Autor/in: Dirk Höffken

Phänomen Aggression

1 Einleitung

Aggression ist in der heutigen Gesellschaft ein Thema, dem sich Niemand mehr Entziehen kann. Wir begegnen aggressivem Verhalten in den Nachrichten, der Familie, am Arbeitsplatz und in der Freizeit. Insbesondere nach spektakulären Fällen der Gewalt (z.B. an Schulen, auf Polizeirevieren oder in Pflegeheimen), wird es zu einem wichtigen Thema der öffentlichen Diskussion sowie der Politik. Den oft unangemessen vereinfachten Phänomenen und Erklärungen aggressivem Verhaltens, vor allem in den Boulevardmedien, folgen dann Reflexartig unausgereifte oder sinn-lose Vorschläge zur Gewaltprävention.

Dabei sind sich alle Wissenschaftsdisziplinen die sich mit dem Thema beschäftigen (z.B. Psycho-logie, Soziologie, Soziobiologie) darüber Einig, das es keine eindeutige und monokausale Erklä-rung für das Zustandekommen von Aggressionen und Gewalt gibt respektive Gegenwärtig nicht gibt. Insofern kann auch (noch) kein einheitliches und eindeutiges Konzept zur Gewaltpräventi-on existieren. Es ist daher offensichtlich, dass die meisten Vorschläge zur Gewaltprävention eher populistischer Natur und dem jeweiligen Anlass geschuldet sind, als das sie einen ernsthaften Beitrag zur Verminderung von Aggression und Gewalt darstellen.

In dieser Arbeit werden daher erst einige theoretische Konzepte und Modelle aggressiven Verhal-tens erläutert und darauf Aufbauend einige Strategien zu ihrer Eindämmung beschrieben. Man muss sich hier aber immer wieder vor Augen führen, dass es sich, trotz intensiver Forschung, immer noch um unvollständige Erklärungen und Ansätze handelt. Ebenso sollte nie Vergessen werden, dass ein bestimmtes Maß an Aggressivität dem Individuum das Überleben sichert und somit ein unentbehrlicher Bestandteil jedes Lebewesens ist.

Zuletzt sei Angemerkt, dass eine Arbeit die einen ersten Einblick geben will nie Vollständig sein kann.

2 Definition

Den Ursprung des Wortes Aggression findet man im lateinischen „aggredior“, was soviel Bedeu-tet wie sich nähern oder angreifen. Von dieser Übersetzung aus ist man zu vielen und zum Teil sehr weitgefassten Definitionen gelangt. Drei in Wissenschaft und Literatur verwendete sollen hier Stellvertretend genannt sein:

» „Sie (die Aggression) umfasst jene Verhaltensweisen, mit denen die direkte oder indirekte Schädigung eines Individuums, meist eines Artgenossen, intendiert wird.“ (Merz 1965, S. 571)
» „Aggressives Verhalten ist Verhalten, das einen anderen verletzt, also Beleidigung, Be-drohung, Tätlichkeit.“ (Thierisch 1974, S. 106)
» „Eine Aggression besteht in einem gegen einen Organismus oder ein Organismussurro-gat gerichtetes Austeilen schädigender Reize“ (Selg 1974, S. 15)

Hier soll Aggression im Sinne der Definition von Selg verstanden werden, da sie einige Vorteile besitzt. Insbesondere wird in ihr zum einen Hervorgehoben, dass das Ziel einer Aggression auch ein Ersatzobjekt sein kann. So hatte z.B. fast jeder schon mal Wut auf seinen Vorgesetzten, hat diese aber mit einem Tritt gegen die Tür abreagiert. Zum anderen Umfasst der Ausdruck „schä-digende Reize“ jedes Verhalten mit dem eine Person bewusst oder unbewusst Schädigen will. Also nicht nur Beleidigung, Drohung und Tätlichkeit, sondern z.B. auch Schweigen oder die Verweigerung von Hilfe. Zusätzlich schließt sie auch die Autoaggression mit ein, also Aggressio-nen die auf die eigene Person gerichtet sind.

