10 minuten Aktivierung für Demente
1. Vorbereitungen
1.1 benötigtes Material
1.2 Raum/Raumgestaltung
2. Biographie des HB
3. Erläuterung der Aktivierung
4. Ziele der Übung
5. geplanter Verlauf der Übung
5.1 Einleitung
5.2 Hauptteil
5.3 Schluß
6. Resümee
1. Vorbereitungen
1.1 benötigtes Material
- 10 Klopapier - Rollen, in verschiedenen Farben bemalt und mit
Spuckfolie bezogen
- 1 Abfalltüte, in welcher die Papprollen aufbewahrt sind
- 1 Glas mit Saft
1.2 Raum / Raumgestaltung
Die Aktivierungsübungen finden in der Teeküche statt,
da sich die Heimbewohnerin vom Frühstück bis zum Mittagessen
dort befindet, es ist also ihr gewohnter Platz, wenngleich ihr
das auch nicht bewußt sein mag, da sie örtlich desorientiert
ist. In ihr Zimmer wird sie nur Nachmittags nach dem Essen hingebracht,
weil sie dann vom Rollstuhl aus ins Bett gelegt wird. Den Vormittag
verbringt sie immer in der Teeküche oder auf dem Flur in der
Sitzecke, bei den anderen Heimbewohnern, damit sie Gesellschaft
hat.
In der Teeküche befindet sich ein Tisch auf dem wir arbeiten
können. Die Bewohnerin sitzt grundsätzlich im Rollstuhl.
2. Biographie
Frau W. ist heute 97 Jahre alt. Sie wurde am 30.07.1901 in Temesvar
in Ungarn geboren.
Sie besitzt die deutsche Staatsangehörigkeit, Frau W. spricht
Ungarisch und ein gutes Deutsch mit einem kleinen, ungarischen
Akzent. Sie ist römisch katholisch.
Sicherlich war sie sehr gläubig, denn in ihrem Zimmer hängt
ein wunderschönes großes Marienbild und andere kleine,
religiöse Bildchen.
Frau W. ist Witwe und hat keine Kinder, nur einen Neffen in Regensburg,
der sie aber nie besucht.
Sie hat eine § - Betreuung für den Wirkungskreis Vermögen
und Unterbringung.
Die Betreuerin kommt ab und an vorbei und bringt Frau W. Saft und
Süßigkeiten mit.
Leider war nicht mehr zum Lebenslauf der Frau W. zu erfahren,
da Frau W. zeitlich, örtlich, persönlich und situativ
völlig desorientiert ist, und wie schon erwähnt keine
Kinder hat, die ich hätte befragen können.
Frau W. ist schon seit Januar 1994 in unserem Heim. Sie ist eine
liebenswürdige, kleine Person von zierlicher Gestalt. Alle
haben sie gern, auch wenn sie manchmal um sich haut, wenn man ihr
zu nahe kommt ( sie haut nicht fest weil sie sehr schwach ist und
eigentlich haut sie eher verbal um sich, denn im Schimpfen ist
sie ganz große Klasse! ). Sie ist sehr schwach und kann nicht
mehr laufen, daher sitzt sie im Rollstuhl, bis nach dem Mittagessen,
dann wird sie wieder ins Bett gebracht, wo sie den restlichen Tag
vor sich hinplaudert (mal in Ungarisch, mal in Deutsch).
Die Mahlzeiten müssen ihr gereicht werden, da sie anstatt
zu essen nur mit dem Löffel rumpanscht und alles verschmiert.
Frau W. freut sich sehr wenn man sie auf ihre schönen blauen
Augen anspricht, die sie dann ganz weit aufreißt und fragt
ob das denn wirklich wahr sei. Sie kann unheimlich goldig sein,
es sei denn Sie wünscht uns Schwestern wiedermal zum Kuckuck.
Pflegeprobleme:
- Allgemeine Desorientiertheit,
- völlige Inkontinenz,
- Kachexie,
- muß daher komplett gewaschen und angezogen werden,
- das Essen muß gereicht werden
Beliebte Themen / Erinnerungen:
Ein altes, ungarisches Lied, das sie gerne singt wenn man es anstimmt.
Gewohnheiten:
- .Wehrt sich bei Pflegehandlungen ( Waschen oder Gesäß säubern
)
- .Plappert unentwegt wie ein Wasserfall ( am liebsten mit sich
selbst )
- .Nestelt gerne an allem was ihr in die Hände kommt ( Tischdecke
in der Teeküche )
- .Kippt alle Trinkbecher um
- .Lutscht an den Fingern
- .Nimmt alles in den Mund, ob eßbar oder nicht
- .Reagiert auf Berührungen wie z.B. streicheln mit Schreien
- .Ißt und trinkt sehr wenig
- ."Zum Kuckuck sollst du gehen!" oder "Geh zum Teufel
du garstige Person!" wenn sie wütend ist oder schimpft
auf ungarisch
- bedankt sich tausendmal wenn sie meint daß es ihr nun reicht
( beim waschen / essen )
Vorlieben:
Frau W. liebt alles was süß schmeckt z.B. Schokolade,
Bonbons, Fruchtsäfte, Pudding, Marmeladenbrote
Beweggründe warum diese Aktivierung für diese
Heimbewohnerin ausgesucht wurde:
Da ich leider sehr wenig über den Lebenslauf der Heimbewohnerin
weiß mußte eine Aktivierungsmöglichkeit her, die
universell für jeden Menschen biographiebezogen ist. Daher
schaute ich in dem Buch von Ute Schmidt - Hackenberg nach, und
entschied mich für die bunten Papprollen. Farben sind schließlich
Streicheleinheiten für die Seele, außerdem mußte
es aufgrund der Demenz etwas simples sein, daß nicht noch
mehr verwirrt. Die Papprollen sind mit Folie beklebt und somit
Spuckfest, denn Frau W. nimmt bekanntlich alles in den Mund.
