Autor/in: Cordula

Unfallchirurgie Frakturen

Allgemeines

Definition

  • Knochenbruch (Fraktur) entsteht durch direkte oder indirekte Gewalteinwirkung auf den Knochen
  • Dabei wird die Elastizitätsgrenze der Knochen überschritten, normalerweise geschieht dies einmalig und plötzlich (z. B. bei einem Unfall)
  • Eine Fraktur verursacht mindestens zwei Bruchstücke, die durch den Bruchspalt (Frakturlinie) getrennt werden
  • Ermüdungsbruch: Fraktur entsteht, wenn eine geringe Kraft immer wieder auf die Knochen einwirkt (z. B. bei marschierenden Soldaten)
  • Pathologische Fraktur/Spontanfraktur: ist der Knochen krankhaft verändert, kann er auch ohne Unfall brechen, z. B. bei Osteoporose oder Knochentumoren

Diagnostik

  • Immer eine Röntgenaufnahme in zwei Ebenen erforderlich
  • CT: nur bei komplizierten Brüchen
  • MRT: nur bei Fissuren
  • Sono: nur bei Kindern, aber nicht ausreichend


Symptome: Frakturzeichen

  • Sichere Frakturzeichen› Beweisen Fraktur auch ohne Röntgen
  • Sichtbare Knochenteile bei offenen Frakturen
  • Fehlstellung
  • Knochenreiben (Krepitation) (sowohl fühlbar als auch hörbar)
  • Abnorme Beweglichkeit der betroffenen Extremität

Unsichere Frakturzeichen› legen Verdacht einer Fraktur nahe, könnten aber auch eine Prellung sein

  • Schmerzen
  • Schwellung
  • Bluterguss, Hämatombildung
  • Bewegungseinschränkung

Komplikationen

Begleitverletzungen

  • Umliegendes Gewebe kann mit verletzt werden (insbesondere Haut, Muskeln, Sehnen, Nerven und Gefäße)
  • Zur Untersuchung bei einer Fraktur gehört also immer eine klinische Überprüfung der motorischen Funktion, der lokalen Sensibilität sowie des Puls Status
  • = DMS (Durchblutung, Motorik, Sensibilität)

Blutverlust

  • Jeder Knochenbruch führt zu einer Blutung im Frakturbereich
  • Mit hohen Blutverlusten ist insbesondere bei folgenden Frakturen zu rechnen, da dort eine dicke Weichteilhülle ist, die Zahl der zerrissenen Blutgefäße groß ist und mehr Raum zur Hämatom-Ausbreitung zur Verfügung steht
  • Frakturen im Beckenbereich (bis zu 5l Blutverlust möglich)
  • Lendenwirbelfrakturen (Retroperitoneale Hämatom Ausbreitung)
  • Oberschenkelbrüche (Bis zu 2l Blutverlust)

Ein Blutverlust von 1 bis 2 Litern kann zum Kreislaufschock führen

  • Engmaschige RR und Pulskontrolle
  • Hämoglobinbestimmung
  • Ggf. intravenöse Volumensubstitution

Frakturklassifikation

  • Frakturen können nach verschiedenen Gesichtspunkten eingeteilt werden:

Art der Gewalteinwirkung

  • Direktes Trauma: Schlag-, Stoß-, Tritt- oder Schussverletzung, bei denen die Gewalt direkt auf den Knochen einwirkt. Der Knochen bricht an der Einwirkungsstelle.
  • Indirektes Trauma: Die Gewalt wirkt indirekt auf den Knochen ein. Indirekte Traumen sind Biegung, Drehung (= Torsion), Stauchung (= Kompression), Zug- oder Scherkräfte.
  • Ohne adäquates Trauma: pathologische Frakturen: Spontanfrakturen: Der Knochen bricht anlässlich eines Bagatelle-Traumas an einer krankhaft geschwächten Stelle, z. B. im Bereich einer Knochengeschwulst
  • Ermüdungsbruch: ein Knochen frakturiert nach längerer Überanstrengung, z. B. Ermüdungsbruch eines Mittelfußknochens nach längerem Gewaltmarsch (sog. Marschfraktur)

Anzahl der Fragmente

  • Einfacher Bruch: Fraktur besteht aus 2 Fragmenten
  • Mehrfrakturenbruch: Fraktur besteht aus 4 – 6 Bruchstücken
  • Trümmerbruch: es finden sich sehr viele kleine Bruchstücke (> 6)
  • Stückfraktur: Der Knochen ist an zwei Stellen gebrochen (Doppelbruch), wobei sich zwischen beiden Frakturlinien ein größeres intaktes Bruchstück findet. (häufig bei Rippenfrakturen)

