Autor/in: Marko Heinrich

Die Schizophrenien Seite 2

2.3. Wahrnehmungsstörungen

2.3.1. Halluzinationen

Halluzinationen sind Sinnestäuschungen oder Trugwahrnehmungen und gehören zum Oberbegriff der Wahrnehmungsstörungen. Es sind Wahrnehmungen ohne einen entsprechenden Sinnesreiz von außen, es wird also etwas gesehen, gerochen, gehört, geschmeckt oder gespürt, was real und objektiv gar nicht da ist.
Halluzinationen sind einfach, da sie überwältigen den Betroffenen einfach, sodass er ihnen hilflos ausgeliefert ist. Die akustischen Sinnestäuschungen, die Stimmen, kommen bei den Schizophrenien am meisten vor. Sie drängen sich plötzlich in den Gedankengang hinein. Das Gleiche gilt für alle Trugwahrnehmungen. Der Kranke kann ihnen nicht entkommen. Ich frage mich nun, ob er daran glaubt, was er sieht, hört, schmeckt, usw.

»Fallbeispiel:


Bei Frau Sch. Verläuft die Erkrankung phasenhaft. Zwischen den einzelnen Krankheitsphasen, die allerdings dicht hintereinander folgen, kann man sich mit Frau Sch. Ganz normal unterhalten. Ich befragte sie also, ob sie ihre Trugwahrnehmungen selbst für real hält. Sie meinte, dass dies völlig unterschiedlich sei – von absolut gewiss über relativ bis zu völlig unsicher oder gar selbst eine Sinnestäuschung vermutend.

2.3.1.1. Akustische Sinnestäuschungen.

Akustische Sinnestäuschungen gehören zu den wichtigsten und beweisenden Symptomen einer Schizophrenie. Dabei dominieren größtenteils Stimmen einer oder mehrere Personen, bekannte oder unbekannte, männlich, weiblich, Erwachsenen – oder Kinderstimmen. Sie können laut, leise, deutlich, verwaschen, von nah oder fern, aus der Umgebung, der Wand, dem Nachbarhaus, einer Antenne, oder aus dem eigenen Leib, dem Magen, dem Kopf, aus dem Ohr oder dem Gehirn, usw. wahrgenommen werden. Gewöhnlich sind es nur einzelne Worte oder kurze Sätze, manchmal Sekunden oder Minuten, manchmal länger andauernd. Meist handelt es sich um Stimmen, die den Kranken beim Namen rufen, kritisieren, beschimpfen, bedrohen, warnen, aber auch ermuntern, loben, in der Regel sich einfach über den Betroffenen unterhalten, sein Tun und Lassen kommentieren.

Sie können ihm auch Befehle erteilen, was man dann imperative Halluzinationen nennt. Auf jeden Fall sprechen die Stimmen gerne über gefühlsbetonte und damit überwiegend über unangenehme Angelegenheiten, aber auch über völlig gleichgültige Dinge. In den jeweiligen Gedankengang passen sie – wie schon erwähnt – nicht hinein, sondern unterbrechen ihn, wie wenn eine wirkliche Person hinzutritt und sich in Gedanken oder ein Gespräch mit einmischt.

Je nach Inhalt werden diese Halluzinationen als unterhaltender Zeitvertreib empfunden, wobei man manchen Kranken auch einmal – scheinbar grundlos – in sich hineinlächeln sehen kann. Oder sie sind lästig bis quälend, was zum Zurück schimpfen, zum Schreien oder Toben führen kann. Schizophrene, die Selbstgespräche führen, sind größtenteils im Zwiegespräch mit ihren Stimmen.

