Autor/in: S. Knobel

Macht Alter unbeweglich und steif?

In einem Kinästhetik in der Pflege Grundkurs hatten wir hatten die Gelegenheit, einen Teil des Unterrichts mit den Bewohnerinnen und Bewohnern auf der Abteilung zu gestalten. Eine dieser Sequenzen hat eine Kursteilnehmerin folgendermassen ausgewertet: „Ich stelle fest, dass mir diese Menschen, die ich zu kennen glaubte, ziemlich fremd sind. Sie können viel mehr, haben viel grössere Fähigkeiten in ihrer Bewegung, als ich angenommen habe. Und ich muss festhalten, dass viele von Ihnen Steif sind – nicht steif weil sie alt oder krank sind – nein steif wegen mir und den anderen Pflegenden auf der Abteilung…“

Provokativ gesagt: Alte Menschen sind nicht steif weil sie krank sind – sie werden steif durch die Art der pflegerischen Unterstützung, welche sie erfahren.
Die Unbeweglichkeit ist erlernt

In unserer Gesellschaft haben die Vorstellung und auch die Erfahrung, dass das Alter von zunehmender Immobilität und Altersgebrechen begleitet ist. Wir sind geprägt durch einen jahrhundertealten Altersmythos. Thomas Hanna (1990) beschreibt in seinem Buch „beweglich sein ein Leben lang“ diesen Umstand. Er erkennt in den meisten Altersgebrechen Funktionsstörungen des sensomotorischen Systems. „Funktionsstörungen des sensomotorischen Systems sind eine ernstzunehmende Angelegenheit, und sie verursachen, wenn sie eintreten, eine grundlegende Verschlechterung unserer Lebenssituation. Seit Jahrtausenden sind sie mit Erscheinungen des Alterns in Zusammenhang gebracht und daher für unvermeidbar und nicht umkehrbar gehalten worden. Aber sie können sowohl verhindert wie auch rückgängig gemacht werden“ (ebd. S. 21). Die Entstehung solcher sensomotorischer Störungen ist das Ergebnis von jahrelang wiederholter physiologischer Reaktion auf Stress und traumatische Ereignisse. Solche belastende Ereignisse prägen die Bewegungsmuster vieler Menschen in späteren Jahren. Die Folgen sind erhöhter Muskeltonus und einer entsprechenden Steifheit in ihren Körperbewegungen wie auch einer schlechten Körperhaltung.

Feldenkrais (1978) begründet die Abnahme der Bewegungsfähigkeit im Alter mit dem Umstand, dass die meisten Mitglieder unserer Gesellschaft nach der Pubertät aufhören, wirklich zu lernen. „In der Tat beschränkt sich das Lernen nach der Pubertät auf das Erwerben praktischer und fachlicher Kenntnisse, während die eigentliche, d. h. nicht spezialisierte Weiterentwicklung nur zufällig und in Ausnahmefällen fortgesetzt wird“ (S. 39). Mit Weiterentwicklung meint er die Weiterentwicklung des Ich-Bildes, worunter er Bewegung, Sinnesempfindung, Gefühl und Denken versteht.

Die Aussage von Hanna und Feldenkrais bedeuten, dass Steifheit und Unbeweglichkeit nicht durch das Alter bedingt, sondern erlernt sind. Was erlernbar ist kann auch jederzeit umgelernt werden. Dies Bedeutet, dass Steifheit und Unbeweglichkeit nicht keinen unveränderlichen Zustand darstellen. Sie sind durch geeignete Unterstützung zu verändern.
Die funktional-körperliche Kompetenz kann im hohen Alter erweitert werden
Die Erfahrung in verschiedenen Pflegeheimen zeigen es auf. Der Kompetenzerwerb auf der funktional-körperlichen Ebene ist nicht vom Alter abhängig. Menschen, welche nur mit dem Patientenheber mobilisiert werden konnten, lernen wieder alleine an den Bettrand zu sitzen. Steife, bewegungseingeschränkte Menschen lernen ihre einzelnen Körperteile wieder besser kennen und einsetzen. Menschen, welche das Essen nicht mehr selbst zum Mund führen können, erwerben unter gezielter Unterstützung diese Fähigkeiten wieder.

