom Heim ein Muster einer Tena-Plus Einlage und einer Netzhose, nach Absprache mit Schwester Waltraut, besorgt und es der Schwiegertochter vorgestellt. Auf jeden Fall sollte nochmals vor dem Schlafengehen, Frau H. mit einer neue Einlage versorgt werden.

13. Juli 2002
Patientin wäre tagsüber trocken, geht zur Toilette und zieht die Tena wieder hoch. Da sie am Abend nicht versorgt wird, hat das Einnässen im Bett noch nicht aufgehört.
Habe Schwiegertochter gebeten doch zu überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre die Sozialstation auch Abends kommen zu lassen. Sie wird das mit Ihrem Mann besprechen und bei Interesse mit der PDL in Verbindung setzten.

14. Juli 2002
Herr H. war an diesem Tag sehr schwindlig und hatte in der Hüftgegend starke Schmerzen. Der Sohn wohnt im Haus und ist Arzt. Habe vom Bewohner aus versucht bei ihm anzurufen, aber keiner hat abgenommen. Bin dann runter an die Klingel und der Mutter der Schwiegertochter, die auf Besuch da ist, bescheid gesagt. Sie hat es sofort ausgerichtet, aber der Sohn wollte erst später nach seinem Vater schauen.

22. Juli 2002
fast täglich liegt Frau H. noch im Bett wann ich komme, obgleich es schon meist 11.00 Uhr durch ist. Das Bett ist eingenässt und die Patientin liegt meist ohne Hose darin. Ich finde es eine Zumutung der Patientin gegenüber, sie so zu vernachlässigen.
Habe ein erneutes mal ihren Ehemann und die Schwiegertochter darauf angesprochen und ihnen die Vorteile einer zusätzlichen abendlichen Pflege erläutert.
– Toilettengang: Patientin kann ausscheiden, Selbständigkeit
– Intimpflege: Wohlbefinden, intakte Haut
– Einlage einsetzten: Frau H. kann durchschlafen, weniger Bettwäsche
Sie haben der zusätzlichen Pflege zugestimmt. Erstmals ab 23. 07. soll die Spätschicht Frau H. nochmals versorgen.
Auf der Station mitgeteilt. Ein neuer Vertrag wird geschrieben.
Pflegeplanung ist nicht mehr aktuell. Habe heute Nachmittag eine Neue erstellt.

29 Juli 2002
Die Versorgung morgens und abends hat eine Verbesserung gebracht. Es passiert immer noch, dass sie über Nacht die Einlage auszieht, jedoch nur noch einmal wöchentlich.
Durch das, dass der Spätschicht erst um 20.00 Uhr die Patientin versorgt, kann sie vorher nochmals ausscheiden und schläft meist durch.

01. August 2002
Der Sohn fährt mit Familie vom 14 – 30 August in Urlaub. Die Senioren wären alleine. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, dass die Herrschaften sich nicht alleine versorgen können und nicht alleine bleiben können.
Habe im Heim nachgefragt ob für Kurzeitpflege ein Platz da ist. Natürlich nicht.
Mit PDL die Situation besprochen, dass sie Kontakt aufnimmt und eine Lösung findet.

08. August 2002
Frau H. wirkt immer sehr müde. Obwohl ich sehr viel mit ihr rede kommt von ihr wenig zurück. Heute sagte ich zu ihr, dass sie eine hübsche Frau ist. Darauf hin hat sie mich über die Wangen gestreichelt und gelacht.
Für ihr hohes Alter ist sie wirklich eine hübsche Frau mit einer starken Ausstrahlung.

14. August 2002
Heute ist der Sohn mit seiner Familie in Urlaub gefahren. Ich fühle mich nicht gut, dass die Senioren jetzt alleine den ganzen Tag alleine sind. Ich habe Herr H. meine Telefonnummern aufgeschrieben, dass er mich anrufen kann, wenn er etwas braucht. Er hat mir versprochen, davon gebrauch zu machen. Dies beruhigt mich.
Am Abend habe ich noch mal angerufen, ob alles in Ordnung ist.

16. August 2002
Es läuft alles in bester Ordnung. Herr H. fährt mit seinem Auto einkaufen und richtet das Frühstück für seine Frau. Ich habe die Schmutzwäsche in die Waschmaschine gesteckt und laufen lassen. Herr H. wird dann die Wäsche aufhängen.
Nachmittags bin ich nochmals vorbeigefahren und habe nach dem Ehepaar geschaut. Herr H. hatte wirklich die Wäsche aufgehängt.

21. August 2002
Das Ehepaar kommt gut alleine zurecht. Nach wie vor stecke ich die Schmutzwäsche in die Waschmaschine und schüttle ihre Betten auf. Ich habe mich angeboten mit ihnen am Nachmittag einen Ausflug in Luisenpark zu machen, aber er hat keine Lust.

23. August 2002
Es fiel mir schwer mich von ihnen zu verabschieden. Die ganzen acht Wochen war ich täglich bei Ihnen. Sie haben mir sehr viel Vertrauen entgegen gebracht. Herr H. sprach mich mit Namen an und erzählte mir viel aus seinem Leben. Frau H. hätte ich gerne weiterhin gepflegt. Durch die Kommunikation die ich in der Valitadion gelernt habe, ist es mir gelungen, dass sie eine Vertrauensverhältnis zu mir aufgebaut hat. Für das Paar wünsche ich mir, dass sie so lange wie möglich zusammen in ihrer vertrauten Umgebung sein können.
Ich habe Herr H. versprochen, mich die nächsten Tage bis zur Rückkehr seines Sohnes täglich zu melden, was ich auch getan habe.

 

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