Autor/in: Daniel Ruven Maes

Trauer, Krankheit, Sterben und Tod im Judentum 

„Ich bin der Ewige, dein Gott, der Dich aus dem Land Ägypten herausführte, aus dem Haus der Knechtschaft. […] Ich der Ewige bin ein eifernder Gott, der die Schuld der Väter ahndet. […] Der aber Liebes tut bis ins tausendste Geschlecht denen, die mich lieben und Meine Gebote achten.“

So steht es in den ersten der zwei von den 10 Geboten, wahrscheinlich einer der bekanntesten Texte des Judentums. Bereits hier ist deutlich zu erkennen, dass der Gott Israels zwar die Vergehen seiner Kinder ahnden wird, jedoch noch deutlicher stellt Gott selbst die Wichtigkeit der Liebe in den Vordergrund. Juden, Frauen wie Männer, haben zu Gott einen sehr persönlichen und direkten Bezug, so wie Kinder zu ihren Eltern. Kein Lebensbereich eines Juden, kein Lebensabschnitt bleibt unberührt von der Sorge des einen Gottes, mit denen das Volk Israel vor einigen tausend Jahren eine Vereinbarung getroffen hat – um die Annahme der Tora am Berg Sinai einmal etwas modern zu beschreiben.

Diese Vereinbarung verlangt von beiden Seiten verbindliche Zusagen. So wie die Juden die Tora schließlich ohne wenn und aber angenommen haben, so hat auch Gott zugesichert, dass er seine Sorge für sein Volk nie ruhen lassen wird. Der persönliche Bezug der Juden zu Gott zeigt sich in vielen Dingen, im Alltag, beim Besuch von Gottesdiensten – und eben auch beim Besuch von Kranken und Sterbenden, beim Besuch im Hause der Trauernden.
Ist ein Mensch krank, so ist es oberstes Gebot alles zu tun, um eine möglichst rasche Genesung zu erzielen. Hier ist wichtig, dass zum Beispiel das generelle Verbot von Arbeit am Sabbat aufgehoben ist, wenn es darum geht, das Leben eines Menschen zu retten. Im Klartext: Sieht der Oberrabbiner des Staates Israel auf dem Weg zur Synagoge, dass ein Unfall geschehen ist, so ist auch er selbstverständlich verpflichtet zu helfen, zu telefonieren, und dabei unter Umständen lauter an sich am Sabbat nicht erlaubte Dinge zu tun. Das Leben hat immer oberste Priorität.
In der Mischna, den Texten in denen die Rabbiner über Jahrhunderte die Bedeutung des Textes der Tora erklärt haben, heißt es in Awot (Väter) 4,29: „Gegen deinen Willen wurdest du erschaffen, gegen deinen Willen lebst du, gegen deinen Willen wirst du sterben, und gegen deinen Willen wirst du dereinst Rechenschaft und Rechnung ablegen vor dem König der Könige , dem Heiligen, gelobt sei er.“ Was bedeutet das? Juden glauben, das haben Christen mit ihnen gemeinsam, dass es eine Auferstehung der Toten geben wird. So hat Maimonides, einer der größten Rabbiner des Mittelalters es formuliert: „ Ich glaube mit voller Überzeugung, dass die Toten wiederbelebt werden zur Zeit, da es der Wille des Schöpfers, gelobt sei sein Name, sein wird, seine Allgegenwart sei erhaben für immer und in alle Ewigkeit.“
Alles, was ein Mensch tut, kann von seiner Umgebung wahrgenommen werden. Alles, was ein Mensch hat, ist die Zeitspanne, die sein Leben umfasst. In diesem Zusammenhang ist auch zu verstehen, was eine andere jüdische Weisheit sagt: „Wer einen Menschen rettet, rettet eine ganze Welt.“

Die Fürsorge für Kranke, Alte, Kinder, aber auch für andere Lebewesen ist für das seelische Wohlergehen eines gläubigen Juden von größter Bedeutung. Kranke zu besuchen gilt als ein Gebot, ebenso, sie mit Lebensmitteln und anderem zu versorgen, an denen es ihnen mangelt. Außerdem für sie und mit ihnen zu beten. In den Gottesdiensten wird an Schwerkranke gedacht und es wird für die Verstorbenen gebetet.
Das Judentum ist jedoch zu aller erst eine Religion, die sich auf das Leben konzentriert. Daher ist zwar immer der Gedanke an die Folgen, die das Handeln des Menschen am Jüngsten Tag, am Tage der Auferstehung der Toten haben wird, geboten, jedoch eigentlich ist dann bereits alles zu spät! Was dann bleibt, ist eben nur noch Rechenschaft zu geben, bzw. im günstigen Fall Anerkennung vor Gott zu finden. Es kommt also darauf an, während des Lebens sich so zu verhalten, dass man seinen Mitmenschen gegenüber sozial, fair und verständnisvoll gegenüber tritt. Vor allem denen, die keine Fürsprecher haben. Sich auf das Leben zu konzentrieren und den Tod zwar als unausweichlich vor Augen zu haben, ist wesentlich im Judentum: „Mancher erwirbt seine Welt in einer Stunde, und mancher erwirbt sie in vielen Jahren.“ Der Talmud fordert hier auf, die Zeit, die man zum Leben hat, zu nutzen.


