Autor/in: Judith M.

Chronische Polyarthritis

1) Definition: Chronische Polyarthritis  I

  • Wird auch als rheumatoide Arthritis bezeichnet und ist die häufigste rheumatische Erkrankung jeden Alters, aller Rassen.
  • Frauen erkranken 3-mal häufiger als Männer,
  • Hauptmanifestation im 3. bis 5. Lebensjahrzehnt.

2) Ursachen

  • Systemerkrankung mit ungeklärter Ursache; eine erbliche Veranlagung wurde nachgewiesen.
  • Es sind Hinweise auf eine Virusinfektion vorhanden.
  • Es handelt sich um eine Autoimmunerkrankung, deren Abwehr sich gegen die Zellen der Synovia richtet.
  • Es entstehen knorpel- und knochenzerstörende Enzyme.
  • Außerdem können diese Zellen direkt wie Krebszellen zerstörend das Gelenkgewebe attackieren.
  • In den Synoviazellen lassen sich Gene nachweisen, die auch für Tumorzellen typisch sind.

3) Symptome

  • Typisch ist der primäre Befall der Finger- und Handgelenke ohne Beteiligung der Endgelenke.
  • Innerhalb von Wochen und Monaten kommen schubweise andere Gelenke dazu (Zehen, Füße, Ellenbogen, Schulter, Knie, Hüfte, Kiefer).
  • In der Frühphase sind oft die Fingerbeugesehnen und die Sehnen des M. extensor carpi ulnaris beteiligt.
  • Vor Auftreten der eigentlichen Entzündung treten häufig folgende Symptome auf:
  • Appetitlosigkeit, Leistungsschwäche,
  • Missempfindungen, Durchblutungsstörungen in den Händen,
  • Schweißneigung in den Handinnenflächen,
  • Druckempfindlichkeit (Händedruck),
  • Spannungsgefühl und Kraftlosigkeit,
  • Zunehmende Morgensteifigkeit der Hände von einer bis zu mehreren Stunden.
  • Die Hände haben charakteristische Merkmale:
  • Schwellung und Überwärmung der entzündeten Gelenke,
  • Spindelförmige Schwellung der Fingermittelgelenke,
  • Schwund der Muskulatur,
  • Entzündung der Beugesehnen und der Sehne des ECU in Ansatznähe (Tenosynovitis).
  • Eingeschränkte Beweglichkeit, mangelnder Faustschluss.
  • Die fortschreitende Entzündung führt zur Zerstörung der Gelenkflächen und bezieht Sehnen, Sehnenscheiden und Bänder mit ein. Die Folgen davon sind:
  • Ulnare Deviation,
  • Knopflochdeformität,
  • Schwanenhalsdeformität,
  • Nervenkompression.

4) Diagnose

  • Röntgenbefunde:
    • Gelenknahe Osteoporose,
    • Knochendefekte an den Ansatzstellen der Gelenkkapseln (Usuren),
    • Gelenkspaltverschmälerung,
    • Knorpel- und Knochenzerstörung,
    • Subluxation, Deviation.
  • Labordiagnostik:
    • Allgemein entzündliche Befunde, wie z.B. beschleunigte BSG,
    • Nachweis von Rheumafaktoren (70-80%). Rheumafaktoren sind Antikörper, die gegen körpereigenes Gammaglobulin gerichtet sind.
    • Nachweis von antinukleären Faktoren (10%),
    • Nachweis von Rhagozyten in der Synovia.
    • Bei ca. 20% der Patienten finden sich keine Rheumafaktoren im Serum.
    • Die Viskosität der Synovia ist herabgesetzt, Entzündungseiweiße vermehrt

 5) Verlauf

  • Der Verlauf der chronischen Polyarthritis kann sehr unterschiedlich sein.
  • Der typisch langsame Beginn an kleinen Gelenken mit symmetrischem Befall kann sich  ebenso schubweise mit asymmetrischem Befall auch größerer Gelenke zeigen.
  • Weitere Gelenke werden schubweise innerhalb von Monaten oder Jahren betroffen, mit Entzündungen, Fehlbildung und schließlich Versteifung.
  • Die Krankheit schreitet phasenweise gar nicht fort, dann wieder werden in kurzer Zeit alle Gelenke betroffen.
  • Es kommt vor, dass sich die Erkrankung über Jahre auf wenige Gelenke beschränkt.
  • Im Alter ist teils ein leichter Verlauf mit Tendenz zur Gelenkzerstörung zu beobachten.
  • Entzündungszeichen vermischen sich auch mit den typischen Symptomen der Arthrose, dann spricht man von einer Pfropfarthritis.
  • Chronischer Schmerz und die immer größer werdenden Schwierigkeiten, den Alltag zu bewältigen(Knöpfe zumachen, Wasserhahn aufdrehen), lösen oft eine soziale Isolation aus.

