| Autor: Elisabeth Czaplewski |
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Falsches Mitleid – tödliche Konsequenz
In regelmäßigen Abständen wird die Öffentlichkeit
mit Meldungen über Krankentötungen in Heimen und Kliniken
erschreckt. Die Täter sind ausgerechnet die Menschen die ja
eigentlich in einem sozialen Beruf arbeiten. Sechs Ärzte und
25 Pfleger wurden in den letzten Jahren weltweit verurteilt. Als
Motiv geben die Meisten Mitleid mit dem Patienten an. Die Opfer
waren in der Regel hoch betagte und schwer kranke, aber nicht unmittelbar
sterbende Menschen. Niemand hatte darum gebeten „getötet“ zu
werden. Viele der späteren Opfer hatten schon Vorahnungen.
Einige berichteten ihren Besuchern von komischen Dingen die „hier“ passierten,
sagten es kommen die seltsamsten Ereignisse vor. Glaubte ihnen
niemand, weil sie vielleicht hochbetagte, verwirrte Menschen waren?
Bei einigen war bereits die Entlassung geplant. Wie konnte nur
so einfach von Angehörigen hingenommen werden das der Pflegling
dann so rasch verstarb?
Wenden wir uns nun den Tätern zu und überlegen was Menschen
als Berechtigung sehen einem hilflosen anvertrauten Menschen so
etwas anzutun... So eindeutig lässt sich hier kein klares
Täterprofil erstellen. Aus Arbeitsbelastung und Arbeitsklima
lassen sich keine kausalen Erklärungen für Krankentötungen
ableiten. Sie geschahen da wo die Belastungen als durchschnittlich
oder sogar als unterdurchschnittlich eingeschätzt wurden,
ebenso wie dort wo die Verhältnisse eindeutig überfordernd
und gestört waren. Mit einigen Ausnahmen wird aber ersichtlich
das für alle Täter charakteristisch eine überdurchschnittliche
Selbstunsicherheit spricht. Es wird berichtet das gleich ob in
den USA, in Deutschland, in den Niederlanden, Norwegen, Japan oder
auch in Österreich diesen Menschen eine emotionale Verschlossenheit
und Beziehungen rational-distanzierend zueigen war, oder ins Gegenteil
umschlug in vordergründig-fröhlich bis hin zur Flapsigkeit.
Die Täter waren innerhalb des Teams Außenseiter, sie
wurden selten oder gar nicht zu privaten Feiern eingeladen. Wollten
sie so eine Art macht erreichen? Bemerkenswert sind aber auch die
Reaktionen des unmittelbaren beruflichen Umfelds und der jeweiligen
Vorgesetzten der Täter bevor die Taten beweisbar waren. Weit überwiegend
wurden Tötungsmittel eingesetzt, meist Medikamente die spezifisch
für den Gesundheitsbereich sind. Durchgängig ist eine
mangelhafte Kontrolle der Medikamentenbestellung und –vergabe
fest zu stellen. Außerdem ist die Dokumentation sehr nachlässig
und wurde auch so vom kompletten Team gehandhabt. Beispielsweise
in Wuppertal bestanden zwischen Chefärzten unterschiedlicher
Krankenhausabteilungen massive Konflikte, das Pflegepersonal konnte
nach Belieben schalten und walten, die zu pflegenden Menschen wurden
herumgeschoben und ein Täter sagte aus: „Auf der psychiatrischen
Abteilung war das Gefühl entstanden der Mülleimer der
Klinik zu sein.“
Als Wienerin haben mich die brutal vorgenommenen Krankentötungen
zwischen 1983 und 1989 in einem städtischen Pflegeheim besonders
schockiert. Vier Pflegerinnen töteten in diesem Zeitraum nachweisbar
50 alte Menschen. Ihre Methode nannte sich „Mundpflege“.
Die Wiener Pflegerinnen (von denen keine eine staatliche Ausbildung
hatte) drückten dem Opfer bei geöffnetem Mund mit einem
Spatel den Zungengrund nach unten und unterdrückten so den
Schluckreflex. Dann flößten sie ihren Opfern Wasser
ein, das diese qualvoll ersticken mussten. Die Pflegerinnen sagten
sogar aus, das sich dieser Vorgang teilweise über Stunden
erstreckte. Um Ruhe zu haben forderten sich die Täterinnen
noch gegenseitig auf: „Komm mit, vielleicht geht es dann
schneller.“ Zu ihrer Entschuldigung gaben sie Arbeitsüberlastung
an. Sie waren oft allein im Nachtdienst, die diensthabenden Ärzte
schliefen und wenn man sie weckte gab es großen Ärger.
In der Gerichtsverhandlung legte man private Videos vor, auf denen
wilde Partys im Nachtdienst mit den Ärzten zu sehen waren.
Wurde geschellt, wollte man sich schnell des lästigen Übels
entledigen um weiter feiern zu können. Wurden Mitbewohner
Zeugen solcher Taten wurde diesen gedroht: „Wenn du nicht
ruhig bist, bist du der Nächste.“ Bei allen Tätern
kristallisierte sich eine verrohte Sprache und eine drohende Haltung
gegenüber den Pflegebedürftigen heraus. Ein derartiger
Sprachstil verweist auf Abwehrmechanismen. Gerade emotional bewegende
und belastende Erfahrungen werden häufig mit Ironie geschildert.