Verlauf der Frakturlinie

  • Querfraktur
  • Längsfraktur
  • Schrägfraktur
  • Spiralfraktur
  • T-Fraktur, Y-Fraktur

Dislokationsform

Definition:

  • Verschiebung der Bruchstücke

Brüche ohne Dislokation

Brüche mit Dislokation

  • Seitenverschiebung: Verlagerung eines Bruchstückes zur Seite unter Stufenbildung (gabelförmig versetzt)
  • Verlängerung/Verkürzung: Knochenfragmente sind in der Längsachse verschoben
  • Stauchung: Fragmente sind ineinander verschoben
  • Achsenknickung: Knochenachse ist durch „Knickung“ der Frakturstücke verändert
  • Rotationsverschiebung: Knochenfragmente sind ineinander verkeilt

Haut Beteiligung

Geschlossene Fraktur:

  • Haut im Bruchbereich ist unverletzt

Offene Fraktur:

  • Die Haut ist durch ein direktes Trauma von außen durch Anspießung von innen eröffnet, Knochenanteil ist von außen sichtbar

Schweregrade

  • Grad 1: Durchspießung der Haut von innen nach außen, ohne erhebliche Weichteilschädigung
  • Grad 2: Hautverletzung von außen nach innen, geringer Weichteilschaden
  • Grad 3: ausgedehnte Eröffnung der Fraktur mit massiver Weichteilschädigung (Muskeln, Sehnen, Nerven, Gefäße)
  • Infektionsgefahr, weil Bakterien von außen in die Wunde und den Knochen eindringen können
  • Gefahr eines Knocheninfektes (Osteomyelitis)
  • offene Frakturen sind chirurgische Notfälle und muss zur Infektionsprophylaxe operativ versorgt werden und ein Antibiotikum verabreicht werden

spezielle Fraktur formen

Fissur:

  • Traumatisch bedingte Spaltbildung im Knochen („Sprung“) ohne vollständige Knochendurchtrennung; häufig am Schädeldach

Grünholzfraktur:

  • Unvollständiger Biegungsbruch, bei dem die Knochenhaut (Periost) ganz oder teilweise erhalten ist; kommt nur im Wachstumsalter vor, solange das Periost noch elastisch ist

Flake fracture:

  • Kleine Absprengung im Bereich einer Gelenkfläche, meistens Knie- oder Sprunggelenk, die ohne Behandlung zu schweren Gelenkschäden (Arthrose) führen kann. Therapie durch Wiederanheftung (Refixierung durch Fibrinklebung, resorbierbare Stifte oder Schrauben)

Epiphysen Verletzungen:

  • Verletzungen der noch nicht verknöcherten Epiphyse (= Wachstumsfuge), tritt nur bei Kindern auf, können zu Störungen im Knochenwachstum und Fehlstellungen führen. Sie werden nach Aitken und Salter eingeteilt.

Wulstbruch:

  • Kompakta ist gestaucht, das Periost ist jedoch intakt, es bildet sich eine ringförmige Wulst

Frakturheilung

  • Osteoblasten (bestimmte Zellen in den Knochen) sowie manche Bindegewebszellen können Knochengewebe neu bilden

Primäre Frakturheilung

  • Voraussetzung: Bruchenden sind in anatomischer Stellung fugenlos adaptiert.
  • Heilungsverlauf: Bruchspalt wird direkt von Knochenzellen (Osteoblasten) überbrückt, keine sichtbare Kallusbildung; direkte Neubildung von normalen, voll funktionsfähigen Knochengewebe,
  • tritt in der Regel bei einer stabilen Osteosynthese ein, oder bei unvollständigen Brüchen (Fissur, Grünholsfraktur)

Sekundäre Frakturheilung

Voraussetzungen:

  • Bruchenden sind nicht fugenlos adaptiert, es besteht ein größerer Frakturspalt, ist meistens der Fall

Heilungsablauf:

  • In den Frakturspalt sprießen vom umgebenden Weichteilgewebe kleine Blutgefäße ein, aus denen Bindegewebszellen austreten. Diese Gewebszellen wandeln den Bluterguss (Frakturhämatom), der den Bruchspalt und seine Umgebung ausfüllt, in Bindegewebe um.
  • Diese weiche Verbindung der Bruchenden nennt man Kallus (= bindegewebige Narbe, Schwiele)
  • Erst im Laufe von Wochen wird der Knochen durch Kalkeinlagerungen hart und belastungsfähig
  • Dieser Verlauf findet i. d. R. im Rahmen der konservativen Frakturbehandlung statt

