Autor/in: Simone Häußer

Verwirrt?

„Weißt du das wirklich nicht mehr?“  Fragt jemand mich ungläubig, dass du mit diesem oder jenem da oder dort warst?
„Nein, ich weiß nichts dergleichen; die Tür zum damals, dahinter es verborgen sein muss, ist hermetisch verschlossen – ich bekomme es keinen Fingerbreit mehr auf. Manchmal ängstigt mich das sehr!“

Inhaltsverzeichnis
  • Allgemeine Definitionen
  • Allgemeine Ursachen von Verwirrtheitszuständen
  • Veränderungen im Alter
  • Typisches Ursachen Beispiel eines Verwirrtheitszustandes …
  • Akute Verwirrtheitszustände
  • Periodische Verwirrtheitszustände
  • Chronische Verwirrtheitszustände
  • Pflege von Verwirrten


Allgemeine Definitionen

Be-wusst-sein → das Wissen des Menschen von sich selbst und der Welt; die Fähigkeit des Ich, den eigenen Zustand und das Erlebte zu kontrollieren. Ist die Besinnung, der Wachzustand, die Gewissheit und die Überzeugung.
Störung → Schaden, Defekt
Ver-wirrt-heit → ein Synonym wäre Verworrenheit, es ist der Verlust der

Orientierung und einem Durcheinander der Denkvorstellungen, der Mensch kommt allein nicht mehr zurecht, es ist also eine Bewusstseinsstörung in den Bereichen:

Desorientiertheit (Störung des normalen Selbst-, Raum und Zeitempfindens), Denkstörungen (verlangsamtes Denken, Wahnvorstellungen) und Gedächtnisstörungen.

Akut → Plötzlich auftretend, nicht lange bleibend, max. 6 Monate.
Periodisch → wiederkehrend, regelmäßig, aber immer wieder Abklang
Chronisch → langsam auftretend über Jahre oder Monate hinweg, dauerhaft.

Allgemeine Ursachen von Verwirrtheitszuständen

  • Soziale Ursachen
  • Psychische Ursachen
  • Iatrogene Ursachen (Medikamentennebenwirkung und –Vergiftung)
  • Vergiftungen (durch Alkohol oder Medikamenten, Abusus)
  • Entzugsbedingt (Alkohol, Drogen)
  • Medizinische Ursachen:

Allgemeinerkrankungen, wie z. B.:

  • Exsikkose,
  • Infektionserkrankungen
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • Stoffwechselerkrankungen
  • Mangelernährung

Hirnerkrankungen:

  • Infarkte
  • Blutungen
  • Infektionen
  • Tumoren

Veränderungen im Alter

  • Erstarrung, Festhalten am Gewohnten z. B. im Tageslauf oder am Ablauf einer Handlung: „Das habe ich schon immer so gemacht!“
  • Ablehnung von oft sinnvollen Veränderungen in der Umgebung, auch von neuen technischen Entwicklungen
  • Ungeduld und Intoleranz gegen sich und andere
  • Einengung der geistigen Interessen verstärkt durch zunehmende körperliche Probleme wie rasche Erschöpfbarkeit und Müdigkeit sowie Nachlassen der Konzentration
  • Überbetonung der eigenen Bedürfnisse, auf das körperliche Befinden konzentriert
  • Zuspitzung früher Charaktereigenschaften: Sparsamkeit kann übersteigende Ausmaße annehmen, Vorsicht kann zu übertriebener Ängstlichkeit führen.
  • Zusätzlich folgen Einschränkungen der Sinneswahrnehmung, hauptsächlich in den Bereichen des Hörens und Sehens.

Durch diese Veränderungen des alten Menschen wird oft vorzeitig die Pflegediagnose „Verwirrtheit“ gestellt, ohne den wirklichen Zustand und die Erkrankung des Betroffenen zu beachten. Deshalb ist eine sorgfältige Überprüfung und Klärung der Ursachen anzustreben. Kontrollen der Herz- und Kreislauffunktionen, der Sinnesorgane, des Wasserhaushaltes sind auch notwendig.