Der Nachteil einer solch weitgefassten Definition liegt auf der Hand. Sie birgt die Gefahr in sich, das sie fast auf jedes Verhalten zutrifft. In diesem Falle wäre sie aber aus naheliegenden Gründen Wertlos.

3 Theorien und Modelle

3.1 Triebtheoretische Ansätze

3.1.1 Freuds Erklärungen für Aggression

Zuerst sah Freud Aggression nicht als eigenständigen Trieb an. Er ging davon aus, dass die Ag-gression als instrumentelle Begleiterscheinung zur Libido auftritt. Dabei diente sie der Überwin-dung von Hindernissen auf dem Weg zum Lustgewinn. Freud sah hier eine Art „Bemächtigungs-trieb“ des Sexualtriebes der im Falle des Sadismus an die „Hauptstelle“ gerückt ist. Beim Maso-chismus meinte er, ziele diese Komponente durch Fehlentwicklungen auf die eigene Person.

Später, in seiner dritten Triebtheorie, trennte sich Freud von dem Gedanken das Aggression grundsätzlich mit der Libido verbunden sei. Es wird Heute davon ausgegangen, das er sie noch unter dem Eindruck des ersten Weltkrieges mit seinen Grausamkeiten entwickelte. In seinen bei-den Arbeiten „Jenseits des Lustprinzips“ (1920) und „Das Ich und das ES“ (1923) beschreibt Freud noch etwas unsicher die Struktur der Persönlichkeit. Letztendlich besteht für Freud die Persönlichkeit aus ES, Ich und Über – Ich. Wobei sich im ES zwei verschiedene Triebe befinden. Dies ist zum einen die Libido (Eros), welcher auf Lebenserhaltung und Fortpflanzung ausgerich-tet ist. Zum anderen Thanatos (Destrudo), der auf die Umwandlung des Lebendigen auf die an-organische Ruhe zielt, also auf Vernichtung. Diese beide Gegenspieler bestimmen in seinem Mo-dell das Leben jedes Menschen. Je nach gerade vorhandener Energiemenge sind Personen bereit, gegen Objekte ihrer Umwelt aggressiv Vorzugehen. Aggression ist somit naturgegeben und ein unvermeidbarer Bestandteil des Lebens, allerdings durch Erziehungsprozesse steuerbar.

3.1.2 Lorenz Instinkttheorie

Der Tierverhaltensforscher Konrad Lorenz argumentiert ähnlich wie die Psychoanalytiker, von denen er sich aber auch stets Abzusetzen versuchte. Er nimmt wie Freud an, dass der Trieb oder Instinkt angeboren ist. Anders als Freud betont er aber den von Auslösern abhängigen und arter-haltenden Charakter der Aggression. Lorenz versteht unter Aggression …“zunächst einen auf Artgenossen gerichteten Kampftrieb von Tier und Mensch“ …. Der Begriff Aggression wird von ihm also ausschließlich für Auseinandersetzungen innerhalb einer Art verwendet und ist damit wesentlich spezifischer als die Definition von Freud. Seiner Meinung nach werden aggressive Energien vom Organismus aufgebaut, stauen sich auf und suchen einen Stimulus, der sie zum Ausbruch bringt. Wenn dieser Reiz ausbleibt, kann aggressives Verhalten auch spontan auftreten. Den biologischen Zweck dieser intraspezifischen Aggression sieh Lorenz in folgenden Punkten:
» Gegenseitige Abstoßung der Artgenossen; hierdurch verteilen sie sich in ihrem Lebens-raum, so das jeder sein notwendiges Auskommen hat
» Auswahl der Besten einer Art um die Fortpflanzung und damit den Fortbestand der Art zu sichern.
» Herausbildung eines Familienverteidigers
» Aggression dient innerhalb von Tiergruppen der Bildung einer Hierarchie
In seiner Theorie versuchte Lorenz das am Tier beobachtete Verhalten auf den Menschen zu übertragen. Aggressives Verhalten sieht er als Relikt aus der grauen Vorzeit, das Erworben wurde um das Überleben der Art zu sichern. Im Falle des Menschen sei dieses Verhalten aber durch den Bau von Waffen hypertrophiert. Denn beim Menschen wie auch beim Tier bestehe eine angebo-rene Hemmung zur Tötung der eigenen Art. So wende z.B. ein unterlegenes Tier dem Gegner eine besonders verwundbare Körperstelle zu, dieser beißt den Unterlegenen aber aufgrund der angeborenen Tötungshemmung nicht. Beim Menschen könne diese Tötungshemmung nicht mehr wirken, weil Waffen über große Entfernung eingesetzt werden können.
Lorenz Vorschläge zur Aggressionshemmung folgen der Logik seiner Theorie. Eine Maßnahme sei die Umlenkung der Aggression auf Ersatzobjekte, wie z.B. sportliche Wettkämpfe. Er vertritt somit auch die sogenannte Katharsis – Hypothese. Unter Katharsis versteht man in der Aggres-sionsforschung die verminderte Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Aggressionen nach einer aggressiven Handlung. Dabei ist es erst mal ohne Bedeutung, ob es sich bei dieser Entla-dung um „echte“ Aggression, z.B. einen Wutausbruch, oder um „unechte“ Aggression, z.B. Sport, handelt. Obwohl die Katharsis – Hypothese plausibel und nachvollziehbar Klingt, ist sie sehr Umstritten und noch nicht Erwiesen. Insbesondere Lerntheoretiker meinen, dass durch das sozial gebilligte Ausleben der Aggression möglicherweise eine Einübung dieses Verhaltens er-folgt.