Fallbeispiel:
Frau W. ist 79 Jahre und ihre Lieblingsbeschäftigung ist im Tagesraum „Mensch ärgere Dich nicht“ zu spielen. Dabei duldet sie allerdings keine Mitspieler, sondern sie spielt allein. Die „anderen“ – für den Beobachter unsichtbaren Mitspieler – würden ihr immer sagen, wann sie am Zuge wären und wohin ihr Spielstein gesetzt werden muss. Frau W. führt dies dann stellvertretend aus. Manchmal hört man sie auch laut schimpfen und beim Befragen erfahre ich dann von ihr, dass sich einer getraut hätte zu mogeln.
In vielen Fällen stumpfen die Erkrankten ab und werden gleichgültig, was ihre Stimmen anbelangt.
Weitere akustische Halluzinationen sind das Gedanken lautwerden oder das Gedankenecho. Dabei werden nur die eigenen Gedanken als Stimmen hörbar. In meiner Praxis konnte ich diese Art allerdings noch nicht beobachten.

2.3.1.2. Optische Sinnestäuschungen.

Die optischen Halluzinationen werden zwar gerne für spektakuläre Erzählungen genutzt, aber sie haben lange nicht den charakteristischen Stellenwert der akustischen Sinnestäuschungen. Sie kommen etwa in einem Drittel der Fälle vor und sind nicht so Szenehaft wie beispielsweise im Rahmen einer Vergiftung mit Drogen wie Haschisch oder LSD. Häufig sind es nur sogenannte Photeme. Das sind Blitze, Funken, Flecken, geometrische Figuren, oder ein undifferenzierter Licht – oder Farbschein.
In seltenen Fällen gibt es natürlich auch die Veränderung des Gegenübers an Gesicht, Händen, in der Kleidung, usw. Aber dies nur selten und es sind dann vor allem Wahrnehmungsveränderungen.
Auf jeden Fall führt es zu Panik und Angst beim Kranken und zu Reaktionen, die ahnungslose Außenstehende nicht verstehen können.

2.3.1.3. Olfaktorische und Gustatorische Sinnestäuschungen.

Diese Halluzinationen kommen bei der Schizophrenie relativ selten vor – nur in jedem 10. Fall. Für den Betroffenen ist diese Form der Halluzination besonders unangenehm. Sie riechen Benzin, Schwefel, Teer, Rauch, Gas, verbranntes oder einfach undefinierbar Gift, Aas, Fäulnisgeruch, Verwesung, Leichengeruch. Angenehme Gerüche kommen zwar vor, sind aber die Ausnahme. Die Geruchsbelästigung kommt scheinbar aus bestimmten Richtungen oder Objekten wie aus Löchern, Ritzen, Töpfen, Geräten, usw. Ähnliches gilt für die Geschmackshalluzinationen – auch sie sind meist unangenehmer Art: bitter, salzig, über süßt, sauer, schwefelig, nach Seife oder Reinigungsmitteln. Das ist auf Dauer natürlich eine gewaltige Belastung und kann nicht ohne Reaktion des Betroffenen bleiben.

2.3.1.4. Leibliche Halluzinationen.

Leibliche Beeinflussungserlebnisse sind ebenfalls ausgesprochen quälende Symptome, die man zudem kaum so schildern kann, wie sie der Betroffene erlebt. Sie treffen fast jeden zweiten schizophren Erkrankten.
Ein gesunder Mensch kann sie sich einfach nicht richtig vorstellen. Dabei fühlen sich die Kranken im oder am Körper beispielsweise berührt, angeblasen, elektrisiert, bestrahlt, magnetisiert, durch Ultraschall oder Laserstrahlen angepeilt, durch Suggestion oder Hypnose beeinflusst, verändert, geschwächt, manipuliert oder gar zerstört.

Innerhalb dieser leiblichen Halluzinationen kann man noch unterscheiden in sogenannte taktile Trugwahrnehmungen des Tastsinnes und haptischen Sinnestäuschungen an der Körperoberfläche. Die Erkrankten fühlen sich als willenloses Opfer ohne eigene Einfluss – und Widerstandsmöglichkeit.
Des Weiteren existieren auch noch Leibgefühlsstörungen – sogenannte Zoenästhesien. Diese Krankheitszeichen sind eigenartig, sonderbar und bizarr – kurz gesagt schwer fassbar. Man versteht darunter eigenartige Leibgefühle, die allerdings nicht als „von außen gemacht“ wahrgenommen werden, sondern eher als körpereigene Störung wahrgenommen werden. Geklagt wird beispielsweise über Taubheit, Steifigkeit und Fremdheit Empfinden, aber auch über das völlige Fehlen von Organen oder Händen und Füßen. Auch können es Schmerzempfindungen in jeder Art von Schmerzen sein.
Etwas nachvollziehbarer scheinen für mich Elektrisierung oder Temperaturbeeinflussung wie Hitzewallungen und Kälteschauer, Atemnot- und Erstickungsgefühle, Vergrößerung oder Verkleinerung von Extremitäten, usw.

