Autor/in: Fritz Körbel

Wie viel Privatsphäre braucht der Mensch?

Wie ein unsichtbarer Mantel umgibt uns eine schützende Hülle aus Privatheit. Ohne sie könnten wir nicht überleben. Wieso nicht?

Die Veranda des sehr eleganten Reitclubs in São Paulo schien speziell etwas gegen Amerikaner zu haben: Ab und zu stürzten Besucher über das Geländer – und immer kamen sie aus den USA. Die viel zahlreicheren Brasilianer hielt die Absperrung zuverlässig zurück.

Erst nach längerem Forschen gelang es einem Verhaltenswissenschaftler, das Mysterium des wählerischen Geländers aufzuklären: Die Amerikaner beanspruchten eine viel größere Privatsphäre als die Brasilianer. Wenn zwei Menschen im Stehen miteinander redeten, bewahrten die Amerikaner gern eine Armeslänge Abstand; die Brasilianer hingegen bevorzugten eine deutlich geringere Distanz. Beides zusammen führte zu einer verhängnisvollen Wanderung: Im Gespräch mit einem Brasilianer rückte der Amerikaner weg, um eine angenehme Gesprächsdistanz herzustellen. Diese Entfernung wirkte für den Brasilianer zu unpersönlich – und er rückte einen Schritt näher:

Anlass für den Amerikaner, einen weiteren Schritt nach hinten zu tun, und für den Brasilianer, abermals nachzurücken – so lange, bis der Amerikaner rücklings über die Brüstung purzelte.

Wie durch eine magnetische Kraft wurde der Amerikaner von seinem Gegenüber abgestoßen – und jeder von uns hat diese Kraft in einer ähnlichen Situation selbst schon einmal erlebt. Sie markiert den Rand jener unsichtbaren Blase von Privatsphäre, die wir alle um uns tragen.

Aber nicht nur im räumlichen Sinne, auch auf viele andere Weisen tragen wir Blasen von Privatheit um uns herum: Wir verheimlichen unsere Kontostände, vertuschen unsere körperlichen Gebrechen, schweigen von Schwierigkeiten beim Sex, verstecken alte Liebesbriefe, verhindern den Zutritt zu unserer Wohnung, verschleiern unsere Herkunft. Nur wenige ausgewählte Personen dürfen unsere Privatsphäre einsehen – manchmal sogar niemand.

Je weiter man die Privatsphäre zu enträtseln versucht, desto vielgestaltiger und verwirrender wird sie. Der Philosoph Julie C. Inness von der Stanford-Universität meint sogar: »Die Erforschung der Privatsphäre ähnelt der Erforschung eines unbekannten Sumpfes. Wir starten von einem sicheren Grund, es scheint eine einfache Aufgabe zu sein. Doch dann wird der Untergrund immer weicher, und wir erkennen, welche Konfusion unter unserem normalen Begriff von Privatsphäre verborgen ist.«

Deutlich wird die Verwirrung, wenn wir verschiedene Kulturen betrachten: Jeder versteht etwas anderes unter Privatsphäre; manche Kulturen scheinen sie überhaupt nicht zu kennen. Araber sitzen im Kaffeehaus gern so dicht, dass man den Mundgeruch des Gegenübers wahrnimmt; sie lieben es, wenn beide Gesprächspartner in einer gemeinsamen Wolke von Berührungen, Blicken und Düften baden. Japaner finden es nicht anstößig, zur Erheiterung der Arbeitskollegen fremde Privatbriefe laut vorzulesen, und in manchen Ländern sieht man Männer Hand in Hand auf der Straße spazieren gehen – was für uns noch befremdlicher wirkt, wenn einer von beiden eine Polizeiuniform trägt.

Indische Kellner schlafen nachts auf den Tischen und Bänken ihres Restaurants

In Indien scheint unser Begriff von Privatsphäre vollkommen unbekannt zu sein: Einem Reisenden kann es passieren, dass ihn Zufallsbekannte wie selbstverständlich ins Hotelzimmer begleiten, Sachen beiseite schieben und sich gemütlich auf dem Bett niederlassen; beim gemeinsamen Essen langen die neu gewonnenen Freunde dann kreuz und quer über den Tisch und bedienen sich freimütig von fremden Tellern – und das ist kein Affront, sondern ein Freundschaftsbeweis.