3. Erläuterung der Aktivierung
Die Papprollen werden aus dem Knittersack entnommen und auf den
Tisch aufgestellt. Heimbewohnerin soll Farben benennen, Papprollen
abzählen, und die farbigen Rollen in verschiedenen Variationen
aufreihen ( z. B. grün, gelb, rot, blau dann blau, rot, grün,
blau, gelb u.s.w. )
4. Ziele der Übung
Motorisch - sensomotorischer Bereich:
- Resensibilisierung der Sinne durch Sehen der Farben und Berührung
der Papprollen
- Kräftigung der Muskulatur, Mobilität, Kontrakturenprophylaxe
und Förderung der Motorik durch das Herausnehmen, Aufstellen
und wieder Zurücklegen der Papprollen
Kognitiv - kreativer Bereich:
Förderung der Konzentration, Vorstellungskraft, Phantasie,
des Abstraktions- und Kombinationsvermögens durch das Aufstellen
verschiedener Farbkombinationen
Kommunikativ - sozialer Bereich:
Vermeidung von Isolation und Langeweile
Gefühlsmäßiger - emotionaler Bereich:
- Erleben von Stolz durch Lob an der Arbeit, heranführen an
positive Gedanken und Gefühle durch die bunten Farben
Den Schwerpunkt meiner Zielsetzung liegt im kommunikativen - sozialen
Bereich,
denn Frau W. braucht Ansprache, das merkt man schon daran, daß sie
immer mit sich selber redet.
5. Geplanter Verlauf der Übung
5.1 Einleitung
- ca. 2 Min
- Begrüßung der HB
- Ein kleines Kompliment was ihr Augen betrifft um sie zu erfreuen
- Trinkangebot
- Die Abfalltüte mit den Papprollen raschelnd hervorholen und
die Papprollen herausgreifen lassen
5.2 Hauptteil
- ca. 8 Min
- Unterweisung des Arbeitsvorgangs
- ( Papprollen aufstellen, Farben benennen lassen, Papprollen zählen,
Farbkombinationen angeben)
- Natürlich nicht alles auf einmal, sondern jeweils eine Aufgabe
erklären, ausführen lassen, loben, dann nächste
Aufgabe erklären und ausführen lassen
- Hilfestellung geben wo nötig ( z. B. Papprollen auffangen
falls sie vom Tisch rollen )
- Trinkangebot
5.3 Schluß
- ca. 1 Min
- Papprollen einzeln in den Abfallsack zurückstecken lassen
- Verabschieden
6. Resümee
Die ersten 2 Aktivierungen verliefen recht chaotisch. Frau W.
klopfte mit den Papprollen auf den Tisch, zerdrückte sie teilweise
und nahm sie in den Mund.
Mit dem Aufstellen der Papprollen klappte es auch nicht so ganz,
da sie die Rollen lieber intensiv betrachtete. Die Farben schienen
sie zu begeistern.
Beim 3. Mal ging es schon besser, sie verwechselte zwar teilweise
die Farben und bei nicht eindeutigen Farben wie z. B. Orange fand
sie keinen Namen dafür, also beschränkte sie sich auf
rot, grün, gelb und blau. Sie stellte die Rollen willkürlich
auf den Tisch und nicht in einer Reihe, auch nicht aufeinanderfolgend
in den Kombinationen die ich ihr vorsagte. Das zählen beschränkte
sich auf 3.
Beim 4. Mal hat sie die Farben nur einmal verwechselt, ich habe
diesmal auch nur eindeutige Farben genommen und kein Orange oder
Rosa oder Lila oder Türkis.
Die Farbkombinationen konnte sie besser aufstellen. Jedenfalls
nahm sie die jeweils genannte Farbe in die Hand und plazierte sie
irgendwo auf dem Tisch, allerdings nicht unbedingt neben der Rolle,
die ich vorgesehen hatte. Aber immerhin hat sie verstanden welche
Farbrolle ich meinte. Das mit dem Zählen klappte nicht, sie
sagt nur daß sie das nicht wüßte.
Beim 5. Mal zählte sie bis zu 5 Rollen und stellte sie so
auf, wie es ihr gefiel. Aber sie nahm jedesmal die von mir genannte
Farbe und verwechselte sie nicht.
Außerdem wollte sie die Rollen aufeinandersetzen, als ob
sie einen Turm bauen wollte, was aber nicht gelang.
Beim letzten Mal redete sie sehr viel Ungarisch. Die Farben benannte
sie auf Ungarisch, so kann ich nicht sagen, ob das nun falsch oder
richtig war. Das Zählen war ebenfalls auf Ungarisch, sie hat
7 Zahlen genannt, ob das nun die richtige Reihenfolge war, ich
weiß es nicht. Aber auch diesmal hat sie immer die richtige
Farbe ergriffen, die ich genannt hatte.
Alles in allem hat sich Frau W. ganz gut gemacht. Wenn es auch
jedesmal etwas anders war, aber eines war immer gleich: Sie hat
die Farbrollen immer eine Weile hochgehalten und angeguckt. Das
Aufräumen ( also die Rollen wieder einzeln in die Tüte
tun, die ich ihr offen hingehalten habe ) hat sie von Anfang an
immer gut gemacht. Nicht einmal ging eine Rolle daneben. Aber in
den Mund nehmen wollte sie die Rollen jedesmal!
Ich würde in Zukunft keine komplizierten Farben mehr nehmen.
Und ich kann nur empfehlen die Rollen mit Folie zu überziehen.
|