Folgende Faktoren beeinflussen:
Das Verständnis der Pflegenden den Alten Menschen gegenüber ist entscheidend. Wenn Pflegende annehmen, dass Altersbeschwerden ein unumgängliches Schicksal darstellen, beeinflusst dies ihre Wahrnehmung und ihre Entscheidungen.
Wenn sie Gesundheit als einen Lernprozess verstehen und jedem Menschen zugestehen, dass lernen in jeder Lebensphase möglich ist, wird sich auch das pflegerische Angebot verändern. Pflegende müssen das Wissen über die bio-medizinischen Aspekte der Situation verfügen. Sie sollen das subjektive Empfinden des betroffenen Menschen mit einbeziehen können. Die Werthaltung alten Menschen gegenüber und das Wissen auf einer kognitiven Ebene reichen garantieren aber noch keine Veränderung des Pflegeverhaltens. Um diese Aktion gesundheitsfördernd auszuführen, genügt es nicht, die Sinnessysteme zu entwickeln, die in Beziehung zum symbolischen Lernen stehen (Sehsinn, Hörsinn). Die Sinnessysteme, die Informationen über Berührung und Bewegung vermitteln benötigen die gleiche Beachtung. Professionelle Pflege hat den Anspruch, eine bedeutendes Angebot zur Gesundheitsentwicklung der Gesellschaft zu machen. Das Angebot an Gesundheitsunterstützung und Optimierung der Lebensqualiät muss auch im alltäglichen pflegerischen Tun manifest sein.

Das pflegerische Angebot zur Gesundheitsentwicklung
Das professionelle Pflegeangebot muss die Gesundheitsentwicklung des Klienten unterstützen und/oder einen Beitrag zur Optimierung der Lebensqualität leisten. In den meisten Pflegehandlungen sind die Pflegenden damit beschäftigt, zusammen mit den Klienten Fortbewegung zu gestalten. Wenn das momentane Bewegungsverhalten erlernt ist, und nicht direkte Folge des Altwerdens ist, hat das weitreichende Bedeutung für die Wertung der einzelnen Pflegehandlung. Pflegende müssen über ganz bestimmte pflegespezifische Handlungskompetenzen verfügen. Das heisst, dass Pflegende jede Interaktion für den betroffenen Menschen als Lernsituation gestalten müssen. Der Mensch kann nur dann lernen, wenn er die Möglichkeit hat, die einzelnen Lernschritte zu kontrollieren. Er muss bei jeder Fortbewegungsaktivität über die Selbstkontrolle des Geschehens verfügen. Wenn er die Selbstkontrolle verliert, reagiert er mit einer unspezifischen Antwort: mit Unsicherheit, Angst, Steifheit und Abwehr. Dies beeinflusst nicht nur den Genesungsprozess negativ. Die Lebensqualität des betroffenen Menschen erleidet ebenfalls eine Verminderung.

Es ist unumstritten, dass die Einstellung unserer Gesellschaft zum Alter direkte Auswirkungen im Sinne einer „sich selbst erfüllenden Prophezeiung“ hat. Mir klingt noch die Äusserung des Inhabers eines grossen Privatpflegeheimes nach: „Wenn man es nüchtern betrachtet, kommen unsere Klienten zu uns, um auf den Tod zu warten, und diese Zeit müssen wir ihnen möglichst schön gestalten.“ Man kann das Alter als ein inaktives Warten auf den Tod, als inaktives Erleben des „Lebensabends“ betrachten. Ich persönlich glaube, dass das Alter anstatt ein Warten auf das Sterben ein aktives Gestalten des Lebens sein könnte und sollte. Anstelle eines passiven „Lebensabends“ könnte eine aktive Teilnahme am „Nachtleben“ treten.

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