2.3.2. Wahrnehmungsveränderungen

Sie kommen bei etwa einem Drittel aller schizophren Erkrankten vor, manchmal schon zu Beginn des Leidens. Hier dominiert dann auch der optische Bereich. Bei den Wahrnehmungsveränderungen wird im Gegensatz zu den Halluzinationen die reale Umwelt zwar erkannt, aber entweder in ihrer Intensität oder in ihrem Erscheinungsbild verändert wahrgenommen. Die Dauer solcher Phänomene kann Sekunden, aber auch Wochen dauern.

2.3.2.1. Quantitative Wahrnehmungsveränderungen.

Dabei handelt es sich in der Regel um über – oder Unterempfindlichkeit gegenüber Sinneseindrücken. Sie sind allerdings kein typisches Merkmal schizophrener Psychosen und können in Ausnahmesituationen auch bei gesunden Menschen vorkommen.

2.3.2.2. Qualitative Wahrnehmungsstörungen.

Das Sehen kann sich abnorm verändern im Sinne von verschwommen – oder trüb sehen, ungewöhnlichen Farben oder auch alles grau in grau und sogar ganze Sehausfälle.
Oder die ganze Umgebung kommt gefährlich nah, Menschen werden riesig groß oder ungewöhnlich klein, die Dimensionen verzerren sich, etwas verdoppelt sich, wird schräg, schief oder gerät in sonderbare Scheinbewegungen.
Entfernungen lassen sich nicht mehr abschätzen, Konturen lösen sich auf.
Da sind Gesichter entstellt, verzerrt, verschoben; Augen, Nase, Haarfarbe verändern sich – und das alles kann sich in Sekundenschnelle abspielen.
Erschreckend ist auch, wenn bestimmte optische Eindrücke abnorm lange haften bleiben, obwohl das Objekt schon längst verschwunden ist. Ein Beispiel ist das „Spiegel Phänomen“:
Hier sehen manche Erkrankten immer wieder in den Spiegel und prüfen ihr Gesicht. Warum? Das Gesicht hat sich verändert: Augen, Haare, Gesichtszüge oder – unfassbar – das ganze Gesicht ist leer – nicht mehr vorhanden. Hier kann man dann auch verstehen, warum manche schizophren Erkrankten durch verzweifeltes Überschminken versuchen, ihrem Gesicht wieder Augenbrauen und Lippen zu geben.

2.4. Der Wahn.

Der Wahn ist eine krankhaft entstandene Fehlbeurteilung der Wirklichkeit. An dieser Fehlbeurteilung wird mit felsenfester Überzeugung festgehalten, auch wenn sie im Widerspruch zur objektiven Realität, zur eigenen Erfahrung, zum Urteil gesunder Mitmenschen steht. Das charakteristische des Wahns ist vor allem die unerschütterliche Überzeugung ohne ausreichende oder ohne überhaupt eine Begründung.
Als einen weiteren Faktor habe ich die ICH – Bezogenheit zufälliger oder gleichgültiger Vorgänge erlebt. Ich meine damit, zufällige und alltägliche Vorkommnisse aus der Umwelt, gleichgültige Handlungen, harmlose Worte, Bemerkungen oder sonstige Beobachtungen werden für besonders bedeutungsvoll gehalten und sofort auf die eigene Person bezogen.