3.2 Frustrations – Aggressions – Hypothese

1939 veröffentlichten einer Forschergruppe (J. Dollard, Neal E. Miller, u.a.) der Yale – University eine Theorie unter dem Titel „Frustration and aggression“, die vereinfacht oft als Fustrations – Aggressions – Hypothese bezeichnet wurde. Da kaum eine weitere Theorie einen so großen Ein-fluss auf die experimentelle Aggressionsforschung ausgeübt hat ( u.a. weil sie gegenüber anderen Theorien experimentell Überprüfbar war) soll sie hier etwas ausführlicher Dargestellt werden.

Frustration wird von den Autoren in einer sehr engen und präzisen Definition als Störung einer zielgerichteten Aktivität definiert. Der Begriff wird jedoch auch für allgemeine aversive Bedin-gungen verwendet, wie z.B. von Schmerz und Stresssituationen. So soll er auch im folgenden Verstanden werden.

Die Kernaussagen dieser Theorie sind:

» Frustration führt stets zu einer Form von Aggression.
» Aggression ist stets die Folge von vorangegangenen Frustrationen.

Die Thesen der Forschergruppe wurden allerdings durch Experimente in Frage gestellt. Schon 1931 führte Tamara Dembo in Berlin eine Untersuchung durch, die sie unter dem Titel „Der Ärger als dynamisches Problem“ veröffentlichte. Hierbei musste sich eine Versuchsperson in ein 2,5m Quadrat stellen und sollte von da aus, ohne das Quadrat zu verlassen, eine Blume greifen, die sich außerhalb des Quadrates befand. Für die Erfüllung der Aufgabe gab es nur 2 Lösungen. Den Versuchpersonen wurde aber mitgeteilt, es existiere noch eine dritte Lösung. Sie wurden also vor ein unlösbares Problem gestellt, um ihre Reaktion auf das zu erwartende Frustrationser-lebnis zu Beobachten. Im Ergebnis zeigte sich, dass nicht alle Versuchsteilnehmer auf eine Bar-riere mit aggressivem Verhalten reagierten, sondern teilweise instruktionswidrige Ersatzlösungen, Rückzugstendenzen und Ärgerausbrüche zu beobachten waren.

Aufgrund von Untersuchungsergebnissen (z.B. dem von Dembo) und massiver Kritik musste die Forschergruppe um Dollard und Miller ihre These abändern. Nun rufen Frustrationen eine Reihe verschiedener Reaktionen hervor, eine davon ist die Tendenz zu irgendeiner Form von Aggressi-on (Miller u.a. 1941).