Heilungsdauer

  • Abhängig von
  • Bruchlokalisation (Durchblutung!)
  • Alter des Patienten
  • Bei konservativer Behandlung: Faustregel: bei Erwachsenen 6 bis 12 Wochen (oben 6 unten 12), bei Kindern die Hälfte
  • Operative Behandlung verkürzt die Heilungsdauer nicht grundsätzlich, führt aber oft zu einem besseren funktionellen Ergebnis

Störungen der Frakturheilung

Voraussetzungen für ungestörte Frakturheilung

  • Ausreichende Durchblutung
  • Ununterbrochene Ruhigstellung
  • Enger Kontakt der Fragmente
  • Infektionsfreiheit

Allgemeine Störungen

  • Mangelnde Ruhigstellung
  • Therapie mit einigen Medikamentengruppen (Zytostatika, Steroide …)
  • Röntgenstrahlung (im Rahmen einer Tumortherapie)

Störungen bei der Frakturheilung (siehe folgende)

  • Pseudoarthrose
  • Osteomyelitis
  • Strophische Störungen (Frakturkrankheit, Sudeck-Dystrophie)
  • Ischämische Kontrakturen (Volkmann-Kontraktur, Kompartmentsyndrom
  • Fettembolie

Pseudoarthrose Falschgelenk

Definition:

  • bewegliche bindegewebige Verbindung im Frakturspalt› es kommt nicht zur knöchernen Durchbauung des Frakturspaltes, statt dessen bildet sich eine bindegewebige Überbrückung, entspricht einer verzögerten Knochenbruchheilung, d. h. wenn nach 4 – 6 Monaten noch keine knöcherne Überbrückung stattgefunden hat

Ursache

  • Allgemeine Faktoren
  • Diabetes mellitus, Anämie, bestimmte Medikamente: Kortison, Zytostatika etc.
  • Mechanische Faktoren
  • Ungenügende Ruhigstellung des Gelenks, Weichteil Einklemmung im Bruchspalt
  • Großer Knochendefekt, weit klaffender Bruchspalt
  • Mangelnde Durchblutung bei
  • Gestörter Vaskularisation infolge ausgedehnter Weichteildefekte
  • Infektionen

Symptome:

  • schmerzfreie krankhafte Beweglichkeit des Frakturbereichs

Diagnostik

  • Röntgen: keine knöcherne Durchbauung der Fraktur nachweisbar
  • Knochenszintigrafie: deutliche Mehrspeicherung im Frakturbereich

Therapie

  • Hypertrophe/vitale Pseudoarthrose: Elefantenfußpseudoarthrose:
  • Bildet sich bei intakter Durchblutung, aber mangelnder Ruhigstellung
  • Therapie: Osteosynthese (=operatives Zusammenfügen von Knochenbruchstücken) zur absoluten Ruhigstellung

Atrophische (Avitale) Pseudoarthrose

• Ruhigstellung und Durchblutung ungenügend

Therapie:

  • Dekortikation (= lokale Entfernung der Kortikalis (=Rinde)) zur „Auffrischung“ der Fraktur, anschließend Osteosynthese mit Spongiosaplastik

Prophylaxe:

absolute Ruhigstellung, Erhaltung der Vaskularisation und Vermeidung von Infektionen

Osteomyelitis Knochenmarkentzündung

Definition

bakterielle, eitrige Entzündung des Knochenmarks (knöcherne Infektion: Ostitis)
Erreger sind meist Staphylokokken

Ursache

  • Exogene Osteomyelitis
  • Bakterien gelangen direkt durch den eröffneten Frakturspalt in den Knochen, besonders gefährdet sind
  • Offene Frakturen
  • Osteosynthetische versorgte Frakturen, (Fixateur externe Anlage)› bei allen Knochenoperationen auf strengste Sterilität achten
  • Endogene/hämatogene Osteomyelitis: entsteht in Rahmen einer Sepsis bei schweren Allgemeinerkrankungen

Symptome

  • Lokal finden sich die typischen Entzündungszeichen (Rötung, Schwellung, Schmerz, Überwärmung, Funktionseinschränkung)
  • Evtl. Fieber
  • Laborchemisch erhöhte Entzündungsparameter (Leukozytose, BSG-Erhöhung)
  • Evtl. sezernierende Hautfisteln im entzündeten Bereich (besonders bei chronischer Osteomyelitis)

