Autor/in: Markus Hieber

Blutzuckermessung, Blutzuckerabweichungen,orale Antidiabetika und Insulin


1. Einleitung

Eines der Methoden, um den Blutzucker zu bestimmen, ist die Blutzuckermessung mittels Blutzuckermessgeräten, die in Sekundenschnelle den Blutzucker-Wert (BZ-Wert) anzeigen. Ein einzelner Blutstropfen, den man auf einen Teststreifen träufelt, reicht für diese Messung aus. Diese Blutzuckermessgeräte kann der Laie nicht nur in der Apotheke, sondern auch im Elektronikfachgeschäft oder im Sanitätshaus – zum Teil preisgünstig – erwerben und die Handhabung ist ein Kinderspiel. Die Ergebnisse, die diese Geräte liefern, sind nicht frei von Messungenauigkeiten und die Werte sind sicherlich auch Schwankungen unterworfen. Doch wer bei BZ-Messungen wiederholt von den Normwerten abweichende Werte erzielt, sollte sich eingehender ärztlich untersuchen lassen.
Eine sichere Auskunft hingegen gibt der HbA1c-Wert, also das Blutzuckerlangzeitgedächtnis. An das Hämoglobin lagert sich Glucose an, wobei HbA1c entsteht. Um so mehr Zucker nicht per Insulin in die Zellen transportiert werden kann, desto höher ist der HbA1c-Wert.
Abweichungen von den Blutzuckernormwerten können unterschiedliche Ursachen haben und manifestieren sich in verschiedenen Symptomen.
Aber der- oder diejenige, bei dem/der Diabetes mellitus eindeutig diagnostiziert wurde, muß Maßnahmen ergreifen, um Folgeschäden dieser Krankheit zu vermeiden. Reicht eine Diät nicht aus, muß der/die Patient/-in auf orale Antidiabetika zurückgreifen. Reichen auch diese nicht aus, muß der/die Diabetiker/-in eine Insulintherapie durchführen.
Der folgende Text beschreibt die Vorgehensweise bei der Blutzuckermessung, nennt die BZ-Normwerte, zählt die Ursachen und Symptome von Abweichungen von den BZ-Normwerten auf und schildert die Therapien mit oralen Antidiabetika und Insulin.

2. Die Blutzuckermessung
2. 1. Allgemeines zur Blutzuckermessung

Die Blutzuckermessung dient der Bestimmung des Glukosegehalts des Blutes. Der Vorteil der Blutzuckermessung ist, dass sie sehr schnell und einfach erfolgen kann. So läßt sich der Verlauf des Blutzuckerspiegels und der Erfolg von Insulintherapien leicht verfolgen und kontrollieren.
Die BZ-Selbstkontrolle sollte vier- bis fünfmal am Tag erfolgen. Der Patient oder Bewohner, dessen BZ gemessen wird, sollte saubere und warme Hände haben. Im häuslichen Bereich ist eine Hautdesinfektion der Einstichstelle nicht notwendig. Mit der Einstichnadel wird in die „Fingerbeere“ seitlich eingestochen, damit die Tastfähigkeit der Fingerkuppen erhalten bleibt. Eine „Einstichhilfe“, in der die Nadel eingebaut wird, erleichtert den Einstich.

2. 2. Vorbereitung der Blutzuckermessung

  • Den Patienten bzw. Bewohner zum Trinken animieren
  • Gerät auf Funktionstüchtigkeit untersuchen
  • Testreifen auf Haltbarkeit kontrollieren
  • Code der Testreifen (= Sensoren) im Gerät eingeben

2. 3. Durchführung der Blutzuckermessung

  • Um eine Infektion des Bewohners zu vermeiden, sollte der/die Messende Einmalhandschuhe anlegen
  • Sensor in das Blutzuckermessgerät schieben
  • Desinfektion der Einstichstelle? Pro: Infektion des Bewohners wird vermieden. Contra: Messergebnis wird durch den Alkohol des Desinfektionsmittels verfälscht. Also Einstichstelle desinfizieren und Alkohol verfliegen lassen.
  • eine frische Lanzette auf die Einstichhilfe stecken
  • den ersten Bluttropfen verwerfen
  • Blut seitlich auf den Teststreifen fließen lassen
  • Gerät beginnt automatisch mit der Messung
  • bei Bedarf Messung wiederholen, aber an anderer Stelle einstechen

2. 4. Nachbereitung der Blutzuckermessung

  • Messwert eintragen; es gibt eigens für die Dokumentation von BZ-Werten gestaltete Hefte
  • Lanzette und andere Hilfsmittel sachgerecht entsorgen (® Kappe wieder auf die Lanzette, damit sich keiner daran verletzten kann)

3. Blutzuckernormwerte und Abweichungen
3. 1. Blutzuckernormwerte

Normaler Blutzucker bei Gesunden:

vor dem Essen: 60 – 100 mg/dl

nach dem Essen: bis 140 mg/dl

3. 2. Blutzuckerabweichungen

Es gibt zwei Abweichungen von den Blutzuckernormwerten: Hypoglykämie (Unterzuckerung) und Hyperglykämie (Überzuckerung).

