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Einführung Psychologie
Teil 1 / Teil 2
I. EINFÜHRUNG UND WISSENSCHAFTSTHEORIE
Fragt man nach, ob und inwieweit Wissen über Psychologie in
der konkreten Auseinandersetzung mit alten Menschen hilfreich sein
könnte, führt das zu einem breitgefächerten Meinungsbild:
einerseits ,gar nicht', andererseits ein ,Verstehen' von Abwehrprozessen
oder ein besseres ,Eingehen-können' auf bestimmte ,Kommunikationsformen',
wobei hier jedoch auch Alltagsweisheiten eine Rolle spielen können
(,Der Klügere gibt nach.'). Dennoch ist die Hoffnung darauf,
daß Psychologie - irgendwo - auch eine ganz hilfreiche Sache
sein kann, nicht ganz verloren, denn letztendlich will ,man' seine
Mitmenschen verstehen, eigenes Verhalten ändern etc.
1.1. Wissenschaftstheoretische Vorüberlegungen
Will man Psychologie betreiben, muß zunächst deutlich
werden, was sie kann und was sie nicht kann. Psychologie als Wissenschaft
vom Verhalten und Erleben kann natürlich nicht alles erklären,
was es auf dieser Welt so gibt, aber sie behauptet von sich, alles
erklären zu können, was auf dieser Welt mit Verhalten und
Erleben zu tun hat - das ist ja auch schon eine ganze Menge.
Wir stehen allerdings vor der Frage, ob die Betrachtungsweise der
Welt denn auch richtig im Sinne von ,wahr' ist. Falls sie nicht wahr
sein sollte, unterscheidet sie sich in keiner Weise von einer bloßen
Behauptung. Wissenschaft muß also ihre Behauptungen auch begründen.
Nun gibt es einige Theo-rien darüber, wie denn der Wahrheitsgehalt
von Erklärungen einer Überprüfung unterzogen werden
kann. Die heute allgemein anerkannteste ist der Positivismus, der
davon ausgeht, daß nur das sinn-lich und tatsächlich Wahrnehmbare
und Existierende einer wissenschaftlichen Analyse standhalten kann
. Geschichtlich gesehen war der Positivismus eine Antwort auf die
Metaphysik und die Theolo-gie. Die bekannteste Weiterentwicklung
stellt der Neopositivismus der Wiener Schule dar ; hier wird nicht
mehr eine Verifizierung (Bestätigung) der Erkenntnisse als Beweis
für die Richtigkeit einer These angesehen, sondern der Forscher
muß mit allen Mitteln versuchen, die These zu falsifizieren
(zu wi-derlegen). Gelingt ihm dies nicht, so wird die Wahrscheinlichkeit
größer, daß die These richtig zu sein scheint (wer
den Forschungsbetrieb kennt, wird sehen, daß diese Vorgehensweise
[außer bei einigen statistischen Verfahren] keinesfalls immer
durchgehalten wird). Dennoch kann auch bei strengster neopositivistischer
Beweisführung nicht davon ausgegangen werden, daß eine
Erklärung ,wahr' im Sinne von ewig gültig oder immer so
seiend ist.
Stellen Sie sich vor, wir lassen ein Stück Kreide fallen. Die Erklärung,
daß dafür die Fallgesetze und die gegenseitige Anziehungskraft
der Körper daran ,schuld' seien, hört sich zwar ganz vernünftig
an, dennoch wird sie erst wahr, wenn sie für alle Kreidestücke
zutrifft, die in der Vergangenheit auf den Boden gefallen sind und in
Zukunft (also in alle Ewigkeit) auf den Boden fallen werden. Da bisher
alle Kreidestücke, die losgelassen wurden, auf den Boden gefallen
sind, kann gesagt werden, daß diese Erklärung relativ wahrscheinlich
ist. Aber wissen können wir das nicht: irgendwo und irgendwann könnte
ein Stück Kreide einmal nicht zu Boden fallen (und auch falls dies
nicht geschieht: genauge-nommen hätten wir dann die Fallgesetze
nur in Bezug auf Kreide verifiziert).