Typische Ursachen als Beispiel eines Verwirrtheitszustandes aus sozialen und intrapsychischen Konflikten

Umzug eines alten Menschen in ein Pflegeheim

Mit einem Heimumzug müssen sich alte Menschen:

  • An die neue Umgebung mit neuen Werten und Normen anpassen
  • Sich in die bestehende Personengruppe integrieren
  • Sich an die ungewohnte Beziehung zu professionellen Pflegekräften gewöhnen
  • Sich darauf einstellen, dass sich die Beziehung zu Freunden und Kindern verändert

In dieser Zeit der Eingewöhnung kommt es oft zu vermehrter Angst, der alte Mensch rutscht in ein Tief hinab, was oft von Verwirrtheitszuständen begleitet wird und einer anschließenden Depression. Bewältigt dieser Mensch diese Krise, schafft er sich anzupassen und sich neu zu organisieren, so wird er nur für einen kurzen Zeitraum verwirrt sein. Er wird es schaffen, diese Krise schneller zu überwinden, wenn:

  • Er freiwillig ins Pflegeheim eingezogen ist
  • Er sich nicht abgeschoben fühlt
  • Persönliche Dinge mitgebracht werden konnten
  • Individuelle Bedürfnisse und Intimität berücksichtigt werden
  • Es gelingt neue soziale Kontakte herzustellen

Zusätzlich kann das Pflegepersonal folgende Orientierungshilfen geben:

  • Zeitliche, wie z. B. Kalender, Uhren, Plan mit Essens- und Aktivitäts-Zeiten, Tag-Nacht-Rhythmus, Gespräche über Wetter
  • Örtliche z. B. neuen Bewohner/in rumführen und die Einrichtung zeigen
  • Persönliche: Bewohner/in stets mit Namen ansprechen, vor Betreten des Zimmers anklopfen, von Angehörigen Bilder aufhängen lassen.
  • Situative z. B. auf Signale achten, Geselligkeit fördern, deutlich sprechen, Informationen wohldosiert geben

Akute Verwirrtheitszustände

Auch Delir genannt, gehen mit Bewusstseinstrübungen, Unruhe, Wahrnehmungsstörungen (Sinnestäuschungen), Orientierungsstörungen, Gedächtnisstörungen, vegetative Zeichen (z. B. Tremor, Schwitzen), Störung im Tag – Nacht – Rhythmus, verlangsamte Aufmerksamkeit und evtl. Wahnideen einher.

Dauer: Stunden bis Tage, aber max. 6 Monate

Akute Verwirrungszustände sind grundsätzlich änderbar und voll rückbildungsfähig.

Sie sind bei körperlicher Ursache immer ein Notfall und es muss ein Arzt verständigt werden.

Ursachen:

Verwirrtheit als Reaktion:

  • Bedrohlich erlebte Krise (familiäre Konflikte)
  • Gewohnheitsänderungen (Heimeinzug, Verlegung)
  • Angst

Hirnfunktionsstörungen durch körperliche Ursachen:

  • Sauerstoffmangel bei Hirndurchblutungsstörungen
  • Stoffwechselstörungen (Mangelernährung (B12), Exsikkose)
  • Hormonstörungen (Schilddrüse)
  • Infektionen mit hohem Fieber
  • Hirnerkrankungen (Hirnhautentzündung)
  • Schwere Verletzungen oder Verbrennungen
  • Starke Schmerzen
  • Überdosis, Nebenwirkung oder Entzug von Medis und Alkohol

Symptome:

  • Bewusstseins- und Aufmerksamkeitsminderung
  • Prädir (Vorstadium, mit dem sich ein Delir ankündigt): Unruhe, Schlaflosigkeit, Zittern, Licht- und Lärmempfindlich
  • Räumliche und zeitliche Desorientierung
  • Motorische Unruhe: Weglaufen, Umtriebigkeit
  • Evtl. Halluzinationen
  • Misstrauen, evtl. Aggressivität
  • Erinnerungslücke nach Abklingen des Delirs
  • Vegetative Störungen: Zittern, Schwitzen

Komplikationen

  • Epileptische Anfälle
  • Hohes Fieber
  • Gefahr des Weglaufens
  • Sturzgefährdung

Therapie

  • Ursachen suchen und auslösende Erkrankung behandeln
  • Infusionen
  • Ausreichende Flüssigkeitszufuhr
  • Intensive Betreuung

Pflege

  • Bezugspflege
  • Berührung und Zuwendung geben, wenn geduldet
  • Prophylaxen
  • Ausreichende Flüssigkeitszufuhr, bilanzieren
  • Vitalwerte überwachen
  • Gewohnte, ruhige Umgebung
  • Strukturierter Tagesablauf
  • Auf Medikamentennebenwirkung achten
  • Pflege ähnlich wie bei Demenz

Periodische Verwirrtheitszustände

  • sie ist weder eine lang anhaltende noch kurz auftretende Verwirrtheit. Sie tritt immer wieder auf, ist wiederkehrend. Sie tritt ausschließlich bei psychischen Erkrankungen auf, die meist einen chronischen Verlauf haben.

