Morbus Alzheimer und seine Auswirkung auf Betroffene,
Angehörige
und Pflegekraft.
Wie schon in der Einführung erwähnt wurde, arbeite ich
seit eineinhalb Jahren in der Altenpflege. Fast von Anfang an hatte
ich Kontakt zu einer alten Dame, die an Morbus Alzheimer erkrankt
ist. An dem Tag, als ich mit einem Lächeln begrüßt
wurde, ist für mich ein Funke übergesprungen. Ich habe
angefangen, mich für diese Krankheit zu interessieren und den
Menschen hinter der verwirrten, oft aggressiven Dame gesucht, den
ich Dank der Hilfe ihres Ehemannes ein kleines Stück gefunden
habe. Aus diesem Grunde habe ich mir das Thema "Morbus Alzheimer
und seine Auswirkung auf Betroffene, Angehörige und Pflegekraft" als
Praktikumsarbeit ausgesucht. Als Quellen habe ich etliche Bücher
und das Internet zu Rate gezogen (Quellenangabe am Ende der Arbeit),
aber auch viele Gespräche mit dem Ehepartner sowie im Kollegenkreis
geführt.
Zu Anfang möchte ich auf die Frage eingehen, die sich einem
als erstes stellt: was ist denn Morbus Alzheimer eigentlich und wodurch
unterscheidet sich die Krankheit von anderen Demenzerkrankungen?
Die Alzheimer-Krankheit ist eine degenerative Krankheit, die langsam
und fortschreitend Nervenzellen zerstört. Der deutsche Nervenarzt
Alois Alzheimer hat 1907 sowohl die Symptome als auch die neuropathologischen
Veränderungen wie Plaques und Neurofibrillenveränderungen
beschrieben. Die Folge der Plaques (=Ablagerung krankhafter Substanzen
in und in der Umgebung von Nervenzellen) ist, daß die betroffenen
Nervenzellen weniger Botenstoffe herstellen können, als sie
benötigen, um sich untereinander zu verständigen. Am stärksten
betroffen ist der Signalüberträgerstoff Acetylcholin, der
für die Gedächtnisfunktion besonders wichtig ist. Durch
den Mangel an Acetylcholin werden die Speicherung und der Abruf von
Informationen erheblich beeinträchtigt. Die Folge sind gravierende
Störungen der Sprache, des Denkens, der Orientierungsfähigkeit
und des praktischen Handelns.
Die Ursachen der Alzheimer-Krankheit sind bisher nur wenig erforscht,
ich habe jedoch beim Zusammentragen von Informationen verschiedene
Aussagen über die Vererblichkeit gefunden. Hier werden beide
Aussagen verwertet, da es mir nicht möglich war, eine Bestätigung
für die eine oder andere Theorie einzuholen.
Aussage 1-Quelle 1
Es gibt Hinweise darauf, daß zur Entstehung mehrere Faktoren
eine Rolle spielen, wie z.B. Erbfaktoren, entzündliche Veränderungen
sowie Umwelteinflüsse. Es gilt jedoch als erwiesen, daß die
Rasse, der Beruf und die geographische Herkunft keine Rolle spielen.
In den meisten Fällen ist die Krankheit nicht vererbt. Sie wird
nicht hervorgerufen durch Gene, die man von den Eltern empfängt.
Unabhängig davon, besteht für uns alle das Risiko, zu irgendeinem
Zeitpunkt daran zu erkranken. Man weiß heute, daß es ein
Gen gibt, daß dieses Risiko beeinflußt. Das Gen liegt auf
Chromosom 19 und ist verantwortlich für die Produktion eines Proteins,
daß man als Apolipoprotein E bezeichnet. Eine Variante davon ist
das ApoE4. Dieses Protein ist jedoch nicht die Ursache der Erkrankung,
es begünstigt sie nur. Nur die Hälfte aller Patienten, die
an Alzheimer erkrankt sind, haben dieses Protein, und nicht alle Menschen,
bei denen ApoE nachgewiesen wurde, erkranken.
Aussage 2 - Quelle 2
Alzheimer bezeichnet die kugelförmigen Proteinablagerungen,
welche die Hirnrinde der Erkrankten durchsetzen und sie zerstören,
als senile Plaques. Die biochemische Natur dieser auch als Amyloid
bezeichneten Ablagerungen konnten erst 1985 entschlüsselt werden.
Der Hauptbestandteil dieser Plaques ist ein aus 42 Aminosäuren
bestehendes Eiweißmolekül, welches heute beta-A4 oder
beta-amyloid genannt wird. Ein weiteres, für die Entstehung
von Alzheimer wichtiges Eiweißmolekül ist das APP (Amyloid
Precursor Protein). Es ist heute unbestritten, daß APP und
beta-A4 eine zentrale Rolle in der Pathogenese der Alzheimerschen
Krankheit spielen.
