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Wie viel Privatsphäre braucht der Mensch?
Wie ein unsichtbarer Mantel umgibt uns eine schützende Hülle
aus Privatheit. Ohne sie könnten wir nicht überleben.
Wieso nicht?
Die Veranda des sehr eleganten Reitclubs in São Paulo schien
speziell etwas gegen Amerikaner zu haben: Ab und zu stürzten
Besucher über das Geländer – und immer kamen sie
aus den USA. Die viel zahlreicheren Brasilianer hielt die Absperrung
zuverlässig zurück.
Erst nach längerem Forschen gelang es einem Verhaltenswissenschaftler,
das Mysterium des wählerischen Geländers aufzuklären:
Die Amerikaner beanspruchten eine viel größere Privatsphäre
als die Brasilianer. Wenn zwei Menschen im Stehen miteinander redeten,
bewahrten die Amerikaner gern eine Armeslänge Abstand; die
Brasilianer hingegen bevorzugten eine deutlich geringere Distanz.
Beides zusammen führte zu einer verhängnisvollen Wanderung:
Im Gespräch mit einem Brasilianer rückte der Amerikaner
weg, um eine angenehme Gesprächsdistanz herzustellen. Diese
Entfernung wirkte für den Brasilianer zu unpersönlich – und
er rückte einen Schritt näher:
Anlass für den Amerikaner, einen weiteren Schritt nach hinten
zu tun, und für den Brasilianer, abermals nachzurücken – so
lange, bis der Amerikaner rücklings über die Brüstung
purzelte.
Wie durch eine magnetische Kraft wurde der Amerikaner von seinem
Gegenüber abgestoßen – und jeder von uns hat
diese Kraft in einer ähnlichen Situation selbst schon einmal
erlebt. Sie markiert den Rand jener unsichtbaren Blase von Privatsphäre,
die wir alle um uns tragen.
Aber nicht nur im räumlichen Sinne, auch auf viele andere
Weisen tragen wir Blasen von Privatheit um uns herum: Wir verheimlichen
unsere Kontostände, vertuschen unsere körperlichen Gebrechen,
schweigen von Schwierigkeiten beim Sex, verstecken alte Liebesbriefe,
verhindern den Zutritt zu unserer Wohnung, verschleiern unsere
Herkunft. Nur wenige ausgewählte Personen dürfen unsere
Privatsphäre einsehen – manchmal sogar niemand.
Je weiter man die Privatsphäre zu enträtseln versucht,
desto vielgestaltiger und verwirrender wird sie. Der Philosoph
Julie C. Inness von der Stanford-Universität meint sogar: »Die
Erforschung der Privatsphäre ähnelt der Erforschung eines
unbekannten Sumpfes. Wir starten von einem sicheren Grund, es scheint
eine einfache Aufgabe zu sein. Doch dann wird der Untergrund immer
weicher, und wir erkennen, welche Konfusion unter unserem normalen
Begriff von Privatsphäre verborgen ist.«
Deutlich wird die Verwirrung, wenn wir verschiedene Kulturen betrachten:
Jeder versteht etwas anderes unter Privatsphäre; manche
Kulturen scheinen sie überhaupt nicht zu kennen. Araber
sitzen im Kaffeehaus gern so dicht, dass man den Mundgeruch des
Gegenübers wahrnimmt; sie lieben es, wenn beide Gesprächspartner
in einer gemeinsamen Wolke von Berührungen, Blicken und
Düften baden. Japaner finden es nicht anstößig,
zur Erheiterung der Arbeitskollegen fremde Privatbriefe laut
vorzulesen, und in manchen Ländern sieht man Männer
Hand in Hand auf der Straße spazieren gehen – was
für uns noch befremdlicher wirkt, wenn einer von beiden
eine Polizeiuniform trägt.
Indische Kellner schlafen nachts auf den Tischen und Bänken
ihres Restaurants
In Indien scheint unser Begriff von Privatsphäre vollkommen
unbekannt zu sein: Einem Reisenden kann es passieren, dass ihn
Zufallsbekannte wie selbstverständlich ins Hotelzimmer begleiten,
Sachen beiseite schieben und sich gemütlich auf dem Bett niederlassen;
beim gemeinsamen Essen langen die neu gewonnenen Freunde dann kreuz
und quer über den Tisch und bedienen sich freimütig von
fremden Tellern – und das ist kein Affront, sondern ein Freundschaftsbeweis.
