Autor/in: Ramon Schuster

Basale Stimulation in der Pflege

Die basale Stimulation in der Pflege als Pflegephilosophie soll die Menschen die wir pflegen ernst nehmen, unabhängig von ihrem körperlichen, seelischen oder geistigen Verfassung. Sie ist eine körperliche und geistige Begegnung zweier Menschen. Eine ganzheitliche Begegnung. Diese Begegnung kommt durch vieles zusammen, durch Gespräche , Berührungen, geben und nehmen von Nähe, Wärme, Gerüche und vieles mehr. Es geht darum den Menschen gegenüber zu akzeptieren und sich selbst auf den hilfsbedürftigen Menschen einzulassen.
Andreas Fröhlich erwähnt die Begegnung auf Grund einer jüdischen Philosophie, wo die Identität eines Menschen eine große Rolle spielt, um den gegenüber besser zu verstehen, um die Position des anderen einzunehmen um voneinander zu lernen. Denn durch Auseinandersetzung mit anderen und Begegnungen wird man selbst erfahrungsreicher. Diese Philosophie ist der Grundstein für die basale Stimulation und für Begegnungen. Somit gibt es auch 7 Wahrnehmungsbereiche für die basale Stimulation, wie

1.Die somatische Wahrnehmung

S ie betrifft unser größtes Sinnesorgan, die Haut. Darüber können wir Reize vermitteln, sowie erfahren. Sie ist wichtig für unser körperliches und seelische Wohlbefinden. Man kann diesen Wahrnehmungsbereich nutzen, für beruhigende oder anregende Ganzköperwäsche, sowie durch gezielte Lagerung, dass der Bewohner Rückmeldung über seine Körperformen erhält.

2.Vestibuläre Wahrnehmung

Ist für die motorische Steuerung des Körpers und das Gleichgewicht zuständig. Sie gibt uns die Orientierung über unsere „ Lage im Raum“.
Um diese Wahrnehmung zu verbessern ist es besser den Bewohner zu mobilisieren, ihn sitzen lassen, um seine Orientierung zu fördern, auch die Lagerung fördert die Orientierung (z.B. Seitenlage, Rückenlage) was „oben und unten“ ist.

3.Vibratorische Wahrnehmung

Vibratorische Reize bekommen wir durch das Gehen sowie durch das Sprechen. Diese Wahrnehmung ist die Grundlage für unser Körper- Ich.Als Beispiel in der Pflege, legt die PK die Hand des Bewohners auf ihren Brustkorb und spricht möglichst im Atemrhytmus des Bewohners.

4.Die orale- und olfaktorische Wahrnehmung

Unser Geschmackssinn und Riechsinn, die die volle Geschmacksempfindung bildet und uns die Kontrolle gibt über das was wir essen. Um diesen Wahrnehmungsbereich zu fördern kann man z.B parenteral ernährten Bewohnern als Mundpflege evtl. Saft, Tee, als Geschmacksanregung etwas Obst geben. Am besten Dinge, die der Bewohner auch mag. Sowie bei der Körperpflege oder beim Baden evtl. Badeöle verwenden (Lavendelbad).

5.Auditive Wahrnehmung

Ist individuell geprägt, denn für jeden einzelnen Menschen, werden Geräusche unterschiedlich wahrgenommen. Um diese Stimulation sinnvoll zu nutzen, wäre es sinnvoll Biografiearbeit zu machen, um es individuell gestalten zu können.
Somit kann man gezielte Musikstücke laufen lassen, evtl. auch Vogelgezwitscher. Sowie auch jegliche Informationen an den Bewohner weitergeben. Wichtig ist aber auch, keine Dauerberiselung vom Radio oder Fernseher.

6.Taktil-haptische Wahrnehmung

Beschreibt den Tastsinn mit dem vor allem unsere Hände ausgestattet sind um unsere Umwelt zu „begreifen“. So erfahren wir schon seit unserer Kindheit. So kann man diesen Wahrnehmungsbereich in der Pflege nutzen; dass man den Bewohner das Wasser beim Waschen fühlen lässt, oder für das Frinken den Becher in die Hand gibt um Handlungen klarer werden zu lassen.

