Altenpflege in Europa
Eindrücke aus einem Altenheim in Südfrankreich
Lage des Hauses:
Ca 2 Kilometer außerhalb einer kleinen ländlichen Gemeinde
in Alleinlage; Busanbindung
43 Bewohner, davon sind 9 schwerpflegebedürftig
Ausstattung des Hauses
Altbau- ein ehemaliges kleines Schloss- ein neueres Gebäude wurde
angebaut; im Altbau befindet sich die Wohnung des Direktors, sowie zu
vermietende Pensionszimmer. Umgeben ist die Anlage von einem sehr schönen
Park mit altem Baumbestand, unweit fließt die Mare vorbei- ein
forellenreicher kleiner Fluss.
Bewohnerzimmer
Bis auf 3 Einzelzimmer handelt es sich um 2 Bettzimmer, die mit verschiedenen
Bettmodellen, von Holz bis alte Krankenhausbetten möbliert sind.
Die Mitnahme von eigenen Möbeln kaum möglich, da überall
Einbauschränke vorhanden sind und nur wenig Platz in den Zimmern
ist. Die Zimmer sind z. T. mit Waschgelegenheit und Toilette, die Nasszellen
jedoch überwiegend nicht rollstuhlgeeignet. Die Zimmer sind fast
alle ohne Balkon.
Im Haus gibt es 1 Stationsdusche ohne Badewanne, ein gefliesten
großer Raum mit Duscharmatur. Die Bewohner werden zum Duschen
auf einen Gartenstuhl gesetzt; ein Lifter ist nicht vorhanden.
Das Haus ist hell und freundlich möbliert. Ein direkter Zugang
zum Park ist durch einen Personen-Lift möglich; ein Lift, der
für Pflegebetten geeignet ist, gibt es nicht. Der Speisesaal
ist unterteilt für die Gehfähigen und Pflegebedürftigen;
es wird eine sehr gute, abwechslungsreiche Verköstigung geboten.
Die Speisen entsprechen den Eßgewohnheiten der Bewohner, es
wird mit Olivenöl gekocht.
Negativ: Plastikgeschirr für Pflegebedürftige, keine Extrateller
für Vor- und Hauptspeise, Nachtisch
Kosten
Tagessatz 200 FF= 6000 FF bis 8000 FF je nach Pflegebedürftigkeit-
Tagessatz für Sozialhilfeempfänger 240 FF, Kosten für
Wäsche 350 FF/ Monat. Der Tagessatz beinhaltet:
Unterkunft, Verpflegung, Hilfe durch Pflegehelfer
Kostenträger:
Keine öffentliche Förderung durch den Staat für den
Altenheimbau bei privaten Betreibern.
Das Haus hat die Bezeichnung : Maison de retraite medicalisée,
was einem Pflegeheim in Deutschland entspricht. Das Prädikat
medicalisee verliehen durch DDASS-Conseil General, berechtigt Pflegebedürftige
aufzunehmen, ohne diese Klassifizierung ist eine Einrichtung ein
Seniorenwohnheim maison de repos.
Der behandelnde Arzt und die Krankenschwester suchen die 9 Pflegebedürftigen
aus. Für diese Bewohner wird ein Monatsbudget an den Direktor
bezahlt, (wer der Geldgeber ist, konnte ich nicht ermitteln, wahrscheinlich
die Krankenkasse) der aus diesem Fond alle Kosten für medizinische
Behandlung- Arzt, Medikamente, Heil- und Hilfsmittel finanzieren
muss.
Scheint einträglich zu sein, da sich die Heime um das medicalisee
bewerben.
Sozialhilfe- aide sociale des Departements Herault- es wird monatliche
Beihilfe zwischen 500 und 1500 FF gezahlt. Bis zu einem Vermögen
von 300 000 FF sind Senioren sozialhilfeberechtigt; ab 300 000 FF
Vermögen muss eine Rückzahlung der Erben an die Soziahilfe
geleistet werden
BSD- Brestacion specifique dependance- Pflegeversicherung- auf Antrag
Stufe 1 750 FF
Stufe 2 1050 FF
Stufe 3 1500 FF
Es kommt wie bei uns der MDK zur Einstufung.
Caisse d`allocation de familiare, Beziers, - Familienkasse- zahlt
Wohngeld zwischen 200 und 1000 FF/Monat
Unterstellt:
Direction departementale de la solidarite- Heimaufsicht für
Private. Es sollte ca. jedes zweite Jahr eine Heimüberprüfung
stattfinden- während der 5 Jahre, die der neue Besitzer das
Heim betreibt, war noch kein Überprüfungstermin.
DDAS ist die Heimaufsicht für öffentliche Altenheime.
Service veterinaire- Gesundheitsamt überprüft die Küche
etc. HACCP ist seit 2 Jahren eingeführt.
Organisation:
Direktor- Funktion wie bei uns Geschäftsführer und Heimleiter-
keine Stellvertretung
1 Krankenschwester- die einzige Fachpflegekraft ohne Stellvertretung
- ist seit Anfang des Jahres beschäftigt, soll ein Zwischenglied
zwischen Direktor und Mitarbeitern darstellen; eine Regelung des
Aufgabenbereiches und der Kompetenzen existiert nicht.