Die Wahnstimmung tritt häufig als Erste auf: „Es liegt was in der Luft.“ Sie steht am Anfang einer schizophrenen Episode oder eines Rückfalles. Wahnwahrnehmungen sind keine Trug-Wahrnehmungen wie Halluzinationen. Aber die Wahrnehmungen werden falsch interpretiert und enthalten eine andere, nur für den Kranken real erscheinende Bedeutung. Ein Wahn Einfall ist eine plötzlich auftauchende wahnhafte Überzeugung, ja eine Wahngewissheit – eine Erleuchtung, eine Eingebung.

»Fallbeispiel:

In den Schlafzimmern der Wohngruppe sind Spiegel angebracht, deren Kanten – wie es bei geschnittenen und geschliffenen Glaskanten üblich ist – grünlich schimmern. Plötzlich ist sich Herr R. ganz sicher: die Spiegel an den Wänden enthalten Phosphor, genau wie die Leuchtziffern seines Weckers. Durch diesen Phosphor ist den „alten roten Kommunisten“, die im Untergrund lauern, möglich, alles auf einem Bildschirm zu beobachten. Aber mit ihm nicht! Er habe die Sache von vornherein durchschaut … folglich montiert Herr R. alle Spiegel in der Wohngruppe ab und gibt diese samt seinem Wecker zu mir in das Dienstzimmer, mit der Aufforderung, dies alles solle baldigst entsorgt werden. Auch schildert er mir in allen Einzelheiten seine Theorie über die Überwachungstechnik in den Spiegeln und in seinem Wecker. Er ist fest davon überzeugt und ich kann das Gespräch auch nicht auf ein anderes Thema lenken. Herr R. geht auf nichts anderes ein, seine Gedankengänge sind wie blockiert.

Bei den Wahngedanken ist das gesamte Erleben inhaltlich völlig vom Wahn eingenommen. Der Kranke grübelt und sinniert nur noch dem Wahn nach und sucht ständig nach Erklärungen, Verknüpfungen und Schlussfolgerungen.

Bei den Wahn-Erinnerungen wird ein Ereignis oder eine Situation in der Vergangenheit rückwirkend wahnhaft umgedeutet. Jetzt weiß man plötzlich, was dieses oder jenes bedeutet hat, jetzt ist alles klar.
Von einer Wahnarbeit spricht man dann, wenn der Wahn durch weitere Einfälle, durch Sinnestäuschungen, die „das ganze bestätigen“, durch die Wahnwahrnehmungen und sonstige Begründungen, Beweise, Ableitungen und Verknüpfungen regelrecht ausgebaut und am Schluss zu einem Wahnsystem ausgebaut wird. Jedes ist hier mit jedem verwoben. Am Schluss fügt sich alles nahtlos zusammen und bestätigt die Wahngewissheit. Das Ganze ist zu einem mehr oder weniger geschlossenen Wahnsystem geworden.

»Fallbeispiel:

Herr R. ist der einzige übrig gebliebene Abkömmling des russischen Zaren Alexander. Herr R. ist nicht sein wirklicher Name, sondern nur ein Deckname als Schutz vor den „roten Kommunisten“. Er ist auch nicht erst 27 Jahre, wie es in seinem Ausweis steht, sondern weit über 100, fast an die 200 Jahre. Seine Vorfahren haben den Planeten erschaffen, das Geld und die Raumfahrt erfunden, sowie auch alle sonstigen Erfindungen gemacht. Daher gehört alles Geld der Welt ihm und er musste es vorsichtshalber auf vielen Banken verteilt anlegen – damit es ihm die „Kommunisten“ nicht abnehmen können. Früher war er ein berühmter Herzchirurg und führte Herztransplantationen durch – vom Eichhörnchen zur Katze, von der Katze zum Menschen. Im 2. Weltkrieg war er Pilot und hat viele Auszeichnungen bekommen. Das Fachkrankenhaus Großschweidnitz samt den umliegenden Grundstücken gehört ihm.

Folglich braucht er sich auch nicht an die Heimordnung zu halten, schließlich kann er auf seinem Grund und Boden machen, was er wolle. Auch ich habe ihm keine Anweisungen zu geben. Kaspar Hauser war sein Bruder und dieser ist samt dem Bernsteinzimmer verbrannt. Diese Szene zeichnete mir Herr R. ganz spontan auf ein Blatt Papier – und dies sogar recht eindrucksvoll!