7.Visuelle Wahrnehmung

Ist das was wir sehen und erkennen an Formen, Bewegungen, Farben etc. Für die basale Stimulation ist es wichtig als PK den Bewohner im Blickfeld zu sein und auch so zu kommunizieren. Auch schöne bekannte Bilder des Bewohners ist unerlässlich um sich wohl zu fühlen.

Praxisbeispiel Fr.M.

Fr. M. ist am 11.12.1914 geboren. Sie lebte seit sie verheiratet war in Heilbronn-Ost, in der Nußbaumstr. .Ihr Mann starb im Alter von 68 Jahren an einem Herzinfarkt. Sie hatte keine Ausbildung, sie war Hausfrau und Mutter und hatte eine Tochter, die in früheren Jahren nach Amerika auswanderte um dort zu studieren. Sie gründete auch dort ihre Familie.
Fr. M. ist 199 in unser Heim gekommen, denn wegen ihrer Altersschwäche und Verschlechterung des Allgemeinzustandes, konnte sie sich nicht mehr selbstständig zuhause versorgen. Sie benötigte wenig Hilfe , war trotzdem noch recht selbständig.
Seit dem Frühjahr 2000 ist sie bettlägrig. Sie hatte einen Schlaganfall. Es wurde versucht sie wieder zu mobilisieren; sie wurde jeden 2. Tag herausgesetzt, doch durch das dass sie keinen Pflegerollstuhl bekam konnte sie in einem normalen Rollstuhl nicht mehr sitzen. So wurde sie in das Bett hineingepflegt. Äußern konnte sie sich seit dem Schlaganfall überhaupt nicht mehr. Sie verweigerte auch das Essen, so dass sie jetzt eine PEG hat. Sie liegt nun im Bett und hat starke Kontrakturen am gelähmten Arm und Bein. Auch sehr starke Muskelanspannungen am gesunden Arm und Bein sowie am Rücken. Ausscheiden ist ohne Hilfe möglich. Doch reagiert sie stark auf Bewegung und Kommunikation.

Planung

1. waschen und kleiden
Problem: kann sich nicht waschen und kleiden durch das Immobilitätssyndrom und einer vorhandenen Hemiplegie mit Kontrakturen und erhöhtem Muskeltonus am re. Arm und Bein.
Ressource: Kann sich bei beruhigender Ganzkörperwäsche entspannen
Ziel: erhöhten Muskeltonus reduzieren, sowie das fortschreiten der Kontrakturen verhindern; körperliches Wohlbefinden
Maßnahme: beruhigende Ganzkörperwäsche, Durchbewegen nach Kinästethik, sowie kleiden, Hautpflege

2. bewegen
Problem: kann sich nicht selbständig bewegen (siehe 1.), auch durch Verlust des Körperbildes
Ressource: kann ihren rechten Arm und Bein eingeschränkt bewegen.
Ziel: Besserung des Körperbildes, Besserung der Bewegungsfreiheit des rechten Arms und Beins.
Maßnahme: Lagerungen, die das Körperbild fördern, sowie Durchbewegen.

Problem: Fr. M. ist Dekubitusgefährdet durch Immobilität
Ressource: intakte Haut
Ziel: Ressource bleibt erhalten, Dekubitusrisiko ist gemindert.
Maßnahme: Hautpflege, Lagerung alle 2-3 Stunden 90 Grad, sowie Rückenlage 1 Stunde

Problem: Fr.M. ist Thrombose gefährdet
Ressource: kann passiv bewegt werden
Ziel: venöser Rückfluss ist gewährleistet
Maßnahmen: passive Bewegungsübungen; Beine ausstreichen.

Problem: Fr. M. ist Kontraktur gefährdet, hat bestehende Kontrakturen
Ressource: Versteifungen können etwas gelockert werden
Ziel: Verschlechterung der Kontrakturen verhindern; Beweglichkeit bessern
Maßnahmen: Durchbewegen, Lockerungen an den Gelenken, sowie Lockerung der
Muskeln

Problem: Fr. M. ist Pneumonie gefährdet durch Schluckstörungen und Immobilität
Ressource: Kann schluckweise etwas trinken
Ziel: Pneumonierisiko ist gemindert, kleine Verbesserung des Schluckens, durch das in die Hand geben des Bechers und Hand führen.
Maßnahmen: Trinkübungen, um Pneumonie vorzubeugen ASE, aufrechtes sitzen, evtl.
Atemerleichternde Lagerung