6) Klinische Einteilung

Der Schweregrad der Erkrankung wird nach dem klinischen Krankheitsverlauf oder dem Funktionsstatus bemessen. Dank der modernen Therapie lässt sich das schwerste Stadium 4 heute meist vermeiden.

  • Stadium I:   Schubweises Auftreten von Gelenkschwellungen und Schmerzen, Morgensteifigkeit und allgemeine Krankheitszeichen.
  • Stadium II:  Fortschreitende Abnahme der Gelenkbeweglichkeit, Muskel- und Knochenschwund, Mitbeteiligung von Kapseln, Sehnenscheiden, Schleimbeuteln.
  • Stadium III:  Beginnende Zerstörung des Gelenkknorpels und der Knochen. Lockerung der Bänder und Gelenkkapsel mit anschließender Instabilität und Fehlstellung der Gelenke und weitere Einschränkung der Beweglichkeit. Ausbreitung auf HWS, große Gelenke, Kiefergelenke.
  • Stadium IV:   Beginnende Gelenkversteifung, grobe Verformungen, weitgehende Invalidität und Unbeweglichkeit.

Einteilung nach Funktionsstatus:

  • Stadium 1: Aktivitäten des täglichen Lebens nicht beeinträchtigt.
  • Stadium 2: Einschränkung im Bereich der Freizeitaktivitäten, beispielsweise Sport. Selbstversorgung und berufliche Tätigkeit noch uneingeschränkt möglich.
  • Stadium 3: Selbstversorgung noch möglich, neben den Freizeitaktivitäten auch berufliche Tätigkeit eingeschränkt.
  • Stadium 4: Sämtliche Aktivitäten des täglichen Lebens eingeschränkt.

7) Therapie

  • Allgemeine Maßnahmen:
  • Ausschalten schädigender Noxen,
  • Vor allem vermeiden von Nässe, Kälte, Überanstrengung und Infekten,
  • Feuchte Schlafzimmer oder die Vorliebe, im Winter bei geöffnetem Fenster zu schlafen, können andere Therapiemaßnahmen erschweren oder wirkungslos machen.
  • Medikamentöse Therapie:
  • Antirheumatische Medikamente müssen die Überreaktion des Bindegewebes hemmen, nachfolgende Entzündungsreaktionen beeinflussen und immunologischen Reaktionen eindämmen.
  • Kortison (Nebennierenhormon) hat eine sehr gute entzündungshemmende Wirkung und hemmt jede rheumatische Entzündungsreaktion, wenn es kurzfristig eingesetzt wird. Die Gelenke werden von dem akuten Entzündungsstress geschützt óKortisonstoßtherapie.
  • Kortison hat zahlreiche Nebenwirkungen: Beeinflussung des Kohlenhydratstoffwechsels, Osteoporoseförderung, Wassereinlagerung, Verdünnung des Unterhautgewebes, Erhöhung des Augeninnendrucks und Kataraktbildung und Neigung zu Adipositas.
  • Kortison hat eine psychostimulierende Wirkung.
  • Unterhalb einer täglichen Dosis von 6 mg kaum Nebenwirkungen zu erwarten, aber noch ausreichende antiphlogistische Wirkung óLow-Dose-Therapie mit Glukokortikosteroiden, auch über einen längeren Zeitraum zu praktizieren.
  • Basistherapeutika sind Antirheumatika, die in kleinen Dosen und über einen langen Zeitraum gegeben werden (Chloroquin, Gold, D-Penicillamin, Azulfidine, Immunsuppressiva). Sie hemmen die mesenchymalen und immunologischen Reaktionen im Bindegewebe.
  • Lokalbehandlung mit antiphlogistischen Salben und Gelen. Einspritzen von radioaktiven Substanzen (z.B. radioaktiv markiertes Gold) oder Verödungsmittel in den Gelenkraum. Intraartikuläre Injektion von Kortison, um akute Entzündungen zu beeinflussen. Entfernen der Synovialis als Entzündungsherd verbessert oft auch den Zustand anderer Gelenke. Befreiung eingeklemmter Nerven und Sehnen, Korrektur von Fehlstellungen und Gelenkersatz durch Endoprothesen.
  • Physikalisch-balneologische Therapie zur Verbesserung oder Wiederherstellung der Beweglichkeit. Durch Auflockerung und Förderung der Durchblutung wirkt sie schmerzstillend und entzündungshemmend. In akut entzündlichen Stadien wenig Bewegung und Kryotherapie.
  • Ergotherapie: Wiedererlernen alltäglicher Verrichtungen, eventuell Einsatz von speziellen Hilfsmitteln.

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