Autor/in: Christel Satter

Altenpflege in Europa
Eindrücke aus einem Altenheim in Südfrankreich

Lage des Hauses:

Ca 2 Kilometer außerhalb einer kleinen ländlichen Gemeinde in Alleinlage; Busanbindung
43 Bewohner, davon sind 9 schwerpflegebedürftig

Ausstattung des Hauses
Altbau- ein ehemaliges kleines Schloss- ein neueres Gebäude wurde angebaut; im Altbau befindet sich die Wohnung des Direktors, sowie zu vermietende Pensionszimmer. Umgeben ist die Anlage von einem sehr schönen Park mit altem Baumbestand, unweit fließt die Mare vorbei- ein forellenreicher kleiner Fluss.

Bewohnerzimmer
Bis auf 3 Einzelzimmer handelt es sich um 2 Bettzimmer, die mit verschiedenen Bettmodellen, von Holz bis alte Krankenhausbetten möbliert sind. Die Mitnahme von eigenen Möbeln kaum möglich, da überall Einbauschränke vorhanden sind und nur wenig Platz in den Zimmern ist. Die Zimmer sind z. T. mit Waschgelegenheit und Toilette, die Nasszellen jedoch überwiegend nicht rollstuhlgeeignet. Die Zimmer sind fast alle ohne Balkon.

Im Haus gibt es 1 Stationsdusche ohne Badewanne, ein gefliesten großer Raum mit Duscharmatur. Die Bewohner werden zum Duschen auf einen Gartenstuhl gesetzt; ein Lifter ist nicht vorhanden.

Das Haus ist hell und freundlich möbliert. Ein direkter Zugang zum Park ist durch einen Personen-Lift möglich; ein Lift, der für Pflegebetten geeignet ist, gibt es nicht. Der Speisesaal ist unterteilt für die Gehfähigen und Pflegebedürftigen; es wird eine sehr gute, abwechslungsreiche Verköstigung geboten. Die Speisen entsprechen den Eßgewohnheiten der Bewohner, es wird mit Olivenöl gekocht.
Negativ: Plastikgeschirr für Pflegebedürftige, keine Extrateller für Vor- und Hauptspeise, Nachtisch

Kosten
Tagessatz 200 FF= 6000 FF bis 8000 FF je nach Pflegebedürftigkeit- Tagessatz für Sozialhilfeempfänger 240 FF, Kosten für Wäsche 350 FF/ Monat. Der Tagessatz beinhaltet:
Unterkunft, Verpflegung, Hilfe durch Pflegehelfer

Kostenträger:

Keine öffentliche Förderung durch den Staat für den Altenheimbau bei privaten Betreibern.

Das Haus hat die Bezeichnung : Maison de retraite medicalisée, was einem Pflegeheim in Deutschland entspricht. Das Prädikat medicalisee verliehen durch DDASS-Conseil General, berechtigt Pflegebedürftige aufzunehmen, ohne diese Klassifizierung ist eine Einrichtung ein Seniorenwohnheim maison de repos.

Der behandelnde Arzt und die Krankenschwester suchen die 9 Pflegebedürftigen aus. Für diese Bewohner wird ein Monatsbudget an den Direktor bezahlt, (wer der Geldgeber ist, konnte ich nicht ermitteln, wahrscheinlich die Krankenkasse) der aus diesem Fond alle Kosten für medizinische Behandlung- Arzt, Medikamente, Heil- und Hilfsmittel finanzieren muss.
Scheint einträglich zu sein, da sich die Heime um das medicalisee bewerben.

Sozialhilfe- aide sociale des Departements Herault- es wird monatliche Beihilfe zwischen 500 und 1500 FF gezahlt. Bis zu einem Vermögen von 300 000 FF sind Senioren sozialhilfeberechtigt; ab 300 000 FF Vermögen muss eine Rückzahlung der Erben an die Soziahilfe geleistet werden

BSD- Brestacion specifique dependance- Pflegeversicherung- auf Antrag

Stufe 1 750 FF
Stufe 2 1050 FF
Stufe 3 1500 FF

Es kommt wie bei uns der MDK zur Einstufung.

Caisse d`allocation de familiare, Beziers, – Familienkasse- zahlt Wohngeld zwischen 200 und 1000 FF/Monat

Unterstellt:

Direction departementale de la solidarite- Heimaufsicht für Private. Es sollte ca. jedes zweite Jahr eine Heimüberprüfung stattfinden- während der 5 Jahre, die der neue Besitzer das Heim betreibt, war noch kein Überprüfungstermin.
DDAS ist die Heimaufsicht für öffentliche Altenheime.

Service veterinaire- Gesundheitsamt überprüft die Küche etc. HACCP ist seit 2 Jahren eingeführt.

Organisation:

Direktor- Funktion wie bei uns Geschäftsführer und Heimleiter- keine Stellvertretung

1 Krankenschwester- die einzige Fachpflegekraft ohne Stellvertretung – ist seit Anfang des Jahres beschäftigt, soll ein Zwischenglied zwischen Direktor und Mitarbeitern darstellen; eine Regelung des Aufgabenbereiches und der Kompetenzen existiert nicht.