In indischen Mittelstandswohnungen gibt es oft keine Schlafzimmer, sondern nur zusammengerollte Matratzen im Flur. Jedes Familienmitglied schnappt sich abends eine Matratze und legt sich irgendwo nieder. Sozial niedrig Gestellte besitzen oft überhaupt keinen Privatraum. So schlafen viele indische Kellner auf Bänken und Tischen des Restaurants, für das sie arbeiten. Wenn das Geschäft morgens beginnt, räkeln sie sich, zupfen ihre Kleidung glatt, schieben die Bänke wieder auseinander und bedienen die Gäste, die auf und an ihren »Betten« sitzen. Nicht einmal einen persönlichen Brief könnten sie verstauen, so begrenzt ist der Privatraum der Kellner.

Für uns, die wir eine große und sorgfältig gehütete Privatsphäre gewohnt sind, scheint die Vorstellung eines solchen Lebens Grauen erregend. Inder aus der entsprechenden Gesellschaftsstufe aber empfinden keine Einbuße. Verschiedene Kulturen haben nämlich ganz unterschiedliche Einschätzungen von der Größe des Raumes, den eine Person für sich beanspruchen darf.

Grundsätzlich unterscheiden die Wissenschaftler Kontakt- und Nichtkontakt-Kulturen. Zu den Kontakt-Staaten gehören viele arabische und lateinamerikanische Länder, aber auch Italien, Frankreich und die Türkei. Ihnen gegenüber stehen viele asiatische und nordeuropäische Länder sowie die USA. Der Unterschied zeigt sich sogar in der Sprache. Warnen die Amerikaner gern: »Get your face out of mine« (»Rück mir nicht so auf die Pelle«), um ihr Gegenüber zu größerem Abstand zu ermahnen, so bevorzugen die Costa-Ricaner: »I don’t bite« (»Ich beiße nicht«), weil sie sich mit zu großer Entfernung unwohl fühlen.

Wie groß der Unterschied zwischen Kontakt- und Nichtkontakt-Kulturen ist, lässt sich bei jedem Cafébesuch beobachten. Der Autor Ken Cooper schaute sich in aller Welt um und kam zu einem eindrucksvollen Ergebnis: Innerhalb einer Stunde berührten sich Gäste in London kein einziges Mal, in Florida zweimal – in San Juan (Puerto Rico) aber 180-mal! Man kann sich vorstellen, wie bedrängt sich ein Londoner in San Juan fühlen muss – und wie verlassen ein Puertoricaner in London!

Wie zwei Nichtkontakt-Kulturen dennoch zu überraschenden Kontakten kommen können, zeigte ein lustiges – und folgenreiches – Missverständnis. Amerikanische Soldaten, die nach dem Zweiten Weltkrieg in England stationiert waren, hinterließen dort auffällig viele Kinder. Das Merkwürdige war, dass sich Männer und Frauen gegenseitig beschuldigten, sexuell sehr direkt gewesen zu sein.

Wann ist der richtige Zeitpunkt für den ersten Kuss gekommen?

Erst bei genauerer Untersuchung kam heraus, dass es sich dabei um ein Missverständnis handelte, ausgelöst durch eine unterschiedliche Auffassung von Privat-sphäre: In beiden Kulturen wird das Küssen unterschiedlich eingeordnet. Für die Amerikaner ist ein Kuss eine relativ unverfängliche Angelegenheit. Er kommt ziemlich früh in der Abfolge der Handlungen, die man mit einem neuen Sexualpartner vornimmt. Für die Engländerinnen hingegen ist ein Kuss etwas sehr Intimes; er kommt kurz vor dem Geschlechtsakt.

Wenn nun am Beginn eines erotischen Verhältnisses der Amerikaner den Zeitpunkt für gekommen hielt, die Auserwählte zu küssen, fiel die Engländerin aus allen Wolken: Sie musste es mit einem Wüstling zu tun haben, der eine ganze Serie von Handlungen übersprang und schnell zur Sache kam! Die Alternative für sie: empört abbrechen – oder sich ausziehen.
Entschied die Frau sich für Letzteres, war der Amerikaner ähnlich überrascht wie die Engländerin wenige Sekunden zuvor. Was für eine Draufgängerin hatte er vor sich: zieht sich einfach aus, obwohl man doch erst ganz am Anfang war! Entschloss auch er sich zum Mitmachen, war die gegenseitige Überraschung komplett: Zwei Menschen trafen aufeinander, die beide von der »Wildheit« des anderen ganz überwältigt waren.