In indischen Mittelstandswohnungen gibt es oft keine Schlafzimmer,
sondern nur zusammengerollte Matratzen im Flur. Jedes Familienmitglied
schnappt sich abends eine Matratze und legt sich irgendwo nieder.
Sozial niedrig Gestellte besitzen oft überhaupt keinen Privatraum.
So schlafen viele indische Kellner auf Bänken und Tischen
des Restaurants, für das sie arbeiten. Wenn das Geschäft
morgens beginnt, räkeln sie sich, zupfen ihre Kleidung glatt,
schieben die Bänke wieder auseinander und bedienen die Gäste,
die auf und an ihren »Betten« sitzen. Nicht einmal
einen persönlichen Brief könnten sie verstauen, so
begrenzt ist der Privatraum der Kellner.
Für uns, die wir eine große und sorgfältig gehütete
Privatsphäre gewohnt sind, scheint die Vorstellung eines solchen
Lebens Grauen erregend. Inder aus der entsprechenden Gesellschaftsstufe
aber empfinden keine Einbuße. Verschiedene Kulturen haben
nämlich ganz unterschiedliche Einschätzungen von der
Größe des Raumes, den eine Person für sich beanspruchen
darf.
Grundsätzlich unterscheiden die Wissenschaftler Kontakt-
und Nichtkontakt-Kulturen. Zu den Kontakt-Staaten gehören
viele arabische und lateinamerikanische Länder, aber auch
Italien, Frankreich und die Türkei. Ihnen gegenüber stehen
viele asiatische und nordeuropäische Länder sowie die
USA. Der Unterschied zeigt sich sogar in der Sprache. Warnen die
Amerikaner gern: »Get your face out of mine« (»Rück
mir nicht so auf die Pelle«), um ihr Gegenüber zu größerem
Abstand zu ermahnen, so bevorzugen die Costa-Ricaner: »I
don’t bite« (»Ich beiße nicht«),
weil sie sich mit zu großer Entfernung unwohl fühlen.
Wie groß der Unterschied zwischen Kontakt- und Nichtkontakt-Kulturen
ist, lässt sich bei jedem Cafébesuch beobachten. Der
Autor Ken Cooper schaute sich in aller Welt um und kam zu einem
eindrucksvollen Ergebnis: Innerhalb einer Stunde berührten
sich Gäste in London kein einziges Mal, in Florida zweimal – in
San Juan (Puerto Rico) aber 180-mal! Man kann sich vorstellen,
wie bedrängt sich ein Londoner in San Juan fühlen muss – und
wie verlassen ein Puertoricaner in London!
Wie zwei Nichtkontakt-Kulturen dennoch zu überraschenden Kontakten
kommen können, zeigte ein lustiges – und folgenreiches – Missverständnis.
Amerikanische Soldaten, die nach dem Zweiten Weltkrieg in England
stationiert waren, hinterließen dort auffällig viele
Kinder. Das Merkwürdige war, dass sich Männer und Frauen
gegenseitig beschuldigten, sexuell sehr direkt gewesen zu sein.
Wann ist der richtige Zeitpunkt für den ersten Kuss gekommen?
Erst bei genauerer Untersuchung kam heraus, dass es sich dabei
um ein Missverständnis handelte, ausgelöst durch eine
unterschiedliche Auffassung von Privat-sphäre: In beiden Kulturen
wird das Küssen unterschiedlich eingeordnet. Für die
Amerikaner ist ein Kuss eine relativ unverfängliche Angelegenheit.
Er kommt ziemlich früh in der Abfolge der Handlungen, die
man mit einem neuen Sexualpartner vornimmt. Für die Engländerinnen
hingegen ist ein Kuss etwas sehr Intimes; er kommt kurz vor dem
Geschlechtsakt.
Wenn nun am Beginn eines erotischen Verhältnisses der Amerikaner
den Zeitpunkt für gekommen hielt, die Auserwählte zu
küssen, fiel die Engländerin aus allen Wolken: Sie musste
es mit einem Wüstling zu tun haben, der eine ganze Serie von
Handlungen übersprang und schnell zur Sache kam! Die Alternative
für sie: empört abbrechen – oder sich ausziehen.