Es stellte sich aber jetzt die Frage, wann Frustrationen zu aggressivem Verhalten führt und wann nicht. Hier dürfte die Verarbeitung der Frustration eine wesentliche Rolle spielen. Leonard Ber-kowitz (1962 ) modifizierte die Frustrations – Aggressions – Hypothese, indem er Ärger in sie integrierte. Nun folgte auf eine Frustration Ärger und darauf Aggression. Dies Bedeutet jedoch nicht das jede Frustration zu Ärger und jeder Ärger zu aggressivem Verhalten führt. Doch nur dann wenn auf eine Frustration Ärger folgt ist mit Aggression zu rechnen.

Als Ärger bezeichnet man zuerst einmal einen Prozess, in welchem das Individuum ein Ereignis einer Interpretation und Bewertung unterzieht. Die Entstehung der Emotion beruht somit auf der Art und Weise, wie ein Individuum ein bestimmtes Ereignis auffasst und inwieweit es dieses auf sich selbst bezieht. Ärger ist also ein Erleben von Leid oder Ungemach in Verbindung mit Schuldzuschreibung. Entscheidend um Ärger entstehen zu lassen ist also der Schuldvorwurf an eine andere Person. Die Ausprägung der Emotion Ärger steigt an, je „Schuldiger“ eine Person an dem normwidrigen Verhalten ist. Hierbei lassen sich drei Steigerungsformen unterscheiden, wel-che auch als „Intentionsmodi“ nach Mees bezeichnet werden:

» Gedankenlosigkeit, Fahrlässigkeit: Die Leid- /Schadenszufügung wäre bei genügender Willensanstrengung zu vermeiden gewesen.
» Rücksichtslosigkeit: Leid- / Schadenszufügung ist zwar nicht unmittelbar gewollt, wird aber sehenden Auges in Kauf genommen.
» Böswilligkeit: Leid- / Schadenszufügung ist gewollt.

Der Ärger steigt mit der Reihenfolge der drei „Intensionsmodi“ an. Sieht eine Person also eine Entschuldigung für das normwidrige Verhalten, z.B. geistige Behinderung, so dämpft das auch den Anstieg des Ärgers und mindert folglich die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Aggres-sion. Wie bereits festgestellt wurde ist Ärger eine wichtige, aber keine hinreichende, Bedingung für aggressives Verhalten. Der Zusammenhang zwischen Ärger und Aggression ist nicht so eng wie allgemein Vermutet wird. Eine verärgerte Person zeigt also verschiedene Verhaltensweisen. Dies soll an zwei Beispielen verdeutlicht werden:

» Krankenschwester X ist über das Verhalten ihrer Kollegin verärgert. Daraufhin verhält sie sich still und zieht sich zurück. Ihren Ärger wird sie bei einer Freundin los.
» Altenpfleger Y reagiert zu Hause , wenn er sich über seine Freundin aufregt, oft mit lauten Beschimpfungen. Bei Ärger über seine Chefin jedoch unterdrückt er seinen Ärger, bringt diesen nicht zum Ausdruck und bemüht sich sie durch seine Arbeitsleistung gnädig zu stimmen.

Anhand dieser Beispiele wird deutlich, dass Menschen unterschiedlich disponiert sind, d.h. sie besitzen individuelle Neigungen, Empfänglichkeiten, und Auffälligkeiten, welche die verschiede-nen Verhaltensweisen begründen. Auf der anderen Seite wird deutlich, dass ein und dieselbe Per-son sich je nach der Situation verschieden Verhalten kann. Somit kann hier festgestellt werden, dass es von personalen Dispositionen und von der Situation abhängt, ob Menschen ihren Ärger in aggressives Verhalten umsetzen.