Diagnostik

  • Röntgen: erst 2 – 3 Wochen nach Infektion erkennt man Veränderungen (inhomogene Knochenstruktur: und evtl. abgestorbene Knochenteile (Sequester) zu sehen)
  • Knochenszintigrafie: Mehrspeicherung der radioaktiven Substanzen in der betroffenen Region

Komplikationen

  • Sequester: abgestorbene Knochenteile bei lokaler Durchblutungsstörung
  • Abszess: Infektion kann sich durch die Kortikalis hindurchfressen, sodass sich Eiter unter dem festen Periost abkapselt
  • Fistel: Dringt die Infektion auch durch das Periost und die Weichteile hindurch, kann die Oberhaut zerstört werden
  • Sepsis: Keime können in die Blutbahn eingeschwemmt werden und so eine Sepsis des gesamten Organismus hervorrufen

Therapie

  • Operatives Ausräumen des Infektionsherdes und Einlegen einer Saug-Spül-Drainage
  • Wenn die Fraktur schon stabil verheilt ist, wird das Osteosynthesematerial entfernt
  • Ist die Fraktur noch nicht stabil verheilt, wird das infizierte Metall entfernt und ein Therapiewechsel mit Fixateur externe durchgeführt
  • Antibiotika in hohen Dosen nach Antibiogramm
  • Ruhigstellung
  • Hochlagerung

Frakturkrankheit

Definition

  • Oberbegriff für diverse dystrophische Knochen- und Weichteilschäden, die als Folge eines Knochenbruches eintreten können
  • Dystrophie: Störungen sind Gewebszerstörungen, die aufgrund vaskulärer, neurogener oder stoffwechselbedingter Veränderungen entstanden sind

Ursache:

Neben dem primären Unfallschaden liegt die Ursache hauptsächlich in einer längeren Ruhigstellung der verletzten Extremität bei konservativer Fraktur Therapie

Symptome

  • Als Folge der Immobilität
  • Knochen Entkalkung
  • Knorpel Atrophie
  • Bandinsuffizienz
  • Kapselschrumpfung mit Gelenkversteifung
  • Muskelatrophie
  • Durchblutungsstörungen der Weichteile mit Schwellneigung

Therapie:

  • Intensive physiotherapeutische Nachbehandlung

Prophylaxe

  • Sofortige intensive physiotherapeutische Übungsbehandlung aller nicht verletzen Extremitäten
  • Ist die Fraktur übungsstabil versorgt: frühzeitige Mobilisation
  • Bei konservativer Behandlung: isometrische Übungen zur Muskelkräftigung der verletzten Gliedmaße

Sudeck-Dystrophie/Sudeck Syndrom/Morbus Sudeck

Definition:

  • Spezielle Form der Frakturkrankheit, lokale Stoffwechsel- und Durchblutungsstörung. Sie führt zum Ernährungsmangel (Dystrophie) aller Gewebsschichten, einschließlich des Knochens.

Ursache

  • Ungeklärt
  • Vermutung: neurovaskuläre Fehlregulation
  • Auftreten bevorzugt nach: wiederholten Repositionsversuchen, zu früh einsetzende Nachbehandlung gelenknaher Frakturen (besonderes distaler Radius)

Symptome/Therapie/Stadien

Stadium 1 2 – 8 Wochen

nach Trauma

Symptome:
• Haut schwillt ab
• Schmerzen lassen nach
• Schrumpfung der Weichteile
• Muskelatrophie
• Bewegungsschmerz
• Erste Anzeichen für die mangelhafte Ernährung der Knochensubstanz werden im Röntgenbild sichtbar (Flecken förmige Entkalkung)

Therapie:

• Physiotherapie
• Entzündungshemmende Medikamente
• Durchblutungsfördernde Medikamente
• Eine Heilung ist nur in den ersten beiden Stadien möglich

Stadium 2 8 Wochen bis 1 Jahr nach Trauma

Symptome: • Ruhe- und Bewegungsschmerz

• Haut glänzend und geschwollen
• Leichte livide (blass-bläuliche) Verfärbung der Haut

Therapie:
• Ruhigstellung
• Hochlagerung
• Analgetika

Stadium 3 Endstadium

Symptome:
• Keine Schmerzen
• Hochgradige Atrophie mit Versteifung und Gebrauchsunfähigkeit

