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Erlebensbeschreibung einer AP-Schülerin
zum Thema "Waschen"
Halb verschlafen komme ich, die Waschschüssel in der Hand,
ins Zimmer. Draußen ist es noch dunkel, alles schläft
noch, ich bekomme ein schlechtes Gewissen, wenn ich jetzt Licht
anmache und die Leute aus dem Schlaf reiße. Ich kann sehr
gut verstehen, daß die noch weiterschlafen wollen, ich würde
lieber auch noch in meinem warmen Bett liegen. Irgendwie will ich
hiermit gar nichts zu tun haben, fertig sein, ehe ich angefangen
habe.
Ich gebe mir einen Ruck, suche noch im Dunkeln Handtuch, Waschlappen
und Seife zusammen, da ich weiß, wo alles liegt. Ich bin ein
wenig stolz darauf, alles so gut im Griff zu haben und eine gute Vorbereitung
treffen zu können, so kann ich am Bett bleiben und muß nicht
für jeden Kram losrennen und die Arbeit unterbrechen. Wenn ich
jetzt das Licht anmache, verbreite ich gleichzeitig eine - so kommt
es mir vor - fast penetrante Fröhlichkeit, um einer Verärgerung
der Alten zuvorzukommen:
„Guten Morgen, gut geschlafen?" Ich gebe Berichte über das Wetter
ab, erzähle, daß ich selbst auch noch müde bin. Währenddessen
lasse ich das Wasser in die Waschschüssel laufen, das kann man beinahe wie
einen Sport gestalten: wenn man auf Anhieb die richtige Temperatur trifft, gibt
das 100 Punkte.
Die Geschäftigkeit, die dann kommt, soll irgendwie den Anfang
hinauszögern, wie ich selbst bemerke. Wenn ich die Bettdecke zurückschlage,
geht es los, dann kann ich nicht mehr zurück, ich muß dranbleiben.
Was wird passieren? Wird jetzt gemeckert, daß das Wasser zu kalt
ist? Oder ist da eine Schweinerei im Bett, die von der Nachtwache -
natürlich -übersehen wurde? Oder fasse ich mal wieder voll
auf den Dekubitus? Hat die Frau wieder Schmerzen, wenn ich der das
Nachthemd über den Kopf ziehe, weil sie so steif und unbeweglich
ist?
Währenddessen wird von mir aber weiterhin gute Laune verbreitet: „So,
jetzt wollen wir aber mal anfangen". Wenn ich die Bettdecke zurückgeschlagen
und der Frau das Nachthemd ausgezogen habe, werde ich merklich ruhiger,
irgendwie bin ich peinlich berührt: wie würde ich mich fühlen,
wenn mich jemand wäscht, wenn das dazu noch ein Mann wäre?
Ist es der peinlich, wenn die so daliegt? Dann beruhige ich mich erst
einmal selbst: daran gewöhnt man sich schon irgendwie, außerdem
geht es eben nicht anders.
Trotzdem bin ich jetzt weiter bei dieser peinlichen Angelegenheit.
Sehe ich später auch mal so alt und faltig aus? Was wird dann
mein Mann dazu sagen? Wie sah die früher mal aus? Hat die überhaupt
einen Typen abgekriegt? Hat die jetzt noch Sexualität, wo die
schon so alt ist? Kriegt die das noch geregelt? Macht die es sich vielleicht
sogar noch selbst? An dieser Stelle wird die Sache für mich plötzlich
besonders fragwürdig: wasche ich die jetzt oder mache ich der
was ganz anderes?
Um weitere Peinlichkeiten zu vermeiden, verfahre ich bei den ,delikaten'
Stellen besonders vorsichtig: die Brust wird um die Warzen herum etwas
kräftiger, die Brustwarzen selbst kaum gewaschen, ich feuchte
sie eigentlich eher nur an, um sie dann sofort abzutrocknen. Im Genitalbereich
verfahre ich betont sachlich: nicht öfter und nicht tiefer als
unbedingt nötig, mit besonders viel Wasser nachspülen, damit
die Seife möglichst schnell wieder abgeht und ich ,unten herum'
(wie man es nennt) sofort ans Abtrocknen kommen kann.
Ich gerate, wenn diese Hürde genommen ist, ans Träumen, denke
an die nächste HB, ans Frühstück, an den Feierabend,
versinke in der Routine, wasche so vor mich hin, ohne genau hinzusehen.
Nach einiger Zeit denke ich an den Stationsablauf, daran, wie die Mitarbeiter
sich abhetzen und ich es mir hier gemütlich mache.
Ich werde schneller,vergesse' relativ unwichtige Teile wie die Beine
mit einem - etwas - schlechten Gewissen, aber andere HB sind schließlich
auch noch dran und ich wasche mir selbst auch nicht jeden Tag immer
alles supergründlich. Schließlich können die Kollegen
auch mal etwas gründlicher waschen und nicht immer nur ich. (Ende
Erlebensbeschreibung)
Daran kann man gut sehen, daß die Eingriffe in die Intimsphäre
sehr wohl bemerkt werden und das "Peinlichkeiten" aufkommen.
Professionalität in der Pflege zeichnet sich eben dadurch aus,
daß diese Peinlichkeiten vermieden werden sollen, weil dann
die Gefahr besteht, daß man handlungsunfähig wird (oder,
wie Sandra schreibt: mit hochrotem Kopf rausrennen). Ob man Professionalität
nun Routine oder Gewöhnung nennt, ist dabei egal: wichtig ist,
daß man die alten Menschen in Teilbereiche zergliedert (in
die "zu waschende Bereiche") und ihn damit gleichzeitig
entsexualisiert (denn nur "ganze" Menschen besitzen Sexualität).
Wenn die Alten sich dagegen "wehren" und zeigen, daß sie
sehr wohl noch sexuell aktiv sind, durchbrechen sie damit also unsere
Professionalität, was uns widerum nicht paßt.
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