Zu den personalen Faktoren für den Umgang mit Ärger zählen das Verhaltensrepertoire und die Ausprägung von Hemmungen. Unter Verhaltensrepertoire versteht man die Verhaltensweisen zu denen Menschen fähig sind und die, welche sich zur Gewohnheit ausgeprägt haben. Dabei zählen Flucht und Angriff zu den relativ primitiven Verhaltensweisen. Die konstruktiven Alternativen, wie z.B. sprachliches Argumentieren oder Konfliktregelung, sind dagegen anspruchsvoller und werden folglich nicht von jedem Individuum beherrscht. Auf der anderen Seite der personalen Dispositionen kann aggressives Verhalten durch Hemmungen verhindert werden: gegenüber Vorgesetzten hat man z.B. Hemmungen aus Angst vor Bestrafung oder gegenüber Schwächeren entwickelt sich oft Mitleid und das Bedürfnis diese Personen zu schützen, das letztgenannte Ver-halten bezeichnet man als moralische Hemmung.

Bei den situationsbezogenen Faktoren geht es primär um Modelle – Signalreize. Damit Emotio-nen sich in aggressives Verhalten umsetzen können, muss die Situation „ geeignet“ sein. Wenn ein Altenpflegeschüler eine Altenpflegerin sieht, wie diese einen Bewohner anschreit, erhöht dies bei ihm die Wahrscheinlichkeit auf andere Bewohner ebenfalls aggressiv zu reagieren. In so ei-nem Falle spricht man von einem Modell, das aggressives Verhalten sozusagen erleichtert. Dann gibt es noch aggressionsbahnende Situationsmerkmale: aggressive Hinweisreize. Das sind Situati-onsmerkmale, die mit Aggression oder mit der Frustrationsquelle assoziiert sind und signalisieren, dass aggressives Verhalten „ passt“, z.B. aggressives Spielzeug. Bestimmten Reizen werden zwar bestimmte Effekte zugeschrieben, manche Reize sind jedoch schwach oder werden unterschied-lich interpretiert. Die wichtigsten Signale bzw. Reize kommen von der Zielperson, gegen die sich das aggressive Verhalten richtet. Das ist die Frustrationsquelle, d.h.: der Provokateur bzw. der Schuldige. Eine „ geeignete“ Situation wäre also die Anwesenheit des Provokateurs. Die Situation kann aber auch positive Anreize für aggressives Verhalten enthalten, d.h.: man erwartet nicht Strafe, sondern Erfolge. Ein Beispiel wäre eine Krankenschwester die einen Patienten grob Be-handelt, da sie davon ausgeht, dass dieser sich dann nicht mehr meldet.

An dieser Stelle kann also festgehalten werden: Selbst wenn Frustration Emotionen wie Ärger hervorruft, wird diese nicht stets in aggressives Verhalten umgesetzt; hierfür müssen bestimmte personale und situative Bedingungen vorliegen. Jede Person bringt aggressive Verhaltensweisen und geringe Hemmungen mit. Falls eine Situation aggressive Modelle, Signalreize und Anreize bietet, kann sie keine Anreger für Hemmungen bieten.

1963 stellten Bandura & Walters die Frustrations- Antriebs- Hypothese auf. Diese besagt, dass Frustration zur Aktivierung des Organismus sowie zur Erhöhung von Erregung und Antrieb („ drive“) führt. Demnach kann sich Frustration in verschiedene Verhaltensweisen umsetzen. Emo-tionen haben neben einer Gefühlsseite zugleich eine Antriebsseite. Dennoch ist es möglich, dass Frustration mit Resignation, also mit einem Antriebsverlust, beantwortet wird und kein aggressi-ves Verhalten auslöst.

Nach der vorangegangen Darstellung der Frustrations-Theorie stellt sich nun die Frage: Ist die These der Yale-Gruppe, dass Aggression immer die Folge einer Frustration ist, folgerichtig? Und haben Frustrationen wirklich auch immer ein aggressives Verhalten zur Folge?