Die Krankenschwester- in einer Funktion, die etwa einer Pflegedienstleitung
bei uns entspricht, soll Stellenbeschreibungen für die Pflegehelfer
erstellen, da eine organisatorische Zuordnung von Bereichen und Pflichten
bisher nicht stattfindet.
Personalausstattung:
1 Köchin, 2 Küchenhilfen, arbeiten auch in der Reinigung
mit, das Reinigungspersonal ist auch in die Pflege mit eingebunden.
Schichtbesetzung : 1 Pflegehelfer, 1 Krankenschwester pro Wochentag
früh, 1 Pflegehelfer spät, 1 Pflegehelfer nachts, Reinigungspersonal
wird bei Bedarf zugeschaltet- 1 Wäscherei- Mitarbeiterin
Die Bewohner können je nach Pflegebedürftigkeit auch Hilfe
durch die "freien Krankenschwestern" in Anspruch nehmen, vergleichbar
mit den Sozialstationen bei uns. Diese infirmiers liberales kommen zu
4 pflegebedürftigen Heimbewohnern in festen Rhythmus.
Wochenendregelung und freie Tage für die Krankenschwester-
für diese Zeit wird die Versorgung von außen sichergestellt-
es kommen die diensthabenden Hausärzte oder die freien Krankenschwestern,
um Injektionen zu geben, Medikamente zu verabreichen.
Dokumentation:
Nur für die medizinisch behandelten Heimbewohner existiert
eine Dokumentation dieser Behandlungspflege in Form von Karteiblättern;
es existiert kein Kardex, Grundpflege, Ernährung, Mobilisation
etc. werden nicht dokumentiert.
Ausbildungsstand:
Die im Heim beschäftigten Pflegehelfer haben keinerlei Ausbildung;
sie wurden angelernt.
Fachpersonal ist- wie auch in Deutschland- Mangelware. Eine regelmässige
Fortbildung der Pflegemitarbeiter findet nicht statt; auch gibt es keine
Weiterbildungsmöglichkeit für die leitende Krankenschwester-
solche Weiterbildungen sind für die leitenden Krankenschwestern
von Krankenhäusern möglich, jedoch nicht für Altenheime.
Betreuungsleistungen:
Angebote an Betreuung finden nicht statt. Außer dem Fernsehen gibt
es keine weiteren Angebote. 1 x wöchentlich ist Gottesdienst
Mobilisation:
Eine aktivierende Pflege findet nicht statt. Personen, die noch
selbst mit etwas Hilfe gehen können, werden beim Gehen unterstützt,
doch es werden keine Anstrengungen unternommen, Bewohner zu mobilisieren.
Bewohnerzufriedenheit:
Alle Bewohner, mit denen ich sprach fühlten sich sehr wohl,
lobten das gute Essen., den Zugang zum Park und die ruhige Lage;
keiner der Bewohner äußerte irgendwelche Klagen. Auch
die Pflegemitarbeiter wurden durchweg als freundlich und hilfsbereit
gelobt.
Besonderheiten:
In Frankreich kann ohne richterlichen Beschluss fixiert werden,
es entscheiden der behandelnde Arzt und die Krankenschwester. Bewohner,
die weglaufgefährdet sind, werden fixiert und mit entsprechenden
Medikamenten versorgt- dadurch Verlust der Gehfähigkeit. Weglaufgefährdete
Bewohner werden so innerhalb kurzer Zeit zu gehunfähigen Bewohnern.
Laut einer Psychologiestudentin, die ein mehrmonatiges Praktikum
im betreffenden Altenheim macht, gibt es fast keine gerontopsychiatrischen
Einrichtungen in der Altenpflege.
Fazit:
Die südfranzösische Einrichtung könnte bei einem
Vergleich mit deutschen Heimen sicherlich nur als sehr schlecht bewertet
werden; es fehlen sowohl die Ausstattung an geeignetem Personal,
wie auch an technischen Mitteln und Pflegehilfsmitteln.
Vergleichbar ist nicht der Anspruch, der an das französische Heim
von Seiten der Bewohner und Angehörigen gestellt wird. Nachdem alle
befragten Bewohner überaus zufrieden mit ihrer Umgebung, Pflege
und Essensversorgung waren, erfüllt das Haus ganz sicher seinen
Zweck. Hervorgehoben wurde von den Bewohnern auch die günstigen
Preise- bei einer Umrechnung in DM : zwischen 1800.- und 2400.- DM pro
Monat. Verständlich auch, dass bei einer solchen Preiskategorie
keine 50 % Fachkräfte und teure technischen Hilfsmittel möglich
sind. Wenn Kundenzufriedenheit das Instrument ist, an der sich die Qualität
eines Altenheimes messen lässt, dann ist dieses Haus für die
Lebensgewohnheiten und Ansprüche unserer benachbarten Senioren die
passende Einrichtung.
Copyright: Christel Satter
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