1. Hauptvertreter A. COMTE, 1798 - 1857; er führte übrigens
den Begriff der Soziologie in die Wissenschaft ein
2. Hauptvertreter K. POPPER, *1902
Damit wird deutlich, daß die wissenschaftlichen Wahrheiten eigentlich
,nur' Wahrscheinlichkeiten sind, die im Laufe der Zeit überholt, relativiert
oder widerlegt werden können. Damit wird der Wahrheitsbeg-riff selbst
relativiert: es gibt in der Wissenschaft nichts Wahres, sondern lediglich
Wahrscheinliches. Letztendlich kommen wir zu der etwas ernüchternden
Aussage, daß Wahrheiten hergestellt sind - und daß die Wissenschaft
oft genug für die Zementierung kultureller Konventionen stand (die
Erde ist eine Scheibe; wer vor 500 Jahren etwas anderes behauptete, bekam
die ganze Macht der Kirche zu spü-ren [die Beispiele ließen
sich beliebig fortsetzen]).
Ebenso relativ sind die scheinbar ,objektiven' Gegebenheiten in unserem
alltäglichen Erleben: das ,objektiv' gleiche Glas Wasser wird von
jemandem, der in der Wüste kurz vor dem Dursttod steht, mit Sicherheit
anders ,wahr' genommen als von einer Person, die im Bodensee kurz vor dem
Ertrinken steht. Damit dürfte sich die Psychologie eigentlich auch
weniger mit den sog. ,objektiven Tatsachen' beschäftigen, denn genaugenommen
gibt es sie nicht, da die Tatsachen immer vom Betrachter ab-hängig
sind (denken Sie an einen Unfall, der von sechs Zeugen gesehen wird: es
werden anschlie-ßend auch sechs verschiedene Unfälle geschildert).
Da jeder aus seinem Blickwinkel heraus erlebt (und das für ,Wahr nimmt'),
muß die Psychologie dieser Tatsache Rechnung tragen: es gibt kein
fal-sches Erleben. Und: man kann nicht nicht erleben, d.h., daß Seelische
befindet sich immer im Aus-tausch mit der Welt und stellt so seine
Wahrheiten her.
Eine weitere grundlegende Frage ist die Problem, ob man die Welt
mit Hilfe einer ,übergeordneten Wissenschaft', die alle anderen
Wissenschaften subsumiert (in sich vereinigt), nicht wesentlich
ge-nauer erfassen kann. Hier tritt allerdings das Problem auf,
daß jede Wissenschaft ihre eigene Welt entwirft und sie untersucht.
Dies ist ein Grund dafür, warum es keine Superwissenschaft
geben kann, die durch additives Vorgehen (Wissenschaft1 + W2 +
W3 + ... + Wn = Wsuper) geschaffen werden kann. Durch eine Addition
wird keine neue Ganzheitlichkeit konstituiert, sondern eine Anhäufung
un-terschiedlicher Wissensbereiche erreicht. Als Beispie diene
ein Stein, der jemanden auf den Fuß fällt. Die Physik
interessiert sich für die Fallbewegung und die Aufprallgeschwindigkeit,
die Medizin dafür, welcher Teil des Fußes wie gebrochen
ist und die Psychologie fragt danach, was derjenige erlebt, dem
solches Ungemach widerfährt. Sollte der Stein von einer Person
geworfen worden sein, wird sich der Jurist unter Zuhilfenahme seiner
Wissenschaft mit dem ,Fall' beschäftigen (wobei er natürlich
Gutachter anderer Wissenschaften heranziehen kann, damit wird die
letztendliche Würdigung dieses Vorfalles jedoch nicht unjuristisch).
Das gleiche Phänomen wird also von jeder Wissenschaft jeweils
vollständig beschrieben und behandelt - in ihrem Gegenstandsbereich.
Dies hat natürlich auch inner-halb der einzelnen Wissenschaften
Konsequenzen, wenn sich z.B. verschiedene ,Schulen' über den
zu betrachtenden Gegenstand in die Haare bekommen.
1.2. Gegenstandsbildungen der Psychologie
Die Psychologie - so wurde herausgestellt - gibt es nicht. Jede
Psychologie untersucht die Gegens-tände, von denen sie glaubt,
daß sie etwas mit dem von ihr so gesehenen Seelischen zu
tun haben. Die Frage ist nun, wie wir entscheiden können,
ob die eine oder die andere Psychologie ,stimmt'? Eigentlich nur
daran, indem wir untersuchen, ob und wie diese Psychologien die
drei grundlegenden Fragen der wissenschaftlichen Psychologie untersuchen.
Diese drei Grundfragen sind die Fragen nach der Einheit, der Richtung
und dem Zusammenhang.
