Autor/in: Sylvi71

Tod und Sterben

Das Sterben ist ein Vorgang, der sich wie ein „roter Faden“ durch das ganze Leben zieht. Jeder Lebende ist damit ein Sterbender – jeder Sterbender immer noch ein Lebender.
Sterbebegleitung ist daher Lebensbegleitung und bedeutet mit dem Sterbenden das „letzte Stueck“ seines Weges gemeinsam zu gehen.
Kübler Ross hat beobachtet, dass das Sterben des Menschen in bestimmten Phasen verläuft, selten geradlinig und mit wechselnder Intensität.
Einige Phasen können durchaus mehrmals erlebt werden oder aber auch übersprungen werden.
Um auf die Bedürfnisse Sterbender eingehen zu können, sollte man die Phasen genau kennen.
Die Sterbephasen beziehen sich auf bewußtseinsmäßige Verarbeitung des Sterbens.
Das Modell zeigt bestimmte Verhaltensweisen Sterbender, an denen sich Pflegende orientieren können.

» 1. DIE SCHOCKPHASE

Jeder Mensch reagiert bei schwerer Erkrankung oder nahen Tod anders. Für den einen bricht eine Welt zusammen, alles realitätsgerechte Verhalten gerät außer Kontrolle. Der andere zeigt nach außen hin Gefaßtheit (er kann es nicht glauben oder will es nicht wahrhaben).
Aus Selbstschutz vor Panik – unbewußte Verdrängung.
Stimmungswechsel zwischen aufkommender Angst und anscheinender Gelassenheit innerhalb von Minuten oder Stunden im Laufe von Tagen/ Wochen.

A) mögliches Verhalten vom Patienten

  • Schock
  • fühlt sich wie betäubt
  • vorrübergehende Lähmung der Orientierungsmöglichkeiten und Aktivität
  • Erfassung der Tatsache über die Krankheit
  • fühlt sich isoliert, sich selber fremd, fürchtet sich vor dem „Unbekannten“ in sich Selbst
  • verkraftet die “ Wahrheit“ gefühlsmäßig nicht, verleugnet sie

B) mögliches Verhalten der Angehörigen und Pflegenden

  • Schock, Panik, Flucht
  • verschließen der Augen: “ das kann doch nicht wahr sein“
  • Hilflosigkeit, innere Leere

C) Vorschläge für angemessenes pflegerisches Verhalten

  • Keine brutale Aufklärung, da sonst Überforderung
  • Verhalten des Sterbenden akzeptieren, Reaktionen aushalten und ertragen
  • Patient sprechen lassen, zuhören, Rückfragen stellen
  • niemals Patient maßregeln („reißen Sie sich zusammen“)
  • reden mit den Angehörigen
  • Patient aktiv am Tagesgeschehen teilnehmen lassen
  • Selbstwertgefühl aufbauen
  • täglich gewissenhalfte Grundpflege
  • auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr achten
  • Essenszeiten und Wünsche nach persönlichen Bedürfnissen
  • Beendigungen von Unterhaltungen stets dem Patienten überlassen

» EMOTIONSPHASE

Gefühlsausbrüche nach Außen durch aggressives Verhalten (Zorn, Wut, Selbstvorwürfe, Beschuldigungen, Beschimpfungen).
Gefühlsausbrüche nach Innen durch depressives Verhalten (Niedergeschlagenheit, Grübeln, Appetitlosigkeit, Antriebslosigkeit, Schwarzsehen).

A)

  • Patient sucht Schuldige für Krankheit
  • Zorn gegenüber allen und sich selbst
  • Neid gegenüber Lebensfrohen/ Gesunden
  • häufig zeigt er seine negativen Gefühle nicht, er “ Beherrscht“ sich, zieht sich zurück, verweigert Mitarbeit, schläft nicht, hat kein Appetit

B)
nehmen Wutausbrüche die Ausdruck von Qual und Angst sind persönlich, suchen nach Antworten die sie nicht geben können

  • verteidigen Ärzte und Gott und erreichen damit nur, dass sich Patient schämt, sich schuldig fühlt und schweigt
  • Angehörige und Pat. Werden sich fremd, obwohl dieser Zuwendung und Verständnis braucht
  • durch feindseliges Verhalten und Zorn fühlen sich Pflegende gerizt, abgelehnt und empfinden den Patient als undankbar

C)

  • Pflegekraft sollte nicht gereizt reagieren, da sie es nicht als gegen sich selbst gerichtet betrachtet
  • ruhig bleiben, behutsames einwirken
  • Zuwendung und Verständnis geben
  • verbale Kommunikation und nonverbale
  • Pflegende müssen in dieser Phase viel „einstecken“ können und trotzdem hilfsbereit sein
  • Aufbau eines Vertrauensverhältnis

» 3) VERHANDLUNGSPHASE

Sterbende möchte mit seinem Schicksal verhandeln, will seinen Tod hinausschieben, will sie bittere Wahrheit noch nicht wahrhaben wollen, ist der hoffnungsvollen Zuversicht den Wettlauf mit dem Tod zu gewinnen.