Zu den häufigsten Erscheinungsformen des Wahns gehören unter anderem der Beeinträchtigungswahn, der Verfolgungswahn, der Untergang Wahn, der Abstammungswahn, der Krankheitswahn, der Größenwahn, der Reichtum Wahn, der Querulantenwahn, der Bedrohungswahn, der hypochondrische Wahn mit krankhafter Selbstbeobachtung oder der nihilistische Wahn.

2.5. ICH – Störungen

Die Störungen des Ich-Erlebens, auch als schizophrene Ich-Störungen bezeichnet, gehören zu den wichtigsten diagnostischen Hinweisen für Schizophrenie. Das für die Schizophrenien charakteristische Phänomen ist das Gefühl im Denken, Handeln und Fühlen von Außenkräften beeinflusst und gesteuert zu werden.

Und das ist auch das Kennzeichnende der Ich-Störungen: Die eigenen innerseelischen Abläufe werden vom Kranken so erlebt, als ob sie von außen und von anderen gemacht, gelenkt und beeinflusst würden. „Alles, was sich in meiner Seele abspielt, gehört dadurch nicht mehr zu mir selbst. Die Verbundenheit zu mir zu meinem Ich ist verloren. Die Grenze zwischen Umwelt und ich ist durchlässig geworden, sodass man hinein – und hinausspazieren kann, ich bin öffentliches Freiwild geworden.“ – Ich denke, so verzweifelt empfindet ein Betroffener seine Situation.

Kurz gesagt, ein Schizophrener kann sich als „gläserner Mensch im seelischen Bereich“ empfinden, er ist zum Spielball, zur Marionette anderer geworden. Damit im Zusammenhang stehen dann auch die Symptome Willensbeeinflussung – der Wille wird gelenkt, ein fremder Wille eingegeben …, der Gedankenentzug, Gedankenausbreitung, Gedankeneingebung.

Nun unterteilt man die Ich-Störungen wiederum in verschiedene Untergruppen, die ich an dieser Stelle nur einmal nennen möchte: Da sind die Störungen der Vitalität – der Kranke versucht verzweifelt die Frage zu klären, ob er nun schon tot oder noch lebendig ist.

Die Störungen der Aktivität beinhalten, dass der Kranke sein Denken, Handeln, sein Erleben von außen beeinflusst erlebt. Im Extremfall ist der Kranke geistig und körperlich völlig blockiert und verfällt in einen Stupor.
Störungen der Konsistenz bedeuten, der Kranke fühlt sich zerrissen, gespalten, zerfallen, ist also kein einheitliches Ganzes mehr.

Störungen der Demarkation bedeutet, dass der Kranke seine Grenzen mehr empfindet und sich der Umwelt schutzlos ausgesetzt fühlt. Störungen der Identität des Ich – der Kranke meint, nicht mehr er selbst, sondern eine andere Person zu sein oder auch nur plötzlich ein anderes Gesicht, eine andere Nase oder nicht mehr Mann, sondern plötzlich Frau zu sein.

2.6. Affektstörungen

2.6.1. Depressionen

Depressive Zustände gehören fast regelhaft zu einer schizophrenen Psychose – man spricht von zwei Dritteln bis zu drei Vierteln aller schizophren Erkrankten. Besonders im Vorfeld einer Schizophrenie oder bei einem Rückfall sind Depressionen besonders ausgeprägt. Es gibt aber auch den Zustand, bei dem sich schizophrene und depressive oder manische Symptome gleichzeitig oder kurz hintereinander bemerkbar machen.

2.6.1. Weitere Gemütsstörungen.

Beobachten konnte ich in der Praxis viele Gemütszustände. Zum einen immer wieder das Gefühl der Ratlosigkeit, der Verlorenheit. Es wechseln Zustände von Ohnmächtigkeit und Überheblichkeit von Hass und Freundlichkeit von Glück und Verzweiflung ständig ab, meist übergangslos und fast immer ohne ersichtlichen Grund.
Eine weitere wichtige Gemütsstörung ist auch die Angst. Größtenteils ist es die Furcht vor etwas Unfassbarem, etwas Gegenstandslosem, Bedrohlichem.