Therapie:
• Keine therapeutischen Möglichkeiten
• Evtl. plastische Chirurgie

Ischämische Kontrakturen

Definition

  • Weichteilverkürzungen (besonders der Muskeln) aufgrund von Mangeldurchblutung und Nervenschädigung durch einengende Gipse, ausgedehnte Hämatome, Ödeme und Fremdmaterial
  • › Drucksteigerung auf das Gewebe› Minderdurchblutung und Nervenschädigung› Ischämie des Muskelgewebes› Muskelgewebe wird nekrotisch› Ersetzung durch narbiges Gewebes› Muskelkontraktur
  • häufigste Lokalisation: Unterarm und Unterschenkel

Volkmann-Kontraktur

Definition:

  • Beugefehlstellung („Klauenhand“) des Handgelenkes als Folge einer ischämischen Kontraktur im Rahmen von Frakturen und Luxationen im Ellenbogenbereich

Ursache:

  • Schädigung der Arterien und den Unterarm versorgenden Nerven› muskuläre und neurologische Ausfallerscheinungen

Symptome

  • Akut einsetzender, sich rasch steigender, bohrender Schmerz
  • Gewebe steinhart und druckempfindlich
  • Sensibilitätsstörungen bis hin zur Gefühllosigkeit
  • Zeichen der Minderdurchblutung
  • Bewegungseinschränkung

Therapie:

  • Abnahme der einengenden Gipsverbände, evtl. operative Sanierung durch Faszienspaltung

Kompartmentsyndrom/ Tibialis-anterior-Syndrom

Definition: Muskelschwellung (z. B. Blut oder Ödem) im Unterschenkel durch lokale Ischämie infolge massiver Drucksteigerung in den Muskellogen

Ursache: Im Unterschenkel sind die Muskeln von sehr straffen Muskel Faszien umgeben. Kommt es zu einem Hämatom im Bereich der Muskulatur im Rahmen einer Unterschenkelfraktur› enorme Drucksteigerung› Kompression der kleinen Gefäße› Minderdurchblutung, Nervenschädigung; unbehandelt stirbt die Muskulatur ab (Muskelnekrose) und wird durch Narbengewebe ersetzt.

Symptome

  • Druckschmerz und Schwellung des vorderen Schienbeinmuskels
  • Manchmal: Gefühlsstörungen in der 1. und 2. Zehe
  • Später: Zehen- und Fußheber Schwäche (Folge: Schädigung des Nervus peroneus)

Therapie:

Chirurgischer Notfall. Eine Muskelschädigung ist nur durch die frühzeitige Faszienspaltung zu verhindern.

Prophylaxe:

DMS-Prüfung nach spätestens 24 Stunden nach jeder Gipsbehandlung

Fettembolie

Definition:

  • Eindringen von Fetttröpfchen in die Blutbahn› Verschluss kleiner Blutgefäße in verschiedenen Organen, besonders in der Lunge

Ursache: häufig:

  • schweres Trauma mit multiplen Frakturen und ausgedehnten Weichteilschäden› Fettgewebszerstörung› kann zur Ausschwemmung von Fetttröpfchen führen

Symptome

  • Richtet sich nach dem betroffenen Organ: reversible kurzzeitige Symptome bis Tod
  • Lunge
  • Tachykardie, Dyspnoe bis hin zur respiratorischen Insuffizienz
  • Atemabhängige Thoraxschmerzen
  • Evtl. Zeichen der Rechtsherzbelastung
  • Ähnliches Bild wie Lungenembolie
  • Gehirn
  • Erregungszustände, Verwirrtheit
  • Somnolenz, Sopor bis hin zum Koma
  • Haut
  • Petechiale Blutungen

Therapie:

  • Schockbekämpfung, Sauerstoffgabe, Heparin, evtl. Intubation

Prophylaxe

  • Frühzeitige Osteosynthese zur Stabilisierung der Frakturen und rascherer Mobilisierung des Patienten

Frakturbehandlung

Reposition – Retention – Rehabilitation

Reposition Einrichten

  • Geschlossene Reposition: dislozierte Frakturen werden durch manuellen Zug oder Druck auf die Extremität eingerichtet
  • Offene Reposition: gelingt die geschlossene Reposition nicht von außen, so muss die Einrichtung des verschobenen Bruches durch operative Freilegung des Knochens erfolgen
  • ! So früh wie möglich und unter Schmerzausschaltung (Leitungsanästhesie, Bruchspaltanästhesie, Kurznarkose)