Deutsche wirken reserviert, weil sie Öffentliches und Privates so stark trennen

Unterschiedliche Auffassungen über die Privatsphäre sind auch Anlass für viele Vorurteile, die im Ausland über Deutschland gepflegt werden. So notiert eine amerikanische Studentin über ihre deutschen Nachbarn: »Jeder grenzt sich ab. Typisch ist, dass man hier Hecken und Zäune hat und nicht ein Grundstück ins nächste fließt.« Ein amerikanischer Gastwissenschaftler bemerkt: »Wir hatten nie zuvor so viele Türen, Schränke und Schubladen mit Schlössern und Schlüsseln gesehen.«

Der Soziologe Stephen Kalberg hat die Unterschiede zwischen Deutschland und Amerika analysiert und gefunden, dass die Deutschen öffentliche und private Sphäre einfach viel stärker voneinander trennen als die Amerikaner.

»Wärme, Einfühlungsvermögen und Hilfsbereitschaft durchdringen in Deutschland die private Sphäre, während der öffentliche Bereich gekennzeichnet ist durch soziale Distanz und rein funktionalen Austausch«, erklärt er. Arbeitsbekanntschaften in Deutschland werden deshalb nur selten zu echten Freundschaften. In Amerika hingegen ist der Arbeitsplatz die Haupt-Kontaktbörse:

» Friendship« unter Kollegen ist beinahe ein Naturgesetz. Ein Amerikaner im deutschen Berufsleben wirkt leicht zu flapsig und zu familiär, ein Deutscher in Amerika humorlos und zugeknöpft.

Dennoch: So unterschiedlich die Auffassungen der verschiedenen Kulturen von Privatsphäre auch immer sein mögen: Bei ihren weltweiten Untersuchungen fanden die Wissenschaftler kein Volk ohne Privatsphäre!

Überall haben die Menschen ihren privaten Bereich – auch wenn die Grenzen ganz unterschiedlich gezogen werden. Selbst Gesellschaften, in denen die Menschen nackt herumlaufen, sind nicht so schamlos, wie wir sie uns vorstellen.

So leben die Yanomami unbekleidet im brasilianischen Regenwald. Doch auch sie kennen jene Privatsphäre, die bei uns durch Kleidung abgesteckt wird – eine dünne Schnur erfüllt hier den Zweck: Die Frauen tragen sie um die Lenden, die Männer binden sich damit den Penis hoch. Der Verhaltensforscher Professor Irenäus Eibl-Eibesfeld berichtet: »Bittet man die Frauen, ihre Schnur abzulegen, werden sie rot, kichern und laufen so schnell wie möglich zu ihrer Hängematte, um sich eine neue Schnur umzubinden. Sie verhalten sich genauso schamhaft wie eine europäische Frau, die vor einem Fremden ihre Kleider ablegt.«

Selbst unter den großen, 40 Meter überspannenden Dächern, unter denen ganze Dörfer zusammenleben, gibt es Privatsphären – auch wenn sie nicht unmittelbar sichtbar sind: Jede Familie hat ihr eigenes Territorium, das von den anderen nicht ohne ihr Einverständnis betreten wird. Wollen die Eltern Sex miteinander haben, errichten sie einen Paravent aus Palmblättern – oder ziehen sich in den Garten zurück, der bei ihnen ebenso privat ist wie bei uns.

Eine der subtilsten Formen, Privatheit zu sichern, besteht in »sozialen Zäunen«. Für den Unkundigen scheinen die Menschen entblößt – geschützt werden sie aber durch ein Betretungs- oder Blickverbot. So besitzen Häuser in Holland traditionell keine Gardinen. Jeder, der vorbeikommt, kann in die Wohnzimmer der Menschen hineinschauen. Doch man macht es einfach nicht! Es ist ungehörig! – und mit dieser Vorschrift wird die häusliche Privatsphäre gut geschützt. Problematisch wird es erst, wenn Kulturfremde vorbeikommen, die diese Regel nicht kennen und neugierig in jedes unverhängte Fenster starren.