Hypoglykämie (Unterzuckerung)

Definition

BZ < 50 mg/dl (Grafik 2,8 mmol) ® schneller Verlauf mit stärker werdenden Symptomen

Ursachen

  • zu geringe Nahrungszufuhr
  • Auslassen von Mahlzeiten
  • starke körperliche Belastung
  • zu hohe Insulingabe
  • zu langer Spritz-Ess-Abstand
  • hoher Alkoholgenuss ohne gleichzeitige Aufnahme von Kohlenhydraten

Symptome

  • Atmung normal, Reflexe sind gesteigert
  • Bewußtseinseintrübung ® Bewußtlosigkeit
  • blasse Haut
  • Heißhunger
  • lallende Sprache
  • Müdigkeit/ständiges Gähnen
  • Sehstörungen
  • starkes Schwitzen
  • Tachykardie
  • Unruhe
  • Verwirrtheit
  • Zittern
  • Bei alten Menschen fehlen häufig die klassischen Symptome. Hier sind Stürze und Verwirrtheitszustände, vor allem in der Nacht, auffallende Verhaltensstörungen.

Hyperglykämie (Überzuckerung)

Definition

BZ > 200 mg/dl (Grafik 11,0 mmol) ® langsamer Verlauf mit stärker werdenden Symptomen

Ursachen

  • fehlende oder zu geringe Insulingabe
  • Weglassen von oralen Antidiabetika
  • erhöhter Insulinbedarf bei Infekten
  • hohe Kohlenhydratzufuhr
  • Stress

Symptome

  • Bewußtseinstrübung ® Bewußtlosigkeit
  • BZ-Anstieg
  • Exsikkose
  • Müdigkeit
  • Polydipsie (gesteigertes Durstempfinden)
  • Polyurie (verstärkter Harndrang)
  • RR-Abfall
  • schlecht gefüllter, beschleunigter Puls
  • Schwäche
  • trockene Haut
  • Übelkeit, Erbrechen, Leibschmerzen
  • Urinzuckeranstieg

beim hyperosmolaren Koma:

  • keine Ketonkörper im Urin
  • Krampfanfälle
  • Nackensteifigkeit
  • verstärkte Exsikkose mit schlechter Prognose

beim ketoazidotischen Koma:

  • Azetongeruch in der Ausatemluft
  • Kussmaul’sche Atmung
  • Nachweis von Ketonkörpern im Urin

3. 3. Der HbA1c-Wert

Der HbA1c-Wert wird auch als Blutzuckergedächtnis bezeichnet. HbA1c entsteht durch die Verbindung von Glucose und Hämoglobin, dem roten Blutfarbstoff. Dabei gilt, dass um so mehr Zucker sich mit Hämoglobin bindet, desto mehr Zucker sich im Blut befindet. Da die roten Blutkörperchen eine Lebensdauer von 120 Tagen haben, gibt der HbA1c-Wert Auskunft über die Ernährungsgewohnheiten des Diabetes-Patienten in den letzten drei Monaten. Der Anteil des HbA1c am Gesamtzucker des Blutes zeigt, ob jemand gesund ist, Diabetes hat und als Diabetiker gut auf Insulin eingestellt ist oder nicht.

Anteil des HbA1c am Gesamtzucker im Blut und seine Bedeutung:

Wert

Bedeutung

unter 6 %gesunder Mensch oder sehr gut eingestellter Diabetiker
6 – 8 %gut eingestellter Diabetiker
8 – 10 %mäßig bis schlecht eingestellter Diabetiker
über 10 %sehr schlecht eingestellter Diabetiker

4. Orale Antidiabetika
4. 1. Überblick

  • eine Indikation zur Verabreichung besteht erst dann, wenn nach einem ausreichend langem Zeitraum (3 bis 6 Monate) eine Ernährungsumstellung, Gewichtsreduktion und verstärkter körperlicher Aktivität nicht zu einer wesentlichen Verbesserung der Stoffwechselsituation geführt hat und die gewünschten Therapieziele nicht erreicht wurden
  • die existierenden oralen Antidiabetika haben unterschiedliche Ansatzpunkte und damit unterschiedliche Indikationen und Kontraindikationen

Substanzklassen: Alpha-Glukosidase-Hemmer
Wirkstoff: Acarbose
Miglitol
Handelsnamen (z.B.): Glucobay®
Diastabol®

Substanzklassen: Biguanide
Wirkstoff: Metformin
Handelsnamen (z.B.): Glucophage S®
Meglucon®
Mescorit®
Siofor®