Die Krankenschwester- in einer Funktion, die etwa einer Pflegedienstleitung bei uns entspricht, soll Stellenbeschreibungen für die Pflegehelfer erstellen, da eine organisatorische Zuordnung von Bereichen und Pflichten bisher nicht stattfindet.

Personalausstattung:

1 Köchin, 2 Küchenhilfen, arbeiten auch in der Reinigung mit, das Reinigungspersonal ist auch in die Pflege mit eingebunden. Schichtbesetzung : 1 Pflegehelfer, 1 Krankenschwester pro Wochentag früh, 1 Pflegehelfer spät, 1 Pflegehelfer nachts, Reinigungspersonal wird bei Bedarf zugeschaltet- 1 Wäscherei- Mitarbeiterin
Die Bewohner können je nach Pflegebedürftigkeit auch Hilfe durch die „freien Krankenschwestern“ in Anspruch nehmen, vergleichbar mit den Sozialstationen bei uns. Diese infirmiers liberales kommen zu 4 pflegebedürftigen Heimbewohnern in festen Rhythmus.

Wochenendregelung und freie Tage für die Krankenschwester- für diese Zeit wird die Versorgung von außen sichergestellt- es kommen die diensthabenden Hausärzte oder die freien Krankenschwestern, um Injektionen zu geben, Medikamente zu verabreichen.

Dokumentation:

Nur für die medizinisch behandelten Heimbewohner existiert eine Dokumentation dieser Behandlungspflege in Form von Karteiblättern; es existiert kein Kardex, Grundpflege, Ernährung, Mobilisation etc. werden nicht dokumentiert.

Ausbildungsstand:

Die im Heim beschäftigten Pflegehelfer haben keinerlei Ausbildung; sie wurden angelernt.
Fachpersonal ist- wie auch in Deutschland- Mangelware. Eine regelmässige Fortbildung der Pflegemitarbeiter findet nicht statt; auch gibt es keine Weiterbildungsmöglichkeit für die leitende Krankenschwester- solche Weiterbildungen sind für die leitenden Krankenschwestern von Krankenhäusern möglich, jedoch nicht für Altenheime.

Betreuungsleistungen:
Angebote an Betreuung finden nicht statt. Außer dem Fernsehen gibt es keine weiteren Angebote. 1 x wöchentlich ist Gottesdienst

Mobilisation:

Eine aktivierende Pflege findet nicht statt. Personen, die noch selbst mit etwas Hilfe gehen können, werden beim Gehen unterstützt, doch es werden keine Anstrengungen unternommen, Bewohner zu mobilisieren.

Bewohnerzufriedenheit:

Alle Bewohner, mit denen ich sprach fühlten sich sehr wohl, lobten das gute Essen., den Zugang zum Park und die ruhige Lage; keiner der Bewohner äußerte irgendwelche Klagen. Auch die Pflegemitarbeiter wurden durchweg als freundlich und hilfsbereit gelobt.

Besonderheiten:

In Frankreich kann ohne richterlichen Beschluss fixiert werden, es entscheiden der behandelnde Arzt und die Krankenschwester. Bewohner, die weglaufgefährdet sind, werden fixiert und mit entsprechenden Medikamenten versorgt- dadurch Verlust der Gehfähigkeit. Weglaufgefährdete Bewohner werden so innerhalb kurzer Zeit zu gehunfähigen Bewohnern.

Laut einer Psychologiestudentin, die ein mehrmonatiges Praktikum im betreffenden Altenheim macht, gibt es fast keine gerontopsychiatrischen Einrichtungen in der Altenpflege.

Fazit:

Die südfranzösische Einrichtung könnte bei einem Vergleich mit deutschen Heimen sicherlich nur als sehr schlecht bewertet werden; es fehlen sowohl die Ausstattung an geeignetem Personal, wie auch an technischen Mitteln und Pflegehilfsmitteln.
Vergleichbar ist nicht der Anspruch, der an das französische Heim von Seiten der Bewohner und Angehörigen gestellt wird. Nachdem alle befragten Bewohner überaus zufrieden mit ihrer Umgebung, Pflege und Essensversorgung waren, erfüllt das Haus ganz sicher seinen Zweck. Hervorgehoben wurde von den Bewohnern auch die günstigen Preise- bei einer Umrechnung in DM : zwischen 1800.- und 2400.- DM pro Monat. Verständlich auch, dass bei einer solchen Preiskategorie keine 50 % Fachkräfte und teure technischen Hilfsmittel möglich sind. Wenn Kundenzufriedenheit das Instrument ist, an der sich die Qualität eines Altenheimes messen lässt, dann ist dieses Haus für die Lebensgewohnheiten und Ansprüche unserer benachbarten Senioren die passende Einrichtung.

Copyright: Christel Satter

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