Autor/in: Hilde Kalchgruber

Aus dem Leben eines Staphylokokkus

( Den Bakterien zum Nutzen, dem Menschen zum Verderb )

Ich sehe auf ein langes, zweckerfülltes Staphylokokkenleben zurück und schreibe meine Memoiren nur, damit meine zahlreiche Nachkommenschaft, die leider in aller Welt verstreut ist, von meinem Wissen und meinen Erfahrungen profitieren kann. Vielleicht bleibt einem meiner Urenkel die eine oder andere schmerzhafte Erfahrung erspart – dann hat sich die Mühe meiner Aufzeichnung gelohnt.

Eigentlich bin ich nicht gebürtiger Hospitalist, die Teilung meiner Ahnen fand in einem herrlichen reifen Furunkel eines Bauarbeiters statt.
Durch widrige Umstände wurde ich schon sehr früh von meinem Stamm weggetragen – schuld war eindeutig die Frau des Furunkelbesitzers, die mich Ahnungslos auf ihrem Kleid entführte und schnurstracks im Krankenhaus ablieferte.
In meiner Verwirrtheit vertauschte ich das Kleid der Frau mit dem Bett der Nachbarin, die sie besuchte.

Meine neue Wohnung – die Unterlage – wurde von der Schwester beim Bettenmachen auf dem Boden geworfen, so daß es mir ermöglicht wurde, auszusteigen.
Dies war mein Glück, denn die Schwester nahm sehr schnell die Unterlage wieder auf und drückte sie ganz fest an ihre Schürze.

Einige meiner Nachkommen, die ich auf der Unterlage hinterließ, schrien ganz laut auf, und einem meiner Urenkel wurde sogar ein Bein gebrochen.
Vor lauter Schreck vergaß ich mich zu wehren und saß auf demselben Fleck, bis am nächsten Morgen das Hausmädchen mich mit dem Kehrbesen aufscheuchte und durch die Luft wirbeln ließ, so daß ich glücklich auf einem Butterbrot landete, daß die Schwester für mich und einen Patienten, der noch in der Röntgenabteilung war, bereitgestellt hatte.
Dort saß ich schön weich und vermehrte mich fleißig, bis der Patient mich mitsamt meiner Sippe verspeisen wollte.

Ich blieb jedoch flugs an seinem Finger kleben, bis die Nachtschwester in der nächsten Nacht meinen Wirt wusch.

Ich plätscherte ein wenig in der Wanne und wartete dann friedlich am Wannenrand auf weitere Abenteuer. Diese kamen schneller als erwartet; Die Waschschüsseln wurden im Bad gestapelt und durften bald in einem großen Becken segeln.
Die Schwester hielt eine Flasche Zephirol in der Hand und goß einen Schuß davon ins Wasser. Schnell rechnete ich mir aus, daß die Menge mir nichts antun könne, aber beim Anblick von Desinfektionsmittel wird uns Bakterien immer unwohl.
Zu meiner Freude sah ich, daß die gute Schwester mit mir Mitleid hatte und noch Seife nachgoß und somit die Lösung unwirksam machte.

Ich begann, mit einem Freudengeschrei und sah einige meiner Nachkommen, die am Tag vorher mit der Unterlage fortgetragen wurden. Sie erzählten mir, daß sie seit dem Vortage hier in der Wanne gesessen hätten. Beim Schrubben des Beckens wären wohl einige gestorben, glücklicherweise haben aber die meisten das Abenteuer überstanden.
Wir flüchteten zusammen unter den Ehering der Hand, die im Wasser spazieren ging. Dort saßen wir geschützt, als die Handbesitzerin die Hände abtrocknete und vermehrten uns redlich, weil das Milieu gar so herrlich war.

Noch schöner wurde es, als ich abermals die Wohnung wechselte und von der ständig feuchten Seife im Dienstzimmer Besitz ergriff.
Nun konnte ich meinen neuen Wirt aufsuchen.
Von der nächsten Hand wechselte ich in den Mund und sprang mit kühnem Sprung in den offenen Spritzenschrank hinein, in den der Arzt hineinsprach.
Durch die Güte dieses Mannes gelangte ich mit der Zeit zusammen mit noch anderen Artgenossen in den Blutstrom eines Kranken.