Retention Ruhigstellung

  • nach der Reposition
  • Fragmente müssen bis zur knöchernen Heilung unverrückbar fixiert werden
  • Konservative Behandlung: Gipsverband, Extensionsbehandlung
  • Operative Behandlung: verschiedene Osteosynthese verfahren

Rehabilitation Wiederherstellung

• Beginn: schon während der Ruhigstellung Phase mit intensiver physiotherapeutischer Übungsbehandlung und sofortiger aktiver Bewegung aller nicht betroffenen Extremitäten (frühfunktionelle Behandlung)

•› Prophylaxe von Muskelatrophien und Gelenkversteifungen

• nach Beendigung der Frakturheilung wird auch der verletzte Abschnitt des Bewegungsapparates durch physiotherapeutische Übungen und Rehabilitationsverfahren zur vollen Funktion gebracht

Konservative Frakturbehandlung

  • kindliche Frakturen werden bis auf wenige Ausnahmen konservativ behandelt (90 %)
  • beim Erwachsenen werden 50 % der Frakturen konservativ behandelt
  • Entscheidung welche Therapiemethode gewählt wird, muss individuell gefällt werden

Gipsbehandlung

Definition:

  • häufigstes Verfahren zur Retention einer Fraktur
  • Gipsverband sollte die beiden der Fraktur benachbarten Gelenke ruhig stellen
  • Ausnahmen: Unterarmgips bei Speichenbruch, Unterschenkelgips bei Knöchelbruch
  • Immobilisierte Gelenke fixiert man in Funktionsstellung, um eine Gebrauchsfähigkeit im Gips möglichst wenig einzuschränken und die ungünstigen Folgen einer Versteifung möglichst gering zu halten (Ellenbogen 90°, Finger leicht gebeugt …)
  • Bei frischen Verletzungen (Schwellung innerhalb von Stunden bis Tagen möglich durch zunehmende Weichteilverletzung) niemals zirkulärer Gips, sondern nur Gipsschienen oder Spaltung des Gipsverbandes „Bis auf den letzten Faden“. Es kann zu schweren Druckschäden oder Durchblutungsstörungen durch Kompression kommen. Nach Abschwellung wird die Gipsschiene durch einen zirkulären Gips ersetzt.
  • Abpolstern von Knochenvorsprüngen (Gefahr von Drucknekrosen)› aber nicht zu viel, sonst verliert der Gips seine Funktion
  • Nach Anlage eines Gipsverbandes sollte immer eine Röntgenkontrolle in 2 Ebenen stattfinden
  • Patient sollte die eingegipste Extremität hochlagern (geringere Schwellungsneigung)und anfangs lokal kühlen
  • Nach spätestens 24 Stunden Gipsprüfung zur Kontrolle von Motorik (Beweglichkeit von Fingern und Zehen), Sensibilität (Gefühllosigkeit von Zehen und Fingern) und Durchblutung (Schwellung, Hautfarbe und -temperatur)
  • Generell gilt: „Ein klagender Patient mit Gips hat immer recht“. Nach der Schmerzursache muss gefahndet werden.
  • Bei Gipsverband der unteren Extremitäten Thromboseprophylaxe nicht vergessen
  • Bei offenen Begleitverletzungen /Schürfung, Risswunde …) Tetanusprophylaxe nicht vergessen
  • Bei Begleitverletzungen gilt: kein zirkulärer Verband unter dem Gips. Es könnte sonst zu Durchblutungsstörungen kommen.

Gipsverbände der oberen Extremitäten

  • Bei frischen Verletzungen: volare oder dorsale Gipsschiene, ob die Finger frei bleiben, hängt von der Fraktur Lokalisation ab
  • Ist der Frakturbereich abgeschwollen oder alt, wird ein zirkulärer Gipsverband angelegt
  • Unterarm-Gipsschiene/Unterarmgips: bei frischen Verletzungen der Finger und des Handgelenkes
  • Kahnbein Gips: bei Kahnbeinfraktur nach Abschwellung. Gips muss Daumen- und Zeigefingergrundgelenk einschließen.
  • Oberarmgipsschiene/Oberarmgips: bei Verletzungen im Bereich des Ellenbogengelenkes und Unterarm, Schleimbeutelentzündung, Sehnenscheidenentzündung
  • Hängegips (Hanging cast): bei Oberarmschaft Frakturen mit Fehlstellung durch Verkürzung, nach Abschwellung. Sonderform des Oberarmgipses mit Extension der Oberarmschaft Fraktur (Humerusfraktur) durch Gewicht.

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