Entschied die Frau sich für Letzteres, war der Amerikaner ähnlich überrascht
wie die Engländerin wenige Sekunden zuvor. Was für eine
Draufgängerin hatte er vor sich: zieht sich einfach aus, obwohl
man doch erst ganz am Anfang war! Entschloss auch er sich zum Mitmachen,
war die gegenseitige Überraschung komplett: Zwei Menschen
trafen aufeinander, die beide von der »Wildheit« des
anderen ganz überwältigt waren.
Deutsche wirken reserviert, weil sie Öffentliches und Privates
so stark trennen
Unterschiedliche Auffassungen über die Privatsphäre
sind auch Anlass für viele Vorurteile, die im Ausland über
Deutschland gepflegt werden. So notiert eine amerikanische Studentin über
ihre deutschen Nachbarn: »Jeder grenzt sich ab. Typisch ist,
dass man hier Hecken und Zäune hat und nicht ein Grundstück
ins nächste fließt.« Ein amerikanischer Gastwissenschaftler
bemerkt: »Wir hatten nie zuvor so viele Türen, Schränke
und Schubladen mit Schlössern und Schlüsseln gesehen.«
Der Soziologe Stephen Kalberg hat die Unterschiede zwischen Deutschland
und Amerika analysiert und gefunden, dass die Deutschen öffentliche
und private Sphäre einfach viel stärker voneinander
trennen als die Amerikaner.
»Wärme, Einfühlungsvermögen und Hilfsbereitschaft
durchdringen in Deutschland die private Sphäre, während
der öffentliche Bereich gekennzeichnet ist durch soziale Distanz
und rein funktionalen Austausch«, erklärt er. Arbeitsbekanntschaften
in Deutschland werden deshalb nur selten zu echten Freundschaften.
In Amerika hingegen ist der Arbeitsplatz die Haupt-Kontaktbörse:
»
Friendship« unter Kollegen ist beinahe ein Naturgesetz. Ein
Amerikaner im deutschen Berufsleben wirkt leicht zu flapsig und
zu familiär, ein Deutscher in Amerika humorlos und zugeknöpft.
Dennoch: So unterschiedlich die Auffassungen der verschiedenen
Kulturen von Privatsphäre auch immer sein mögen: Bei
ihren weltweiten Untersuchungen fanden die Wissenschaftler kein
Volk ohne Privatsphäre!
Überall haben die Menschen ihren privaten Bereich – auch
wenn die Grenzen ganz unterschiedlich gezogen werden. Selbst Gesellschaften,
in denen die Menschen nackt herumlaufen, sind nicht so schamlos,
wie wir sie uns vorstellen.
So leben die Yanomami unbekleidet im brasilianischen Regenwald.
Doch auch sie kennen jene Privatsphäre, die bei uns durch
Kleidung abgesteckt wird – eine dünne Schnur erfüllt
hier den Zweck: Die Frauen tragen sie um die Lenden, die Männer
binden sich damit den Penis hoch. Der Verhaltensforscher Professor
Irenäus Eibl-Eibesfeld berichtet: »Bittet man die
Frauen, ihre Schnur abzulegen, werden sie rot, kichern und laufen
so schnell wie möglich zu ihrer Hängematte, um sich
eine neue Schnur umzubinden. Sie verhalten sich genauso schamhaft
wie eine europäische Frau, die vor einem Fremden ihre Kleider
ablegt.«
Selbst unter den großen, 40 Meter überspannenden Dächern,
unter denen ganze Dörfer zusammenleben, gibt es Privatsphären – auch
wenn sie nicht unmittelbar sichtbar sind: Jede Familie hat ihr
eigenes Territorium, das von den anderen nicht ohne ihr Einverständnis
betreten wird. Wollen die Eltern Sex miteinander haben, errichten
sie einen Paravent aus Palmblättern – oder ziehen sich
in den Garten zurück, der bei ihnen ebenso privat ist wie
bei uns.
Eine der subtilsten Formen, Privatheit zu sichern, besteht in »sozialen
Zäunen«. Für den Unkundigen scheinen die Menschen
entblößt – geschützt werden sie aber durch
ein Betretungs- oder Blickverbot. So besitzen Häuser in Holland
traditionell keine Gardinen. Jeder, der vorbeikommt, kann in die
Wohnzimmer der Menschen hineinschauen. Doch man macht es einfach
nicht! Es ist ungehörig! – und mit dieser Vorschrift
wird die häusliche Privatsphäre gut geschützt. Problematisch
wird es erst, wenn Kulturfremde vorbeikommen, die diese Regel nicht
kennen und neugierig in jedes unverhängte Fenster starren.