Suchterkrankungen

Symptomatik:

  • Ständiges Verlangen nach dem „Suchtstoff“ z. B. Alkohol
  • verlorene Kontrollfähigkeit des Konsums, Abusus
  • Vernachlässigung anderer Interessen

Dies führt zu körperlichen (gelbe Bindehaut, Magenschmerzen …), psychischen (Gereiztheit, Angst …) und sozialen Symptomen (Vereinsamung, Verwahrlosung, sozialer Abstieg.). Es können weitere Störungen und Folgeschäden eintreten.

Ursache:

Psychische und Soziale:

  • Gefährdete Persönlichkeit z. B. Stärkung des Selbstwertgefühls
  • Gift, es können bestimmte Medikamente eine Sucht auslösen
  • Gesellschaft und Umfeld, Partnerverlust, Vereinsamung, Armut

Schizophrene Störungen

Werden eingeteilt in:

  • Paranoid-halluzinatorische Schizophrenie: häufigste Form mit Wahnvorstellungen und Halluzinationen
  • Katatone Schizophrenie: mit Antriebsstörungen und Minus-Symptomen
  • Hebephrene Schizophrenie: mit Affektstörungen
  • Schizophrenes Residuum: nach lang andauernden, chronischen Verlauf verbleibender Restzustand, mit ausgeprägter Minus-Symptomatik und wenig produktiven Symptomen.

Symptome:

Plus:

  • Psychotisches Erleben (Halluzinationen, Wahnbildung, leibliche Beeinflussungserlebnisse)
  • Starke affektive Erregung (Sinn und zweckloser Bewegungsdrang, katatoner Erregungszustand, psychomotorische und sprachliche Unruhe)
  • Ich-Störungen (Wahrnehmungen, Erinnerungen werden als von außen gesteuert erlebt)

Minus:

  • Verarmung von Gefühlen und Affekten (Gefühle wirken flach und leer, emotionale Ansprechbarkeit ist reduziert, Gefühlsverarmung wird negativ empfunden)
  • Störungen des Antriebes (Einfallsreichtum und Entschlusskraft reduziert, Antrieb ist nicht mehr zielgerichtet, Kontakt und Sprachverarmung)
  • Kontakt und Sprachverarmung führen zu sozialem Rückzug bis hin zur Isolation

Ursachen

  • Exogene (von außen verursachte) durch Drogeneinfluss oder durch organisch bedingten Störungen wie Hormonstörungen, Stoffwechselstörungen, Hirnerkrankungen.
  • Endogene (von innen verursachte) sind größtenteils durch psychisch – sozial beeinflusste Faktoren indiziert. Hierzu kommt Vereinsamung, zu viel Stress … es richtet sich nach dem Vulnerabilitätsmodell.

Erbliche Anlagen spielen hierbei eine große Rolle.

Es handelt sich um eine Stoffwechselstörung im Gehirn, wobei Dopamin eine große Rolle spielt. Man geht von einer sogenannten Reizüberflutung aus, also von einem erhöhten Dopaminspiegel.

Affektive Störungen

Depression

  • Depressive Episode (endogene Depression)
  • Reaktive Depression (Anpassungsstörung, abnorme Reaktion auf Belastungen)
  • Neurotische Depression
  • Spätdepression (Involutionsdepression) ab dem 50. Lebensjahr

Ursachen:

  • Endogen: unterschiedliche Faktoren werden verantwortlich gemacht, z. B. Neurotransmitter-Störungen, erblicher Einfluss, soziale Verhaltensmuster
  • Medikamentös: z. B. als Nebenwirkung von Neuroleptika oder alten Bluthochdrucktabletten
  • Endokrine Schilddrüsenunterfunktion (Hormonstörung)
  • ZNS: häufig im Rahmen von MS, Alzheimer-Demenz …

Manien

Phasenhaft verlaufende affektive Störungen mit gehobener Stimmung. Manische Störungen kommen meist im Rahmen von Bipolaren und manisch – Depressiven Störungen vor. Die Ursache liegt genauso wie bei der Depression bei einem gestörten Serotonin Haushalt vor.

