Autor/in: Nicole Lielek

Aggressionen in der Pflege

Definition von Aggression und Gewalt:
Grundsätzlich definieren die Verfasser Aggressionen bzw. Gewalt als Schädigung, Kränkung und Verletzung einer anderen Person. Aggressives Verhalten liegt vor wenn sich jemand bedroht, angegriffen oder verletz fühlt, ob verbal oder physisch.

Darstellung von Aggressionstheorien und Erklärungsversuchen.

In der Psychologie wird seit langem versucht das Thema Aggression und die Ursachen zu klären.

Frustrations- Aggressions- Hypothese:
Von Miller/ Dollard (1972)
– Aggression ist immer die Folge einer Frustration
– Frustration führt immer zu irgendeiner Form von Aggression.

Aggressionen entstehen auch wie andere Gefühle aus einem nicht befriedigten Bedürfnis.

Bsp. Beim morgendlichen Wecken äußert der Heimbewohner den Wunsch, liegen bleiben zu können. Die Pflegekraft besteht darauf, dass er aufsteht, und löst somit bei ihm die Frustration aus, da sein Bedürfnis nach Schlaf missachtet wird.

Motiv der Angst:
Für die pflegerische Praxis stellt es eine sehr bedeutsame Sichtweise dar.
Bsp. Ein Patient der unter der wahnhaften Bedrohung leidet, vergiftet zu werden, wird in seiner Angst die er als lebensbedrohlich empfindet die Nahrung verweigern oder eventuell durch das Zimmer werfen.

Die Ängste der zu Betreuenden sind unterschiedlich:
Halluzinatorische Ängste, wahnhafte Bedrohungen, Angst vor Zurückweisung, Angst vor Nähe;

Aggression als Form der Kontaktaufnahme:
Es ist auf den ersten Blick vielleicht unverständlich, das Streitigkeiten bzw Aggressionen auch intensive Beziehungserlebnisse schaffen. Man kann auch durch störendes bzw. gewalttätiges Verhalten aufmerksam auf sich machen und dadurch so in Beziehung mit anderen Menschen treten.
Z.B. Wenn die Pflegeperson keine Zeit für eine Person hat. Diese Person schlägt und beschimpft jemand anderes. Nun kommt die Pflegeperson auf die Person zu und spricht mit ihr. Somit hat die Person nun die ganze Aufmerksamkeit.

Hirnschäden als auslösende Faktoren
Bei bestimmten Erkrankungen wie bei Alzheimer, Parkinson, Epilepsie, nach Schlaganfällen aber auch Alkoholrausch usw kann das Stirnhirn seine Funktion als Kontrollinstanz verlieren und somit die Aggressionsbereitschaft erhöhen.

Medikamente als Aggressionsförderer:
Auch viele Medikamente sind bekannt, das sie die Aggressivität steigern können….

Aggressionsarten:
Direkt, indirekt
Verbal und Physisch
Aktiv und passiv
Feindselig und instrumentell

Im Allgemeinen erlebt man in der Praxis folgende Verhaltensweisen:
Trotz, Wutanfälle, Schimpfen, Beleidigen, um- sich- schlagen, andere angreifen, Erpressung, Zerstörung von Gegenständen oder Mobiliar, Kratzen, Beißen, Schreien, Verweigerung von Pflegemaßnahmen, Ausspielen des Pflegepersonals gegeneinander…

Eine besondere Form ist die sexuelle Gewalt.
Z.B. Bei der Grundpflege greift ein Bewohner plötzlich an die Brust der Mitarbeiterin

Reaktionsmöglichkeiten in der akuten Situation:´
Für die Pflegeperson ist nicht vorhersehbar ob sich der Bewohner z.B. bei der Grundpflege aggressiv verhält. Solche Aggressive Verhalten können immer wieder vorkommen. Es ist häufig der Fall, das auf ein korrektes Verhalten des Pflegepersonals eine nicht angemessene aggressive Reaktion erfolgt, die unabhängig vom Verhalten der Pflegeperson ist. Es ist dann wichtig, die angemessene, innere Einstellung zu finden. Aggressives Verhalten ist eine wenn auch nicht angemessene Ausdrucksform menschlichen Verhaltens.
Es ist ratsam eine Selbsteinschätzung der möglichen Aggressionen in Form einer Gefährlichkeitscheckliste vorzunehmen um auf aggressives Verhalten sich einstellen zu können.