In Indien wird der sehr unterschiedliche Verlauf »sozialer Zäune« besonders deutlich: Manche Inder hocken sich in aller Öffentlichkeit an den Straßenrand und verrichten dort ihr Geschäft. Für uns Westler ist diese Tätigkeit eindeutig der Privatsphäre zugeordnet, deshalb versuchen wir im Vorbeigehen unwillkürlich, die »verletzte« Privatsphäre des Hockenden wiederherzustellen – einfach, indem wir wegschauen. Umso größer dann die Überraschung:

Wenn wir am dichtesten an ihn herangekommen sind, streckt der Inder womöglich seine Hand aus und bittet um ein paar Münzen – mitten während seines Geschäfts!

Schaut man genau genug hin, so entdeckt man, dass die Privatsphäre überall in irgendeiner Form erhalten bleibt – auch dort, wo man es zunächst nicht vermutet. Selbst voyeuristische Fernsehsendungen wie »Big Brother«, in denen Menschen unter Dauerüberwachung gesetzt werden, stellen keineswegs den Zusammenbruch der Privatsphäre dar.

Vieles bleibt dauerhaft verborgen: das private Haus der Mitspieler, ihre Ehegatten, Kinder, Eltern, Freunde. Die Menschen zeigen sich in einer künstlichen Umgebung, die speziell für diesen Zweck geschaffen wurde. Im Grunde spielen sie Privatheit für die Kamera und verstecken dahinter ihre wirkliche Privatheit.

Zu verschwinden scheint die Privatsphäre auch im Internet. Es wimmelt von Seiten, in denen Menschen ihre Tagebücher veröffentlichen, private Fotos zur Schau stellen oder ihre geheimen Fantasien preisgeben. Manche installieren sogar Kameras in der eigenen Wohnung, sodass jeder Internetbesucher ihnen beim Essen, Arbeiten, Schlafen und beim Sex zuschauen kann. Doch auch hier sind die Grenzen der Privatheit keineswegs aufgehoben: Die dauergefilmte Frau wäre zutiefst beleidigt, wenn der Internetspanner plötzlich persönlich durch ihr Schlafzimmerfenster lugen würde! Auch der Chatter, der mit Fremden via Internet intime Probleme erörtert, ist bereit, alles von sich zu erzählen – nur nicht seinen Wohnort und seinen wahren Namen! Privatheit im Netz wird durch Anonymität gesichert.

Umso empfindlicher reagieren die Internetbenutzer, wenn diese Privatheit gestört wird. Über zwei Millionen Seiten im Netz beschäftigen sich mit dem Thema »Privacy«: Es geht darum, wie man die per-sönlichen Daten vor fremdem Zugriff schützen kann. Ganze Industrien suchen nach sicheren Verschlüsselungstechniken; und gegen die Datensammler, die jeden Mausklick der Surfer registrieren wollen, kann man sich längst schützen, indem man so genannte »Anonymisierer« ansteuert: Programme, die die eigene Adresse im Netz verschleiern.

Dass der Mensch ohne Privatsphäre nicht leben kann, hat einen simplen Grund: Er ist ein territoriales Wesen. In unserer Stammesgeschichte ging es über weite Strecken um die Verteidigung unseres eigenen Terrains – und das hat Spuren tief in unserem Gehirn hinterlassen. Der Besitz eines Territoriums konnte zu allen Zeiten entscheidend für das eigene Überleben sein. So war der Fremde immer gefährlich: Es ist klug, ihn auf einem Mindestabstand zu halten, damit man bei überraschenden Angriffen genug Reaktionszeit behält.

Bei interkulturellen Untersuchungen identifizierte der amerikanische Ethnologe Edward Hall vier grundsätzliche Zonen der Privatheit: Den Bereich von null bis 45 Zentimeter um uns herum nannte er die »intime Zone«. Hier dominieren Geruch und Berührung; nur Sexualpartner und Kinder dürfen in diese Zone eintreten. Von 45 bis 120 Zentimeter schließt sich die »persönliche Zone« an, in der man Kontakt mit seinen Freunden hat und in der Sehen und Hören die dominierenden Sinne sind.

Weiter draußen kommt die »soziale Zone«, die bis 3,5 Meter Entfernung reicht. Hier erfordert die Interaktion mit anderen eine erhobene Stimme – typisch für Geschäftstreffen oder Schulunterricht. Außerhalb dieses Bereichs folgt die »öffentliche Zone«, in der Verständigung nur noch mit Schreien oder über Mikrofon möglich ist und die vornehmlich von Politikern und Schauspielern genutzt wird.