Die verrohte Tätersprache ist Ausdruck eines Prozesses der
leidende, verwirrte und sterbende Menschen entwertet – und
damit auch die eigene Berufstätigkeit, letztlich die Täterpersönlichkeit
selbst. Im beruflichen Umfeld zeigte sich, das die Täter bereits
im Vorfeld ihrer Entdeckung von Kollegen mit einschlägigen
Spitznamen belegt wurden, zum Beispiel „Todesengel“, „Vollstrecker“ oder „Hexe“.
Derjenige der solche Namen vergibt muss doch etwas geahnt haben.
In vielen Fällen wird es für unmöglich gehalten,
das so etwas im eigenen Haus geschieht. Selbst wenn Kollegen einen
Verdacht gegen die Täter aussprachen, wurde dieser sofort
durch ausgeprägte Abwehrhaltung seitens der Pflegedienstleitung,
dem Krankenhausträger bis hin zu den Ermittlungsbehörden
mit offensichtlichem Desinteresse abgetan. So drohte in den USA
eine PDL ihren nachgeordneten Mitarbeitern mit einer Verleumdungsklage,
wenn sie nicht aufhören einen bestimmten Kollegen zu verdächtigen
(Es stellte sich heraus, das der Mann 50 Patienten tötete).
Ein Kollege, der bei einer KS in Deutschland ein verdächtiges
Verhalte beobachtet hatte wurde von seinem Vorgesetzten gefragt
ob er bei der KS sexuell nicht ankomme. Insofern spielte auch die
Angst der Kollegen als Einzelner, als Denunziant dazustehen eine
gewichtige Rolle. So konnten die Täter Jahre lang weiter Menschen
töten. War nach der ersten Tat die Hemmschwelle überwunden,
stumpfte er mit jeder weiteren Tat ein Stück mehr ab. Das
von den Tätern als Motiv in Anspruch genommene Mitleid hält
einer kritischen Überprüfung nicht stand. Meist kannten
die Täter ihre Opfer kaum. Krankentötungen verweisen
meiner Ansicht nach auf die besondere Unfähigkeit lästige,
leidende und sterbende Menschen zu versorgen. Wer das menschliche
Leiden bis letztendlich zum Tod nicht erträgt, ein so verstandenes
Mitleid hat mehr mit Selbstmitleid als mit der menschlichen Anteilnahme
am Schicksal des Anderen zu tun. Ein solches Verhalten hat überwiegend
damit zu tun sich selbst von dem bedrückenden Anblick zu befreien
und nicht mit Sterbehilfe um dem Patienten etwas Gutes zu tun.
Viele der Täter sehen bis heute nicht ein das sie getötet
haben. So meinte ein amerikanischer Krankenpfleger, der lachend
aus dem Zimmer eines soeben verstorbenen Pfleglings kam: „Ich
bin einen Weiteren für euch los geworden.“ Eine deutsche
Pflegerin der man bei Dienstübergabe sagte eine CA-Patientin
habe große Schmerzen meinte darauf hin: „Für die
Frau ist es besser ohne Schmerzen zu sterben. Das mach ich mit
links. Das ist für mich ein Häppchen.“ Später
spritzte sie der Frau drei Ampullen eines Blutdruck senkenden Mittels.
Die Frau starb darauf an Herz-Kreislauf-Stillstand. Handlungsleitend
für derartige Straftaten ist also nicht die mitleidende einfühlsame
und hilfreiche Anteilnahme am Schicksal der kranken Menschen, im
Gegenteil die Täter haben das eigene Siechtum, das eigene
Sterben vor Augen und greifen, indem sie töten, das Spiegelbild
der eigenen Zukunft auf.
Die deutsche Gegenwart sieht so aus, das heute mehr als 80% der
Menschen in Krankenhäusern oder Pflegeheimen sterben. Eben
so viele würden aber viel lieber in Ruhe zuhause sterben.
In der Industriegesellschaft sind der Tod und das Leiden aber aus
der Öffentlichkeit verschwunden. Sie werden an Krankenhäuser
und Pflegeheime delegiert und man hat keine Erfahrungen mehr damit.
Außerdem sollen sich diese „Spezialeinheiten“ damit
befassen. Indem wir aber Zuständigkeit für Leiden und
Tod systematisch in Krankenhäuser und Pflegeheime verbannen
und damit der Tabuisierung und Ausgrenzung Vorschub leisten, uns
wehren für den Sozial- und Gesundheitsbereich hinreichende
Ressourcen zur Verfügung zu stellen, unterstützen wir
Denkweisen die solche Straftaten begünstigen. Sie werden auch
dadurch begünstigt, das Leiden Hoffnungslosigkeit und insbesondere
das Sterben in diesen Einrichtungen zur alltäglichen Selbstverständlichkeit
werden müssen. Abgesehen von dem Sterbenden selbst ist für
das Personal der Tod nichts Besonderes mehr. Mit Sicherheit werden
sich Krankentötungen durch genaue und gewissenhafte Kontrollen
nicht verhindern lassen, sondern die Motivation für Berufswahl
und Berufstätigkeit in dem Wunsch zu helfen und zu heilen.
Gerade hier muss die Vorstellung besonders schwer fallen, das pflegerisches
oder ärztliches Personal Schutzbefohlene Menschen tötet.
Von entscheidender Bedeutung wird es sein die Augen zu öffnen
und Krankentötungen für möglich zu halten und nicht
als unmöglich zu tabuisieren.
| Autor: Elisabeth Czaplewski |
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