In Indien wird der sehr unterschiedliche Verlauf »sozialer
Zäune« besonders deutlich: Manche Inder hocken sich
in aller Öffentlichkeit an den Straßenrand und verrichten
dort ihr Geschäft. Für uns Westler ist diese Tätigkeit
eindeutig der Privatsphäre zugeordnet, deshalb versuchen wir
im Vorbeigehen unwillkürlich, die »verletzte« Privatsphäre
des Hockenden wiederherzustellen – einfach, indem wir wegschauen.
Umso größer dann die Überraschung:
Wenn wir am dichtesten an ihn herangekommen sind, streckt der Inder
womöglich seine Hand aus und bittet um ein paar Münzen – mitten
während seines Geschäfts!
Schaut man genau genug hin, so entdeckt man, dass die Privatsphäre überall
in irgendeiner Form erhalten bleibt – auch dort, wo man es
zunächst nicht vermutet. Selbst voyeuristische Fernsehsendungen
wie »Big Brother«, in denen Menschen unter Dauerüberwachung
gesetzt werden, stellen keineswegs den Zusammenbruch der Privatsphäre
dar.
Vieles bleibt dauerhaft verborgen: das private Haus der Mitspieler,
ihre Ehegatten, Kinder, Eltern, Freunde. Die Menschen zeigen
sich in einer künstlichen Umgebung, die speziell für
diesen Zweck geschaffen wurde. Im Grunde spielen sie Privatheit
für die Kamera und verstecken dahinter ihre wirkliche Privatheit.
Zu verschwinden scheint die Privatsphäre auch im Internet.
Es wimmelt von Seiten, in denen Menschen ihre Tagebücher veröffentlichen,
private Fotos zur Schau stellen oder ihre geheimen Fantasien preisgeben.
Manche installieren sogar Kameras in der eigenen Wohnung, sodass
jeder Internetbesucher ihnen beim Essen, Arbeiten, Schlafen und
beim Sex zuschauen kann. Doch auch hier sind die Grenzen der Privatheit
keineswegs aufgehoben: Die dauergefilmte Frau wäre zutiefst
beleidigt, wenn der Internetspanner plötzlich persönlich
durch ihr Schlafzimmerfenster lugen würde! Auch der Chatter,
der mit Fremden via Internet intime Probleme erörtert, ist
bereit, alles von sich zu erzählen – nur nicht seinen
Wohnort und seinen wahren Namen! Privatheit im Netz wird durch
Anonymität gesichert.
Umso empfindlicher reagieren die Internetbenutzer, wenn diese Privatheit
gestört wird. Über zwei Millionen Seiten im Netz beschäftigen
sich mit dem Thema »Privacy«: Es geht darum, wie
man die per-sönlichen Daten vor fremdem Zugriff schützen
kann. Ganze Industrien suchen nach sicheren Verschlüsselungstechniken;
und gegen die Datensammler, die jeden Mausklick der Surfer registrieren
wollen, kann man sich längst schützen, indem man so
genannte »Anonymisierer« ansteuert: Programme, die
die eigene Adresse im Netz verschleiern.
Dass der Mensch ohne Privatsphäre nicht leben kann, hat einen
simplen Grund: Er ist ein territoriales Wesen. In unserer Stammesgeschichte
ging es über weite Strecken um die Verteidigung unseres eigenen
Terrains – und das hat Spuren tief in unserem Gehirn hinterlassen.
Der Besitz eines Territoriums konnte zu allen Zeiten entscheidend
für das eigene Überleben sein. So war der Fremde immer
gefährlich: Es ist klug, ihn auf einem Mindestabstand zu halten,
damit man bei überraschenden Angriffen genug Reaktionszeit
behält.
Bei interkulturellen Untersuchungen identifizierte der amerikanische
Ethnologe Edward Hall vier grundsätzliche Zonen der Privatheit:
Den Bereich von null bis 45 Zentimeter um uns herum nannte er
die »intime Zone«. Hier dominieren Geruch und Berührung;
nur Sexualpartner und Kinder dürfen in diese Zone eintreten.
Von 45 bis 120 Zentimeter schließt sich die »persönliche
Zone« an, in der man Kontakt mit seinen Freunden hat und
in der Sehen und Hören die dominierenden Sinne sind.