Dessen Leukozyten setzten uns schon arg zu, wir waren jedoch die Stärkeren und vermehrten uns eifrig.
Der Kranke war jedoch unfreundlich genug, uns mit septischen Fieberanstiegen den Garaus machen zu wollen, daher verließ ich sofort diese ungastliche Stätte und setzte mich fein säuberlich neben den Kranken ins Bett.

Der Patient war so unruhig, daß ich mehrmals Gefahr lief, zerdrückt zu werden, und so übersiedelte ich auf das Kopfkissen, als die Schwester beim Betten machen die Unterlage darauf legte.
Unangenehm war ein Abenteuer mit einer Schwesternschülerin.
Diese hatte Halsschmerzen und Fieber, wollte jedoch nicht ins Bett und lutschte deswegen ständig Penicillintabletten. Es wäre fast mein Tod gewesen, die ersten Tabletten betäubten mich völlig.

Man kann sich aber an vieles gewöhnen, und ich mobilisierte alle meine Abwehrkräfte und wurde wieder gesund. Ja ich fühlte mich stärker und kräftiger als je zuvor, nachdem ich meinen Stoffwechsel etwas umgestellt hatte.
Jetzt war ich zu allen Schandtaten bereit. An meiner guten Wirtin wollte ich mich aber rächen wegen des Schreckens, den ich ausgestanden hatte.
Dazu bekam ich alsbald Gelegenheit. Sie erkrankte ernstlich an einer Nierenentzündung, die Ärzte setzten hohe Dosen Penicillin ein.

Da ich aber meinen Nachkommen das Geheimnis des Anti – Penicillin – Todes weitergegeben hatte, konnten wir das Mädchen noch lange belästigen, bis der Arzt ein Mittel gefunden hatte, daß uns leider wieder zusetzen konnte.
Eines Tages begleitete ich die pflegende Schwester mit nach Hause. Sie trug mich im Schürzenzipfel durch die Stadt, und ich nahm die Gelegenheit wahr, im Milchgeschäft und in der Straßenbahn einige meiner Kinder abzusetzten.

Die Hausgehilfinnen in den Spitälern sind meistens auch sehr zuvorkommend. Viele kehrten noch den Fußboden, so daß wir uns zum Tanz aufgefordert fühlen und vergnügt durch die Zimmer wirbeln. Besonders lustig ist es, wenn Durchzug entsteht, da fühlen wir uns wie Engelchen mit Flügeln und fliegen ganz schnell ins nächste Zimmer. Auf diese Art bin ich schon sehr weit herumgekommen.

Um uns zu schonen und für das Haus zu sparen, werden die Desinfektionsmittel nicht richtig abgemessen, sondern zu gering dosiert. Empfehlenswert ist der Wischlappen nach der Benutzung, da liegt er manchmal schön feucht im Eimer und man kann in aller Ruhe in Familie arbeiten.

Kurz noch etwas zu den Schwestern:
Diese sind ausgesprochen gemein, Duschen, Baden, und waschen sehr oft die Haare.
Gelangt man nicht in den Rachenraum, wird man von dem vielen Wasser weggeschwemmt.
Einige sind sogar so verschlagen, das sie die Arbeitsschürze abbinden, ehe sie zu Tisch gehen, damit wir um den Genuß der Speisen kommen. Gerne mag ich den Nagellack.
Der springt und blättert ab, und das gibt schöne Risse, in denen man sich gut verstecken kann.

All dieses und noch vieles mehr habe ich gelernt. Wenn ich eines Tages unter einer dünnen Schicht Wachs begraben werde, möchte ich, daß meine Memoiren mitgegeben werden.
Meine jüngsten Kinder werden ja sicher um mich sein wollen und sollen dann als erste in meinem Buch studieren können, damit sie, wenn sie eines Tages von der Wachsschicht befreit werden, meine Erfahrungen weitertragen können:

Den Bakterien zum Nutzen – dem Menschen zum Verderb.

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