Fallbeispiel:
Frau B. liegt seit fast 14 Tagen im Bett und ist nicht zu motivieren, wieder mit am normalen Leben in der Wohngruppe teilzunehmen. Sie verlässt das Bett maximal für einen Toilettenbesuch, aber auch das nicht immer. Das Essen und Trinken muss ich ihr immer wieder ans Bett bringen, damit sie überhaupt etwas zu sich nimmt. Ich frage sie, was mit ihr los sei. Eine riesenhafte schwarze Katze würde sie schon seit Tagen verfolgen und sie würde immer größer. Die Katze wolle ihr das Leben rauben und die Angst vor diesem Tier lähmt in ihr jegliche Aktivitäten. Auch in ihrem Gesichtsausdruck kann ich die Angst förmlich lesen, ihre Augen starren entsetzt ins Leere.

Weitere Affektstörungen sind auch noch die Gefühlsverarmung und die Gefühlsverkehrung. Bei letzterer kommt es statt der normalen oder zumindest der erwarteten Gefühlsreaktion, zu einer unpassenden oder gar entgegengesetzten Gefühlsreaktion.
Die Gefühlsverarmung konnte ich hervorragend bei den früheren Langzeitpatienten und jetzigen Heimbewohnern beobachten. Zwischenmenschliche Beziehungen spielen fast keine Rolle, Sympathiegefühle, Mitleid, Freude, Nächstenliebe sind erloschen und es existiert eine gefühlsmäßige Verflachung.

2.7. Autismus

Der Autismus ist die krankhafte Selbstbezogenheit, ein Rückzug aus dem Leben in der Gemeinschaft, eine Abkehr von der Umwelt und die Lösung aller zwischenmenschlichen Bindungen. Am Ende droht die Vereinsamung. Als Begleiterscheinung der Schizophrenien konnte ich auch den Autismus im engen Zusammenhang der Gefühlsverarmung bei vielen Heimbewohnern beobachten. Zwar waren die Störungen nicht so erheblich, wie etwa beim frühkindlichen Autismus, aber die Ansätze waren vorhanden. So etwa wurden Veränderungen im Wohnbereich nur sehr schwer akzeptiert und oft auch gänzlich abgelehnt.

2.8. Störungen des Denkens.

Dabei unterscheidet man zwischen inhaltlichen und formalen Denkstörungen. Inhaltliche Denkstörungen sind Störungen des Inhaltes, also was krankhaft gedacht wird. Dazu zählt hauptsächlich der Wahn, den ich schon erwähnt habe. Formale Denkstörungen sind Störungen der Form, also wie etwas gedacht wird. Sie lassen sich vorwiegend aufgrund des Sprachverhaltens erkennen und beschreiben. Dazu zählen Gedanken abbrechen(plötzliches Abbrechen des Denkvorganges trotz klarem Bewusstseins), Denkzerfahrenheit, Denkhemmung, Ideenflucht und auch Umständlichkeit des Denkens, weiterhin Gedankeneingebungen, Gedankenecho.

2.9. Nachtrag

Alle diese hier aufgezählten Störungen, die man im Krankheitsbild Schizophrenie beobachten kann und denen ich versucht habe, selbst erlebte Fallbeispiele zuzuordnen, bedingen einander immer wieder und beeinflussen einander. Alles ergibt ein komplexes Ganzes. Nicht alle Störungen müssen bei jedem Kranken vorkommen und nicht alle Symptome habe ich hier vollständig und ausführlich abgehandelt. Dafür aber habe ich die, welche ich am deutlichsten und am meisten beobachten konnte, ausführlicher erwähnt. Ich denke, wenn ich mit den kranken Menschen arbeiten soll, dann ist es in erster Linie wichtig, ihr Verhalten – welches eben durch o.g. Symptome stark beeinflusst respektive gezeichnet ist – verstehen zu können. Dadurch werden schizophren Erkrankte wenigstens etwas berechenbarer.

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