Neurotische Störungen

  • Angst- und Panikattacken (treten plötzlich auf, begleitet von körperlichen Symptomen)
  • Phobien (Angst vor bestimmten Situationen) z. B. vor Spinnen, große Menschenmengen
  • Zwangsstörungen sind Angstvermeidungsstrategien z. B. Wasch-, Putz- oder Sammelzwang
  • Generalisiertes Angstsyndrom: andauernde Angst

Ursachen

  • Körperlich: Gefühl der Lebensbedrohung, z. B. Herzinfarkt, Luftnot, Entzug von Tranquilizer und Neuroleptika
  • Psychisch: andere psychiatrische Erkrankungen, Angst vor Sterben und Tod, Scham und Versagen, Gewissensangst vor Schuld, Angst vor Leere und Sinnlosigkeit, Angst vor Kontrolllust, Angst vor Einsamkeit
  • Sozial: Angst vor Ablehnung, Enttäuschungen, Krisen, Verluste, Einsamkeit
  • Ökologisch: Angst vor Umweltkrankheiten und –Zerstörung, Krieg.

Chronische Verwirrtheitszustände

→ als ein Zeichen einer fortschreitenden und dauerhaften Erkrankung

→ Zeichen für eine krankhafte Veränderung im Gehirn, größtenteils Demenz.

Symptomatik

  • Desorientierung zur Zeit, Ort, Situation, eigene Person
  • Abbau von Intelligenz und kognitiven Fähigkeiten
  • Emotionale Störungen der Kontrolle des Sozialverhaltens
  • Antriebshemmung, Motivationshemmung, kein Spontan verhalten
  • Keine Bewusstseinstrübungen

Evtl. Vorhanden:

  • Anfangs Depression und Zukunftsangst
  • Apathie
  • Passivität
  • Starke Verlangsamung
  • Unruhe mit Weglauftendenz
  • Reizbarkeit und Aggression
  • Tag-Nacht-Umkehr
  • Epileptische Anfälle, Parkinson ähnliche Bewegungsstörungen
  • Verhaltensstörungen

Als Erstes fällt die Orientierung der Zeit weg, als Zeichen eines ständig fortschreitenden Prozess. Es wird die Fähigkeit verloren eine Zeitangabe zum Zeitgeschehen zuzuordnenden 12:00 Uhr – Mittag – Essen. Die örtlich-situative Orientierung spiegelt die aktuelle Merkfähigkeit, sie bleibt größtenteils über Jahre erhalten, bis auch sie verloren geht. Vertraute Personen werden im Verlauf der fortschreitenden Krankheit zunehmend weniger erkannt. Im schwersten Verwirrtheit Grad geht das Wissen um die eigene Identität verloren. Es ist dann auch keine personelle Orientierung mehr gegeben.

Ursachen

Primäre Demenzen

  • eigenständige Hirnerkrankungen:
  • degenerative Demenzen (Abbau von Hirnmasse = Erbanlagen, entzündliche Vorgänge und Umwelteinflüsse) vaskuläre Demenzen (Fortgeschrittene Arteriosklerose = Hypertonie, Rauchen, erhöhte Blutfette, Diabetes mellitus)
  • Mischformen
  • Andere seltenere Gehirnerkrankungen

(Chorea Huntington, Morbus Pick, Creutzfeldt-Jakob-Krankheit)

Sekundäre Demenzen

  • Krankheitsprozesse, deren Folgen zu Hirnschädigungen führen.
    • Akuter Sauerstoffmangel
    • Stoffwechselkrankheiten (z. B. Niere, Galle, Darm)
    • Infektionen
    • Schädel-Hirn-Traumen
    • Herz-Kreislauf-Erkrankungen
    • Mangelerscheinungen (Eiweiß, Vitamin-B, Elektrolyte)
    • Vergiftungen mit Alkohol und Drogen
    • Medikamenten Abusus

Therapie

  • Medikamentös
  • Bewegungstherapie
  • Milieutherapie mit Orientierungshilfen und besserer Beleuchtung
  • Soziotherapie, konstante Bezugsperson und Angehörigenarbeit
  • Verhalten- und Selbsterhaltungstherapie
  • Kunst-, Musik- und Ergotherapie
  • ROT-Training
  • Biografiearbeit
  • Validation

Pflege von Verwirrten

  • Biografischer Ansatz
  • ROT
  • Validation
  • Erlebnisorientierte Pflege (Basale Stimulation und Validation)

Grundsätze

  • Tagesstruktur
  • Bezugspflege
  • Kontinuität gibt Sicherheit und Orientierung (Gewohnheit)
  • Keine Über- und Unterforderung
  • Ruhe vermitteln
  • Nonverbale Kommunikation → Basale Stimulation
  • Loben, nicht kritisieren
  • Notwendig ist es, dem Bewohner Sicherheit und Geborgenheit zu verschaffen.

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