Im Fahrstuhl kann man niemanden ansprechen – weil er viel zu nahe steht

Die Zoneneinteilung macht verständlich, wieso sich so viele Menschen im Fahrstuhl unwohl fühlen: Hier treten Mitfahrer in ihre intime Zone ein, die dort gewiss nichts verloren haben. Die erzwungene Nähe erzeugt Beklemmung, und man behilft sich, indem man die anderen nicht mehr als Menschen, sondern eher als Schaufensterpuppen betrachtet. Deshalb ist es fast unmöglich, im Fahrstuhl neue Kontakte zu schließen, und deshalb starren die meisten schweigend und konzentriert auf die Stockwerksanzeige, als würde dort ein Actionfilm gezeigt.

Weil der Mensch ein territoriales Wesen ist, sind auch alle Büros von unsichtbaren Grenzen durchzogen: Ein bestimmter Stuhl gehört einem bestimmten Kollegen, der Bereich hinter seinem Schreibtisch darf nur von seinen zwei Mitarbeitern betreten werden, der Abteilungsflur nur von den Mitgliedern dieser Abteilung – und wer sich einfach auf den Sessel des Chefs fläzt, riskiert den Rausschmiss.

Auch das hypermoderne Büro, wo die Angestellten mit ihrem Laptop mal an diesem, mal an jenem Schreibtisch arbeiten, dürfte am Wunsch nach Privatsphäre scheitern: Die Mitarbeiter aktivieren gern all ihre Kreativität, nur um sicherzustellen, dass sie jeden Tag am selben Tisch sitzen.

Mit der Verteidigung des eigenen Bereichs eng verbunden ist die Frage der Macht: Obdachlose in Bombay spüren die Härte ihres sozialen Abstiegs, wenn sie ihren nächtlichen Schlafplatz gegen streunende Hunde verteidigen müssen. Aber auch in höheren sozialen Schichten ist die Verteidigung der eigenen Privatsphäre eine Machtdemonstration – genauso wie das Eindringen in eine fremde.

Wer die Privatsphäre zerstört, zerstört auch den Menschen

Nicht ohne Grund gibt es so häufig Streit, wenn Vermieter die Wohnung ihres Mieters betreten wollen; nicht zufällig waren viele Kremlherrscher früher Geheimdienstchefs! Gerade Menschen, die professionell die Privatsphäre anderer ausspähen, schützen ihre eigene Privatheit vehement. Von Markus Wolf, dem Geheimdienstchef der DDR, existierte jahrelang nur ein einziges, unscharfes Foto! Der Zusammenhang von Macht und Eindringen in fremde Privatsphären ist unverkennbar.

Noch deutlicher wird er bei der »Ausbildung« von Folterknechten: Die Torturen, denen sie unterworfen werden, ähneln denen, die sie nachher anderen zufügen sollen. Zu Beginn müssen sie alle persönlichen Gegenstände abgeben, sie werden kaserniert, bekommen gleiche Kleidung und gleichen Haarschnitt, und wenn die äußere Privatsphäre zerstört ist, wird die Schutzsphäre des Körpers gebrochen: durch Prügel und Misshandlungen.
Der Arzt und Psychotherapeut Peter Boppel, Referent von Amnesty International, beschreibt die Folgen: »Die Verletzung der Reviergrenzen führt zu Aggressionen, zur Gleichschaltung und zum Zusammenbrechen der Individualität. Sie schafft eine Labilität, die in verschiedene Richtungen kippen kann, zum Beispiel in gemeinsame Größenfantasien. Bewusstsein und kognitive Fähigkeiten werden reduziert, die Differenzierungsfähigkeit wird ausgeschaltet.« Ohne eine geschützte Privatsphäre wird der Mensch zur Bestie.

Autor(in): Nicolai Schirawsi

Weitere Links
Internet-Adressen Links zum anonymen Surfen im Internet
http://www.cs.cmu.edu/afs/cs/user/ ralf/pub/WWW/privacy.html

Die Distanz-Zonen des Menschen
http://members.aol.com/katydidit/bodylang.htm

Blick in eine fremde Wohnung
http://gabgab.com/

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