Die Einheiten fragen danach, ob eine Psychologie berücksichtigt,
daß es verschiedene ,Sorten' des seelischen Geschehens gibt,
d.h., wie erklärt eine bestimmte Psychologie, daß es
von einander ab-gehobene Phänomene wie Trauer, Wut, Freude,
Langeweile etc. gibt?
Die Frage nach der Richtung beschäftigt sich damit, wie sich die
verschiedenen Einheiten auseinan-der entwickeln, sie fragt danach, wie
aus Freude Trauer oder aus Langeweile Spannung werden kann.
Der Zusammenhang schließlich bezieht sich auf die Frage von umgreifenden,
sinnstiftenden Komple-xen.
Als etwas anschaulicheres Beispiel können zwei völlig
unterschiedliche Psychologien betrachtet und untersucht werden,
wie diese Psychologien diese Grundfragen innerhalb ihres jeweiligen
Systems beantworten.
Da ist zunächst der Behaviourismus, der sich (im positivistischen
Sinne) ausschließlich mit dem sicht-baren,objektiven' Verhalten
beschäftigt . Aus dieser Sicht vom seelischen Geschehen entwickelte
sich die Theorie, daß alles Verhalten aus bestimmten Reaktionen
auf bestimmte Reize besteht. Wenn ich auf einen bestimmten Reiz
(stimolous) reagiert (response) habe, verändert sich damit
meine Um-welt und ich werde neuen Reizen ausgesetzt, die neue Reaktionen
hervorrufen (1. Schritt: S1 - R1; 2. Schritt: S2 - R2 usw.). Der
Zusammenhang zwischen verschiedenen Reizen und den daraus folgen-den
Reaktionen wird durch Lerngesetze hergestellt, d.h., ich lerne
im Laufe meines Lebens, auf be-stimmte Reize immer gleich zu reagieren.
Als 2. Theorie sehen wir uns die Individualpsychologie A. ADLERs
an. ADLER geht davon aus, daß der Mensch als Kind völlig
hilflos in die Welt geworfen wird. Wegen dieser Erfahrung versucht
er, diese Hilflosigkeit abzubauen, indem er sich die Welt immer
mehr aneignet. Als Einheiten wählt die Indivi-dualpsychologie
dementsprechend Einheiten, die mit ,wollen',anstreben' etwas
zu tun haben. Die Richtung der weiteren Entwicklung ist dadurch
bestimmt, daß der Mensch ,Erfolge' und ,Anerkennung' erreichen
will. Um dies zu erlangen, stellt er sich einen (unbewußten)
,Lebensplan' auf, wobei der Lebensplan den Zusammenhang zwischen
den verschiedenen Kategorien des Seelischen stiftet.
In eine etwas übersichtlichere Form gebracht sieht
das folgendermaßen aus:
| |
Behaviourismus |
Alfred
Adler |
Wie man sehen
kann, beantworten beide Psychologien die drei Grundfragen,
aber jede auf ihre Wei-se. Dies wiederum ist durch den Gegenstand
bestimmt, den die Psychologien untersuchen, aber in-dem sie
diesen Gegenstand auf ihre Weise betrachten, bilden sie ihn
gleichzeitig auch immer wieder neu. Weiterhin kann also auch
gesagt werden, daß keine der Psychologien falsch oder
richtig ist, sie beschreiben nur völlig unterschiedliche
Sichtweisen vom Seelischen (es ist klar, daß die beiden
,Schulen' hier keineswegs vollständig dargestellt wurden). |
| Einheit |
S - R |
Wollen, anstreben |
| Richtung |
S1 - R1 - S2 - R2 |
Erfolg, Anerkennung |
| Zusammenhang |
Lerngesetze |
Lebensplan |
3. bekannteste Vertreter z.B. B.F. SKINNER, *1904 bzw. I.P. PAWLOW, 1849
- 1936
4. österr. Arzt und Psychoanalytiker, 1870 - 1957
Im Prinzip können auch wir mit unserer ,Alltagspsychologie' die drei
Grundfragen beantworten. Den-ken Sie an folgendes Beispiel: ein HB kommt
mit allen Anzeichen des Zorns und mit erhobenem Stock auf uns zu. Die Einheit,
die wir hier wählen, ist die ,Aggression'. An die Richtung denken
wir, wenn wir die Aggression damit erklären, daß ,der immer
so ist, wenn sein Sohn da war' und daß ,er sich wieder beruhigt,
wenn man ihm ein Stück Schokolade anbietet'. Den Zusammenhang schließlich
stellen wir her, wenn wir meinen, daß ,der früher aber nicht
so war, aber das AH macht eben so etwas aus den Leuten'.