Substanzklassen: Sulfonylharnstoffe
Wirkstoff: Glibenclamid

Glimepirid
Tolbutamid
Glisoxepid
Glibornurid

Gliclazid
Glipizid

Handelsnamen (z.B.): Euglucon
Azuglucon®
Duraglucon®
Glibenhexal®
Maninil®
Amaryl®
Orabet®
Pro-Diaban®
Glutril®
Gluborid®
Diamicron®
Glibenese®

Substanzklassen: Benzoesäurederivate
Wirkstoff: Repaglinid
Handelsnamen (z.B.): NovoNorm®

Substanzklassen: Thiazolidindione
Wirkstoff: Pioglitazon
Rosiglitazon
Handelsnamen (z.B.): Actos®
Avandia®

(Vgl. SAILER 105)

  • durch Kombination verschiedener oraler Antidiabetika können unterschiedliche Wirkmechanismen ausgenützt und Nebenwirkungen bei hochdosierter Monotherapie reduziert werden

4. 2. Alpha-Glukosidase-Hemmstoffe

  • sie vermindern die Aktivität der Glukosidasen im oberen Dünndarm und hemmen die Spaltung von Disacchariden; Verzögerung der Aufspaltung von Mehrfachzucker im Darm
  • dadurch kann im Dünndarm keine Glukose gebildet und somit auch nicht resorbiert werden (hemmen die Kohlenhydratresorption)
  • der postprandiale (lat. prandium = „Mahlzeit“) Blutzuckeranstieg ist vermindert oder bleibt ganz aus
  • nicht verdaute Kohlenhydrate gelangen in tiefere Darmabschnitte
  • sie werden im Dickdarm von Bakterien gespaltet
  • dabei entstehen kurzkettige Fettsäuren, die von der Dickdarmschleimhaut resorbiert werden und energetisch dem Organismus voll zur Verfügung stehen
  • bei der bakteriellen Spaltung entstehen Gase, die zu Meteorismus (Gasansammlung im Darm oder in der freien Bauchhöhle) und zu Blähungen führen können; deshalb einschleichend dosieren
  • selten nach längerer Behandlung eine Abnahme des Hämoglobin- und Eisengehaltes im Blut möglich
  • Wirkung von Acarbose und Miglitol ist dosisabhängig und zeitlich begrenzt
  • nur solange sich die Substanz im Dünndarm befindet, werden die Glukosidasen inhibitiert (lat. inhibere = „hemmen, lindern“)
  • Acarbose führt nicht zu einer Erhöhung der zirkulierenden Insulinmenge
  • Acarbose beinhaltet bei alleiniger Gabe kein Hypoglykämie-Risiko
  • unter Acarbose nimmt das Körpergewicht eher ab als zu
  • Acarbose-Therapie vor allem beim übergewichtigen Typ-2-Diabetiker indiziert

4. 2. 1. Hinweise zur Verabreichung von Acarbose:

  • Indikation: Typ-2-Diabetiker nach Ausschöpfung aller diätischen Maßnahmen
  • einschleichend dosieren, beginnend mit 1 bis 2x 50 mg bis zur Maximaldosis von 3x 100 mg täglich
  • Acarbose muss unmittelbar vor der Mahlzeit eingenommen werden. Bei Einnahme zum oder nach dem Essen ist Acarbose wirkungslos
  • bei Kombination mit Sulfonylharnstoffen oder Insulin muss auf die Gefahr von Hypoglykämien hingewiesen werden, die mit Traubenzucker zu behandeln sind

4. 3. Biguanide

  • Metformin führt nicht zu einer Stimulierung der Insulinsekretion
  • Metformin verstärkt die Wirkung körpereigenen oder auch exogen zugeführten Insulins (d.h. Wirksamkeit an die Anwesenheit von Insulin gebunden)
  • führt somit in der Monotherapie nicht zu einer Hypoglykämie
  • es verbessert die Insulinempfindlichkeit mit vermehrter Glukoseaufnahme in der Skelettmuskulatur; erhöht den Zuckerabbau im Muskel
  • es hemmt die Glukoseneubildung in der Leber und die Lipolyse (Fettspaltung, Fettverdauung)
  • dadurch wird eine Senkung der Blutglukose erreicht
  • insbesondere wird ein nächtlicher Glukoseanstieg verhindert, der bedingt ist durch eine gesteigerte hepatische (lat. hepar = Leber) Glukoneogenese
  • die Gewichtsabnahme wird unter Metformin eher erleichtert
  • es ist somit ein sehr gutes Medikament beim übergewichtigen Typ-2-Diabetiker, wenn diätische Maßnahmen ausgeschöpft sind
  • Dosierung erfolgt von etwa 2x 850 mg täglich zu den Mahlzeiten, z.B. Frühstück und Abendessen
  • da Biguanide auch die Atmungskette hemmen, kann die Milchsäurekonzentration so ansteigen, dass es unter Umständen zur lebensbedrohlichen Laktatazidose kommt

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