Essen

Problem: Fr. M. verweigert das Essen
Ressource: wird parenteral ernährt
Ziel: Geschmacksinn fördern; Lust auf Essen machen durch Obst, Tee oder Säfte
Maßnahmen: zur Mundpflege Tee, Säfte sowie Früchtejoghurt anbieten

Soziale Kontakte/ Kommunikation

Problem: Fr. M. kann sich nicht äußern, antwortet sehr selten mit „Ja“; hat keine Kontakte mehr außer zu ihrer Mitbewohnerin und PK.
Ressource: Kann das Gefühl geben, dass sie zuhört, wenn man langsam mit ihr spricht.
Ziel: Wahrnehmung zur Umgebung fördern ; Wachsamkeit fördern; Zugang finden
Maßnahmen: Mit ihr reden, was sie weiß, Bilder ihrer Familie zeigen, ihre Brille anbieten, evtl. Klassische Musik laufen lassen, die sie mochte.

Gerne würde ich versuchen Fr. M. rauszusetzen, doch um ihren Kreislauf zu schonen, möchte ich es erst in 1-2 Wochen versuchen, schließlich muss sich ihr Kreislauf erst daran gewöhnen.

Durchführung der Maßnahmen

1. Vorbereitung Arbeitsmaterialien und Raum
2. Bewohner begrüßen, Information geben, was man machen möchte
3. Durchbewegen nach Kinästethik, Lockerungen der Kontrakturen und Verspannungen der Muskeln
4. beruhigende Ganzkörperwäsche mit Hautpflege, in Haarwuchsrichtung eincremen, sowie beim Waschen Wasser erfühlen lassen, Waschlappen in die Hand geben und zum Gesicht führen. Handlung wird so klarer für den Bewohner. Und immer informieren.
5. Bewohner in bequeme Seitenlage bringen für ASE, dabei ein klassisches Musikstück laufen lassen zur Atemberuhigung und ganzheitlichen Atemrhythmus.
6. Bewohner aufrecht sitzen lassen, im Bett. Durch die Lockerung der Arme einen Becher mit Saft in die Hand geben und den rechten Arm zum Mund führen um den Reflex auszulösen der das Verschlucken verhindert. So auch zur Mundpflege etwas Tee oder Saft.
7. Kommunikation mit dem Bewohner: Brille aufsetzen, Augenkontakt halten, Fotos und Bilder zeigen. Auch in die Hand nehmen lassen zum Tasten.
8. Bewohner ca. 15-20 min aufrecht sitzen lassen und bei ihm bleiben, nicht dass er kollabiert. Um auch den Kreislauf daran zu gewöhnen und die Orientierung im Raum, und eigene Orientierung (die Füße sehen) zu fördern.
9. Bewohner informieren zum Lagern; 90 Grad wegen der Hemiplegie. Natürlich muss man nach einer halben Stunde nachsehen, ob sich eine Rötung an den großen Gelenken gebildet hat; wenn ja dann sollte man die Lage wechseln.
10. Bewohner verabschieden, fragen ob er gut liegt.

Die Planung für Fr. M. ist schon in Ordnung. Die Wahrnehmungsbereiche werden gefördert, doch es kostet auch sehr viel Zeit. Doch wenn man diese Maßnahmen die ersten Tage durchführt, sieht man wenig Fortschritte, außer der Besserung der Beweglichkeit. Doch die Umstellung auf diese Art und Weise zu pflegen im Gegensatz zur 20 Minuten Wäsche ist für den Bewohner sehr anstrengend.
Durch längere Durchführung von 4-6 Wochen fast täglich, sind jedoch meine Ziele schon zu erreichen.
Eine Besserung der Planung, wäre vielleicht für den Bewohner zuliebe, am Anfang nur mit beruhigender Ganzkörperwäsche und Durchbewegen beginnen und dann die Wahrnehmung fördern Tag für Tag und Schrittweise um ihn ins Leben wieder „zurückzuholen“.
Auch intensivere Biografiearbeit wäre nötig, um auch eine persönlichere und menschlichere Beziehung zu diesem Bewohner aufzubauen.

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