Gefährlichkeitschekliste nach Breakwell 1998 (Folie)

Beruhigen:
Dem Bewohner verdeutlichen das die Intention der Pflegehandlung notwendig, bzw. wohlmeinend und nicht verletzend gemeint war und ihn so beruhigen.

„aus dem Felde gehen“
Es kommt vor das es notwendig ist, die negativ aufgeladene Interaktion zu unterbrechen und sich aus dem Fokus der Wut des Betreuten zu entfernen.

Hilfe Holen
Ist für den Betreuer die Bedrohung zu groß, ist die Gefahr im Verzug, sodass es angemessen ist, Hilfe bei Kollegen zu holen.
Zb: eine Pflegerin wird mit dem Messer bedroht, sie verlässt die Küche und holt Hilfe.

Ablenken
Eine Aggressive Handlungskette kann vom Pflegepersonal unterbrochen werden, indem er den Bewohner abzulenken, bzw. seine aggressive Energie in Bewegung oder anderes Tun umzuleiten versucht.
Z.B.: Die Bewohnerin verweigert das Essen. Man könnte sie z.B. Ablenken und fragen ob sie früher gerne gekocht hat, was ihr Lieblingsessen war…. Und ihr das essen reichen.

Es besteht aber auch die Gefahr das das Ablenken zu einer Verstärkung des negativen Verhaltens führen kann, da es als ein Zuwendungsgewinn erlebt werden könnte.

Ignorieren des aggressiven Verhaltens
Dies kann aber zu einer Verstärkung des aggressiven Verhaltens führen.

Verharmlosen und verniedlichen
Kann ebenfalls zu Aggressionssteigerung führen, wenn sich der Bewohner z.B. Nicht ernst genommen fühlt.

Drohen und Bestrafen
Kann zu einer kurzfristigen Änderung führen, bzw. zur Unterlassung des aggressiven Verhaltens führen- aber es erzeugt auch Angst. Und wie schon erwähnt kann Angst erneut zu aggressiven Verhalten als Abwehrreaktion führen.

Mögliche Erklärungen auf Seiten des Betreuten
Schmerzen? Schlafdefizit? Hunger, Durst? Einsam? Angst? Überfordert? Uvm.

Mögliche Erklärungen auf Seiten der Pflegeperson
Habe ich ihn erschreckt? Habe ich ihm Schmerzen hinzugefügt? War ich zu ungeduldig oder zu hektisch? Habe ich die Intimsphäre verletzt? Habe ich eine Botschaft nicht verstanden? War ich zu bestimmend?

Wird man in der Pflege mit aggressivem Verhaltensweisen von Bewohnern konfrontiert, ist man in der Situation erschrocken, erstaunt, vielleicht auch verletzt. Nachdem man diese Situation gemeistert hat, bzw. darauf reagiert hat, ist es wichtig, genauer hinzusehen, was der oder die Auslöser für das Verhalten gewesen sein könnten. Wenn die Pflegekraft eine mögliche Erklärung für das Verhalten findet, kann sie im Vorfeld eine erneute Aggression vermeiden oder sich im nachhinein mit dem Verhalten des Bewohners aussöhnen und wieder unvoreingenommen auf die betreffende Person zugehen. Es soll hierbei nicht um Schuldzuweisung oder Rechtfertigungen gehen, sondern um das Verstehen von Verhaltensweisen, um Klärung der Situation auf der Basis gegenseitigem Versöhnen.

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