In dieser Zeit Kranke zu besuchen, Sterbende zu begleiten, Angehörige zu trösten, ist immer eines der größten und wichtigsten Gebote. Menschen sollen nicht in ihrem Leid allein gelassen werden. Das erklärt auch, warum sich im Idealfall so viele Familienmitglieder wie möglich um den Kranken zu kümmern versuchen. In einer intakten jüdischen Familie versucht man den Kranken sooft wie möglich zu besuchen, ohne jedoch die Besuche zu einer Anstrengung werden zu lassen.

Im Buch Kizzur Schulchan Aruch, einem Werk, das gläubigen Juden als eine Art Handbuch zur frommen Lebensführung dient, heißt es: „Wenn ein Mensch krank ist, ist es für jeden Menschen eine Pflicht, ihn zu besuchen; denn so finden wir beim Heiligen, gelobt sei Er, dass er Kranke besucht, wie unsere Lehrer den Schriftvers Gen 18,1 gedeutet haben, der Ewige erschien ihm im Haine Mamre, das lehrt, Er kam zu ihm, um den Kranken zu besuchen.“ Er, das ist Gott, und dieser besucht den Abraham, der nach seiner Beschneidung krank in seinem Zelt sitzt. Schauplatz des Geschehens ist ein Feldstück, welches Mamre heißt, heute innerhalb der Stadt Hebron gelegen.
Im selben Buch ist auch zu lesen: „Wenn ein Mensch dem Tode zuneigt, darf sich keiner vom ihm trennen, dass seine Seele nicht von ihm scheide, wenn er allein ist.“ Diesen Dienst kann nach jüdischer Auffassung jeder Mensch seinem Mitmenschen leisten. Einem Juden, der im Sterben liegt, kann diese letzte Tat auch von einer nichtjüdischen Krankenpflegeschülerin getan werden, wenn keine Angehörigen zu diesem Zeitpunkt anwesend sind.
Im Hause der Trauernden versammelt sich während der ersten sieben Tage die ganze Familie. Die Angehörigen kommen und bringen Essen, waschen ab, versorgen den Haushalt, damit die Trauernden die ersten Tage nach dem Tod sich ganz dem Gedenken an den Verstorbenen widmen können.
Oft jedoch gibt es auch im Judentum keine Angehörigen. Dann sorgen sich oft Nachbarn und Freunde, bzw. andere Gemeindemitglieder um die Betreuung. In allen Städten, in denen es eine Jüdische Gemeinde gibt, gibt es auch meist eine sogenannte Beerdigungsbruderschaft, die Chewra Kadischa, die sich um die Verstorbenen kümmert. An die Gemeinde kann man sich auch wenden, um Besuche von Ehrenamtlichen zu organisieren, oder wenn ein Besuch eines Rabbiners gewünscht wird. In jedem Fall aber kann es hilfreich sein, die Gemeinde um Rat zu fragen, gerade auch in Hinsicht auf die Belieferung mit koscherem Essen.
Abschließend gebe ich hier das Gebet wieder, was als das jüdische Totengebet gilt. Übersetzt man jedoch den Namen wörtlich, dann bedeutet Kaddisch einfach Heiligung. Dieses Gebet wird zwar bei der Beerdigung, am Totengedenken und in jedem jüdischen Gottesdienst gesprochen, es ist jedoch hauptsächlich ein Lobpreis Gottes, ein Lobpreis auf das Leben. Denn nur die, die leben, können lobpreisen und dankbar sein für die Zeit, die ihnen geschenkt ist.

Kaddisch

Erhoben und geheiligt werde sein großer Name auf der Welt, die nach seinem Willen von Ihm erschaffen wurde – sein Reich soll in eurem Leben in den eurigen Tagen und im Leben des ganzen Hauses Israel schnell und in nächster Zeit erstehen. Und wir sprechen: Amen!
Sein großer Name sei gepriesen in Ewigkeit und Ewigkeit der Ewigkeiten.
Gepriesen sei und gerühmt, verherrlicht, erhoben, erhöht, gefeiert, hocherhoben und gepriesen sei der Name des Heiligen, gelobt sei er, hoch über jedem Lob und Gesang, Verherrlichung und Trostverheißung, die in der Welt gesprochen werden, sprechet Amen!
Fülle des Friedens und Leben möge vom Himmel herab uns und ganz Israel zuteil werden, sprechet Amen.
Der Frieden stiftet in seinen Himmelshöhen, stifte Frieden unter uns und ganz Israel, sprechet Amen.

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