Ein Teil der Alzheimer-Fälle ist dominant erblich und wird durch
Mutation im APP-Gen, welches auf Chromosom 21 liegt, auf Nachkommen übertragen.
Die familiären Erkrankungen, also die genetisch bedingten, haben
einen besonders frühen Krankheitsbeginn.
Nachdem im Zentrum der senilen Plaques hohe Konzentrationen von Aluminiumsilicat
nachgewiesen wurden, kommt Aluminium für eine Form der toxisch ausgelösten
Alzheimer in Frage. Als Folge der Aluminiumtoxikation kommt es zu Neurofibrillenveränderung.
Ein Beispiel für äußere, die Krankheit fördernde
Einflüsse, sind Schädel-Hirn-Traumen, die, auch wenn sie
Jahre zurückliegen, das Risiko an Alzheimer zur erkranken, erhöhen.
Boxer entwickeln frühzeitig beta-A4-Ablagerungen als Ursache
der sogenannten Dementia puglistica. Tierexperimentelle Studien belegen,
das Hirnverletzungen eine vermehrte Produktion von APP bewirken.
Die Diagnose Alzheimer-Krankheit kann nicht durch einen Test untermauert
werden. Sie wird durch ein Ausschlußverfahren diagnostiziert,
zu dem eine gründliche Untersuchung des körperlichen und
geistigen Zustandes des Patienten gehört, nicht durch die Suche
nach einem Beweis für das Vorliegen der Krankheit. Über
neuropsychologische Defizite hinaus dürfen keine neurologischen
Symptome vorliegen, da sonst organische Ursachen die Demenz ausgelöst
haben können. MTR und CT des Gehirns zeigen eine das ganze Gehirn
betreffende Verkleinerung, das EEG eine allgemeine Verlangsamung
des Grundrhytmus. Des weiteren kann ein verminderter Stoffwechsel
und eine reduzierte Durchblutung des Gehirns festgestellt werden.
Diese Kriterien treffen aber auch bei anderen Krankheiten zu und
sind daher nur eingeschränkt für eine Diagnose zu verwenden.
Zum leichteren gegenseitigen Abgrenzen habe ich nachfolgend eine
gegenüberstellende Tabelle dargestellt:
normale Altersvergesslichkeit
|
Alzheimer-Demenz |
| » Verlegtes wird meist schnell an üblichen
Orten gefunden |
» Verlegtes wird nur mit großer
Mühe an zumeist unüblichen Orten wiedergefunden |
| » Gelegentliches
Vergessen/Verlegen unwichtiger Dinge wie Brille und Schlüssel |
» Häufiges
Vergessen/Verlegen wichtiger Dinge wie Geldbörse, Scheckkarte,
Paß |
| » Teilweises Vergessen von Erlebnissen,
später häufig Erinnerung |
» Komplettes Vergessen von Erlebnissen/Gedächtnisinhalten,
später selten Erinnerung |
| » Fähigkeit, Merkhilfen wie Notizzettel
zu nutzen bleibt erhalten |
» Fähigkeit, Merkhilfen zu nutzen,
geht verloren |
| » Gesprochenen oder schriftlichen Anweisungen
kann problemlos gefolgt werden |
» Probleme bis Unfähigkeit, Anweisungen
zu folgen
|
| » keine sonstigen Störungen |
» Zusätzliche Störungen bei
kognitiven Fähigkeiten, Orientierung, Geschicklichkeit
|
» Im Verlauf der Erkrankung kann man drei Stadien
unterscheiden, die schon bald den Unterschied zur normalen Altersvergesslichkeit
aufzeigen:
» Erstes Stadium:
- Nachlassen des Kurzeitgedächtnisses
- Wortfindungsstörungen
- Logisches Denkenvermögen mit Schlußfolgerung und Urteil
ist stark beeinträchtigt
- Örtliche und zeitliche Desorientierung
- Antriebsarmut
Viele Patienten reagieren auf diese ersten krankheitsbedingten Veränderungen
mit Beschämung, Angst, Wut oder Niedergeschlagenheit. Depressionen
treten häufig auf, solange den Betroffenen ihre Krankheit noch
bewußt ist und sie darunter leiden, vieles nicht mehr zu können,
was früher selbstverständlich war.
Zweites Stadium:
- Vergessen von Namen von vertrauten Personen und Dingen
- Völlige räumliche und zeitliche Desorientierung
- Sinnestäuschungen in Form von Halluzinationen
- Ausgeprägte Unruhe, zielloses Umherwandern
- Alltagsfunktionen wie Ankleiden, Essen und Trinken sowie Körperpflege
können nicht mehr ausgeführt werden
Die Symptome sind so stark ausgeprägt, daß die selbständige
Lebensführung nur noch mit erheblichen Einschränkungen
und mit Unterstützung durch andere Menschen möglich ist.