A)

  • Patient verspricht dem Arzt jede Unterstützung, wenn dieser alles tut damit er noch bestimmte Ereignisse erleben kann
  • legt vor Gott als Preis für Lebensverlängerung alle möglichen Gelübte ab
  • Patient hat Schwere der Krankheit erkannt, versucht aber Aufschub zu erhalten
  • zeigt starkes Informationsbedürfnis hinsichtlich neuer Behandlungsmethoden und Medikamenten, studiert medizinische Fachzeitschriften, macht Behandlungsvorschläge, kontrolliert kritisch die Behandlung

B)

  • Fragen des Patienten nach neuen Behandlungsmethoden werden lästig- fertigen Pat. Kurz ab, machen sich lustig über seine „Besserwisserei“
  • Angehörige machen dem Arzt versprechungen um das Leben des Pat. Zu erhalten

C)

  • Pflegekraft kann dem Patienten ruhig Hoffnung zubilligen, denn diese sind stets real, jedoch vor Illusionen bewahren
  • Selbstwertgefühl fördern
  • auf Wunsch Seelsorge hinzuziehen – Patient könnte sich Gott gegenüber schuldig fühlen

» 4) PHASE DES ERKENNENS (Depressionsphase)

Patient macht sich mit dem Gedanken an seinen Tod ernsthaft vertraut. Blickt zurück auf sein bisheriges Leben, zieht Bilanz; andererseits schaut er vorraus und sieht noch eine Menge ungelöster Probleme.
Derartige Angstzustände treten vorwiegend nachts auf-

A)

  • Patient versinkt in Traurigkeit, ist müde, mag nicht sprechen
  • will keine Besucher – strengen ihn zu sehr an
  • steckt mit Trauer die Angehörigen an, die ihre Tränen kaum noch verbergen können
  • hat Todesangst – verkriecht sich in Schweigen, Schwäche und Abwehr
  • leidet unter Schmerzen des Abschieds die auf ihn zukommen

B)

  • Angehörige sind verunsichert, versuchen patient aufzumuntern, weil Traurigkeit nicht mehr aushaltbar
  • merken, daß Pat. Immer weiter von ihnen fortgeht und möchten ihn festhalten

C)

  • Mitteilung an Patienten, daß jeder Mensch ein Recht hat, traurig zu sein, erst recht derjenige, der auf den Tod zugeht
  • niemals die Trauer verbieten auch die Tränen nicht
  • für Patienten dasein

» 5) PHASE DER ANNAHME DES TODES (Akzeptierungsphase)

Tagsüber tritt allmählich ein Zustand der Ruhe und Friedlichkeit ein.
Patient hat in das „Unabänderliche“ eingewilligt, gibt häufig letzte Anweisungen und ordnet sein Vermächtnis (insofern vorhanden)

A)

  • Annahme bedeutet nicht, daß Patient glücklich ist, sterben zu müssen.
  • ösucht menschliche Nähe eines Begleiters um Fragen nach vergangenheit und Zukunft zu klären, regelt Familienprobleme, wirtschaftliche und finanzielle Fragen und stellt Überlegungen hinsichtlich des Ablaufs seiner Beerdigung an

B)

  • Angehörige können oft nicht loslassen
  • sind überfordert

C)

  • Wünsche und Anweisungen des Sterbenden vor seinen Augen aufschreiben, damit diese nicht in Vergessenheit geragten
  • Kontakt zum Sterbenden halten
  • verbale und nonverbale Kommunikation
  • gute Körperpflege
  • kleine liebevolle Handreichungen
    . Anleitung der Angehörigen

Empfindungen, Erwartungen und Wünsche des Sterbenden

Die Betreuung Sterbender ist eine intensive Arbeit mit Menschen auf der Grundlage guter zwischenmenschlicher Beziehungen. Eine Pflegekraft wird sich bemühen, den sterbenden Menschen, in dem sich verändernden Prozeß der Sterbebegleitung, als mündige Person mit eigenen Gefühlen und Wertvorstellungen zu akzeptieren, ihn zu verstehen und ihn in seinem Lebenszeitabschnitt bei der Regelung wichtiger persönlicher Angelegenheiten helfend zu unterstützen. Sie muß sich deshalb stets vergegenwärtigen, daß ein Sterbender weiß, wie es um ihn steht – daß er sterben muß. Mit diesem Bewußtsein der Endgültigkeit möchte der sterbende Mensch, daß jemand da ist, der für seine Sorgen und Ängste Verständnis hat und sich die Zeit nimmt, bei ihm auszuharren. Eine Hoffnung ist in dieser Lebenslage unverzichtbar. Der kranke und sterbende Bewohner nöchte in der Geißheit sterben, daß sein Leben nicht umsonst war. Doch am meisten fürchten Sterbende den Verlust ihrer Selbstkontrolle. Sie fürchten sich vor allem vor jeder Art von Entmündigung, Manipulation, dem Aufgegebenwerden, der Vereinsammung und Schmerzen. Pflegende werden dem Sterbenden diese Empfindungen zugestehen. Sie werden gegenüber einem Sterbendem von sich aus jedoch nie die Worte „Sterben“ und “ Tod“ gebrauchen, sondern nur ihre Hilfe zur Bewältigung dieser Angst anbieten.
Da Sterbende häufig schnell ermüden und erschöpft sind, haben sie ein erhöhtes Schlafbedürfnis. Sie benötigen daher angemessene Ruhepausen. Oft liegen Sterbende nachts lange wach. Vor allem in dieser Situation benötigen sie eine Bezugsperson, mit der sie jederzeit sprechen können und die ihnen auch ein Gefühl der Geborgenheit und des nichtalleingelassens gibt.
Die Gesprächsbereitschaft und der Inhalt eines Gespräches mit Sterbenden hängen nicht nur von der Persönlichkeit des Bewohners und der “ Phasen“ ab , in der er sich gerade befindet.

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