Nun unterscheiden sich die Alltagstheorien von den
wissenschaftlichen Theorien dadurch, daß die
wissenschaftlichen Theorien nachprüfbar und nachvollziehbar
sein müssen. D.h., eine wissenschaftli-che Behauptung
muß es sich gefallen lassen, daß sie auch
von anderen Wissenschaftlern überprüft wird;
sollte dies nicht gelingen, bleibt sie eben auch nur
eine Behauptung. Damit also Wissenschaft eine Wissenschaft
wird, muß sie sich bestimmter Methoden bedienen,
mit deren Hilfe sie zu bestimm-ten Aussagen kommt.
Und genau hier unterscheidet sich die wissenschaftliche
von der alltäglichen Psychologie: die Alltagspsychologie
hat zwar auch ihre Methoden, sie sind jedoch nicht
nachprüfbar und bleiben deshalb auch nur Meinungen
(denken Sie daran: falls Sie von jemandem behaupten,
daß der sie doch nicht mehr alle hätte,
dann mag das zwar stimmen, es ist aber nicht überprüfbar).
1.3. Methoden der Psychologie
Im Prinzip kennt die Psychologie lediglich 2 große
Methodenblöcke: die quantifizierenden und die
qualitativen Methoden. Innerhalb der Methoden gibt
es noch eine Vielzahl der unterschiedlichsten Verfahren.
Ein kleiner Überblick zeigt, daß einige
der Verfahren in beiden Methoden zur Anwendung kommen
können, andere hingegen auf eine der Methoden
beschränkt bleiben:
| quantitativ |
qualitativ |
| Experiment |
Experiment |
| Statistik |
Beschreibung |
| Beobachtung |
Beobachtung |
| Fragebögen |
Tiefeninterviews |
| quantifizierende
Tests |
qualitative Tests |
| Tierversuche |
Erlebensbeschreibungen |
Diese Liste erhebt natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Wir werden nun ein Verfahren unter die Lupe nehmen, das von beiden Methoden
angewandt wird: das Experiment. Ein Experiment, so sagt die Definition,
ist eine wissenschaftliche Versuchsanordnung unter kontrollierten Bedingungen.
Die Bedingungen (auch Variablen genannt) implizieren, daß eine Situation,
die in einem Experiment untersucht wird, aus einer bestimmten Anzahl von
Variablen besteht: Situation = V(ariable)1 + V2 + V3 + ... + Vn. Idealerweise
kann man die Bedingungen so kontrollieren, daß bei den gleichen Experimenten
immer gleiche Ergebnisse herauskommen. Man kann jedoch auch bestimmte Variable
verändern und nun die Veränderung der Ergebnisse untersuchen: ändert
sich etwas, so scheint diese Variable irgend etwas an der Gesamtsituation
zu verändern (was genau kann allerdings nicht gesagt werden).
Wir als Beispiel soll das MILGRAM-Experiment dienen (S. MILGRAM, amerik.
Sozialpsychologe):
MILGRAM versuchte mit Hilfe dieses Experiments, dem Phänomen des Gehorsams
auf die Spur zu kommen . Da es in verschiedenen Ländern durchgeführt
wurde und immer zu ähnlichen (erschre-ckenden) Ergebnissen kam, erlangte
es auch außerhalb von Fachkreisen eine gewisse Bekanntheit.
Es wurden mit Hilfe von Anzeigen ,Versuchsleiter' gesucht, die angeblich
die Aufgabe hatten, Ver-suchspersonen (Vpn) zu dem Komplex ,Lernen unter
Streß' zu testen. Der Vp wurden Wörter vorge-lesen, die sie
zu wiederholen hatte. Antwortete sie falsch oder gar nicht, wurde sie mit
Stromstößen bestraft. Die Stärke der Stromstöße
reichte von einer harmlosen bis zu einer tödlichen Dosis und wur-de
bei jeder falschen Antwort erhöht.
Es stellte sich heraus, daß die wichtigste Variable die räumliche
Nähe des Versuchsleiters zu der Vp war: befand sich das angebliche
Opfer mit dem Versuchsleiter im gleichen Raum, verweigerten im-merhin 2/3
der Versuchsleiter nach einer gewissen Zeit die Mitarbeit; befand sich
die VP nicht im Raum, lag die Abbruchquote lediglich bei 1/3.