Drittes Stadium:
- Probleme beim Essen, Schluckstörungen
- Unfähigkeit, Familienmitglieder zu erkennen
- Vornüber geneigter, schleppender Gang
- Gefahr von Stürzen
- Verlust der Kontrolle über Darm und Blase
- Cerebrale Krampfanfälle
Im Endstadium kommt es zu einem Verfall der körperlichen Kräfte.
Die Patienten werden bettlägerig und die Gefahr von Infektionen
nimmt zu. Die häufigste Todesursache ist eine Lungenentzündung.
Die Symptome setzen schleichen ein und schreiten allmählich fort.
Die Geschwindigkeit ist nur schwer vorherzusagen. Als Faustregel kann
gelten, daß Krankheitsfälle, die bisher langsam verlaufen
sind, auch langsam fortschreiten werden.
Für jeden Menschen ist seine Würde und seine Eigenständigkeit
sein höchstes Gut. Wie sehr muß ein Mensch getroffen sein,
dem dieses Schicksal widerfährt. Das allmähliche Nachlassen
von Gedächtnis, Denkvermögen und Verständigungsfähigkeit
sowie der Verlust der Fähigkeit zur praktischen Alltagsbewältigung
trifft den Menschen in seiner ganzen Persönlichkeit. Das Leuchten
in den Augen der Menschen verlöscht langsam aber sicher für
immer. Manchmal, nur für Sekunden, funkeln diese Augen und ein
Lächeln huscht übers Gesicht, bevor sich der Vorhang wieder
senkt.
Auch für Angehörige ist dies sehr tragisch, da es sich um eine
unheilbare Krankheit handelt und sie sich während des Verlaufes
mit immer neuen Verlusten auseinandersetzen müssen. Da sei der Verlust
der gemeinsamen Zukunftsträume erwähnt oder auch das Gefühl
der Trauer, obwohl der Partner noch lebt. Oder auch die Enttäuschung,
wenn man eines Tages nach vielen Jahren des Zusammenlebens nicht mehr
erkannt wird.
Herr Müller hat seine Frau so lange wie möglich selbst
zu Hause versorgt und kommt auch heute täglich zu Besuch, bringt
ihr wunderschöne Rosensträuße mit und nimmt sie mit
nach Hause in die ehemals gewohnte Umgebung. Frau Müller spricht
ihren Mann nicht mit Namen an, erkennt ihn aber zielsicher in einer
Gruppe von Menschen.
Durch den täglichen Kontakt zu Herrn Müller sowie auch durch
die Biographiearbeit habe ich etwas Zugang zu ihrem früheren Wesen
gefunden. Dies ist sehr hilfreich im Umgang mit ihr, denn Frau Müller
zeigt ein sehr wechselhaftes Verhalten. Am Morgen ist sie zumeist sehr
ruhig und läßt die tägliche Grundpflege ganz gelassen über
sich ergehen. Da Frau Müller auf keinerlei Ansprache oder Anweisung
reagiert, habe ich mit der Zeit angefangen, einen immer wiederkehrenden
Rhythmus einzuhalten. Die tägliche Begrüßung findet mit
immer gleichen Worten statt, der Vorgang der Pflege hat im Regelfalle
immer den exakten Ablauf, wie an allen Tagen. Jede Berührung wird
leise angekündigt und sie reagiert sehr ruhig, wenn man ihr leise
etwas vorsingt, manchmal brummt sie melodisch mit.
Es hat sich situationsbedingt als erfolgreich erwiesen, eine beruhigende
Teilwaschung (Rücken, Arme und Beine) durchzuführen. Eine Ganzwaschung
hat sich nicht bewährt. Im Gegenteil, Frau Müller haßt
es, wenn man sie in privaten Bereichen berührt, der beruhigende
Effekt geht somit sofort wieder verloren.
Da Frau Müller aber auch einen enormen Bewegungsdrang hat und durchaus
verbal sowie auch handgreiflich aggressiv werden kann, muß an manchen
Tagen, entgegen des Rhytmusses und der üblichen Standards, die Reihenfolge
der Pflege komplett umgeworfen werden. Es hat sich als günstig erwiesen,
an diesen Tagen die morgendliche Waschung mit den unteren Extremitäten
zu beginnen und sie dann teilweise zu bekleiden. Denn hat Frau Müller
beschlossen, aufzustehen kann nichts sie dazu bewegen, sich wieder hinzusetzen.