Weiter draußen kommt die »soziale Zone«, die
bis 3,5 Meter Entfernung reicht. Hier erfordert die Interaktion
mit anderen eine erhobene Stimme – typisch für Geschäftstreffen
oder Schulunterricht. Außerhalb dieses Bereichs folgt die »öffentliche
Zone«, in der Verständigung nur noch mit Schreien oder über
Mikrofon möglich ist und die vornehmlich von Politikern und
Schauspielern genutzt wird.
Im Fahrstuhl kann man niemanden ansprechen – weil er viel
zu nahe steht
Die Zoneneinteilung macht verständlich, wieso sich so viele
Menschen im Fahrstuhl unwohl fühlen: Hier treten Mitfahrer
in ihre intime Zone ein, die dort gewiss nichts verloren haben.
Die erzwungene Nähe erzeugt Beklemmung, und man behilft sich,
indem man die anderen nicht mehr als Menschen, sondern eher als
Schaufensterpuppen betrachtet. Deshalb ist es fast unmöglich,
im Fahrstuhl neue Kontakte zu schließen, und deshalb starren
die meisten schweigend und konzentriert auf die Stockwerksanzeige,
als würde dort ein Actionfilm gezeigt.
Weil der Mensch ein territoriales Wesen ist, sind auch alle Büros
von unsichtbaren Grenzen durchzogen: Ein bestimmter Stuhl gehört
einem bestimmten Kollegen, der Bereich hinter seinem Schreibtisch
darf nur von seinen zwei Mitarbeitern betreten werden, der Abteilungsflur
nur von den Mitgliedern dieser Abteilung – und wer sich einfach
auf den Sessel des Chefs fläzt, riskiert den Rausschmiss.
Auch das hypermoderne Büro, wo die Angestellten mit ihrem
Laptop mal an diesem, mal an jenem Schreibtisch arbeiten, dürfte
am Wunsch nach Privatsphäre scheitern: Die Mitarbeiter aktivieren
gern all ihre Kreativität, nur um sicherzustellen, dass sie
jeden Tag am selben Tisch sitzen.
Mit der Verteidigung des eigenen Bereichs eng verbunden ist die
Frage der Macht: Obdachlose in Bombay spüren die Härte
ihres sozialen Abstiegs, wenn sie ihren nächtlichen Schlafplatz
gegen streunende Hunde verteidigen müssen. Aber auch in
höheren sozialen Schichten ist die Verteidigung der eigenen
Privatsphäre eine Machtdemonstration – genauso wie
das Eindringen in eine fremde.
Wer die Privatsphäre zerstört, zerstört auch den
Menschen
Nicht ohne Grund gibt es so häufig Streit, wenn Vermieter
die Wohnung ihres Mieters betreten wollen; nicht zufällig
waren viele Kremlherrscher früher Geheimdienstchefs! Gerade
Menschen, die professionell die Privatsphäre anderer ausspähen,
schützen ihre eigene Privatheit vehement. Von Markus Wolf,
dem Geheimdienstchef der DDR, existierte jahrelang nur ein einziges,
unscharfes Foto! Der Zusammenhang von Macht und Eindringen in fremde
Privatsphären ist unverkennbar.
Noch deutlicher wird er bei der »Ausbildung« von Folterknechten:
Die Torturen, denen sie unterworfen werden, ähneln denen,
die sie nachher anderen zufügen sollen. Zu Beginn müssen
sie alle persönlichen Gegenstände abgeben, sie werden
kaserniert, bekommen gleiche Kleidung und gleichen Haarschnitt,
und wenn die äußere Privatsphäre zerstört
ist, wird die Schutzsphäre des Körpers gebrochen: durch
Prügel und Misshandlungen.
Der Arzt und Psychotherapeut Peter Boppel, Referent von Amnesty
International, beschreibt die Folgen: »Die Verletzung der
Reviergrenzen führt zu Aggressionen, zur Gleichschaltung und
zum Zusammenbrechen der Individualität. Sie schafft eine Labilität,
die in verschiedene Richtungen kippen kann, zum Beispiel in gemeinsame
Größenfantasien. Bewusstsein und kognitive Fähigkeiten
werden reduziert, die Differenzierungsfähigkeit wird ausgeschaltet.« Ohne
eine geschützte Privatsphäre wird der Mensch zur Bestie.
Autor(in): Nicolai Schirawsi
Weitere Links
Internet-Adressen Links zum anonymen Surfen im Internet
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Die Distanz-Zonen des Menschen
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Blick in eine fremde Wohnung
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