Weitere, den Versuch beeinflussende Variable waren das Verhalten des das
Experiment angeblich überwachenden Wissenschaftlers (drängte
er die Versuchsleiter, war er autoritär oder freundlich etc.) oder
die Räumlichkeiten, in denen der Versuch stattfand (eine Bruchbude
oder ein ,offiziell' ausse-hendes Gebäude etc.).
Damit wurde also deutlich, daß die Variablen Nähe, Auftreten
des Wissenschaftlers und Umgebung etwas mit Gehorsam zu tun hatten. Das
erscheint einsichtig, das hätte sich MILGRAM auch schon vorher sagen
können. Und genau das hat er auch getan, sonst hätte er nicht
ausgerechnet diese Va-riablen variiert und andere konstant gehalten. D.h.,
MILGRAM bestätigte seine (Alltags )Theorien mit dem Versuch immer
wieder, dabei ist er jedoch der Lösung des Rätsels Gehorsam nur
wenig näher gekommen. Denn immerhin gingen auch bei räumlicher
Nähe 1/3 seiner Vpn bis in den tödlichen Be-reich, aber warum?
Waren sie schlecht drauf an diesem Tag? Oder mit dem falschen Fuß aufgestan-den?
Konnten sie die angebliche Vp nicht leiden, weil die lange Haare hatte?
All diese Fragen, die evtl. mehr über Gehorsam ausgesagt hätten,
konnte MILGRAM mit seiner Versuchsanordnung nicht beantworten. Man kann
also als Ergebnis dieses Experimentes folgendes festhalten: Gehorsam ist,
wenn jemand gehorcht.
Eigentlich dienen solche Experimente dazu, den sog. subjektiven
Faktor zu eliminieren; das Problem dabei ist aber, daß dieser
Faktor trotzdem eine entscheidende Rolle spielt, auch wenn man
versucht, ihn zu ignorieren. Das Subjekt(ive) ist bei jedem Erlebensprozess
beteiligt, es wird auch da sein, wenn es bei den Versuchen ,offiziell,
nicht vorkommt . Da es nicht ausgemerzt werden kann, muß es
in jeder psychologischen Untersuchung mitberücksichtigt werden.
Das gilt nicht nur für die Vp, sondern natürlich auch
für den Forscher selbst. MILGRAM hatte seine Vorannahmen bzgl.
des Gehorsams, er hat diese seine Vorannahmen durch den Versuch
bestätigen lassen. Damit werden die Vorannahmen aber weder
objektiv noch weitergehend erklärt, also in eine Theorie eingebettet.
Letztendlich wird hier eine private Meinung (die ohne weiteres
richtig sein kann) bestätigt - mehr nicht.
Die Frage lautet also, wie man die Subjektivität in den Griff
bekommen kann, wenn sie doch bei jeder Fragestellung und in jedem
Versuch eine Rolle spielt? Nun - ganz einfach: indem man sie nicht
aus-zuklammern versucht, sondern man sich darüber klar ist,
daß die Subjektivität dasjenige ist, was auf jeden Fall
bei einem Versuch die entscheidende Rolle spielt. Man muß sich
also darauf einlassen. Im
5. Auslöser für diese Untersuchung war die Tatsache, daß viele
Nazi-Verbrecher sich auf den sog. Befehlsnotstand beriefen
6. man könnte hier - etwas böswillig - sagen: "Die wirklich
gute Versuchsperson erlebt nicht."
Falle
des MILGRAM-Experimentes hätte man sicherlich mehr über
Gehorsam gelernt, wenn man den subjektiven Faktor (also die Vpn) direkt
befragt oder interviewt hätte.
Wenn ein Phänomen durch eine psychologische Untersuchung erklärt
werden soll, so muß die Psy-chologie analog eines Kreisprozesses
vorgehen: das Phänomen wird mit Hilfe der Methoden und ihrer Verfahren
genau analysiert. Anschließend wird es in eine Theorie überführt,
die wiederum zu Erklä-rungen führt. Hier nun erfolgt der wichtigste
Schritt: die Erklärungen werden mit dem Phänomen ver-glichen,
erst wenn sich das ganze Phänomen vollständig in den Erklärungen
wiederfindet, ist die Un-tersuchung abgeschlossen. Sollten noch ,Reste'
des Phänomens ungeklärt bleiben, ist an der Unter-suchung irgend
etwas falsch gelaufen. Auch der Trick, der von vielen forschenden Psychologen
im-mer wieder angewandt wird - nämlich zu sagen, daß die Reste
irgendwann in Zukunft schon geklärt werden würden - , kann hier
nicht zählen, denn man kann ja nie wissen, ob nicht ausgerechnet diese
ungeklärten Reste das Wichtigste am ganzen Phänomen sind.