Hat sie aber einmal inklusive Schuhe teilweise ihre Kleidung an, kann
man die Pflege des Oberkörpers und die Mundpflege durchaus bewältigen,
indem man im Bad hinter ihr hergeht und sie dabei pflegt. Die Waschung
des Intimbereiches läßt man günstigerweise bis zum Schluß übrig,
da sie dieses überhaupt nicht mag. An manchen Tagen ist dies nur
zu bewältigen, indem man sich konsequent hinter ihr aufhält
und leise beruhigend auf sie einredet. Frau Müller beschimpft in
diesem Moment alles und jeden, inklusive der Person im Spiegel, vor der
sie sichtlich Angst hat, und pietscht und schlägt heftig um sich.
Aber auch diese Situationen sind mit eiserner Ruhe und niemals mit aggressiven
Entgegentreten zu entschärfen. Selbstverständlich werden auch
bei Veränderungen des pflegerischen Ablaufes hygienische Aspekte
beachtet, nur fließendes Leitungswasser benutzt und ständig
frische Waschlappen und Handtücher zum Einsatz gebracht.
Dennoch möchte ich hier klar ausdrücken, daß diese Ausbrüche
am Morgen nicht regelmäßig erfolgen und Frau Müller meist
im Rahmen ihrer Möglichkeiten die Pflege zuläßt.
Im Laufe des Vormittages spaziert Frau Müller über die ganze
Sation. Manchmal geht sie ein Stücke mit mir, nimmt meine Hand und
möchte mich auf einigen Gängen begleiten. Soweit dies möglich
ist, ohne die Intimsphäre anderer Bewohner zu stören, nehme
ich sie einfach mit. Wenige Minuten später jedoch ist sie urplötzlich
aggressiv und schlägt nach meiner Hand, die sie
zuvor in Eigeninitiative ergriffen hat.
Nach dem Mittagessen wird sie von ihrem Ehemann abgeholt und mit nach
Hause genommen. Zum Abendessen sind sie wieder im Hause, so daß Herr
Müller seiner Frau das Abendessen noch selbt anreichen kann. Bei
der Abendpflege reagiert sie fast immer sehr ungehalten und ist überaus
aggressiv. Herr Müller greift jedoch hilfreich in die Pflege ein,
unterstützt das Pflegepersonal in jeder Weise. Er bringt seine Frau
stets selbst zu Bett, cremt ihr liebevoll das Gesicht ein und bleibt
noch eine Weile an ihrem Bett sitzen.
In der Nacht ist sie seit einiger Zeit ebenfalls sehr laut und unruhig.
Diese nächtliche Unruhe und auch die zunehmende Aggressivität
der letzten Zeit haben es notwendig gemacht, daß sie vom behandelnden
Neurologen medikamentös neu eingestellt wird.
Trotz der beschriebenen Situationen halte ich es für überaus
wichtig, am üblichen Ablauf und dem wiederkehrenden Rhythmus
in der Pflege festzuhalten, gleichbleibend ruhig und freundlich zu
bleiben. Denn gerade dieser Tage war wieder ein kurzes Aufblitzen
in ihren Augen bemerkbar. Frau Müller verfolgte mich im Laufe
des Vormittages über die ganze Station, rief mich mit "Hallo,
hallo" an und lächelte absolut zufrieden, als ich die dargebotene
Hand annahm und sie ein Stück ihres Weges begleitete. Dies macht
sie mit allen Pflegekräften, die regelmäßigen Kontakt
zu ihr haben.
In allen Fachbüchern, die ich zu diesem Thema gelesen habe, wird
darauf hingewiesen, daß enge Beziehungspflege und noch engerer
Kontakt zu Familienangehörigen zwar niemals die Krankheit heilen
können, aber ein klein wenig den Verlauf verlangsamen können.
Es ist ebenfalls bewiesen, daß Frau Müller zwar ihre Kommunikationsfähigkeit
verloren hat, aber zu Empfindungen, zum Beispiel über die Haut,
absolut in der Lage ist. Menschliche Wärme und Nähe nimmt sie
durchaus wahr und ihre Ohren verstehen zwar keine Worte, aber netten
Umgangston von Unhöflichkeit und sehr laute Stimmen kann sie unterscheiden
und reagiert emotional darauf.
Außerdem hat Frau Müller ein Anrecht darauf, daß wir
als Pflegepersonal ihr wenigstens ihre Würde erhalten und sie
höflich und ruhig behandeln. Wir müssen uns klarmachen,
daß der Zorn von Frau Müller nicht gegen uns gerichtet
ist, sondern eine Reaktion ihrer eigenen Unsicherheit, Angst und
Verzweiflung sind, von denen sie selbst gequält wird.
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