Die These, dass Aggression immer die Folge einer Frustration ist, ist schwierig zu beantworten, da es viele aggressive Handlungen gibt, bei denen keine Frustrationen sichtbar wird. Das Gegen-argument der Frustrationstheoretiker ist hier, dass entweder jede Situation etwas Frustrierendes enthalten kann, auch wenn es für Außenstehende nicht sichtbar ist, oder im Vorfeld eine Frustra-tion erlebt wurde, die resultierende Aggression jedoch erst später zum Ausbruch kommt.
Zwar kann man in jeder Situation eine Frustration finden, und vor allem immer eine vorausge-gangene Frustration entdecken, doch ist nicht immer überprüfbar, ob ein Zusammenhang mit der gerade aufgetretenen Aggression besteht. Somit wird dieses Faktum für die Wissenschaft und die Praxis unbrauchbar.

Die zweite These ist dagegen einfach zu widerlegen. Der Grundgedanke der Frustrations-Theorie ist, dass die Tendenz zu aggressivem Verhalten von Menschen die Folge der Summe von „Un-terdrückungen, Entbehrungen, Misserfolgen im Kinder – und Jugendalter oder aus sozialen und wirtschaftlichen Notlagen“ ist. Die Yale-Gruppe führt als Beispiele u.a. Zwänge und Verbote im Erziehungsprozess (Sauberkeitserziehung, Stillsitzen in der Schule, sexuelle Tabus) und aus politi-schen und wirtschaftlichen Systemen, wie Faschismus, Kommunismus, Demokratie resultierende Frustrationen an. Unabhängig davon, das die Begriffe Frustration und Aggression heute zum Teil anders Definiert werden, sind Kritiker gegenwärtig skeptisch ob aggressive Reaktionen auf Hin-dernisfrustrationen, wie Armut und mangelnde mütterliche Liebe, bei denen ein Versuch der Bedürfnisbefriedigung stattfindet, ohne weiteres auf das Langzeitmodell übertragbar sind, dass sich also für einen langen Zeitraum, evt. sogar für den Rest des Lebens, aggressive Charakterzüge entwickeln. Außerdem können negative Faktoren durch korrektes Verhalten teilweise ausgegli-chen werden, wenn z.B. die Mutter einerseits emotionale Kälte zeigt, andererseits aber dem Kind gegenüber ein selbstbewusstes Auftreten an den Tag legt und klare Regeln und Grenzen setzt. Auch eine wertschätzende Haltung des Vaters der Mutter gegenüber kann als ausgleichender Fak-tor fungieren. Insgesamt kommt es also auf die Gesamtkonstellation an. Positiv wirken sich auch sog. „Schutzfaktoren“ auf eine gesunde psychische Entwicklung aus, wie beispielsweise eine ver-trauensvolle Beziehung zu einem Freund, Erzieher oder Verwandtem. Auch sollte man den wich-tigen Aspekt betrachten, dass Frustrationen nicht immer Ursache der Aggressivität, sondern auch manchmal Folgen davon sein können, wenn nämlich durch Aggressionen aversive Erfahrungen gemacht werden. Dies können Bestrafungen sein, aber auch die Zurückweisung und Ablehnung durch andere Kinder und Erzieher. z.B. lässt sich bei aggressiven Kindern häufig ein Mangel an Selbstkontrolle und ein sehr impulsives Verhalten feststellen. Die Folge davon sind meist Versa-gen in der Schule und der Ausbildung. Ein weiterer Aspekt ist die sozioökonomische Lebenslage. Arbeitslosigkeit, schlechte Wohnverhältnisse und geringes Einkommen bilden ein hohes Kon-fliktpotential und die eventuelle Basis für spezielle Aggressionsformen, wie z.B. Raubdelikte (= Armutskriminalität). Dies muss aber nicht zwangsweise der Fall sein. Alternativverhalten wären das stille Ertragen der Situation, Haushalten mit dem Minimum, äußerliches Verbergen der Ar-mut oder ein sichtbarer Rückzug aus der Gesellschaft, wie bei Nichtsesshaften. Ähnlich ist es bei kollektiver Aggression; viele Völker ertragen Hunger und Elend, ohne sich gewaltsam aufzuleh-nen. Dabei hängt es davon ab, wem die Schuld gegeben wird, ob Gewalt eingesetzt wird oder nicht. Somit kann man feststellen, dass die These äußerst fragwürdig, und leicht zu widerlegen ist.

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