Der
Zirkelschluß (oder der hermeneutische Zirkel), wie er vor allem
von der qualitativen Methode an-gewandt wird, sieht also folgendermaßen
aus:
Erst wenn dieser Zirkelschluß richtig ,funktioniert,
kann man sicher sein, bei der Untersuchung richtig
vorgegangen zu sein und seine Ergebnisse nicht aus
Versehen seinen Vorannahmen angepaßt zu haben.
S. FREUD z.B. veränderte im Laufe der Jahre
seine Theorie mehrere Male. Immer dann, wenn er auf
neue Phänomene stieß, versuchte er nicht,
diese seiner Theorie anzupassen, sondern er suchte
so lange, bis er eine Theorie gefunden hatte, mit
deren Hilfe er die Phänomene erklären konnte.
1.4. Qualitative und quantitative Methoden
Der Hauptunterschied zwischen qualitativer und quantitativer
Methode liegt in der Betrachtungsweise des Phänomens:
qualitative Methoden versuchen einen ganzheitlichen
Zugriff, während quantitative Methoden bestimmte
Variablen herausheben und auflisten, in eine mathematisch-logische
Form von ,wenn - dann - Beziehungen' zu bringen suchen,
wobei das Phänomen notgedrungen auseinanderge-rissen
wird. Ganzheitlich bedeutet hier, daß wir von
vornherein Zusammenhänge in dem Phänomen
annehmen, die es ,nur noch' herauszustellen gilt,
damit wir zu Erklärungen kommen.
Dazu ein Beispiel: betrachten Sie sich einen Frosch (so einen kleinen,
niedlichen, nicht einen großen, häßlichen). Dieser Frosch
nun wird - natürlich im übertragenen Sinne - von den qualitativen
Methoden beobachtet, beschrieben und, wenn dies möglich wäre,
zu seinem Froschleben befragt. Danach kann man etwas über das ,Prinzip
Frosch' aussagen: es hüpft, fängt Fliegen und ist zufrieden,
wenn es einen Tümpel hat.
Die quantitativen Methoden nun würden den Frosch auf ihre Weise
analysieren: er würde auseinan-dergenommen, seziert. Man würde
genau seinen Knochenbau untersuchen, seine Muskelströme messen,
sein Gehirn begutachten. Auch die quantitativen Methoden kämen natürlich
auf diese Weise
7. österr. Arzt und Psychoanalytiker, 1856 - 1939
zu ihrem ,Prinzip Frosch': sie würden feststellen, daß hier
ein sprungfähiges Wirbeltier vorläge, das sich - wie aus dem
Mageninhalt geschlossen werden könnte - von Fliegen zu ernähren
scheint. Leider jedoch ist von diesem phänomenalen Tier nicht viel übrig
geblieben: lediglich eine etwas unappetitlich aussehende grünliche
Anhäufung auf einem Edelstahltisch. Mit dieser Masse kann aber niemand
mehr nachprüfen, ob es auch stimmt, was herausgefunden wurde: der
Frosch hat ausgehüpft.
Hier
wird anschaulich, daß bei den quantitativen Methoden
eine Synthese nicht geleistet wird. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal
ist die Beweglichkeit der qualitativen Methode: man kann
beim qualitativen Vorgehen innerhalb einer ,Sache' den
verschiedensten Auffälligkeiten und Spuren nach-gehen,
ohne das System zu verletzen, während auf der anderen
Seite bei den quantitativen Methoden relativ starre Raster
vorherrschen, die auf Berechenbarkeit angelegt sind.
So können z.B. durch Fragebögen die Leute,
die nicht in die vorgegebenen Antwortschemata passen,
auch nicht erfaßt werden. Dagegen könnte man
bei einem qualitativen Tiefeninterview einfach nachfragen
und so auch diesen Phänomenen nachgehen .
Als Beispiele hierfür ein Interview, das zum Thema ,Altern' gemacht
wurde. Es zeigt die Beweglich-keit, die in den qualitativen Methoden ,steckt',
man kann z.B. für die Vp unangenehme Themen erst einmal ruhen lassen
und später nochmals aufgreifen und es ist möglich, zwei Verfahren
miteinander zu kombinieren, man kann also während des Interviews auch
eine Verhaltensbeobachtung durchführen.
Einführung Psychologie
Teil 1 / Teil 2
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